Wie Paulus Menschen gewinnt

Zur PDF

2. Sonntag nach Epiphanias 15.01.2012 1.Korinther 2, 1-10

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Wir wollen in der Stille … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Vor ein paar Tagen erhielt ich per Email folgende Pressemeldung aus dem Landeskirchenamt in München:

„Die Zahl der Kirchenaustritte in der bayerischen Landeskirche ist im Jahr 2011 deutlich zurückgegangen. 16.483 Menschen sind im Jahr 2011 aus der evangelischen Kirche ausgetreten. In den drei Jahren zuvor hatten sich jeweils rund 20.000 Menschen entschieden, die Kirche zu verlassen.

Dorothea Deneke-Stoll, die Präsidentin der Landessynode, bezeichnete dies heute (11.01.2012) in München als eine „positive Entwicklung, die hoffentlich anhält und eine Trendwende markiert“. Dennoch sei der Rückgang an Austritten „kein Grund, sich zurückzulehnen“, da die 16.483 Austritte nicht annährend durch die 3.139 Kircheneintritte im gleichen Zeitraum ausgeglichen würden. Jeder Austritt sei ein Austritt zuviel, betonte Deneke-Stoll. Darum müsse in den Kirchengemeinden vor Ort „alle Aufmerksamkeit“ denen gelten, „die keine regelmäßigen Kirchgänger sind“, forderte die Synodalpräsidentin.

Dann schlug Frau Deneke-Stoll vor, die Gemeinden müssten weiter gute Ideen entwickeln, wie Werbung für die Taufe auf Neugeborenenstationen, Willkommensbriefe für Neuzugezogene und liebevolle Gestaltung von Taufen, Trauungen und Beerdigungen.

Kirche müsse deutlich machen, so Deneke-Stoll, „dass sie für alle Menschen da sein will, ohne sie zu vereinnahmen“. Die evangelische Kirche in Bayern müsse für ein zeitgemäßes, offenes Christentum stehen, gute Traditionen pflegen und gleichzeitig versuchen, „das bei manchen noch anzutreffende Image einer gewissen Altbackenheit“ loszuwerden. 

Hören wir mal hin, was der Apostel Paulus mit unserem heutigen Predigttext zu dem Thema sagt: Er schreibt in seinem 1. Brief an die Korinther im 2. Kapitel:

Ihr Lieben! Als ich zu euch kam und euch Gottes Botschaft brachte, habe ich das nicht mit hochtrabenden Worten und klugen Gedanken getan.
Ich wollte von nichts anderem sprechen als von Jesus Christus und von seinem Tod am Kreuz.
Dabei fühlte ich mich schwach und elend, war voller Angst und Furcht, was ich euch sagte und predigte, war nicht ausgeklügelte Überredungskunst, durch mich sprach Gottes Geist und wirkte seine Kraft.
Denn euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes rettende Kraft.
Dennoch erkennt jeder im Glauben gereifte Christ, wie wahr und voller Weisheit diese Botschaft ist, auch wenn diese Welt und ihre Machthaber das nicht als Weisheit gelten lassen wollen. Aber die Welt mit aller ihrer Macht wird untergehen.
Die Weisheit, die wir verkündigen, ist Gottes Weisheit. Sie bleibt ein Geheimnis und vor den Augen der Welt verborgen. Und doch hat Gott, noch ehe er die Welt schuf, in seiner Weisheit beschlossen, uns an seiner Herrlichkeit teilhaben zu lassen. Von den Herrschern dieser Welt hat das keiner erkannt. Sonst hätten sie Christus, den Herrn der Herrlichkeit nicht ans Kreuz geschlagen.
Es ist vielmehr das eingetreten, was schon der Prophet Jesaja vorausgesagt hat: „Was kein Auge jemals sah, was kein Ohr jemals hörte, und was sich kein Mensch vorstellen kann, das hält Gott für die bereit, die ihn lieben.“
Uns aber hat Gott durch den Heiligen Geist sein Geheimnis enthüllt. Denn der Geist Gottes weiß alles, er kennt auch Gottes tiefste Gedanken.
So weit Paulus.

Der Apostel Paulus entwickelt keine Ideen, sondern hält sich an die Fakten: Er wollte von nichts anderem sprechen als von Jesus Christus und von seinem Tod am Kreuz. … unser Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes rettende Kraft.

Das sind unterschiedliche Ansätze von Gemeindeaufbau. Wobei man aber nicht aus den Augen verlieren sollte, dass der Apostel Paulus mit seiner Predigt sehr erfolgreich war. Er gründete viele Gemeinden, und unter seiner Predigt vom gekreuzigten und auferstandenen Christus kamen Tausende zum Glauben. Die Predigt von Jesus, der für unsere Sünde am Kreuz bezahlt hat, der rettet, erlöst und Heil schenkt, war auch damals nicht „zeitgemäß“. Es ging dem Apostel nicht um ein „zeitgemäßes offenes Christentum“ und schon gar nicht um die Pflege guter Traditionen. Er hat den Erfolg seiner Mission nicht von menschlicher Weisheit und Überzeugungskraft erwartet, auch nicht von der Perfektion seines Auftretens, sondern von der Kraft Gottes.

