Zachäus – wie Jesus Menschen sucht, rettet und ändert

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3.Sonntag nach Trinitatis 16.06.2013 Lukas 19, 1-10

(auch 15.06.2013 19.00Uhr St. Rupertus Kapelle)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Das Schriftwort für die Predigt an diesem 3. Sonntag nach Trinitatis steht im 19. Kapitel des Lukasevangeliums. Es gehört zu den ganz bekannten Geschichten, die wahrscheinlich viele von uns noch aus ihrer Kinderbibel kennen oder als gespielte Geschichte in einem Familiengottesdienst. Aber sie hat Tiefgang und ist nicht nur vordergründig nett zu hören oder anzuschauen. Es lohnt sich, sie wieder ganz neu zu hören und zu bedenken:

Jesus ging nach Jericho hinein und zog durch die Stadt. Und siehe, da war ein Mann, mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.
Und er begehrte Jesus zu sehen, wer er wäre und er konnte es nicht wegen der Menge, denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.
Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.
Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt!
Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen. Und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Die Begebenheit mit diesem Zachäus erinnert mich immer an meine Schulzeit. Wir hatten da einen Lehrer, der war auch nicht größer als Zachäus. Wenn der irgendwo hinter einem Trüppchen Schüler stand, dann hat man ihn nicht mehr gesehen, selbst wenn das, noch längst nicht ausgewachsene Schüler einer 7. oder 8. Klasse waren. Er musste dann immer erst seine etwas hohe und heisere Stimme erheben und sich bemerkbar machen, dass man in überhaupt wahrgenommen und im Gedränge der Pausenhalle durchgelassen hat.

Er hatte den Spitznamen Stift, weil er so klein war und als wir in der Oberstufe waren, haben wir oft unsere Witze auf seine Kosten gemacht. Vielleicht bringe ich diesen Lehrer, der sogar stellvertretender Direktor der Schule war, deshalb mit Zachäus in Verbindung, weil es auch von ihm eine Geschichte gab, wie er auf einen Baum gestiegen ist. Er hat sie uns selbst erzählt, als wir – ein Mitschüler und ich – ihn im Krankenhaus besucht haben. Er war nämlich dabei vom Baum gestürzt und hatte sich verletzt. Folgendes war passiert: Er wollte sicherheitshalber die Leiter mit einer Schnur festbinden. Aber die stand auf der Schnur und – so hat er uns selbst erzählt – als er an der Schnur zog, drehte sich die Leiter und er rutschte zwischen den Sprossen durch, fiel vom Baum und verletzte sich.

Wir hatten damals an seinem Krankenbett Mühe, uns das Lachen zu verkneifen, als wir uns bei seiner anschaulichen Schilderung den kleinen hektischen Mann vorstellten, wie er an der Schnur zog und vom Baum fiel. Ich muss heute noch lachen, wenn ich an ihn denke. Ein Mann, zwar klein von Gestalt, aber er hatte es weit gebracht und war eine einflussreiche Persönlichkeit, obwohl auch viel belächelt.

Auch Zachäus hatte es weit gebracht, obwohl klein von Gestalt. Bis zum Oberzöllner, Vorgesetzter der Zöllner eines ganzen Bezirks. Mitten im Gedränge der Menschen wurde er oft übersehen, aber wenn er zur Visite an einer Zollstation war, konnte man ihn nicht übersehen. Die zwei beeindruckenden Bodyguards, schwer bewaffnete römische Soldaten an seiner Seite, duldeten er keinen Widerspruch und es war auch nicht ratsam ihm zu widersprechen oder ihn auszulachen, wenn er eine Anordnung traf. Da hat er keinen Spaß verstanden und nicht selten hat er seine Macht ausgenutzt, um sich Respekt zu verschaffen und seinen Gewinn zu maximieren. Das hat er über die Jahre mit Erfolg getan.

Aus diesem Grund hatte er zwar viel Geld und ein schönes Haus, aber keine Freunde. Man wollte nichts mit ihm zu tun haben. Er arbeitete mit den ungeliebten römischen Besatzern zusammen und nahm einfachen Leuten, die ohnehin nicht viel Geld hatten oft mehr ab, als recht war. Zachäus war politisch gesehen ein Verräter, aus religiöser Sicht ein Unreiner, weil er ständig mit Heiden zusammenarbeitete und aus menschlicher Sicht war er einfach gemein. Aus diesen drei gravierenden Gründen war Zachäus in der Stadt Jericho ein Außenseiter und wenn man konnte, ließ man ihn das spüren. Er konnte sich zwar alles leisten, aber war, wie viele Reiche, einsam.

