Wie vergänglich ist der Mensch! – Wie kurz sind seine Jahre!

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Drittletzter So. des Kirchenjahres 11.11.2018, Hiob 14, 1-6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, schenk deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt heute ist aus dem 14. Kapitel des Buches Hiob. Nach schweren Schicksalsschlägen und dem Verlust seines Besitzes wurde Hiob, der ehemals reiche Guts- und Herdenbesitzer auch noch schwer krank und litt unter starken Schmerzen. In dieser Zeit besuchen ihn drei Freunde, Bildad, Zofar und Elifas. Zunächst sitzen sie sieben Tage und sieben Nächte schweigend bei Hiob. Dann versucht sich einer nach dem anderen mit Erklärungen, die zum Teil wenig einfühlsam und gar nicht tröstlich sind und dem Leidgeprüften nicht wirklich helfen. Unser Predigttext ist Teil einer Antwort, die Hiob einem von ihnen, dem Zofar, gibt.

Hiob denkt darin über das Leben nach und richtet seine Gedanken dabei nicht nur an den Freund, sondern auch an Gott:

Wie vergänglich ist der Mensch! Wie kurz sind seine Jahre! Wie mühsam ist sein Leben! Er blüht auf wie eine Blume und verwelkt; er verschwindet wie ein Schatten und fort ist er! – Und doch verlierst du (Gott) ihn nicht aus den Augen und stellst ihn vor dein Gericht! Von Geburt an sind wir mit Schuld belastet und bringen nichts Gutes zustande, keiner von uns! Die Jahre eines jeden Menschen sind gezählt; die Dauer seines Lebens hast du festgelegt. Du hast ihm eine Grenze gesetzt, die er nicht überschreiten kann. So schau jetzt weg von ihm, damit er Ruhe hat und seines Lebens noch froh wird, wie ein Arbeiter am Feierabend.

Konfirmationsjubiläum in der kleinen Dorfkirche von Alfalter im unteren Pegnitztal nahe Hersbruck. Alle 150 Plätze des Kirchleins bis hinauf zur 2. Empore, wo man stehend mit dem Kopf die Decke berührt, sind besetzt. Vorn im Altarraum unter dem dicken Wehrturm sitzen auf Stühlen die Jubilare mit den zwei „Grünen“ Konfirmanden, die erst ein paar Wochen vorher hier konfirmiert wurden. Ein blonder Junge mit einem Milchgesicht, fast noch ein Kind und ein Mädchen, fast schon eine junge Frau mit langen braunen Haaren, die über ihre schmalen Schultern herabfallen.

Daneben drei „Silberne“, noch keine vierzig Jahre alt. Ein Mann und zwei Frauen in den besten Jahren, mitten in Beruf und Familie. Dann die vier „Goldenen“ an der Schnittstelle zwischen Arbeitsleben und Ruhestand. Die beiden Männer schon ziemlich ergraut, bei den Frauen kein graues Haar – wie die das nur machen – ? Doch Statur und Gesichter verraten, dass auch sie den Sechzigsten schon hinter sich haben.

An der dritten Seite des Vierecks sitzen die beiden „Diamantenen“, fast ein dreiviertel Jahrhundert alten und dann noch eine „Gnadenkonfirmandin“ mit ihren 84 Jahren die älteste Teilnehmerin des Konfirmationsjubiläums. Von den „Eisernen mit fast Achtzig war niemand mehr dabei.

Die vierte Seite dieses kleinen Quadrats bildete der Altar. Ein anschauliches Bild unseres menschlichen Lebens und der vergehenden Zeit. Vom gerade zum Erwachsenen heranreifenden Jugendlichen über die Generation, die für ein stetig wachsendes Bruttosozialprodukt sorgt und die Rentner, die noch einiges vorhaben, bis zur Greisin, die nur noch wenige Jahre vor sich haben dürfte.

Wie vergänglich ist der Mensch! – Wie kurz sind seine Jahre! – Wie mühsam ist sein Leben! – Er blüht auf wie eine Blume und verwelkt; er verschwindet wie ein Schatten und fort ist er! So beschreibt Hiob das Bild.

Als ich so einen Gottesdienst dort zum ersten Mal vorzubereiten hatte, dachte ich mir: Wie soll das gehen? Wer ist denn da die Zielgruppe? Wen redest du denn da an? Die Jungen? Die in der Mitte, die Älteren, die Alten? Oder all die anderen, die sich im Kirchenschiff und auf den Emporen zusammendrängen? Die haben doch alle eine ganz unterschiedliche Lebenswirklichkeit und Sicht des Lebens. Verschiedene Hoffnungen und Erwartungen, unterschiedliche Lebenswege. Manche auf der Sonnenseite des Lebens, gesund und finanziell abgesichert. – Andere mit bitteren Erfahrungen, Krankheits- und Trennungsgeschichten, Karriereknick, beruflich erfolglos. Die einen in eine halbwegs glückliche Familie eingebunden, die anderen haben nie den „Richtigen“ gefunden oder sich von der „Falschen“ längst getrennt.

