Wieder Kind sein dürfen?

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Christvesper Matthias-Claudius-Kapelle 2018

Predigttext: Galater 4, 4-7

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir bitten in der Stille, jeder für sich um Gottes Segen für diese Predigt…

Herr, wir bitten dich, komm zu uns mit deinem Wort und Heiligen Geist. Amen.

Wir sind erfüllt an diesem Tag mit Wünschen, Eindrücken und Erwartungen. Hoffentlich nicht mit Ärger und Enttäuschungen. So ein Weihnachtsfest ein besonderer Tag im Jahr. Manche Wünsche und Erwartungen werden erfüllt, andere werden enttäuscht. – Wie Weihnachten nicht zur Enttäuschung, sondern zur Erfüllung wird, davon schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater im 4. Kapitel (Verse 4-7):

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfangen.

Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Weihnachten weckt die Sehnsucht, wieder Kind sein zu dürfen. Warten wie ein Kind. Wünschen wie ein Kind. Wie ein Kind sich freuen, wie ein Kind geborgen sein. Das alles soll uns geschenkt werden. Es ist kein unerreichbarer Kindertraum, sondern erfahrbare Wirklichkeit.

Aber wie denn? Es gibt doch kein zurück. Kein Zurück in den Mutterleib oder in die Kinderschuhe. Nicht einmal ein Zurück ins Elternhaus, wenn man mal auf eigenen Füßen steht. Es gibt kein Zurück in die Unbeschwertheit eines Kinderspiels. Stimmt! Aber es gibt ein Zurück in die Kindschaft Gottes. Viele haben sie verloren. Viele sind nur noch Kinder ihrer Zeit. Sie haben die kindliche Unschuld verloren, aufgehört zu träumen und zu hoffen, zu warten und zu betteln wie Kinder, die sich geborgen und gehalten wissen.

Aber sehnen wir das nicht auch herbei? Unsere Hand in eine große starke Hand legen, Sich trösten lassen, wie sich ein Kind trösten lässt. Es wird in die starken Arme genommen, getragen, mit Liebe und guten Worten umhüllt.

Wer sich von Gott als Kind annehmen lässt, erlebt genau das: Er wird mit Liebe und guten Worten umhüllt: Euch ist heute der Heiland geboren. – Für Euch, für dich ist einer zur Welt gekommen, der aus Unheil Heil machen will und kann.

Darum ist Jesus unser Bruder geworden, damit wir durch ihn wieder Kinder Gottes werden. Kinder Gottes, die sich gehalten und getragen wissen in einer beängstigend wirren Zeit, in der wir von außen bestimmt werden. Fremdbestimmt durch Arbeit, Werbung, Geld und Medien. Durch viele Stimmen, Meinungen und Medien. Fremdbestimmt, ob wir es merken oder nicht.

Von Knechten ist hier die Rede. Ja, geben wir es ruhig zu: Manchmal lassen wir uns knechten und werden geknechtet. Von der Arbeit oder von der Familie, von unseren Kindern oder Eltern, vom Stress, von Terminen, von den Anforderungen, die an uns gestellt werden. Besonders an Weihnachten!

Ein Knecht ist jemand, dem immerzu jemand sagt, was er zu machen hat, wie er zu funktionieren hat. Es gibt zwar eigentlich keine „Knechte“ mehr, das ist ja ein Wort aus vergangener Zeit: Knechte, Mägde, das war vor hundert Jahren, mag man denken. Aber lassen wir uns nicht doch oft zu solchen machen. Auch heute noch! Von Mode, von Trends, von eigenen Erwartungen oder von denen, die andere an uns haben. Konsumknechte, Modemägde. Medienknechte und –Mägde.

Ein Knechtsleben, ein Magd-Dasein? Sie dürfen sicher sein: Das ist nicht das Leben, das Gott sich für uns vorgestellt hat. Dass wir immerzu geknechtet sind. Zur Freiheit hat uns Christus berufen und befreit. Wer Kind Gottes wird, bekommt eine Freiheit ganz besonderer Art. Die Freiheit von den Zwängen dieser Welt, in der es immerzu heißt: Du musst! Du musst das haben, du musst da gewesen sein, du musst jenes erlebt haben. Lange Röcke, kurze Röcke: grüne Haare rote Haare; Tattoos und Nasenringe, E-Bike, City-Roller, Tablet, dieses Phone, jene App.

