Wie sich Gottes Liebe zeigt
Zur PDFPfingsten, 24.05.2015, Johannes 14, 23 – 27
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Wir wollen in der Stille, jeder für sich, um den Segen für diese Predigt bitten.
… Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören.
Unser Schriftwort für die Predigt steht im Evangelium des Johannes im 14. Kapitel (Verse 23-27) Jesus sagt zu den Jüngern: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Ich sage euch dies alles, solange ich noch bei euch bin. Der Heilige Geist, den euch der Vater an meiner Stelle senden wird, wird euch an all das erinnern, was ich euch gesagt habe und ihr werdet es verstehen. Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Von diesen Versen aus den Abschiedsreden des Herrn Jesus geht eine besondere Kraft, ein großer Frieden aus: Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Wer auf Jesus hört muss nicht in ängstlich, unruhig und friedlos leben, sondern darf getrost und geborgen sein. Den umgibt Gottes wunderbarer Frieden, der hat den Tröster, den Beistand Gottes, den Heiligen Geist stets in seiner Nähe.
Diese Zeilen enthalten ganz klare und wichtige Aussagen über den Glauben und das Verhältnis zu Gott. Aus den ersten Kapiteln des Johannesevangeliums wissen wir: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. – Gottes große Liebe zu uns ist sein Motiv. – Es ist eine Liebe, die unsere Gegenliebe wecken und unser Verhalten verändern will. Das Christentum ist keine Gesetzesreligion, in der hauptsächlich das Einhalten von Vorschriften und das Abhalten von Riten zählt, sondern eine Liebesreligion, in der es um das Verhalten gegenüber Gott und Menschen geht. Am Anfang steht Gottes Liebe zu uns. Vorbehaltlos, bedingungslos, aber nicht absichtslos. Gottes Liebe will unsere Liebe wecken. Von ihr entzündet und genährt kann bei uns Liebe zu Gott und Menschen wachsen. Sie lebt in der Liebe zu Jesus und im Hören auf sein Wort.
Keine Frage, wer liebt, hört auf die Worte dessen, den er liebt und nimmt sie sich zu Herzen. – Ja, wer wirklich liebt, der wartet auf Worte des Geliebten und richtet sich danach. Die Zeilen eines Liebesbriefes liest man nicht nur einmal. Man überfliegt sie nicht nur gedankenlos oder oberflächlich und vergisst sie dann, sondern man nimmt sie begierig, sehnsüchtig, erwartungsvoll in sich auf. Es ist einem ein Anliegen, das zu tun, was dem Menschen, den man liebt gefällt: So betont das auch Jesus in diesen Sätzen: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
Stellen Sie sich das vor. Gottes Liebe zu uns ist so groß, dass er mit uns zusammen sein, bei uns wohnen möchte. Liebende möchten immer zusammen sein. Von morgens bis abends und von abends bis zum Morgen. „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu…“ Die Liebe zu Gott geschieht nicht durch eine einmalige Handlung bei der Konfirmation, auch nicht durch den jährlichen Gottesdienstbesuch an Weihnachten. – Was wäre das für eine schwache Liebe, die sich damit zufrieden gibt: Einmal im Jahr eine flüchtige Begegnung.
Liebe sucht ständige Nähe. Liebe will Leben teilen: Lachen, Weinen, Schmerzen, Freuden. Liebe sucht die Begegnung und das Gespräch. Sie hört zu und sie teilt sich mit. So ist das doch schon zwischen Menschen, die sich wirklich lieben. Zwischen Frau und Mann, zwischen Eltern und Kindern. Liebe ist mehr als Freundschaft oder geteiltes Interesse für eine bestimmte Sache.
Im Fußballstadion muss ich den nicht lieben, der neben mir steht und mit mir schreit oder über ein Tor jubelt. Auch im Konzert oder im Schachclub, den der das auch gerne tut, was ich mag. Von Gott geliebt sein und Jesus lieben, ist viel mehr und geht viel tiefer. Das beeinflusst mein Denken und meine Entscheidungen. Und wenn es das nicht tut, ist Gottes Liebe nicht angenommen und meine Liebe zu ihm nicht wirklich echt.