Ich frage Sie: Meinen Sie wirklich, dass das heute anders ist? Müssen wir, wenn wir das Evangelium predigen und die Wahrheit des göttlichen Wortes betonen, wirklich befürchten „altbacken“ zu sein? Pfarrer Ulrich Parzany schreibt in einem Büchlein über unsere neue Jahreslosung, das von Christoph Morgner kürzlich herausgegeben wurde, was er 1993, bei der ersten ProChrist Veranstaltung mit Billy Graham erlebt hat:

„Ich entsinne mich an eine gemeinsame Autofahrt nach Suhl, wo Graham eine kurze Rede auf der Synode der EKD halten sollte. Wir sprachen über die geplanten ProChrist-Abende. Er war sich nicht sicher, ob er für Deutschland der geeignete Prediger sei. Er sei doch nur ein einfacher Bauernsohn und hätte eine einfache Botschaft zu sagen. Ich erlebte einen Mann voller Selbstzweifel.

Als dann im März 1993 die ProChrist-Abende kamen, wurde fraglich, ob Billy Graham überhaupt sprechen konnte. Seine Parkinson-Krankheit beeinträchtigte ihn sehr stark. Wir beteten und hofften, dass er abends überhaupt einigermaßen bei Kräften war. An jedem Abend war es ein Wunder, dass er stehen und predigen konnte Nachher war er kaum mehr in der Lage, sich noch zu bewegen. Die Predigten waren einfach. Theologische Besserwisser, die klügere Predigten in leeren Kirchen hielten, rümpften die Nase und kritisierten die Veranstaltung.

Eine Frau aus der Werbebranche hatte einen Kollegen eingeladen, der überhaupt nichts mit der Kirche zu tun hatte. Er kam jedoch aus Neugier mit. Die Frau war über Grahams Predigt an diesem Abend enttäuscht. Sie hielt die Ansprache für viel zu traditionell und nur für christliches Stammpublikum geeignet. Sie bereute während der Veranstaltung, dass sie ihren Kollegen eingeladen hatte.

Doch als Graham zum Ende seiner Predigt die Menschen einlud, ihr Leben Jesus Christus anzuvertrauen und ihm nachzufolgen, stand der Kollege auf und ging zum Podium. „Ich habe heute zum ersten Mal verstanden, was der christliche Glaube ist. Das will ich haben.“ So der Kommentar des kirchenfremden Zeitgenossen nach diesem Abend.

Bei der Auswertung dieser ersten Satelliten Evangelisation berichtete ein thüringischer Pfarrer, dass er seitdem 600% mehr Gottesdienstbesucher habe. Die anderen Teilnehmer zweifelten das an. Ja, meinte der, früher war immer nur die eine Frau da, die die Gemeinderäume in Ordnung hielt, nach der Übertragung von ProChrist in der Gaststätte, kamen 6 Männer in die sonntäglichen Gottesdienste, die die einfachen Predigten Grahams gehört hatten.

Es sind wohl die einfachen klaren Aussagen der Heiligen Schrift, verpackt in die persönlichen Zeugnisse von glaubwürdigen Menschen und verbunden mit dem Wirken des Heilige Geistes, die dazu führen, dass Menschen zum lebendigen Glauben kommen. Das heißt, dass sie ihr Leben Jesus Christus anvertrauen, ihn um Vergebung für ihre Sünden bitten, Vergebung annehmen und dann an der Liebe Gottes zu ihnen im Glauben festhalten.

Taufe, Religionsunterricht und Konfirmation können das nicht garantieren, sonst würden unsere Kirchen landauf, landab die Gottesdienstbesucher nicht fassen. In den letzten Jahrzehnten wurde in vielen Gemeinden versucht, zeitgemäß und offen, freundlich und liebevoll zu werben. Aber trotzdem wurden die Kirchen leerer und die Mitgliederzahlen gingen stetig zurück.

Da gibt es nämlich eine große Konkurrenz. Zeitgemäß und offen, freundlich und liebevoll werben auch die Sportvereine und die Faschingsgesellschaften, der Alpenverein, Wandervereine und Wohlfahrtsverbände. Das sei ihnen auch zugestanden. Manchmal denke ich, dass sie das besser können als die Kirche. Wir haben aber eine Botschaft, die keiner dieser Vereine hat. Wir dürfen von der Liebe Gottes reden. Die Kirche darf im Namen ihres Herrn Jesus Christus Vergebung anbieten und Hoffnung auf ewiges Leben wecken. Wir haben den Auftrag von unseren Kanzeln auf die ewige Gültigkeit der Gebote Gottes hinzuweisen, sollen als Salz der Erde auf falsche Entwicklungen aufmerksam machen, zur Umkehr auffordern und zu einem Leben das nicht nur den eigenen Gewinn und Vorteil sucht.

