Wir dürfen aus dem Vollen des Glaubens schöpfen
Zur PDFEpiphanias, 06.01.2011 Johannes 1, 15-18
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten:
… Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Spätestens nach dem heutigen Feiertag wird in vielen Häusern das Christkindlein samt der Weihnachtskrippe wieder weggepackt sein. Der Weihnachtsbaum hat ausgedient, er ist dürr geworden und lässt seine Nadeln fallen. Und Jesus wird mit den anderen Krippenfiguren bald wieder sorgfältig eingewickelt, im Keller oder auf dem Dachboden verschwunden sein. – Bis zum nächsten Jahr. –
Aus den Einkaufscentern verschwinden die Lichter und Weihnachtsdekorationen, aus den Straßen die Girlanden, aus den Augen der Glanz. Und aus den Herzen, aus den Herzen ist die weihnachtliche Hoffnung schon verschwunden, wenn es an den Festtagen nur um das Jesus-Baby ging.
Das Weihnachtsevangelium, das uns der Evangelist Johannes heute, am Epiphaniastag, dem Weihnachtstag für Insider, mitgibt, ist ein erneutes Signal Gottes an uns: Halt! Verlier den nicht wieder aus den Augen, der deine Zukunft ist, der dir alles geben kann, was du brauchst. Der Evangelist Johannes berichtet von seinem Namensvetter, dem Täufer Johannes im ersten Kapitel. Es ist das Schriftwort für die Predigt heute:
Unüberhörbar wies Johannes auf Christus hin: „Diesen habe ich gemeint“, rief er, „als ich sagte, es wird einer nach mir kommen, der viel bedeutender ist als ich, denn er war schon da, bevor ich geboren wurde.“
Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit aber ist durch Jesus Christus geworden.
Kein Mensch hat jemals Gott gesehen. Doch sein einziger Sohn, der den Vater genau kennt, hat uns gezeigt, wer Gott ist.
Johannes lüftet das Geheimnis. Er hat eine Ent-Deckung gemacht. Er nimmt die Decke weg und zeigt auf das gewaltigste Weihnachtsgeschenk. Das ist es! Dieser ist’s. Er kommt zwar nach mir, aber er war schon lange vor mir da. Der Heiland Jesus Christus existiert nicht erst seit der Kaiser Augustus jene Volkszählung angeordnet hat und Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Er war schon vor den Anfängen dieser Welt und des Kosmos. Zusammen mit dem Vater und dem heiligen Geist hat er Energie und Materie geformt und gelenkt. Er hat die feinen Rädchen dieses komplexen Systems aufeinander abgestimmt. Er hat die Welt uns Menschen werden lassen.
Als der dreieinige Gott sah, dass die Menschen mit sich und der Welt nicht in seinem Sinn umgingen, sondern mit Hass und Gewalt immer mehr zerstörten, kam der Sohn Gottes als Mensch in die Welt, um uns Gottes Liebe und Wahrheit ganz nahe, ganz persönlich zu bringen und wertvoll zu machen.
Weil er ganz Mensch wurde, kam er auch wie ein Mensch zur Welt – wurde geboren von Maria, war hilflos und schutzlos, wie jedes Neugeborene. Aber er blieb nicht das Baby in den Windeln, sondern wuchs heran und wurde stark im Geist. Nach einer letzten Vorbereitungszeit in der Einsamkeit der Wüste, nach einer klaren Abwehr aller teuflischen Versuchungen, outete er sich in der Synagoge von Nazareth, der Stadt, in der er aufgewachsen war und das Zimmermannshandwerk erlernt hatte: Ich bin’s! Ich bin der von Gott gesandte Retter.
Die Nazarener waren also die ersten, die vor die Entscheidung gestellt wurden, Jesus als den Sohn Gottes anzuerkennen oder ihn als Betrüger und religiösen Spinner abzutun. In der Mehrheit entschieden sie sich für Ablehnung. Wenn sie gekonnt hätten, hätten sie ihn da schon getötet. – Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Die aber, die ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.
So geht das bis heute, wo Jesus zum Thema wird, scheiden sich die Geister. Solange er das Baby in der Krippe bleibt, in Windeln gewickelt, von Hirten besucht und von Königen beschenkt, nimmt niemand Anstoß. Wenn er als Baby in der Krippe bleibt, gemalt, geschnitzt, modelliert und wenn er nach ein paar Wochen wieder für den Rest des Jahres in der Kiste verschwindet, haben die meisten nichts gegen ihn. Aber wenn er mit dem Anspruch auftritt, Weg, Wahrheit und Leben zu sein, geht ein Sturm der Entrüstung los. Und wenn er gar behauptet: Niemand kommt zum Vater außer durch mich, hat er den Bogen überspannt. Spätestens dann muss er weg.
