Wiedereinweihung Kreuzkirche
Zur PDF1.Advent, 27.11.11, Wiedereinweihung Kreuzkirche, Ps 84 i. A.
Die Evangelische Kreuzkirchengemeinde hat zwei Kirchen. Die eine, die Matthias-Claudius-Kapelle ist außen schwarz und innen weiß, die andere, die Kreuzkirche, ist außen weiß und innen – wieder wunderschön geworden. – Finden sie nicht? Besonders jetzt nach der gelungenen Renovierung.
Aber sie ist nicht nur hell und freundlich, sondern trägt außen und innen viele aussagekräftige Symbole unseres Glaubens.
Gehen sie mit mir noch einmal auf unsere Kirche zu mit offenen Herzen und wachen Augen und lassen Sie sich von diesem Gotteshaus eine Predigt halten, verbunden mit Versen des 84.Psalms, der dem Fest der Kirchweih zugeordnet ist. In ihm kommt ein Mensch zu Wort, dem das Haus Gottes lieb und wichtig ist. Ein Mensch, der begriffen hat, dass es hier nicht nur um äußere Formen und um feierliche Handlungen geht, sondern um Sinn und Halt im Leben. Einige Verse aus dem 84. Psalm sollen Grundlage für unsere Predigt heute sein:
Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Wohl denen, die in deinem Hause wohnen, die loben dich immerdar.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! – Sie gehen von einer Kraft zur anderen und schauen den wahren Gott in Zion. Herr Gott Zebaoth höre mein Gebet!
Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause, als wohnen in der Gottlosen Hütten.
Denn Gott, der Herr, ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. –
Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt.
Da hat einer Sehnsucht nach dem Gotteshaus. Er spürt, dass an diesem Gebäude etwas anders ist. So eine Kirche ist kein reiner Zweckbau, wie eine Turnhalle, in der es um Bewegung geht oder auch wie ein Festspielhaus, das den Zweck hat, Opern und Musik optisch und akustisch für die Zuschauer möglichst beeindruckend darzubieten.
In einer Kirche geht es um das, was Gott uns zu sagen hat, mitten in unserer Zeit, mitten in unserem Leben. Hier soll etwas spürbar werden von seiner Macht und Herrlichkeit, von der Zukunft, die er uns bietet und von der Hoffnung, die er schenkt. Wenn das Aussehen einer Kirche unwichtig wäre, könnten wir unseren Gottesdienst auch in der Rotmainhalle oder in einem Parkhaus feiern. – Sicher, das kann man auch, wenn es nicht anders geht. Christen haben in Zeiten der Verfolgung, schon in Kellern und Katakomben, in Lagerbaracken und in Höhlen Gottesdienst gefeiert. Wenn eine Not ist, kann Gottes Geist überall wirken und sein Wort trösten und stärken.
Aber unmittelbar nach dem Ende der römischen Christenverfolgung hat Kaiser Konstantin den Christen ermöglicht eigene Kirchen zu bauen und sich dort in Freiheit und ohne Angst zu Gottesdiensten zu versammeln. – Bis heute haben leider längst nicht alle Christen auf der Welt diese Möglichkeit. Die Zahl der Länder, in der keine christlichen Kirchen gebaut werden dürfen oder in den die Gottesdienstbesucher Angst vor Anschlägen und Gewalt haben müssen, nimmt ständig zu.
Um so dankbarer sollten wir sein, dass wir in dieser Freiheit unseres Glaubens leben dürfen und dass wir schöne Kirchen haben und Gottesdienste feiern können – oder auch einmal in stiller Andacht in einer Kirche sitzen können. Wer die Augen aufmacht, entdeckt dabei vieles, was uns etwas zu sagen hat.
Nehmen wir unsere Kirche als Beispiel. Eigentlich fängt das Besondere schon an, bevor man die Kirche erreicht. Von weitem sehen wir schon den Kirchturm. Wie ein Signal macht er darauf aufmerksam: Hier ist ein besonderes Gebäude. Ein Haus zur Ehre Gottes und zum Segen der Menschen.
