Worum wir uns wirklich sorgen sollen!

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Predigt am 07.09.2024, 10.30 Uhr Kreuzkirche: Mt. 6, 25-34

Liebe Gemeinde,
ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag: ein Abschnitt
aus der Bergpredigt Jesu, aufgeschrieben im Matthäusevangelium,
Kapitel 6, die Verse 24-34:

(24) Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen
und den anderen lieben, oder er wird an dem einen hängen und den
anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
(25) Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und
trinken werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib
mehr als die Kleidung?
(26) Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie
ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer
Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

(27) Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
(28) Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf
dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie
nicht.

(29) Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
(30) Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute
steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel
mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

(31) Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

(32) Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

(33) Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
(34) Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird
für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene
Plage hat.

Liebe Gemeinde,
„Sorget nicht!“ – wie wirken diese Worte auf uns? Auf uns,
denen doch die tägliche Sorge nicht fremd ist? Ich möchte mit
diesem Text, ja genauer gesagt, mit Jesus in dieser Predigt in ein
Gespräch treten.
„Du, Jesus, das ist leichter gesagt als getan mit dem
„Sorget nicht“. Das konntest du vielleicht noch als
Wanderprediger so sagen. Als einer, der nicht viel zum Leben brauchte.
Außerdem hast du in einer Zeit gelebt, in der Gastfreundschaft
noch eine Selbstverständlichkeit war. Aber bei uns heute?
Was fangen wir mit diesen Worten an in einer Zeit, in der man schauen
muss, wo man bleibt. Was fangen wir an mit diesen Worten in einer Zeit,
die um ein Vielfaches komplexer ist als vor 2000 Jahren?
Ich denke z.B. an die Kranken, die in der kommenden Woche eine
Operation vor sich haben. Oder an die, die vielleicht schon lange Zeit
von einer Krankheit niedergedrückt werden. Und du sagst nur:
„Sorget nicht!“
Ich denke an viele Menschen, die es im Beruf schwer haben oder die
Probleme in der Ehe und Familie haben. Und du sagst nur: „Sorget
nicht!“
Ich denke an Menschen, die eine schweren Lebensweg hinter sich haben
und sich vor lauter Problemen in Drogen und Alkohol flüchten oder
gar selbstmordgefährdet sind. Und du sagst nur: „Sorget
nicht!“
Ich denke an die großen politischen Themen in und außerhalb
unseres Landes: den zunehmenden Rechtsruck in Teilen unseres Landes.
Die schwächelnde Konjunktur und die Angst um den eigenen
Arbeitsplatz. Die schrecklichen Kriege in unserem unmittelbaren Umfeld
seit einiger Zeit. Und du sagst: „Sorget nicht!“
Ich denke an mich selbst mit meinen eigenen kleinen und großen
Sorgen familiär oder beruflich. Und du sagst nur: „Sorget
nicht!“
Du hast leicht reden, Jesus. Weißt du, wovon du redest, wenn du
uns solche Sätze sagst? Machst Du es dir nicht zu einfach, Jesus?

Je länger ich allerdings über deine Sätze nachdenke,
umso mehr frage ich mich, ob nicht ich es mir gerade zu einfach gemacht
habe mit den Bedenken, die ich gerade so provozierend
geäußert habe.

Ist es wirklich zu oberflächlich, wenn du, Jesus von Sorglosigkeit sprichst? Tust du es nicht viel mehr begründet?

Immerhin hast du einen Grund dafür genannt.

Ich lese noch einmal die Begründung, die du deiner Aufforderung „Sorget nicht“ vorangestellt hast:
(24) „Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen
hassen und den anderen lieben, oder er wird an dem einen hängen
und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem
Mammon. [und weil das so ist ] Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer
Leben.“

