Wie vergänglich ist der Mensch

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Drittletzter So des
Kirchenjahres 11.11.2012 Hiob 14, 1-6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, schenk deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt heute ist aus dem 14.
Kapitel des Buches Hiob:

Wie vergänglich ist doch der Mensch! Wie kurz ist sein Leben und wie viel Leid muss er tragen!“
Wie eine Blume blüht er für einen Augenblick auf und im nächsten ist er verwelkt. Er verschwindet wie ein Schatten und hat keinen Bestand.
Dennoch behältst du, Gott, ihn auf Schritt und Tritt im Auge und mich stellst du vor dein Gericht. –
Kann denn aus einem schuldbeladenen Geschlecht ein schuldloser Mensch hervorgehen? – Niemals!
Du bestimmst die Lebensdauer eines Menschen. Du legst fest, wie viele Tage und Monate er hat und schenkst ihm nicht eine Minute mehr.
Wende deinen Blick wenigstens kurz von ihm ab und gönne ihm etwas Ruhe, damit er wie ein Arbeiter zufrieden auf seinen Tag zurückblicken kann.

Er war fast Neunzig und stand im Krankenhaus neben dem Bett seiner schwerkranken Frau. Weit mehr als ein halbes Jahrhundert waren sie den Lebensweg miteinander gegangen. Auch im Alter versuchte er für seine Frau noch Weggefährte und Helfer zu sein. Besuchte sie täglich, saß an ihrem Bett und versuchte ihr geduldig beizustehen, so gut er konnte. Alt und gebrechlich sein, gar verwirrt oder hilflos, das ist nicht leicht in unserer Gesellschaft. Das Personal im Pflegeheim ist überfordert und kann nur das unbedingt Notwendige tun, weil noch so viele andere zu versorgen sind und im Krankenhaus will man Patienten, für die man nicht wirklich etwas tun kann und die viel Pflege bedürfen, schnell wieder los werden.

Er sah mitfühlend auf seine Frau, dann zu mir und sagte: Wie schnell ist das alles vergangen. All die Jahre, die Arbeit, die Kinder, die gemeinsame Zeit. Wenn man es vor sich hat und als junger Mensch sieht, dann denkt man: Das ist lang! Jetzt wo man zurückblickt, war es kurz und ist wie im Flug vergangen. Und am Ende ist es nur noch Schwachheit.

So empfindet es auch Hiob, der Mann des Alten Testaments, der für alles menschliche Leid und für die schweren Schicksalsschläge steht.

Wie vergänglich ist doch der Mensch! Wie kurz ist sein Leben und wie viel Leid muss er tragen!“
Wie eine Blume blüht er für einen Augenblick auf und im nächsten ist er verwelkt. Er verschwindet wie ein Schatten und hat keinen Bestand.

Viele haben sich schon so gefragt, die einen kranken, einen leidenden, einen alten und gebrechlichen Menschen in der letzten Phase seines Lebens begleitet haben. Man sitzt daneben, will helfen, aber hat das Gefühl, dass man so wenig tun kann. Oft ist ein wirkliches Gespräch mit dem Gegenüber nicht mehr möglich. Wenn der Patient im Koma liegt, wenn der Geist so schwach geworden ist, dass alles Erinnern und Erkennen vergangen ist oder wenn die Medikamente so hoch dosiert werden mussten, dass die Sinne schwinden.

Man macht sich seine Gedanken und vieles kommt einem so irre vor: Die Geschäftigkeit der Menschen draußen, der Lärm, die Hetze, das Lachen und die Jagd nach Vergnügen. Die junge Generation, die meint, dass immer alles Spaß machen muss. Das Gieren nach Geld und Gewinn. Man fragt sich dann schon: Wozu? Wenn das stimmt, was Hiob hier behauptet: Du bestimmst die Lebensdauer eines Menschen. Du legst fest, wie viele Tage und Monate er hat und schenkst ihm nicht eine Minute mehr. Keine Minute kannst du dir kaufen.

Hiob, in der Mitte des Alten Testaments steht für alle, die so leidgeprüft sind und unter Last ihres Schicksals zu zerbrechen drohen. Alles hatte er verloren, dieser einstmals wohlhabende, gesunde, erfolgreiche und zufriedene Patriarch. Zuerst wurden seine großen Viehherden, eine nach der anderen, von feindlichen Horden geraubt, er verlor damit seinen ganzen Besitz und Reichtum. Dann kamen alle seine Kinder in einem einstürzenden Gebäude ums Leben. Nicht genug damit, zuletzt büßt Hiob auch noch seine Gesundheit ein. Er wird schwer krank. Eitrige Geschwüre bedecken seinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Aus Hiob, dem Erfolgsmann ist Hiob, der Leidensmann geworden.

Hiob, ein Einzelschicksal? Leider nein. Immer wieder geraten Menschen in solche Situationen. Familie bricht auseinander, Ehe geht kaputt, die Firma macht Pleite oder der Arbeitsplatz geht verloren und dann auch noch eine schlimme Diagnose vom Arzt. Das eigene Leben oder das eines nahen Angehörigen von schwerer Krankheit bedroht. Und keine Rettung in Sicht.