Jesus versichert hier seinen Jüngern. So ist das auch zwischen Gott dem Vater und Euch, zwischen mir und Euch. An meinem Leben und Sterben könnt ihr erkennen, wie groß die Liebe des Vaters zu euch, wie groß meine Liebe zu euch ist.
Unter Menschen nimmt die Liebe Schaden, wenn man nicht mehr miteinander redet, wenn man nicht mehr mitteilt, was man erlebt hat, was einen freut oder bekümmert. Das ist dann meist der Anfang vom Ende. Vom Ende, an dem es dann heißt: Wir haben uns auseinandergelebt. Wir haben uns nichts mehr zu sagen. So ist auch die Trennung von Gott. Wenn man nicht mehr nach ihm fragt und sein Leben lebt, egal, ob es Gott gefallen kann oder nicht. Wenn man ihm nichts mehr zu sagen hat und nicht mehr auf das hört, was er sagt. Wenn einen die Liebe Gottes kalt lässt. –
Der Geist Gottes will das verhindern. Er erinnert, klopft an, ruft, wirbt und sendet Botschaften.
Ein Pfarrer war unterwegs um Hausbesuche zu machen. Er klingelte an der Haustür eines Mehrfamilienhauses. Durch die Sprechanlage hört man eine knarrende Stimme: Bist Du es Engelchen? – Der Pfarrer zögerte einen kurzen Moment und antwortete dann: Nicht direkt, aber ich bin von der gleichen Firma.
Da wurde ein geliebter Mensch erwartet. „Engelchen!“ Wer mich lieb hat, muss aus einer himmlischen Welt sein. Den erwarte ich, dem öffne ich. Die Tür, das Herz, meine Gedanken. Wer mich liebt, dem möchte ich auch mit Liebe begegnen. Was für eine Liebe und Freundlichkeit erfüllt die Wohngemeinschaft, in der Jesus dabei ist! „Dir öffn ich, Jesu, meine Tür, ach komm und wohne du bei mir“ (EG 389,2)
Es sind viele unserer Lieder, die diesen Wunsch aussprechen: Gott ist gegenwärtig (165, 8): Herr komm in mir wohnen… (EG 1, 5) Komm, o mein Heiland, Jesus Christ, meins Herzens Tür dir offen ist, ach zieh mit deiner Gnade ein…
Aber viele singen das nicht mehr. Und die meisten würden gar nicht so beten: Gott, zieh doch ein bei mir! Jesus, komm bei mir wohnen! – Bei den meisten Leuten ist es doch so: Wenn sich Besuch ankündigt, dann kriegen sie erst mal einen Schreck! Ups! Ich kann doch da unmöglich jemanden empfangen. So wie es gerade bei mir ausschaut! Ziemlich dreckig! Nicht aufgeräumt! Berge von Schmutz- und Bügelwäsche! Die Fenster nicht geputzt, alles unter einer Staubschicht…
Ganz am Anfang unserer Ehe hatten wir da mal so ein Erlebnis: Samstagvormittag. Wir hatten länger geschlafen, spät gefrühstückt, nichts war aufgeräumt. Da klingelt es so gegen 11 Uhr. Die Tür ist noch zugesperrt. Wir schauen aus dem Fenster im 2. Stock. Es steht eine entfernte Verwandte unten und will uns mal besuchen, um zu sehen, ie wir wohnen. Können Sie sich das vorstellen?
Meine Frau ist die Treppe runter um aufzusperren und ein bisschen Zeit zu gewinnen. Ich hab versucht, im Schnellverfahren etwas aufzuräumen. Wie man das halt so macht: Schranktür auf und schnell alles reingestopft. Da gibt’s dann so Orte, die schnell erreichbar sind und einiges verbergen: Hinter dem Sofa, unter dem Bett, auf dem Schrank. Waren wir froh, als die gute Frau wieder weg war… Nein, wir hätten nicht gewollt, dass sie bei uns einzieht oder nur als Gast bleibt.
Vielleicht wollen wir ja gar nicht, dass Gott bei uns ganz einzieht, dass Jesus in unsere Herz hineinschaut, weil es da so ausschaut: Schmutzige Gedanken, nichts in Ordnung, alles durcheinander. Die Fassade ist schön und glänzend, aber dahinter sieht es dunkel aus. Die Schranktüre macht einen ordentlichen Eindruck, aber mach bloß nicht auf, sonst kommt dir alles entgegen. In der Kirche die heile Familie, die intakte Ehe, aber vorher und hinter dicke Luft, unschöne Szenen harte Worte oder gar keine.