In unsrer konsumorientierten Welt sagt dir ständig jemand was du musst. Selbst an Weihnachten: So musst du feiern, das ist angesagt an Essen und Trinken, an Musik und Geschenken. Mit noch mehr Lichtern, ausgefallenen Speisen und Getränken. Bis vor wenigen Minuten sind sie durch die Straßen und Geschäfte gehetzt, die Weihnachtsknechte und Weihnachtsmägde.

Vor einigen Tagen in der Umkleide des SVB-Bades nach dem Frühschwimmen habe ich ein Gespräch zufällig mit angehört. Ein Mann erzählte, dass er in den letzten Tagen eine ganze Reihe von Weihnachtsfeiern mitgemacht hat, mitmachen musste. Anstrengend laut und kalorienreich waren sie, so beklagte er. Er schloss seine Klage mit den Worten: Aber jetzt muss ich nur noch auf eine Weihnachtsfeier, dann hab ich‘s wieder geschafft. – Vor Weihnachten alles erledigt und nichts davon war wirklich Weihnachten. Ist so Weihnachten?

Nein! Gott sagt: Du musst nicht! Du darfst mein Kind sein, dich beschenken lassen, dich freuen an dem, was ich dir anvertraue. Und was hat er uns zu bieten? Was will Gott uns schenken? Zunächst einmal will er uns schenken, dass wir zur Ruhe kommen. Er schenkt uns Zeit. Er nimmt sich Zeit für uns und möchte, dass wir uns auch Zeit für ihn nehmen. Nicht nur einmal im Jahr an Weihnachten. Zeit mit Gott ist nie Zeitverlust, sondern immer Zeitgewinn. Auf die Worte des Engels hören, der uns die Geburt des Heilands ankündigt. Von Maria hören, die alles, was ihr gesagt wird, im Herzen bewegt. Die also darüber nachdenkt und damit lebt. Sie macht im Alltag von dem Gehörten Gebrauch.

Nehmen wir uns Zeit, die Worte der Hirten zu hören, die sich auf den Weg gemacht haben und es wissen wollten, ob das mit Jesus wirklich stimmt. Gott schenkt uns Freiheit und Entlastung. Er schenkt noch viel mehr: Er lässt uns von Jesus abnehmen, was uns niederdrückt: Alte Schuld, Sorgen, Zweifel, Ängste. Er lässt uns sein Licht aufgehen.

Er schenkt dem Volk, das im Finstern wandelt ein großes Licht. Als es ganz dunkel war in der Geschichte des Volkes Israel, wurde dieses Licht von den Propheten angekündigt. In jener Nacht auf den Weiden bei Bethlehem ist es für kurze Zeit ganz hell geworden. Da war der Himmel offen.

Die Zeit war erfüllt. Sie war reif für Rettung. Gott hat gemerkt, dass das Maß voll ist. Das Maß der Schuld, der Lüge, der Bosheit, des Egoismus. Das Maß der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung war unübersehbar. Gott sah: Die schaffen das nicht ohne mich, nicht ohne meine Hilfe. Sie sind eingeschlossen in ihrer Dunkelheit. Sie brauchen Licht. Die Zeit war erfüllt. Die Zeit ist erfüllt. Auch bei uns und trotz der Abermillionen Lichter, die da draußen brennen, ist es dunkel um uns und in uns.

Im Oktober 2003 wurden in einem russischen Bergwerk bei einem Unfall 46 Bergleute in 800 m Tiefe eingeschlossen. Die Stützwand eines unterirdischen Sees war gebrochen und das Wasser hatte den Rückweg abgeschnitten. Sie hatten kein Licht mehr nach einigen Tagen und der Sauerstoff wurde knapp. Aber der Bergmann Wassili Andrejew gab sich und die Kumpel nicht auf. Er betete in der Finsternis und Ausweglosigkeit, wo er, wie er später sagte, „der Hölle ins Auge gesehen hat“. Man gab Klopfzeichen, die gehört wurden. Die Retter gruben sich durch Schlamm und Geröll bis zu den Verschütteten. „Es war unfassbar“ sagte Wassili, „als mit den Rettern das Licht in die Finsternis kam, habe ich an die Erscheinung von Jesus Christus gedacht, weil ich wusste, dass meine Gebete da oben von den Rettern als Klopfzeichen gehört wurden.“

Jesus hat gesagt: Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wird nicht im Finstern wandeln, sondern das Licht des Lebens haben. Die Gebete der Kinder Gottes sind wie Klopfzeichen, die den Retter anfordern. Und wer ihn betend anfordert, zu dem kommt er.