Das ist ja ein Teufelskreis. Da ist jemand komisch und verhält sich ungeschickt oder ungerecht gegenüber anderen. Die ziehen sich zurück und meiden ihn oder mobben ihn. Im Lauf der Zeit wird er dann immer noch komischer und immer mehr zum Außenseiter. Wie oft geschieht das! Und nur selten ist einer da, der den Teufelskreis durchbricht.

Damals in Jericho war es Jesus. Er sieht den kleinen Mann, den keiner mag, am Ende der Hauptstraße von Jericho auf dem Maulbeerbaum hocken und durch die Äste und Blätter gucken. Bestimmt ein komischer Anblick! Die ehrenwerte Bürgerschaft von Jericho kann sich das Lachen nicht verkneifen. Schaut den an: Der macht sich doch zum Affen!

Jesus sieht ihn und lacht ihn nicht aus, sondern geht direkt auf ihn zu, blicktt ihn freundlich an und holt ihn vom Baum: „Zachäus, steig eilend herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“

Der Satz schlägt bei allen, die ihn hören ein, wie eine Bombe. Manche hatten sich schon darauf vorbereitet, den Prominenten Pilger in ihrem eigenen Haus zu bewirten, namhafte Bürger, Stadträte, Synagogenvorsteher, Geschäftsleute, Pharisäer. Es hätte sicher ihr Ansehen aufgewertet. – Aber der Wanderprediger und Wunderheiler, den viele für einen Gottesmann halten geht in das Haus dieses Halsabschneiders!

Ein Raunen geht durch die Menge. Wenn er sich mit dem einlässt, kann er kein Prophet sein und beweist, dass er keinen Geist Gottes hat, sonst wüsste er, was das für ein Sünder ist und würde ihn meiden. Und während Jesus mit Zachäus die Seitenstraße hinaufgeht, zum Anwesen des Zöllners, zerreißen sich die besseren Bürger erbost das Maul über ihn.

Das ist ja oft so, wenn man eine vorgefasste Meinung hat und sieht oder hört etwas. Man kennt zwar nur den einen Aspekt einer Sache, erlaubt sich aber doch ein Urteil. Man kennt die Hintergründe nicht, die Absichten, die Motive, die Ziele, aber man äußert sich negativ. Wie oft geschieht das auch in den Medien. Da wird über einen Menschen verkürzt und einseitig berichtet. Solche Berichterstattung ist eine moderne Form des mittelalterlichen Prangers. Ein Mensch wird negativ zur Schau gestellt, angeprangert, bloßgestellt und dadurch ausgegrenzt. Und nur wenige haben den Mut, für den noch Partei zu ergreifen, aus Angst, gleich selbst mit ins Visier der Ankläger zu geraten.

Aber Jesus lässt sich durch das böse Gerede der Bürger Jerichos nicht aufhalten. Er verfolgt ja ein Ziel, er will ja etwas verändern, den Teufelskreis durchbrechen. „Zachäus, heute muss ich in dein Haus einkehren!“ Warum muss er denn? Wer zwingt ihn dazu? Was drängt ihn? Seine Liebe und seine Absicht, selig zu machen, was verloren ist.

Auf dem Weg zur Villa Zachäus und beim anschließenden Empfang im Salon des Zöllners geht eine Veränderung vor in dem kleinen verachteten Mann. Er spürt etwas, was er schon lange nicht mehr, ja vielleicht noch nie so richtig gespürt hat: Offenheit ihm gegenüber, Freundlichkeit, ja eine vorurteilsfreie Liebe. Bei Jesus ist keine Distanz, nichts von Vorwürfen, kein Neid. Nur echte Herzlichkeit und Achtung.

In diesen wenigen Stunden geht eine gewaltige Verwandlung in Zachäus vor. Die harte Kruste seines Charakters wird aufgebrochen. Das versteinerte Herz wird weich. Er weiß ja genau, was alles nicht stimmt in seinem Leben. Er hat ein gutes Gedächtnis für Zahlen und Bilanzen und hat die vielen überhöhten Zollgebühren, die zähneknirschend gezahlt wurden, nicht vergessen. Ihm fallen die zahlreichen Bedürftigen ein, die er mit leeren Händen von seiner Tür gejagt hat und die vielen säumigen Steuerzahler, die ihn, natürlich ohne Erfolg, um Stundung und Aufschub gebeten hatten.

Was ihn bisher nicht berührt, ihn gleichgültig gelassen hatte, liegt jetzt wie eine Last auf ihm. Er spürt durch die Begegnung mit Jesus, es geht auch anders. Und es ist viel befreiender zu geben und zu teilen. Vor Zeugen spricht er seine neue Lebensplanung aus: „Die Hälfte von meinem Vermögen gebe ich den Armen.“ Heute würde man sagen, er richtet eine Stiftung ein, er gründet eine Armenhilfe. Und er wird versuchen begangenes Unrecht wieder gut zu machen. Zu viel einbehaltene Steuer will er vierfach zurückgeben. – Das wär’ doch was, wenn das Finanzamt die Steuerrückzahlung vervierfachen würde.