Denken wir noch einmal an das Pfingstgeschehen. Da bekommen die Menschen, die die Predigt des Petrus hören auch zuerst einen großen Schrecken: Wenn Gott so nah, so wirklich ist, wenn Jesus tatsächlich auferstanden ist und lebt, dann passe ich ja gar nicht zu ihm, so wie ich bin und mich verhalte. Die Apostelgeschichte beschreibt die Reaktion der vielen Zuhörenden: „Als sie das hörten, da ging‘s ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“
So geht es doch jedem, der zum ersten Mal wirklich damit rechnet, dass Gott heilig und lebendig ist und dass man ihm nichts vormachen kann. Da geht es einem durchs Herz. – Wenn Gott mich so sieht, wie ich wirklich bin. Wenn er meine Gedanken kennt, meine Lieblosigkeit, mein nachtragendes neidisches empfindliches Wesen, muss er sich doch sofort abwenden von mir. Dann wird er sagen: Nein, Danke! Bei dem zieh ich bestimmt nicht ein! Da nehm‘ ich keine Wohnung.
Das würden wir erwarten, aber Liebe reagiert anders. Die Liebe, die Jesus zu uns hat, lässt ihn ganz anders handeln und denken: Er zieht doch ein, wenn wir ihn lassen und räumt auf, wenn wir ihn darum bitten. Er reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Er macht alles neu! Das ist Pfingsten. Heiliger Geist ist ehrlicher Geist, liebevoller Geist, vergebender Geist. Erneuernder Geist.
An Pfingsten hat Petrus den erschrocken Fragenden geantwortet: Tut Buße und ein jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. – Getauft sind wohl die meisten von uns auf den Namen Jesu. Dadurch haben wir Zugang zu der Gnade. Wir dürfen, wie Martin Luther es für jeden Christen empfiehlt, durch tägliche Reue und Buße Vergebung erbitten und empfangen.
Pfarrer Wilhelm Busch hat es einmal so zu erklären versucht: „Da war einmal ein Haus. Das war verwahrlost und schmutzig. Eines Tages kaufte es ein vermögender Mann. Die Nachbarn merkten das zunächst daran, dass Maurer, Maler und Gärtner kamen und eine große Umgestaltung begannen.
Es war klar, wenn der Mann hier einziehen wollte, konnte das Haus nicht so bleiben, wie es war. – Wenn der Mann einziehen will, dem alle Gewalt gegeben ist, im Himmel und auf der Erde, dann können Herz und Leben nicht bleiben, wie sie sind.
Jesus drückt das so aus: … der wird mein Wort halten. Der wird im Wort Gottes nach dem Willen Gottes forschen und ihn tun. – Allerdings“, so Pfr. Busch am Ende seiner Gedanken, „Die Hauptfrage ist ja, ob wir überhaupt wollen, dass Gott in Jesus durch den Heiligen Geist bei uns Wohnung nimmt; ob wir ihn lieben.“
Das ist wirklich die alles entscheidende Frage, ob wir tatsächlich wollen, dass der Geist Gottes etwas an unserem Leben verändert. Wollen wir im Geist und Sinn des Herrn Jesus leben, lieben, vergeben, wiedersprechen, wenn es sein muss, bekennen, wo es nötig ist, dienen, wo wir gebraucht werden? Willst Du das wirklich? Will ich das wirklich?
Nur dann wird etwas geschehen und verändert werden im Sinn Gottes, wenn wir bereit sind uns von der Liebe und dem Geist Gottes umgestalten zu lassen. Nur durch ihn wird Frieden in uns und um uns. Wir dürfen darum bitten. Jesus wartet dabei. Der Geist Gottes ist uns Helfer, Tröster und Beistand.
Geist des Glaubens und der Stärke
Des Gehorsams und der Zucht
Schöpfer aller Gotteswerke,
Träger aller Himmelsfrucht,
Geist, du Geist der heilgen Männer,
Kön’ge und Prophetenschar,
der Apostel und Bekenner,
auch bei uns wird offenbar.
(EG 137, 9)
Verfasser: Martin Schöppel Ó , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel. 0921/41168