Wie kommt Gott in die Welt und was bedeutet das für uns?
Zur PDFChristfest I 2018 Johannes 1, 1-5. 8-14
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten…
An Weihnachten geht es um zwei wichtige Fragen:
- Wie kommt Gott in die Welt?
- Was hat sein Kommen für uns zu bedeuten?
Zur ersten Frage: Wie kommt Gott in die Welt? Da haben die Evangelisten verschiedene Antworten gegeben. Man könnte auch sagen, sie haben die Sache aus verschiedenen Blickwinkeln für unterschiedliche Hörer erzählt. Am Anschaulichsten und Ausführlichsten der Evangelist Lukas, wir haben seine, uns wohl vertraute Version am Heiligen Abend wieder gehört.
Matthäus liefert eine etwas nüchternere Darstellung und lässt auch die harten Sachen, wie den Kindermord von Bethlehem und die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten nicht weg. Das hört man an Weihnachten gar nicht gern. Und doch geschieht auch heute noch in den Tagen um Weihnachten Entsetzliches. (Indonesien, Tsunami) Beim Evangelisten Matthäus erscheinen die Engel nicht am Himmel über dem nächtlichen Bethlehem, sondern den Weisen und dem Josef im Schlaf mit wichtigen hilfreichen Botschaften.
Der Evangelist Markus hat sich an die Weihnachtsgeschichte überhaupt nicht herangewagt und beginnt seinen Bericht über Jesus erst dreißig Jahre später mit dem ersten öffentlichen Auftreten von Jesus.
Und die eigenartigste Version der „Weihnachtsgeschichte“, wenn man sie überhaupt so nennen kann, erzählt uns der Evangelist Johannes im ersten Kapitel seines Evangeliums. Es geht bei ihm aber genau um diese beiden Fragen: Wie kommt Gott in die Welt? Und :Was hat sein Kommen für uns zu bedeuten? Aber seine Antworten sind völlig anders, mit sehr viel theologischem Tiefgang und klingen zunächst gar nicht nach Weihnachten. Man muss sie immer wieder hören, lesen und bedenken, um ihre Tiefe vielleicht allmählich zu begreifen.
Ich lese was er schreibt: Johannes 1, 1-5.9-14:
Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Es war ein Mensch von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. Eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“
Man merkt gleich, dass der Johannes seine Version der Weihnachtsgeschichte mit etwas Abstand vom Geschehen schreibt. Die Schafe und die Engel, die Krippe und die Windeln lässt er weg. Das lenkt nur ab vom Entscheidenden. Johannes will Zusammenhänge zeigen: Merkt ihr es nicht? Da steht die ganze Schöpfungsgeschichte im Hintergrund. Der über das ganze All mächtige Gott lässt eine atemberaubende Geschichte mit dieser Erde geschehen. Er will das Projekt Mensch, das schon fast gescheitert ist, unbedingt noch retten. Darum wurde das Wort Fleisch. Es ist eine Verwandlungsgeschichte.
Martin Luther hat es in einer Liedstrophe so ausgedrückt: „…in unser armes Fleisch und Blut verwandelt sich das ewig Gut.“ Der Gott, der durch sein gewaltiges Schöpfungswort alles geschaffen hat, was es gibt, lässt sich auf eine „WG“, eine Wohngemeinschaft mit seinen Geschöpfen ein. Er kommt in die Welt, betritt sein Schöpfungswerk Erde. Er, der Allerhöchste. Aber er lässt sich nicht bedienen, wie es ihm sicher zustehen würde, sondern er übernimmt Dienste. Er deckt nicht nur den Tisch und wäscht den anderen die Füße, er schlichtet auch Streit, nimmt, obwohl unschuldig, die Schuld anderer auf sich. Er übernimmt Vorbildfunktion, Verantwortung und eine Führungsrolle. Er scheut dabei kein Risiko – Und als es dann zum Äußersten kommt, hält er seinen Kopf hin und damit seinen Leuten den Rücken frei.
Das kostet ihn das Leben, bringt uns aber dafür ganz neue Zukunftsaussichten. Durch ihn erhalten wir Zugang zu Gott und seiner Herrlichkeit, die Jesus für die Zeit seines Erdenlebens uns zuliebe verlassen hat.
Aber jetzt bin ich ja schon bei der zweiten Frage: Was hat sein Kommen für uns zu bedeuten? Das ist für uns sicher die wichtigere Frage. Wichtiger als die Rahmenbedingungen der Geburt in Bethlehem: Ob das nun wirklich ein Stall war, in dem Jesus zur Welt kam und wie man sich die Sache mit dem Stern genau vorstellen muss oder ob die Besucher, die Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten, ob sie Könige waren oder Astronomen. Es ist unwichtig.