Weg mit ihm! – Ans Kreuz mit ihm! – Aber was sag ich? Auch der Platz, auch dieser Ort wird ihm inzwischen nicht mehr zugebilligt. Weg mit den Kreuzen! Sie sind ein Ärgernis, eine Zumutung! Warum? Sein Kreuz würde ja an unsere Schuld erinnern, an menschliche Überheblichkeit, an fromme Arroganz und an menschenverachtende Brutalität.
Haben Sie es schon gemerkt? Wir sind in unserem Land gerade dabei unsere christliche Identität preiszugeben. Aus dem einzigen Sohn Gottes wird einer von vielen Religionsstiftern, die bestenfalls gleichberechtigt nebeneinander stehen. Jesus ist nicht mehr die Wahrheit, sondern allenfalls eine von vielen Wahrheiten. – Falls nicht ohnehin alle Religionen nur der menschlichen Phantasie entspringen. – Oberste Autorität hat nicht mehr das Wort Gottes, sondern die menschliche Vorstellungskraft und Vernunft. Ihr wird Gott untergeordnet. Aber was bleibt denn dann? Nichts! Eine rührselige Geburtsgeschichte, die mit Glanz und Gloria vermarktet wird und Umsatzrekorde beschert, auch an diesem Weihnachtsfest wieder. Sinnentleerte Rituale bei Kerzenschein und Glockenklang. Aber nichts von der rettenden Kraft, der zeitlosen Wahrheit.
Jesus fordert bis heute jeden zur Entscheidung auf. Lassen wir es bei dem Krippenjesulein in den Weihnachtswochen oder vertrauen wir uns dem ganz und gar an, dem Gott alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben hat? Rechtfertigen wir uns selbst oder lassen wir uns rechtfertigen vor Gott aus Glauben an Jesus Christus, der für unsere Schuld bezahlt hat.
Begnügen wir uns mit der Fülle an Möglichkeiten und Angeboten, die uns Technik und Wirtschaft machen oder nehmen wir aus seiner Fülle was sich nicht kaufen lässt: Gottes vergebende Liebe und rettende Gnade? Unverkäufliche Werte, unbezahlbare Schätze. Johannes sagt: von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. – Gnade? Was ist das eigentlich? Es ist Gnade, wenn ich etwas Gutes bekomme, was ich nicht verdient habe und es ist Gnade, wenn eine Strafe, die ich verdient hätte nicht über mich verhängt wird. Es ist Gnade, wenn Schuld vergeben wird.
Diese vergebende Gnade ist das Spezialgebiet von Jesus. Alle, die mit ihrer Schuld zu ihm kommen, die Leid darüber tragen und ihre Schuld zugeben und los werden wollen, erfahren solche Gnade von ihm. Er hat für alle bezahlt, die sich schuldig geben und ihn um Vergebung bitten. Er befreit von Schuld und er löst von Lasten und Ketten.
– Aber das ist mit Marktforschung nicht zu fassen und mit Labortechnik nicht nachzuweisen. Auch mit historisch kritischer Theologie und mit religionswissenschaftlichen oder soziologischen Methoden nicht zu vermitteln. Das ist erfahrbar, aber nur durch den Glauben. Durch das Wort Gottes und den vom Geist Gottes gewirkten Glauben. Durch nichts anderes.
Nur dem Glauben erschließt sich die Fülle der Gnade. Und wer diese Gnade im Glauben angenommen hat, der schämt sich nicht ganz kindlich zu sagen: Der Herr Jesus Christus ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er macht mich zufrieden mit dem, was ich habe. Er macht mich dankbar für mein Leben und für die Güter und Fähigkeiten, die mir anvertraut sind. Er richtet mich wieder auf, wenn ich niedergeschlagen bin, tröstet mich, wenn Traurigkeit mir zu schaffen machen will.
Die ihn im Glauben aufgenommen haben und die durch seine versöhnende Macht Gottes Kinder geworden sind, leben von der Fülle seiner Gnade. Von dem, was Gott ihnen durch Jesus gibt. Wir dürfen aus dem Vollen schöpfen. Jesus ist kein Mangelverwalter. Er sagt: Nimm dir nur soviel du kannst und so viel du brauchst: Von meiner Freiheit, von meiner Freude, von meinem Trost, von meiner Kraft, von meiner Geborgenheit. Ist das nicht der alte Menschheitstraum, etwas zu haben, das nicht zur Neige geht? Ein Geldbeutel, der nicht leer wird, Ein Krug, in dem immer noch etwas drin ist von dem köstlichen Getränk.
Johannes sagt „wir“ und meinte damit die Jünger und die erste Gemeinde. Wir haben genommen. Er sagt nicht: Jesus hat uns genommen und wir haben immer nur gegeben. Manchmal denken ja die Menschen, ein Christ muss immer nur geben. Unsinn. Ein Christ darf immer nur nehmen. Was könnten wir Gott, was könnten wir Jesus auch geben?
