Wo unsere wahre Heimat ist

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Bayreuth, den 25.12.12, Kolosser 2,2

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. 

Paulus schreibt: Die ganze Größe seines Geheimnisses sollt ihr erkennen. Dieses Geheimnis ist Christus.

Es war am Heiligen Abend, oder genauer gesagt am Heiligen Morgen. Still und tief verschneit lag das ganze weite Land da. Es war angenehm warm hier im Zug. Ich saß allein im Abteil und war auf dem Weg nach Rostock, erzählt jemand.

Was in den letzten Monaten geschah, hatte mein Leben völlig aus den Angeln gehoben. Meine Eltern hatten Ende August einen schweren Autounfall. Wenige Tage später stand ich allein auf dem Trinitatis-Friedhof in Dresden.

Wenige Wochen danach kam die Wende. Weil alles so merkwürdig war mit dem Unfall, half mir ein Freund meines Vaters, Einblick zu kriegen in meine Stasi Akte und in die meiner Eltern.

Was ich dort las, hat mich erschüttert. Ich war gar nicht ihr eigenes Kind. Und der Autounfall war gar kein Unfall, sondern ein Selbstmord. Mein Vater, eigentlich mein 2. Vater, was ich ja bisher nicht wusste, war ein hoher Funktionär bei der SED, wahrscheinlich hatte er den Untergang der DDR nicht verkraftet. Meine 2. Mutter hatte sich schon immer Kinder gewünscht. Und sie war meinem Vater so lange in den Ohren gelegen, bis der schaute, ob der Staat nicht was machen kann.

So geschah etwas, was ich in meinen Erinnerungen für einen verwirrten Alptraum gehalten hatte. Kurz nach meinem 4. Geburtstag hatte es bei meinen echten Eltern Sturm geklingelt.

Meine Mutter und ich waren an jenem Vormittag allein im Haus. Plötzlich hatte es an der Haustür Sturm geläutet. Kaum hatte meine Mutter die Tür geöffnet, waren mehrere Männer in Uniform ins Haus gestürzt. Vor lauter Schreck und Angst war ich weggelaufen. Doch zwei der Beamten hatten mich gepackt, mich aus dem Haus gezerrt und in ein Auto gesteckt.

Noch heute sehe ich vor mir die Angst im Gesicht meiner lieben Mutter und ihre Tränen. Tief im Innern höre ich immer noch ihre Worte: ,Johannes, ich hab dich lieb. Gott schütze dich!“

Nicht einmal richtig verabschieden hatte sie sich von mir dürfen. Nichts hatte ich mitnehmen können. Nicht einmal meinen kleinen Teddy, den ich ein paar Tage zuvor zum Geburtstag bekommen hatte.

Dann hatte man mich nach Dresden gebracht zu dem Ehepaar Turm. Ich war sofort adoptiert worden und hieß von Stund an Herbert Turm. Mir ging es nicht schlecht, ich hatte eine liebevoll 2. Mutter, auch wenn mein Vater sehr streng war.

Meine Erinnerungen an mein richtiges Elternhaus waren mit der Zeit verblasst. Ich war ja erst 4 Jahre alt, als ich nach Dresden kam. Doch beim Lesen der Akten wurde mir ganz klar: Diese alptraumartigen Erinnerungen waren gar kein Traum. Ich war mit Gewalt gezwungen worden bei fremden Menschen aufzuwachsen und wusste nicht, dass es nicht meine echten Eltern waren! Meine richtigen Eltern wohnten in Rostock in der Feldstraße. Jene Frau, die damals um mich, den kleinen Johannes, geweint hatte, war also meine richtige Mutter!

Ich musste sie sehen! So machte ich mich auf nach Rostock.

Aber wie würde dieses Zuhause aussehen? Lebten meine Eltern noch? Waren sie inzwischen umgezogen? Würde ich überhaupt etwas über sie herausbekommen?