Jesus, du willst uns offenbar sagen, dass unsere Sorgen um die
Bedürfnisse unseres irdischen Lebens ganz eng mit unserem
Gottesverhältnis zusammenhängen. Weil wir nicht zwei Herren
dienen können, sagst du, darum sollen wir uns nicht sorgen.
Da ist vom Mammon die Rede gewesen- was heißt denn das? Mammon
ist ein fremdes Wort, das soviel heißt wie: Besitz/
Vermögen.
Gott oder dem Besitz dienen und das alles im Zusammenhang mit der Rede
von dem Sorgen. So langsam, Jesus, verstehe ich, was du meinst, wenn du
uns aufforderst: „Sorget nicht“.
Wenn wir uns zu sehr um Nahrung und Kleidung und Besitz sorgen, dann
stehen wir offenbar in der Gefahr, die Äußerlichkeiten
unseres Lebens zu wichtig zu nehmen. Dann verzehren wir uns um unseres
Lebensstandards willen und merken gar nicht, wie wir dabei von der
Sorge selbst verzehrt werden und Gott vergessen.
Ich weiß, Jesus: Du willst nicht, dass wir in Armut leben. Du
hast auch nichts gegen gutes Essen. Oder gegen schöne, modische
Kleidung. Oder gegen das eigene Haus, das schöne Auto, die
Wertpapiere und Sparguthaben, die wir vielleicht besitzen. Nein,
dagegen hast du nichts.
Du hast allerdings etwas dagegen, dass wir es so selbstsüchtig bei
uns anhäufen und andere Menschen gleichzeitig verhungern
müssen. Du rufst uns auf, von unserem Überfluss zu geben. Das
zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel: von der Abgabe des
Zehnten bis ins Neue Testament.
Und du weist uns heute darauf hin, dass dieser hohe Lebensstandard uns
zur Gefahr werden kann. Nämlich dann, wenn uns das alles
beherrscht. Dabei willst Du doch der Herrscher unseres Lebens sein.
Wenn wir alles daran setzen, zu besitzen — und uns dabei doch
beschwert fühlen. Allein der Besitz macht nicht glücklich und
erst recht nicht sorglos.

Du Jesus, da fällt mir eine Geschichte ein. Die von dem alten Schuster, kennst Du die?

„Es lebte einst ein Schuster, der war so glücklich, dass er
den ganzen Tag von morgens bis abends bei seiner Arbeit sang. Neben dem
Schuster wohnte ein sehr reicher Mann. Der war so unglücklich.
Tagsüber konnte er nicht schlafen, weil er den Schuster singen
hörte. Nachts konnte er nicht schlafen, weil er sein Geld
zählen und wieder verbergen musste.
Eines Tages lud er den Schuster zu sich ein und schenkte ihm einen
Beutel voller Goldstücke. Nie in seinem Leben hatte der Schuster
so viel Geld gesehen. Es war so viel, dass er Angst hatte, es aus den
Augen zu lassen. Darum nahm er es mit ins Bett. Auch dort musste er
immer an das Geld denken und konnte nicht einschlafen. So trug er den
Beutel auf den Dachboden. Früh am Morgen holte er ihn wieder
herunter, denn er hatte beschlossen, ihn im Kamin zu verstecken. Aber
damit war er auch nicht zufrieden. Er grub ein Loch im Garten und legte
den Geldbeutel hinein. Zum Arbeiten kam er vor lauter Sorge nicht mehr.
Und singen konnte er auch nicht mehr. Zuletzt war er so
unglücklich und einsam, dass er den Beutel wieder ausgrub und
damit zu seinem Nachbarn lief. „Bitte, nimm dein Geld
zurück“, sagte er. „Die Sorge darum macht mich ganz
krank.“ Bald danach war der Schuster wieder vergnügt und
sang wieder den ganzen Tag bei seiner Arbeit.“ Fast so hat er
gesungen wie die Vögel, von denen in unserem Bibelabschnitt die
Rede ist.

So offenbar kann es gehen: dass die Sorgen um die
Äußerlichkeiten unseres Lebens uns so beherrschen, dass sie
uns unglücklich machen. Sorgen haben Kraft. Sie haben eine Macht,
die uns von dir; Jesus, wegziehen kann. Und davor willst du uns mit
deinen Worten heute bewahren.
Jesus, ich habe erkannt: deine Rede ist ganz und gar nicht
oberflächlich. Sie geht in die Tiefe. Sie geht bis an unsere
Lebensfundamente. Sie stellt die Frage an mich: „Worauf baust du
eigentlich dein Leben? Auf Gott oder auf das, was du mit deinen
Fähigkeiten und Möglichkeiten erreichen kannst? Allein auf
das Sichtbare, das doch so schnell zerbrechen kann oder auf ewigen
Grund?“
Danke Jesus, dass Du uns mit diesen Fragen aber nun nicht allein
lässt. Sondern dass Du noch weiter redest. Plötzlich sehe ich
nämlich auch, wie Du, Jesus, uns mit deiner Rede Mut machen
willst. Mut zu einer neuen Lebensrichtung. Weg von den Sorgen hin zu
dem genauen Gegenteil. Und das Gegenteil von Sorgen ist —
Gottvertrauen. Dazu willst du uns locken: zum Vertrauen auf dich. Und
du tust dies mit ganz schönen, liebevollen Bildern aus deiner
Schöpfung:
(26) Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie
ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer
Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