So viele verschiedene Lebensschicksale! – Auch unter uns! – Zufriedene und Unzufriedene, Erfolgreiche und Enttäuschte, Dankbare und Verbitterte. Das Leben hat so viele Facetten, ein Lebensweg kann so unterschiedliche Phasen haben.

Hiob hat sie kennengelernt und genossen, die Zeiten von Erfolg und Anerkennung, von Familienglück und Unternehmerstolz. Und er hat seinen Wohlstand, seine großen Herden und Ländereien Gott gedankt. Er war nie kleinlich mit seinen Spenden und hat stets die sozial Schwachen unterstützt. Trotz seines Reichtums und Ansehens hat er Gott nie vergessen. Das kann ihm keiner vorwerfen.

Doch dann begann eines Tages, wie aus heiterem Himmel, die andere Seite des Lebens für ihn. Eine „Hiobsbotschaft“ jagte die andere. Wirtschaftlicher Totalverlust, auch ohne Börsencrash. Herden weg, Mitarbeiter weg, Kinder tot und als ob das nicht schon genug wäre, folgte dann auch noch der gesundheitliche Zusammenbruch. Nichts blieb ihm erspart. Schmerzen ohne Ende, schlaflose Nächte, kein Arzt weiß Rat, keine Therapie kann helfen. Und dazu noch der soziale Abstieg. Die Blicke der Leute. Die Reden der Freunde. – Jeder weiß was, aber keiner kann sich vorstellen, wie es dem Hiob wirklich geht und wie es in ihm aussieht.

Hiob klammert sich verzweifelt an Gott. Er will nicht aufgeben und wäre doch lieber tot als in einem solchen Zustand. Seine Gedanken sind eigentlich Gebete, Zwiesprache mit Gott. Er grübelt über die Gründe. Er forscht in seinem Gewissen. Er weiß schon, dass bei allem guten Willen doch so manches nicht gut war in seiner Vergangenheit und ihm ist klar, dass unser Leben vor Gott da liegt wie ein offenes Buch. Der Mensch versucht zwar oft, Gott nur die Schokoladenseite zu zeigen, aber er ahnt doch, dass der auch die Abgründe unserer Seele kennt. Es gibt keine Geheimnisse vor Gott. Hiob weiß:

Du (Gott) verlierst ihn (den Menschen) nicht aus den Augen und stellst ihn vor dein Gericht! Und –

Von Geburt an sind wir mit Schuld belastet und bringen nichts Gutes zustande, keiner von uns!

Hiob spürt die Grenzen eines Menschenlebens. Vergangene Jahre kommen nicht wieder. Psychologen sagen, die gefühlte Lebensmitte eines Menschen liegt etwa bei zwanzig Jahren. Was davor war fühlt sich etwa so lang an, wie das, was dann noch kommt bis zum 80. oder 90. Geburtstag. Zeit wird nicht so gleichmäßig erlebt, wie die Physiker sie definieren. Lebenszeit ist gefühlt ein andauernder Beschleunigungsvorgang. Die Geschwindigkeit nimmt stetig zu. Immer schneller scheinen die Geburtstage aufeinander zu folgen.

Da sitzen sich nun die Jungen und die Alten in der Dorfkirche von Alfalter gegenüber und sehen sich an: „Mensch sind die alt!“, denken die Jungen und kommen gar nicht auf die Idee, dass sie da gerade in ihre eigene Zukunft blicken. Und die Alten schauen auf die Jugendlichen und ihnen geht der Gedanke durch den Kopf: „War das nicht erst vor kurzer Zeit, dass ich so jung da saß?“

Diese Hiobsgeschichte aus dem Alten Testament ist eine sehr lebendige und aktuelle Geschichte. Sie muss jeden, der den Mut hat, sich ihr zu stellen, zum Nachdenken über das eigene Leben bringen: Wo stehe ich? Und: Wie sieht wohl Gott mein Leben? Er sieht ja alles, nicht nur die Fassade, die wir pflegen. Er hat auch Zugang zu den unaufgeräumten Bereichen. Für ihn sind auch die dunklen Kammern im Keller und unterm Dach zugänglich. Hypotheken, Schimmel/Schummel und Dreck. Alte ungeklärte Geschichten, unausgesprochene Entschuldigungen, versäumte Gelegenheiten.