Die Feldstraße befand sich ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Dieses kleine Stückchen wollte ich zu Fuß gehen. Wenige Minuten später stand ich vor dem Haus meiner Eltern.“Berger“ stand auf der Klingel. Mein Herz begann in wilder Aufregung zu klopfen. Ich holte tief Luft und drückte dann den kleinen weißen Knopf.

Dann hörte ich eine Frauenstimme: „Daniel, sieh doch bitte nach, wer da ist!“ – „Bin schon unterwegs.“

Da wurde auch schon die Haustür geöffnet, und vor mir stand ein Junge, jünger als ich, mir aber dennoch zum Verwechseln ähnlich. Fassungslos starrten wir beide uns eine Weile an. Und bevor einer von uns beiden etwas sagen konnte, kam bereits meine Mutter die Treppe herunter, kam auf die Haustür zu und sagte: „Sie wollen sicher …“

Weiter kam sie nicht. Sie stockte und schluckte. Dann kamen ihr die Tränen, Freudentränen.

„Johannes!“

Im gleichen Augenblick hatte sie mich in ihre Arme geschlossen. „Mein Johannes!“ Mehr brachte sie nicht heraus. Inzwischen standen wir im Flur, uns immer noch fest umarmend und beide mit Tränen in den Augen.

Daniel hatte mittlerweile die Haustür geschlossen und nach unserem Vater gerufen. Dieser kam langsam die Treppe herunter. Daniel lief auf ihn zu, deutete auf mich. Meine Mutter hatte mich wieder losgelassen, ich drehte ich mich um und sah meinen Vater an. Mein Vater, an den ich mich überhaupt nicht mehr erinnern konnte. War das eine Freude!

Nur Daniel, mein kleiner l6-jähriger Bruder, stand noch immer auf der Treppe und schaute mich fassungslos an. Aber dann schloss ich auch ihn freundlich in meine Arme und begrüßte ihn herzlich. Es war unbeschreiblich.

Am Abend gingen wir gemeinsam zum Weihnachtsgottesdienst. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Gottesdienst besucht zu haben. Nie im Leben hätte mein zweiter Vater eine Kirche betreten oder es erlaubt, dass ich dorthin gehe. Ich hatte keine Ahnung vom Glauben.

Natürlich war ich sehr auf den Gottesdienst gespannt. Wir waren beinahe die Letzten. Das Orgelvorspiel hatte schon begonnen, und der Pfarrer war bereits vor den Altar getreten. Wo war bloß mein Vater? Ich schaute mich suchend um.

Die Orgel verstummte und der Pfarrer drehte sich zu seiner Gemeinde um: „Liebe Gemeinde …“ – „Nein!“ entfuhr es mir. „Das gibt es nicht!“

Der Pfarrer war – mein Vater! Ich konnte es nicht fassen. Ich saß da und konnte kaum atmen.

Von diesem Weihnachtsgottesdienst habe ich leider nicht sehr viel mitbekommen. Alles war so neu und ungewohnt für mich. Die Lieder, die Predigt meines Vaters, die ganze Atmosphäre. So etwas hatte ich bisher noch nicht erlebt. Aber eins war mir am Heiligen Abend im Kreis meiner Familie ganz deutlich geworden: Meine Eltern hatten nie aufgehört für mich, ihren Sohn, zu beten. Und tief im Herzen hatte meine Mutter nie die Hoffnung verloren, dass ihr Johannes eines Tages wieder nach Hause finden würde.

Es wurde für mich das schönste und größte Weihnachtsfest, das ich je erlebt hatte. Und langsam, ganz langsam, begann ich, mich der Weihnachtsbotschaft zu öffnen. Begann es zu glauben: Auch mir ist der Heiland geboren. Zuerst hatte ich nur meine Familie wiedergefunden, aber später habe ich auch ihn, den Heiland der Welt, entdeckt, gefunden und unendlich schätzen gelernt.

Liebe Gemeinde!

16 Jahre lang wusste er nichts von dem großen Geheimnis seines Lebens, ahnte nur im Unterbewussten noch etwas davon. Es ging ihm auch gar nicht so schlecht in der anderen Welt. Er hatte durchaus eine glückliche Kindheit. Erst als dieser schlimme Schicksalsschlag ihn aus der Bahn wirft, entdeckt er die Spur seines Geheimnisses.