Ganz oben auf unserem Turm ein goldenes Kreuz, das auf einem Kelch steht. Kreuz und Kelch, ganz zentrale Zeichen unseres Glaubens. Hier wird der Gott angebetet, der aus Liebe zu uns seinen Sohn an einem Kreuz sterben ließ. Jesus Christus hat am Kreuz die Sünde der Welt getragen, auch meine Sünde. In seinem Namen darf ich um Gottes Vergebung bitten und werde von meiner Schuld befreit.
Der Kelch erinnert an das Sakrament des Heiligen Abendmahls, bei dem den Glaubenden Vergebung und Erlösung geschenkt werden. Beim Abendmahl wird der Kelch mit Wein oder Saft herumgereicht, mit den Worten: Christi Blut, für dich vergossen, zur Vergebung deiner Sünden. Der Turm mit dieser Spitze lädt über die Straßen und Häuser der Stadt alle ein: Komm zum Kreuz! Komm zum Abendmahl!
Die 5 Glocken im eichenhölzernen Glockenstuhl unterstreichen unüberhörbar diese Einladung. Dreimal am Tag erinnern sie uns daran, das Gebet nicht zu vergessen. Den Kontakt zu unserem Gott nicht abreißen zu lassen. Jeden Freitagnachmittag um Drei läuten sie, damit wir daran denken, dass an einem Freitag um diese Zeit Jesus am Kreuz für uns starb.
Bevor wir Turm und Tür erreichen, fällt der Blick rechterhand an der Kirchenwand auf das tonnenschwere Relief aus Nürnberger Quarzit, einem sehr harten Sandstein. Es ragt aus der fensterlosen weißen Westwand der Kirche heraus und zeigt ein Lamm und darum herum 24 Kronen. Das Lamm ist das biblische Symboltier für Christus. „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“ (Joh 1,29) In der Offenbarung des Johannes (4,10) wird erwähnt, dass die 24 Obersten des Himmelreiches vor Christus, dem Lamm, die Kronen abnehmen, die wegen ihrer Glaubenstreue erhalten haben. Sie legen sie vor Christus nieder und beugen sich tief vor ihm. Sie wollen damit sagen: Ihm, dem Christus gebührt alle Ehre und Anbetung. Wir sind viel zu gering. – Wenn schon die Obersten des Himmelreiches sich vor Jesus so beugen, wie viel mehr sollen wir es tun. Nicht stolz und eingebildet vor ihm hier erscheinen, sondern in dem Bewusstsein, dass auch wir Gottes Liebe und Freundlichkeit nicht verdient haben.
Wenn wir dann unter dem Turm auf die Türe zugehen, sehen wir links und rechts, auf jedem Türflügel das Monogramm des Hausherrn A und O, X und P. Die Christusinitialen. Das doppelte Namenszeichen unseres Herrn. Alpha und Omega waren erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets. Jesus ist der Erste und der Letzte, der, der alles umfasst. (Off 22,13) X und P griechische Buchstaben für CH und R = CHR für CHRISTUS und das heißt übersetzt: Retter, Heiland. Hier geht es um den Herrn, der rettet und Heil schenkt.
Ja wovor oder woraus rettet er denn? Die Antwort sehen wir darüber. Sie ist mit in einem Mosaik aus echten Marmorsteinen verborgen. Die Arche Noah unter dem Regenbogen. Die Arche war einst die Rettung für Noah, seine Familie und die vielen Tiere. Rettung vor der Sintflut. Weil sie Gott gehorcht haben, sind sie dem sicheren Untergang entkommen. Nach bedrohlichen Wochen, in denen sie nicht wussten, wie es weitergehen sollte, hat Gott Noah und seiner Familie einen neuen Anfang geschenkt. Unter dem Regenbogen hat er den Geretteten versprochen, dass er weiter für sie sorgen wird. Diese Zusage gilt bis heute allen, die im Kirchenschiff die Gnade Gottes suchen. Gottes allein kann auch dich aus allen Untergängen und Bedrohungen retten. Vergiss es nicht!