Wie gehen wir damit um? Was ist zu tun? – Wenn verbergen nicht möglich ist, verdrängen nichts bringt und weglaufen nicht gelingt, dann kann doch nur eines Sinn machen: Offen damit umgehen! Zu Gott sagen: Ja, du hast recht! Mein Leben ist nicht so sauber, so gerecht, so ehrlich, so liebevoll, wie es sein sollte. Ich bleibe nicht nur hinter deinen Erwartungen zurück, sondern auch hinter meinen eigenen. Wenn es mir gut geht und alles läuft, dann mach ich mir darüber keine Gedanken, aber wenn Pläne scheitern, wenn der Erfolg ausbleibt, wenn ich mich nachts schlaflos hin und her wälze, dann frage ich nach dir und dann steht mir meine Schuld vor Augen. Das kannst nur du, mein Gott, ändern.

Mitten im Buch Hiob, im 19. Kapitel, steht der Schlüssel, der aus dem tiefen dunklen Keller befreit: Hiob stellt mit trotzigem Glauben und verzweifelter Gewissheit fest und wirft es seinen ach so klug daherredenden Freunden entgegen (19, 25-27): Was wollt ihr denn? – Ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.“

Darauf kommt es an, dass wir im Glauben damit die Zukunft aufschließen: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Es ist einer da der löst mich von allem, was mich bedrückt, belastet, bindet und bedroht. Mein Erlöser! Wenn schon Hiob im Alten Testament das sagen kann, wie viel mehr müssten wir das wissen, wenn wir das Kreuz vor Augen haben und an Jesus Christus denken. – Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!

Gott wollte uns diese Gewissheit leichter machen, als er uns Jesus in die Krippe legte und uns die Evangelien übermitteln ließ. Und als er Martin Luther den Auftrag gab, sie in unsere Muttersprache zu übersetzen. Da wollte er uns genau das sagen: Du darfst und du sollst wissen, dass dein Erlöser lebt! – Wie es dir auch geht, wie du dich auch fühlst, wie schwer man es dir auch macht: Dein Erlöser lebt! Du musst nicht verzweifeln und nicht alles allein bewältigen.

Jesus hat die Erlösung für alle Menschen geöffnet. Er holt uns aus dem Wiesenblumendasein heraus, das nur einen Sommer kennt. – Gewachsen, aufgeblüht, verwelkt, verdorrt und abgestorben. – Gott will mehr für uns. Leben durch Erlösung. Zukunft durch Jesus. Auch in dunklen Stunden. Selbst in Krankenbetten und an Gräbern.

Und das hat Folgen im Alltag: Wer weiß, dass sein Erlöser lebt, kann unaufgeregt in den Spiegel schauen. Wenn da die Spuren der Vergänglichkeit von Jahr zu Jahr deutlicher erkennbar sind. Ist das nicht das Zeichen des nahenden Endes, sondern der näher rückenden Erlösung.

Wenn wir wirklich mit unserem Erlöser rechnen, müssen wir nicht der Vergangenheit nachtrauern, sondern dürfen uns auf eine wunderbare Zukunft freuen. Jesus sagt: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.

Die gute Nachricht ist keine Nachricht von der Abschaffung des Gerichts, sondern von der Erlösung aus dem Gericht durch Jesus, den Sohn Gottes. Das ist nicht schwer und kompliziert, sondern klar und einfach. Eine alte Frau, die sehr unter Vergesslichkeit litt, kam immer wieder zu ihrer Seelsorgerin und fragte: Wie soll ich beten? Ich hab’s schon wieder vergessen. Die Gefragte antwortete: Bete nur: Herr Jesus, ich danke dir, dass du mich erlöst hast und ans Ziel bringst.

Wer die Erlösung durch Jesus und sein Kreuz annimmt, muss auch nichts mehr verbergen, verdrängen und beschönigen. Jesus hat sein Blut vergossen für unsere Sünden. Was da auch gewesen sein mag an übertretenen Geboten, an Lüge, Unreinheit, Lieblosigkeit und Gemeinheit. Wir dürfen es bei Jesus abgeben und er löst uns von unserer Schuld und vom schlechten Gewissen.

Zu dieser Erlösung gehört auch, dass Gott uns in Tiefen und Krisen hilft und uns auch die nötige Kraft schenkt, die gegenwärtige Last zu tragen.

Fürchte dich nicht, so spricht der Herr, ich habe dich erlöst. Ich rief dich mit Namen. Gib du mir dein Amen, denn du bist mein. In Sorge und Trauer bin ich eine Mauer, die dich umgibt. Wenn auch ein Feuer um dich brennt, bringt dich die Glut nicht um. Im Sturm und im Wetter bin ich dein Erretter und der dich liebt. Ich bin erlöst, die Liebe macht mich frei.

Ich bin erlöst, mein Leben wurde neu durch ihn, durch ihn.

(Text Johannes Jourdan)

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168