Und plötzlich fühlt man sich ganz einsam und verlassen. Von Menschen und von Gott. Viele alte Freunde und Bekannte lassen sich nicht mehr sehn. Sie weichen dem geballten Leid lieber aus. Da weiß man ja gar nicht, was man sagen soll! Und manche andere kommen mit schnellen Erklärungen und frommen Sprüchen. Oder mit Ratschlägen, die es einem auch nicht leichter machen. „Ihr habt leicht reden!“, denkt man dann. Ihr steckt ja nicht so im Schlammassel, wie ich.

Auch Hiob erlebt das. Seine Freunde, Eliphas, Bildad und Zophar besuchen ihn mehrmals und reden auf ihn ein, lange und mit klugen Worten. Auch sie haben Ratschläge und Erklärungen für Hiob, die ihm nicht wirklich helfen. – Und Gott? – Gott schweigt. – Dabei war Hiob doch immer ein frommer und gläubiger Mann, dem man nun wirklich nichts vorwerfen konnte. Selbst in den Augen Gottes erscheint sein Lebenswandel tadellos. Ja, darf es ihm denn dann schlecht gehen? Ist es nicht ungerecht, wenn gerade er so viel Leid erfährt?

So einfach, wie wir uns das oft vorstellen, ist das offensichtlich nicht: Guter Mensch, schönes Leben, glücklich und gesund. Schlechter Mensch, schweres Leben, Krankheit und Kummer. So, denken viele, müsste Gott es machen. Aber er macht es anders. Gott hat oft andere Pläne, andere Wege, eine andere Sicht. Und Glaube muss sich im Feuer des Leids und der Anfechtung bewähren. Manche Lebenswege führen durch anscheinend gottverlassene Wüsten. Das passt nicht ins Welt- und Gottesbild eines Schönwetter-Christentums?

Viele schlagen Gott dann schnell ins Gesicht, wenn er sie durch Tiefen führt. Anders Hiob. Er nimmt seine Schicksalsschläge zunächst mit bewundernswertem Glauben und tiefer Demut an. Nach jeder Hiobsbotschaft, die ihn erreicht atmet er tief durch und sagt schweren Herzens (Hiob 1,21): Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt. Mein Gott hat es mir einmal geschenkt, ich durfte es lange haben, jetzt hat er es mir wieder weggenommen. Habe ich das Recht darüber zu zürnen?

Selbst als Hiob schon schwer von Krankheit gezeichnet ist und seine Frau ihm rät dem Glauben abzusagen, ist Hiob noch standhaft und antwortet ihr (Hiob 2,10): Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? Was ist das für ein Glaube, der immer nur die Hand aufhält, nehmen und haben will und wenn er mal was hergeben muss, wenn er viel hergeben muss, seinem Gott kündigt?

Nein, so will Hiob das nicht machen. Aber dann dauert es doch sehr lang und tut sehr weh und hört einfach nicht auf und wird nicht besser. Das finstere Tal scheint keinen Ausgang zu haben. Und schließlich geht auch dem Hiob langsam die Glaubenskraft aus. Zu hart erscheint ihm Gott. Er klagt an: Was ist das für ein Spiel, das du, Gott, mit mir treibst? Ich hab doch gar keine Chance! Ich bin doch nur ein Mensch! Ein Nichts vor dir und noch dazu voller Fehler! Von Geburt an sind wir mit Schuld beladen und bringen nichts Gutes zustande, keiner von uns! (Vers 4)

Es ist schon erstaunlich, obwohl Hiob selbst von Gott für seinen Lebenswandel gelobt wird, hält er doch von sich selbst nicht viel. Er beruft sich nicht auf seine guten Taten und seinen Glauben, sondern weiß um seine Fehler und Sünden: Da ist doch keiner in Ordnung vor dir, Gott, sagt er. Da hat keiner Grund sich zu rühmen. Aber wir haben doch auch gar keine Chance! Du bist Gott, der Allmächtige, der Ewige. Wir sind nur Menschen. Wir werden geboren ohne gefragt zu werden, ob wir das wollen oder nicht. Und dann rast unser Leben dahin. Es dauert, wenn man so zurückblickt doch eigentlich nur kurze Zeit und die ist voller Unruhe und vieles ist mühsam.

Was für eine Erkenntnis hat dieser Mann des Altertums! Viel mehr als die meisten Menschen heute. Wir denken, dass das Leben damals beschaulich und ruhig war. Damals in einer Zeit ohne Uhren und Terminkalender, nur zu Fuß unterwegs oder gemächlich schaukelnd auf dem Rücken eines Kamels oder Esels. Angepasst an den Tages- und Jahreslauf der Natur. – Und doch, so empfindet es Hiob, auch damals schon voller Unruhe und Mühe. Weil der Mensch ohne Gott immer voller Unruhe ist und rastlos auf der Suche.