Treten wir ein in den Vorraum der Kirche, in die Brauthalle. Sie ist nicht nur schöner Windfang, in den tagsüber das Licht durch die farbigen Fenster hereinflutet oder aus dem in den Abendstunden warmes Licht nach außen dringt. Brauthalle, der Name weist auch nicht nur darauf hin, dass hier der Pfarrer die Brautpaare bei der Trauung abholt und zum Traualtar geleitet. Das Wort „Braut“ wird in der Bibel vielfach als Bild für die Gemeinde gebraucht. Die Glaubenden sind wie eine Braut, die sehnsüchtig auf das Kommen ihres Bräutigams wartet. Der Bräutigam ist in diesem Bild Christus, der kommt um sein Reich aufzurichten und seine Braut, die Gemeinde, ganz und für immer zu sich zu nehmen.
Wer so als „Braut“ kommt, wird schon hier, in der Vorhalle, mit zwei kupfergetriebenen Kunstwerken eingestimmt: Der Fisch, urchristliches Symbol mit der Aussage: Jesus Christus, Gottes Sohn, mein Retter. Und mit dem Inhalt, um den es hier in diesem Haus geht: Dein Wort ist die Wahrheit. Gottes Wort. Mach dir klar, du Kirchenbesucher, hier geht es nicht um Dichtung, sondern um Wahrheit, nicht um Träume, sondern um Tatsachen. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Jedes Geschwätz verliert bald seine Bedeutung, jede Schlagzeile wird irgendwann uninteressant, jede Neuigkeit ist nach kurzer Zeit veraltet. Aber die Worte der Heiligen Schrift behalten ihre Gültigkeit und Kraft für immer.
Durch die zweite Tür treten wir ein in das Kirchenschiff. Bevor wir zum Mittelgang kommen und den Blick nach vorne wenden, kommen wir vorbei an den 10 ovalen Fenstern an der Nordwand. Zehn Öffnungen im Mauerwerk, in der Form Tafeln gleichend, durch die Licht hereinfällt. Sie fragen den Eintretenden nach seinem Leben. Kennst du sie noch, die 10 Gebote? Waren sie dir wichtig oder hast du sie vergessen? Überdenke dein Leben an Gottes Geboten, wenn du vor seinen Altar kommst. Wer sie nicht ernst nimmt, wer sich Freiheiten rausnimmt, die Gott nie gegeben hat, lebt gefährlich. Der legt sich mit dem heiligen Gott an und gegen den kann man nur unterliegen. Darum: Wenn du hierher kommst, besinn dich neu auf den guten Willen Gottes. Nur dann kann dein Leben gelingen. Komm zu deinem Gott und bitte ihn um Vergebung für deine ganz persönliche Sünde. Keiner ist ohne Sünde.
Wer das tun will, wendet sich Gott zu, wendet sich nach vorne zur Altarwand. Rechts mit der Kanzel der Ort für das Wort Gottes. Kein Bild sollen wir uns von ihm machen. Gott kommt nicht in Gestalt eines Menschen oder Tieres oder Sternes. Er ist für unser menschliches Auge überhaupt nicht darstellbar. Er wohnt in einem Licht, das kein Mensch fassen kann. Fassen können wir ihn nur in seinem Wort. Sein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Sein Wort ist Wegweisung, Mahnung, Trost, Kraft, Hoffnung.