Die Betriebswirtschaftler würden sagen: Die Kirche muss sich wieder auf ihr Alleinstellungsmerkmal besinnen, auf das, was nur sie hat: Wort Gottes und Sakramente. Wir haben den nicht ganz ungefährlichen Auftrag den Finger in die Wunden unserer Zeit zu legen und unbequeme Mahner gegen manche zeitgemäße Entwicklung zu sein. Gegen zunehmenden Egoismus, gegen menschenverachtende Wirtschaftspraktiken und gegen den Verlust von Gottesfurcht und dem damit verbundenen Mangel an Ehrfurcht vor dem Leben.

Wir und damit meine ich nicht nur die Institution Kirche, sondern jeden, der wirklich als Christ leben will, haben die Aufgabe unseren Herrn Jesus Christus als einzigen Weg, einzige Wahrheit und einzigen Weg zum Leben zu bezeugen.

Zum lebendigen Glauben kann man nur durch das Zeugnis von Jesus Christus, dem Sohn Gottes und durch die Botschaft von seinem Kreuz kommen. Gott hätte seinem Sohn mit Sicherheit diesen schweren Weg erspart, wenn es für seine geliebten Menschen einen anderen Weg zur Seligkeit gäbe. Es muss immer zuerst jemand da sein, der Jesus als den lebendigen Heiland selbst erlebt hat und der dann aus Liebe zu Gott und den Menschen anderen davon erzählt, dass Jesus am Kreuz alle Schuld auf sich genommen hat.

Und es muss zweitens ein suchendes, offenes Gegenüber da sein. Ein Mensch der ehrlich ist, sich selbst gegenüber und der sagt: Ja, auch ich brauche diesen Retter. Ohne seine Vergebung und Erlösung bin ich verloren. Ich bin verstrickt in meiner Schuld und komme aus den Abhängigkeiten und Zwängen meines Lebens mit eigener Kraft nicht heraus. Darum will ich Jesus Christus als meinen Herrn annehmen, anbeten und ihm mein Leben anvertrauen.

Nur so kamen zu Paulus Zeiten und kommen auch heute noch Menschen zum Glauben. Es gibt keine andere Methode, keinen neueren, anderen, offeneren oder zeitgemäßeren Weg zum Glauben.

Das haben Paulus und andere Missionare und Evangelisten durch die letzten zwei Jahrtausende an sich und anderen erfahren. Martin Luther und seine Mitarbeiter der Reformation haben es wieder neu in die Mitte gerückt. Und nach ihnen gab es immer wieder treu Boten des schlichten und klaren Evangeliums. Ich könnte viele Namen aufzählen: Philipp Jakob Spener, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, August Hermann Franke, Ludwig Hofacker, Christoph Blumhardt, C. H. Spurgeon, Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Busch, der Essener Jugendpastor, Billy Graham, Ulrich Parzany und viele andere. Sie alle haben ein eindeutiges, klares, unangepasstes Evangelium verkündigt. Durch sie sind viele zum lebendigen Glauben gekommen. Sie alle hatten Kritiker und Neider, man hat sie oft auch von Seiten der Amtskirche abgelehnt und angefeindet. Aber durch sie sind viele zum Glauben gekommen.

Wenn ich es zum Schluss noch von mir selber sagen darf: Auch ich bin nicht durch den Konfirmandenunterricht, schon gar nicht durch den Religionsunterricht zum lebendigen Glauben gekommen. Eine Grundlage wurde sicher schon im Elternhaus gelegt, aber zu Jesus als meinem Herrn wurde ich durch die Jugendarbeit von Kirchenrat Preiser geführt.

Durch die Bibelarbeiten, die er auf Freizeiten und evangelistischen Veranstaltungen hielt durch seine Predigten und seine Seelsorge ist mir die Liebe Jesu groß geworden. Ohne ihn wäre ich nicht Pfarrer geworden und stünde heute nicht hier.

Nicht wenige haben ihn kritisiert und seine Arbeit abgelehnt. Aber Gott hat sich dazu bekannt und es sind viele Menschen und nicht nur junge durch seine Verkündigung zum Glauben gekommen. Und für meine Arbeit als Pfarrer und Prediger habe ich von ihm und auch von anderen, meinem Vorgänger Reinhard Schneider etwa, gelernt, dass das die entscheidenden Elemente der Verkündigung sind: Jesus Christus der Herr, mein Herr! Sein Kreuz meine Rettung, Rettung für jeden.

Warum das so ist, wird immer Gottes Geheimnis bleiben. Es ist rational, vernünftig, logisch oder philosophisch nicht erklärbar. Aber es ist so. Heute wie damals. Die Sache mit Jesus und dem Kreuz bleibt ein unbegreifliches Geheimnis. Warum Gott damals diesen Weg gewählt hat, um seine Macht zu zeigen und um Menschen zu retten, bleibt bis in die Ewigkeit sein Geheimnis. Aber bis in die Ewigkeit wird dieses Geheimnis wirksam bleiben und seine Kraft werden nur die erfahren, die sich ohne wenn und aber darauf einlassen.

Auf einem Wegkreuz bei Meran findet sich folgende Inschrift:

Gott lieben und sein Kreuz dazu, gibt der Seele tiefe Ruh. Denn ohne Lieb ist Kreuz zu schwer, und ohne Kreuz täuscht Liebe sehr.

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168