Der Geist der Welt versteht das nicht. Der braucht keinen Retter. Die Zahl der Menschen, die sich von der Kirche lossagen, die nicht mal mehr an Weihnachten einen Gottesdienst aufsuchen oder die schon aus der Kirche ausgetreten sind, wächst. Sie meinen, sie brauchen keinen Retter. Sie sind ja versichert, haben ein rundum sorglos Paket gebucht und haben, wie sie meinen schon alles selber im Griff. – Aber irgendwann fehlt die Kraft, der Griff löst sich, alles entgleitet und nichts hält. Wer den Retter weggeschickt hat, den hält nichts mehr. Kein Vater im Himmel, kein Bruder auf der Erde.

Der Geist Gottes hilft uns zu einem Kindschafts-Verhältnis. Er will, dass wir Jesus als unseren Bruder annehmen und damit Kinder Gottes werden. Dazu muss man kein Formular ausfüllen, keinen Betrag überweisen, keine Eignungsprüfung ablegen und keine Konkurrenten ausschalten.

Es genügt, ehrlich zu sein, zur Krippe oder zum Kreuz zu kommen und wie die Hirten oder später die Könige sich vor Jesus zu beugen und ihn zu bitten: Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein…

Niemand, der so bittet, wird von Jesus abgewiesen. Im Gegenteil: Der Heiland sieht ihn freundlich an und sagt: Endlich! Ich hab schon so lange auf dich gewartet. Schön, dass du kommst, endlich kommst. Oder dass du wieder kommst, du warst so lange weg.

Wer sich so lieben und annehmen lässt, dem wird leicht und froh ums Herz. Der wird frei von Last und Schuld und erlebt echte Weihnachtsfreude. Das zu wissen: Ich bin angenommen und geliebt, ich hab den Retter auf meiner Seite, ich darf mich von ihm führen und bewahren lassen, das zu wissen, tut der Seele unendlich gut. Das ist wahre Weihnacht!

Das wird uns heute an Weihnachten wieder neu angeboten. Wir dürfen es annehmen und dann gilt es nicht nur für diese Nacht, sondern für unser ganzes Leben. Der Retter schaut nicht nur mal kurz vorbei um dann wieder zu gehen. Er will bleiben und er will sein Werk vollenden. Jesus will uns ganz rausholen aus unserem Elend und aus allem Leid.

Er kapituliert nicht und er wendet sich nicht ab. Paulus macht den Galatern und auch uns Mut: Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Dass Kinder Erben sind, muss man nicht lang erklären. Das ist so. Die meisten von uns haben wohl schon mal was geerbt. Es muss ja kein großes Vermögen sein. Wer erbt, bekommt etwas, was er weder selbst erarbeitet, noch verdient hat. Er bekommt es geschenkt.

Was hat Gott zu vererben? Ein Reich hat er zu vererben. Am Ende des Vaterunseres heißt es: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Das sind die Geschenke Gottes an uns, wenn wir die Kindschaft annehmen. Wenn wir es für uns nehmen, dass er unser Vater und Jesus unser Bruder ist, dann gehört uns Gottes Reich, dürfen wir von seiner Kraft leben und es erwartet uns seine Herrlichkeit. Nicht nur auf Zeit, sondern für immer.

Das ist der Sinn von Weihnachten. Und wer das kapiert und für sich, der singt mit Überzeugung und nicht gelangweilt von der fröhlichen seligen gnadenbringenden Weihnachtszeit. 

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein! Er sieht dein Leben unverhüllt, zeigt dir zugleich dein neues Bild. Nimm an des Christus Freundlichkeit, trag seinen Frieden in die Zeit.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168