In jedem Menschenleben zeigen sich in einem anderen Sinn die Spuren dieses großen Geheimnisse. Dass wir nicht dieser Welt gehören mit allen Wünschen und Träumen. Noch einen Vater haben im Himmel. Eine zeitlang geht es fast jedem gut. Aber jedes Menschenherz ohne seinen Schöpfer vermisst etwas. Bewusst oder unbewusst. Da ist mehr, als Du siehst und ahnst und glaubst. Vielleicht ist uns etwas oder vieles genommen worden, nicht nur Menschen und Kraft, sondern auch Wünsche und Träume oder was es auch ist. Schicksalsschläge, schwierige Zeiten, innere Leere, Scheitern, Enttäuschungen können uns – um es bildhaft zu sagen – wie jenen jungen Mann – wieder auf die Spur unseres großen Geheimnisses bringen.

Als mir das Reich genommen, heißt es in einem Adventslied, das Himmelreich, das Reich des Glücks, da Fried und Freude lacht. Aber dann geht es weiter: da bist du mein Heil kommen, und hast mich froh gemacht.

An Weihnachten wird dieses Geheimnis gelüftet. Gott hat den dicken Vorhang vom Himmel weggezogen, Unmengen an Hinweisschilder aufgestellt, Boten ausgeschickt, Dokumente geöffnet, Briefe geschickt: Ihr sollt die ganze Größe meines Geheimnisses erkennen: .Jesus Christus, mein Sohn, ist dein Bruder. Er öffnet Euch die Tür zu mir, deinem himmlischen Vater. Dass du mich wieder entdeckst, siehst, findest. Nach Hause findest.

Wie hatten diese Eltern gelitten. Das Kind geraubt. Weit weg. Auf ganz anderen Wegen. Betrogen. Entführt.

Wissen wir eigentlich noch, wie Gott leidet, wenn wir uns von ihm abbringen lassen. Wenn wir uns vom Teufel betrügen, belügen, entführen lassen. Bewusst oder unbewusst weit abkommen. Weil wir Menschen zu Göttern machen, zu Abgöttern, zum einzigen Lebenssinn. Und zu unserem Schöpfer auf Abstand gehen. Ist uns bewusst, dass er traurig ist, wenn wir ihn missachten und übersehen?

Oh wie oft wird dann unser ganzes Glaubensleben so verkrampft. Tun wir alles nur noch mehr oder weniger aus Pflicht – Ich könnt ja mal fragen, wer ist heute nur aus Gewohnheit hier und wer aus Sehnsucht nach dem Heiland. – Das Herz nicht schlägt nicht mehr, wenn wir mit ihm reden im Gebet. Das Ohr hat nicht mehr alle Lauscher aufstellt und wartet sehnsüchtig, dass Gott etwas spricht für mich. Du jubelst nicht mehr, wenn er etwas sagt, ein Wort dich trifft. Es fährt nicht mehr in dein Herz, es ist nicht mehr selbstverständlich, dass du es festhältst, es heißt eher: gehört und schnell wieder vergessen. Wie viele mutmachende Worte hast du bekommen in den vergangen 2 Wochen und sie sind längst vergessen. Da haben wir uns doch abbringen, entführen lassen von unserem Vater im Himmel. Und Gott hätte sich so gefreut, wenn wir sein Wort festgehalten hätten.

Ist uns bewusst, dass es Gott vielleicht sehr oft so geht wie diesen Eltern mit ihrem Sohn, der ihnen geklaut wurde. Der konnte ja noch nicht mal was dafür, bei uns ist es meistens viel schlimmer, weil wir es eigentlich ganz anders wüssten. Und doch sündigen.