Wir dürfen jeden Tag neu nehmen. Nehmen aus der Fülle, die das Wort Gottes uns anbietet. – Das „Fürchte dich nicht!“ – Das „Komm her zu mir!“ – Das „Ich bin bei dir!“ – Auch das „Ich helfe dir!“ Und das „Ich habe dich lieb!“ Das dürfen wir uns immer neu nehmen. Das wird nie alle!
Eines der ersten Worte, das Kinder lernen, ist „Alle“, „Alle-Alle“, sagt die Mutter, Wenn die Flasche leer ist oder die Plätzchen verspeist sind. Und das Kind lernt dabei: das alles zur Neige geht im Leben. Aber im Glauben ist das anders. Bei Gott sind die guten Dinge in Fülle vorhanden.
Auch im Heiligen Abendmahl ist die Fülle der Gnade Gottes da. Der vernünftige Kritiker wird das für einen ausgemachten Blödsinn halten. Der macht eine chemische Analyse von den Abendmahlshostien und dem Wein und glaubt dann, ganz genau zu wissen, was drin ist. Mehl, Wasser, vergorener Traubensaft. Na und? fragt er, was soll das schon sein? Wem soll der Bissen schon nützen? Was soll das Schlückchen schon bewirken?
Es ist auch darin die Fülle der Gnade Gottes verborgen. Alles, was ich brauche um meine schuldbeladene Vergangenheit zu bewältigen, um frei zu werden von alten Lasten. In diesen bescheidenen Gaben des Abendmahls ist alles was mich stark macht für meine gegenwärtigen Aufgaben und Lasten, der persönliche Zuspruch des Herrn Jesus Christus: Ich bin bei dir! Aber das ist noch nicht alles. Brot und Wein des Abendmahls, verbunden mit den Worten des Herrn Jesus Christus geben mir alles, was ich für die Zukunft brauche. Nicht nur für die Zukunft hier in dieser Welt, sondern für die Zukunft in Gottes Welt. Ewigkeit! Ewiges Leben, in dem alles Leid dieser Erde einmal überwunden sein wird.
Auch wir dürfen von seiner Fülle nehmen! Wir dürfen aus dem Vollen des Glaubens schöpfen, auch wenn wir nicht begreifen. Das Leid der Welt manchmal nicht begreifen oder auch nicht begreifen können, warum Gott es immer noch gut mit uns meint und warum er immer noch Geduld mit uns hat. Warum er uns immer noch gute Zeit, Gnadenzeit schenkt.
Durch Mose hat Gott dem Volk Israel am Berg Sinai einst das Gesetz gegeben. Einfache klare Anweisungen für den Glauben und das Leben in der menschlichen Gemeinschaft. Bis heute sind die 10 Gebote ein wunderbarer Schatz und ein großartiger Rahmen in den Gott das Leben hineingestellt hat. Sie sind eine unübertreffliche Zielvorgabe für unser Zusammenleben. Schutz der Familie, der Ehe, der Wahrheit, des Eigentums, des Lebens überhaupt. Auch Richtschnur für unsere Beziehung zu Gott. Vom Gesetz Gottes ist nichts für ungültig erklärt, nie etwas aufgehoben worden. Es bleibt gültig und verbindlich!
Aber es ist durch Jesus Christus etwas dazugekommen. Die Gnade und die Wahrheit. Die Gnade, dass auch solche, die am Gesetz schuldig geworden sind, die vor Gott versagt haben, ans Ziel kommen können. Die Gnade der Vergebung, die Gnade der Erlösung, die Gnade des neuen Anfangs. Dieser Herr Jesus hat versprochen: Siehe, ich mache alles neu. Wer sich an ihn wendet, der ist nicht verloren. Der hat immer Zukunft, Hoffnung, Trost, Licht und Leben für uns. Er ist allein Weg, Wahrheit und Leben. Niemand kann ohne ihn zum Vater kommen. Martin Luther hat einmal so gebetet:
Siehe, Herr, ich bin ein leeres Gefäß, das bedarf sehr, dass man es fülle. Mein Herr, fülle es, ich bin schwach im Glauben; stärke mich! Ich bin kalt in der Liebe. Wärme mich, dass meine Liebe herausfließe auf meinen Nächsten.
Ich habe keinen starken festen Glauben, ich zweifle zuzeiten und kann dir nicht völlig vertrauen. Ach Herr, hilf mir, mehre mir den Glauben und das Vertrauen.
Alles, was ich habe, ist in dir beschlossen. Ich bin arm, du bist reich und bist gekommen, dich der Armen zu erbarmen.
Ich bin ein Sünder, du bist gerecht. Hier bei mir ist die Krankheit der Sünde, in dir aber ist die Fülle der Gerechtigkeit.
Darum bleibe ich bei dir, dir muss ich nicht geben, von dir kann ich nehmen. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168