Diese gute Nachricht dürfte sich schnell herumgesprochen haben in Jericho und die die Zahl derer, die Zachäus von da an freundlich gegrüßt haben, wird schnell gewachsen sein. Jesus ist in Vorleistung gegangen. Er hat sich über Vorurteile hinweggesetzt und einen wunderbaren Beitrag zur Integration eines Außenseiters geleistet. „Auch er ist Abrahams Sohn“, sagt er über Zachäus und drückt damit aus, dass der kleine Zöllner auch zum Volk Israel gehört. Auch wenn er Fehler gemacht hat, auch wenn er ungerecht war.

Der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Als Richter wird er erst bei seinem nächsten Kommen tätig, wie es in unserem Glaubensbekenntnis heißt: Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen zu richten, die Lebenden und die Toten. Noch kommt er, um in die Häuser und Herzen Verlorener einzukehren. Kommt, um uns zum Umdenken zu bewegen, dass wir nicht ausgrenzen und richten, nicht verurteilen und mobben, sondern damit auch wir Teufelskreise durchbrechen, erste Schritte gehen und nicht nur darauf warten, dass die anderen sie tun. Er will, dass auch wir barmherzig werden und anderen aus der Isolation helfen.

Jesus schämt sich nicht, mit Sündern an einem Tisch zu sitzen. Er nimmt sie an, zollt ihnen Anerkennung, schenkt ihnen Aufmerksamkeit, hilft ihnen wieder zu Ansehen, verteidigt sie: Welcher unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. So hilft er der angeklagten Ehebrecherin aus ihrer bedrohlichen Lage.

Zachäus war aufs Geld aus, er war einer, der Macht haben wollte, er suchte seinen Vorteil. Ist uns das fremd? Jesus hilft durch sein Reden und Handeln dazu, loszulassen. Er will uns frei machen vom Geiz und vom Neid, von der Geltungssucht und vom Machtmissbrach. Nicht mit Drohungen und Vorwürfen, sondern mit Liebe und Zuwendung. Auch Du bist ein Kind Gottes, sagt er. Nicht erst, wenn Du keine Fehler mehr machst. Auch du bist von mir angenommen, obwohl du noch ein Sünder bist. Lass alles fallen, was dich bedrückt und lass dich mit Liebe beschenken und diese Liebe wird sich auf dein Leben auswirken.

Ich muss noch mal auf meinen Lehrer zurückkommen, damit da kein falsches Bild zurückbleibt. Diesen kleinen Mann habe ich als Menschen erlebt, obwohl er Lehrer und Konrektor war und vielleicht auch manchmal streng sein musste. Er hat sich seine Menschlichkeit bewahrt, hat sich nicht gescheut, auch Schwächen zu zeigen und aus Barmherzigkeit manchem Schüler geholfen. Mir zum Beispiel, bei einer Schulaufgabe, die ich in seinem Rektorenzimmer nachschreiben musste. Als er mir über die Schulter sah und so einige Fehler entdeckte auf meinem Blatt Papier, hat er mir einige Hinweise gegeben und mir dadurch zu einer besseren Note verholfen. Ich hab’s bis heute nicht vergessen. Nicht nur Lehrer, auch Mensch, der in mir nicht nur den Schüler gesehen hat, der vielleicht zu wenig gelernt hat oder unfähig ist.

So hat Jesus in Zachäus nicht nur den Zöllner gesehen, der allein auf seinen Vorteil bedacht ist, sondern einen Menschen, der unglücklich und einsam war. Er hat dem Nehmer Zachäus die Freude am Geben aufgeschlossen. Dem Reichen die Freude am Helfen mit seinen Möglichkeiten. Vielleicht entdecken diese Freude in diesen Wochen auch manche unter uns und helfen Opfern der Flutkatastrophe. Auch wem das Sandsäcke schleppen nicht möglich ist, der kann vielleicht mit seinem Konto und einer Überweisung helfen, dort oder anderswo, wo Mittel gebraucht werden. Keine Angst, dabei verliert man nichts, sondern gewinnt. Auch dadurch kann gleich zwei Häusern Heil widerfahren. Dem Haus, aus dem gegeben wird und dem Haus, das empfängt.

Herr, schenke uns die Freiheit andere anzunehmen,
den Mut den ersten Schritt zu tun und Freude zu helfen und zu teilen, wo wir können.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168