Aber diese Eltern hatten ihren Johannes weiter geliebt. Wie oft für ihn gebetet. Wie oft um ihn gebangt. Wie oft um ihn gehofft. Auch in den Zeiten, wo wir weit weg waren von unserem Schöpfer, wo wir vielleicht gesündigt haben noch und noch, eine Dummheit nach der anderen. Da hat er weiter geliebt. Noch viel mehr als diese Eltern. Wo wir vielleicht in den vergangen Wochen oder Jahren Stück um Stück abgekommen sind vom Weg. Keine Freude mehr am Gebet, kaum noch Zeit fürs Wort Gottes, alles Mögliche so wichtig war. Vielleicht sogar Auflehnung, Rebellion, Wut und Hass da war gegen ihn und andere, da hat Gott nicht aufgehört, dich zu lieben. Für dich zu hoffen. So ist er.

Ja, es ist keine Übertreibung, je schlimmer du es getrieben hast, je liebloser du gewesen bist, umso mehr hat er dich lieb. Unglaublich. Und doch ist es so.

Haben wir das vergessen? Verdrängt? Übersehen? Noch nie gesehen?

An Weihnachten klingelst du nicht bei der Tante Kuni an der Haustür, du hat geklingelt am Vaterhaus und die Tür ist bereits offen: “Komm wieder rein”, sagt Jesus, “ich bin doch dein Bruder, und Gott ist dein Vater! Komm rein und bleib da!”

Und wenn uns die Sprache wegbleibt, dass es wirklich so ist. Wenn wir noch so dreckig, beladen, zerrissen oder sonst was sind. “Komm rein!”, sagt er, “und glaube es neu.”

Der Johannes durfte sein ganzes altes Leben zurücklassen. Musste auch nichts bezahlen. Sich nichts erarbeiten. Nur reinkommen und drinnen bleiben in seiner neuen alten Familie.

Das gehört zur Weihnachtsbotschaft: Wir dürfen unser ganzes alte sündenbeladenes Leben, alles was Finster war, alles, wo wir gegen Gott und Mensch gehandelt haben, fallen lassen an der Weihnachtstür. So wie Luther es sagt: Der alte Adam soll ersäuft werden durch Reue und Buße, dass ich es Jesus bekenne, ihm übergeben, ja loslassen, – Er vergibt es dir wirklich – und glauben.

Der Glaube ist eigentlich nur das Eintreten. Dass du es glaubst: „Ich hab Gott zum Vater und Jesus zum Bruder.“ Dann bist du drin im Vaterhaus. Und alles Alte, was du mitgebracht hast an Schuld, da sagt der Heiland: “Gib’s her, ich entsorg es. Trag es weg. Ich vergeb es. Du vergiss es.” Und all die alte Art, die du noch hast, Empfindlichkeit, Jammern, bissige Gedanken, da sagt der Vater: “Du bist kein Turm mehr, du bist ein Berger. Du bist ein Kind Gottes, nicht mehr ein Kind der Sünde. Schau nur auf mich, dann färbt meine Art auf dich ab. Das Verkehrte wird untergehen, wenn du nur das Gute in dich aufsaugst.”

So wie dieser Johannes in seiner neuen alten Familie nur schauen und in sich aufsaugen brauchte. Aufsaugen, wie es beim Vater und beim Heiland ist. Johannes hatte keine Ahnung. Machte nichts. Es ist oft besser, wenn wir sagen: “Ich hab doch gar keinen Plan, keinen Trost, keinen Glauben.” Musst nur neu zuhören. Nur neu aufnehmen, was er sagt. Nur neu dir vor Augen stellen. Wie gut, du es mit ihm hast. Bei ihm hast. Kannst doch neu alles mit ihm besprechen. Kannst doch neu sagen: “Herr Jesus, hast du nicht für diese Sorge, für jenes Problem ein Wort Gottes.” Und wenn er’s dann sagt, – vielleicht muss er dich nur erinnern, was er schon längst gesagt hat – dann denke nur und glaube nur: Mein Bruder Jesus, mein Heiland, hat es gesagt. Er wird es auch halten. Ich hab einen Heiland, ich hab einen allmächtigen Bruder.

Bleib doch nur im Glauben bei ihm zu Haus. Auch nach Weihnachten!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Amen)