Hiob sagt einige Kapitel weiter mitten aus seiner verzweifelten Lage heraus, trotzig sich an Gott klammernd: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben. Ein prophetisches Wort lange bevor der Erlöser, Jesus Christus an sein Kreuz gegangen ist, um unser Kreuz zu tragen. Wie viel mehr dürfen wir nach Golgatha, Ostern, Pfingsten diese Gewissheit festhalten: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Aber das kann nur so sagen, wer nicht nur um seine Schuld vor Gott weiß, sondern wer auch um die Vergebung seiner Sünden durch Jesus Christus weiß.

In der Kirche von Annaberg-Buchholz, am Rand des Erzgebirges sind an der Emporenbrüstung die Lebensalter des Menschen auf Bildtafeln dargestellt. Auf der einen Seite die des Mannes, gegenüber die der Frau. Vom Knaben zum jungen Mann und ein Jahrzehnt nach dem anderen bis zum gebeugten Greis neben dem schon der Sensenmann bereit steht. Ebenso gegenüber vom Mädchen über die junge Frau durch die Jahrzehnte bis zur Uralten am Stock.

Und wenn man davor steht, fragt man sich: Wo ist mein Bild? Wo stehe ich? Wie viel Zeit bleibt mir noch? Im besten Fall, nach menschlichem Ermessen, nach der statistischen Lebenserwartung. Das wollten die Künstler und Erbauer dieser Kirche wahrscheinlich, dass die Gottesdienstbesucher sich besinnen auf ihrer rastlosen Fahrt durchs Leben. Und dass sie sich fragen: Leb ich richtig? Nütze ich meine Zeit? Bin ich dankbar, wenn’s mir gut geht und wenn ich keine Hiobsbotschaften erhalte? Dass wir erkennen: „Jetzt ist die Zeit der Gnade, heute ist der Tag de Heils!“ (2.Kor. 6,2, Wochenspruch)

Hiob wurde durch das erfahrene Leid herausgerissen aus einer Erfolgsstory und aus seiner Lebensunruhe. Er sitzt nicht mehr in seinem großen Zelt und zählt sein Gold, sondern er sitzt in der Asche, schabt seine Geschwüre Und er muss neben seinen Schmerzen auch noch die schlauen Reden seiner Freunde ertragen. Er ringt mit Gott. Vielleicht merkt er erst jetzt in seinem Elend, wie gut es ihm früher ging und wie groß sein Glück noch vor kurzem war. Erst jetzt denkt er über sein Leben und über Gott nach und seine Gebete sind keine frommen Gewohnheiten mehr, sondern Hilfeschreie, ehrlich und von Herzen.

Gott hat den Hiob ins Visier genommen und sieht genau hin. Er stellt in Frage, was dem Hiob bisher so wichtig war und worauf er sein Lebensglück gegründet hatte: Den Reichtum, die Familie, die Gesundheit. Damals wie heute für viele Lebensbasis. Besitz, Familie, Gesundheit. Aber Gott macht dem Hiob klar: Leben ist mehr! Es verliert seinen Wert nicht mit diesen Gaben. Es ist Geschenk für sich. Und der Mensch, der das alles verliert, hat am Ende immer noch Gott. Nur wenn er den loslässt, hat er gar nichts mehr.

Schau doch mal weg von mir! Lass mich in Ruhe, Gott! Ich halte deine Blicke nicht mehr aus! Hiob klagt in dieser schweren Prüfung. Er ringt mit Gott, aber er lässt ihn nicht los.

Und
wenn du mir alles nimmst, weiß ich doch, dass du meine
Rettung, mein Leben und meine Zukunft bist!

Hiob wird schließlich wieder gesund, bekommt wieder Kinder, wird wieder reich. Reicher als vorher. Aber es bedeutet ihm nicht mehr so viel. Er weiß, dass das nicht das Wichtigste ist. Gott hat ihn geprüft im Feuer des Leids. Das hat aber sein Vertrauen zu Gott nicht zerstört, sondern gefestigt, denn so wie in den schweren Stunden, hat er früher Gott nicht gesucht.

Hiob ist auch für uns ganz wichtig. Reichtum, Familie, Gesundheit als Gaben und Geschenke Gottes zu verstehen, aber nicht unser Leben und unseren Glauben davon abhängig zu machen. Hiob holt Schwärmer und Fantasten auf den Boden der Realität zurück: Nein, Kinder Gottes müssen nicht immer nur Glück und Erfolg haben. Sie bleiben auch in Leid und Verlust, in Schmerz und Verzweiflung Kinder Gottes, die er nicht fallen lässt.

Hiob ist für uns auch Trost und Hoffnung, selbst in tiefsten Tiefen, denn der Herr hat auch diesen Hiob wieder herausgeholt aus Traurigkeit und Leid, hat ihm wieder Freude geschenkt und Lebensmut. Herr, lass auch uns im Leid nicht los. Du bist doch unser Erlöser und lebendiger Gott! Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168