Die Mitte unserer Kirche das Mensch gewordenen Wort, Jesus Christus. Im Altarkreuz und als Auferstandener, segnend über der Gemeinde dargestellt. Man sieht noch die Nägelmale in Händen und Füßen und die Wunde in der Seite, Zeichen seines Leidens für uns. Aber das Haupt des Christus zeigt mit der goldenen Gloriole den Sieger über alle Mächte der Finsternis. Er ruft uns zu: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. (Mt 11,28) Und er verspricht den Geängsteten und Geplagten: Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. (Mt 28,20)
Rot leuchtet der Stein in der Mitte des Kreuzes und will sagen: Am Kreuz habe ich mein Blut für Dich vergossen, zur Vergebung deiner Sünden. Darum ist Gottes Anklage gegen dich fallen gelassen. Hier am Kreuz habe ich deinen Schuldschein vernichtet.
Der Taufstein, dritter zentraler Ort im Altarraum. Bei deiner Taufe hat Gott dir versprochen, dass du immer wieder kommen darfst. Meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens wird nicht hinfallen.(Jes 54,10) Der Heilige Geist will dich verwandeln und zu einem neuen Menschen machen, der in Gottes Reich passt. Strahlend fällt das Licht durch die Glassteine des Heilig Geist Fensters – wenn nicht gerade die neu eingebauten Rollos heruntergelassen sind, damit man projizierte Bilder besser sehen kann.
Unser ganze Leben lang will Gottes Geist an uns wirken um uns zu segnen und für andere zum Segen werde zu lassen. Paulus sagt einmal: Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist? (1.Kor 6,19) Wisst ihr nicht, dass euch nicht alle möglichen bösen Geister treiben sollen, sondern Gottes guter Geist an euch und durch euch wirken will? Er will euch zu neuen Menschen machen. Wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung und zum Ewigen Leben.
Der Blick geht zur lichtdurchfluteten Ostwand der Kirche. Ein kleiner Abglanz der himmlischen Lichtwelt. Die Stadt Gottes, mit ihren Mauern und Türmen. Das neue Jerusalem, aus der Offenbarung (21,2) und Ströme lebendigen Wassers. Symbole des Ewigen Lebens und der himmlischen Herrlichkeit, die Gott für die bereithält, die sich zu ihm halten.
Wer diese Kirche mit solchen Augen ansieht, von innen und von außen, bei Tag oder Nacht, der wird sie lieb gewinnen, dem wird sie immer eine wertvolle Predigt halten. Wer ihre Symbolik bedenkt, wird immer wieder gerne hier hereinkommen und jede Gelegenheit nützen, mehr zu hören vom Wort des Lebens. Der Psalmbeter hat’s erfasst: Ein Tag in der hintersten Ecke, eine Stunde Gottesdienst, mit Gebet und Segen, Lied und Verkündigung, ist mehr wert, als 1000 Tage und Stunden sonst wo. Lieber hier auf der letzten Bank, als meine Zeit mit gottlosen Leuten verbracht. Denn Gott, der Herr, ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre.
Er schreibt die Namen derer ins Buch des Lebens, die sich zu ihm halten und die ihre Hoffnung ganz auf seine Gnade setzen. Diese Kirche hat noch viel mehr zu erzählen, von Wundern Gottes und von seiner Macht. Auch die Form der Empore und der Liedtafeln sind nicht zufällig und die Bilder vom Kreuz, die Hubert Distler vor 20 Jahren an die Emporenbrüstung gemalt hat, wären jedes für sich eine Predigt wert. Und die Orgel könnte mit ihren über 2000 Pfeifen manches Halleluja spielen, das uns von Gottes Freundlichkeit kündet. Aber wir haben ja noch mehr Sonntage im gerade beginnenden Kirchenjahr und laden Sie herzlich ein wiederzukommen. Was wäre ein Sonntag ohne Gottesdienst? Das ist wie eine Hochzeit ohne Braut oder wie ein Kloß ohne Soß. Da fehlt einfach was. Wer auf den Gottesdienst verzichtet, der lässt den Segen sausen, den Gott ihm anbietet. Der gewinnt damit keine Zeit, sondern verliert die Ewigkeit. Amen
Zum Lob Gottes hören wir jetzt den Posaunenchor.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168