(29) Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
(30) Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute
steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel
mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all das bedürft.“

Jesus, wenn ich diese deine Worte lese, dann freue ich mich, dass du so
anschaulich predigst. So anschaulich, dass ich es mir auch noch
für die nächste Woche merken kann. Wenn ich heute Nachmittag
oder in den nächsten Tagen eine Lilie, oder was zu dieser
Jahreszeit wohl häufiger passieren wird: einen Vogel sehe, dann
will ich mich an diesen Satz erinnern, den du uns Menschen zusprichst:
„Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“ Damit sprichst du
uns großen Wert zu. Jedem von uns. Egal mit welcher Vergangenheit
und Zukunft. Wir alle sind wertvoll in deinen Augen und brauchen uns
deshalb auch nicht selber klein machen.
Und weil wir dir wertvoll sind, darum weißt du auch, was wir
alles brauchen. Ganz bestimmt weißt du es sogar viel besser als
wir.

Darauf will ich vertrauen, Gott. Auch dann, wenn die äußeren
Umstände vielleicht ganz dagegen stehen. Auch wenn unser Land sich
gerade sehr verändert und manches nicht mehr so sein wird, wie es
war. Darauf will ich vertrauen. Denn im Vertrauen auf dich können
wir uns von vielem, was uns bedrängt, „ent-sorgen“. Du
nimmst unsere Sorgen ernst. Du hörst sie und wirst zu deiner Zeit
auch reagieren. Darum will ich mich im Gebet ent- sorgen in deine Arme
hinein. „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für
euch.“ – so haben wir im Wochenspruch gehört. Das
heißt doch: Plötzlich bin nicht mehr ich für meine
Sorgen zuständig, sondern du, Gott. Du nimmst dich unserer Sorgen
an. Unserer Sorgen um unseren Lebensstandard. Unserer Sorgen um die
politische Entwicklung in Europa und weltweit. Aber auch um unsere ganz
persönlichen oder zwischenmenschlichen Sorgen. Auch um unser
Sorgen im Blick auf unsere Kirchengemeinde und die gesamte kirchliche
Situation in Deutschland. Du nimmst dich unser an.

Auf diese Weise werden wir von dir in einen Freiraum gestellt und bekommen eine neue Aufgabe:
Und die lautet: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach
seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Trachten-
das heißt soviel wie: sich danach ausstrecken oder: unbedingt
anstreben. Sich nach dem Reich Gottes ausstrecken.

Jesus, ich merke jetzt am Ende: Du hast plötzlich die
Zuständigkeiten getauscht. Du erklärst dich zuständig
für unsere Sorgen und wir sind mit zuständig für dein
Reich. Danach sollen wir uns ausstrecken. Das soll uns wichtig sein.
Daran sollen wir schon mitbauen hier in dieser Zeit und Welt. Mit
unseren Möglichkeiten. In kleinen Schritten. Hier vor Ort. Da wo
wir hingestellt sind. Im Beruf, in der Schule, im Haushalt, in der
Kirchengemeinde oder wo auch immer. Mitbauen an Gottes Reich.
Und du, Jesus, überforderst uns nicht dabei. Du gibst uns eine
neue Lebenssichtweise. Vielleicht auch erst nach und nach. Eine
Sichtweise, die unser Leben hier ernst nimmt, und doch darin nicht
aufgeht. Eine Sichtweise, die unsere Bedrängnisse und Nöte
nicht verharmlost, aber doch den Blick weitet. Eine Sichtweise, die
Bleibendes im Blick hat: dein Reich, zu dem wir alle berufen sind. Denn
es gilt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner
Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Amen.

Ansprechpartner: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de