Johannes benennt hier zwei Möglichkeiten, die wir haben, mit der Weihnachtsgeschichte, also mit dem Kommen Gottes in die Welt umzugehen: 1.Möglichkeit: Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf. – Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.
Man stelle sich vor: Der Hausbesitzer kommt, aber die Gäste des Hauses lassen ihn nicht rein. Bzw. sie nehmen ihn gar nicht zur Kenntnis. – Werden es nicht immer mehr, die kein Problem damit haben, Weihnachten ohne Jesus zu feiern?
Mabindranath Maharaj war der Sohn eines berühmten Bramanenpriesters und Gurus. Er lebte unter lauter Hindus auf der Insel Trinidad. Er kannte auch Christen, wusste aber von ihnen nur, ihr Gott sei der Weihnachtsmann oder der Nikolaus, der sogar zu Hindu- und Moslemkindern gesandt wurde, um ihnen am Weihnachtsabend Geschenke zu bringen.
Wenn in diesen Wochen Fremde zu uns kämen und das vorweihnachtliche Treiben beobachten würden, würden sie Mabindranath Maharaj vermutlich zustimmen. Es sieht bei uns weithin so aus, als ob Gott nur der Weihnachtsmann wäre und der Nikolaus sein Mitarbeiter.
Der Kenntnisstand über Weihnachten in unserer Gesellschaft ist nicht weit davon entfernt. Bei einer Umfrage eines Jugendforschungsinstituts vor über einem Jahrzehnt wussten 36% der Jugendlichen in den alten Bundesländern und 54% in den neuen nicht, was es mit Weihnachten auf sich hat. Etwa jedes fünfte Kind meinte, da ist der Weihnachtsmann gestorben. Nur 15% der Befragten wussten, das hat wohl etwas mit Jesus zu tun. Johannes stellte fest: Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Das ist die Weihnachtswirklichkeit auch bei uns heute.
Als Pfarrer fragt man sich dann schon, woran das liegt. Haben wir alles falsch gemacht? Oder geht es den Menschen bei uns einfach zu gut? So gut, dass sie Gott nicht mehr brauchen. Oder ist das schon eine Form des Gerichts: Mit Blindheit geschlagen. Sie sehen das wahre Licht, das in die Welt gekommen ist nicht mehr. Und wenn man davon redet, stößt man nur auf Unverständnis.
In wie vielen Gesprächen begegnet mir das! Ich denke an eine Witwe, der Mann nach gut 6 Jahrzehnten Ehe gestorben. Sie ist bitter, hat keine Freude mehr am Leben. Mit Gott redet sie nicht. Aber mit dem Bild ihres verstorbenen Mannes, das auf dem Sessel steht, in dem er in den letzten Jahren immer gesessen hatte. Auf meine Frage, ob ich mit ihr beten dürfe, antwortet sie nur: „Kenna sa scho, wenn sa wolln.“ Sie hat keine Erwartung über die sichtbare Welt hinaus. Nach bald neun Jahrzehnten und der üblichen volkskirchlichen religiösen Sozialisation mit Taufe, Religionsunterricht, Konfirmation, kirchliche Trauung, so manchem Weihnachtsgottesdienst und wahrscheinlich noch mehr Beerdigungen ist nichts geblieben. Das ist bei weitem kein Einzelfall. Es ist, wie Johannes hier feststellt: Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.
Das ist die erschreckende Bilanz in einem Land, in dem Weihnachten im Konsumrausch Jahr für Jahr üppiger gefeiert wird. Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Es erstaunt mich, dass das nicht nur im 21. Jahrhundert so ist, sondern offensichtlich am Ende des ersten Jahrhunderts auch schon so war: Menschen lehnen Gott ab, dem sie doch eigentlich ihre Existenz verdanken und selbst die, die behaupten, dass sie an ihn glauben, halten es für ausgeschlossen, dass er als Mensch in Jesus zu ihnen kommt.
Damals waren es die frommen Juden, die mit Jesus nichts anfangen konnten, heute sind es manche unter den weniger werdenden Kirchenmitgliedern, die zwar noch von Gott wissen, aber mit Jesus nichts am Hut haben, wie sie sagen.
Johannes will mit seinem Weihnachtsbericht deutlich machen: Ohne Jesus bleibst du Gott fern. Ohne das Fleisch gewordene Wort, den Mensch gewordenen Gottessohn Jesus, führt kein Weg zu Gott! Aber mit ihm und durch ihn entdeckst du die Herrlichkeit Gottes.
Wer diesen Weg geht, wer Jesus annimmt, wird ein Kind Gottes. Das ist die zweite Möglichkeit: Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben. Das ist der Schlüssel! Jesus annehmen als persönlichen Heiland und Herrn, öffnet die Tür zu einem Leben als Kind Gottes.
Johannes spricht hier von einer Macht. Gottes Kinder haben Macht. Sie erschließen sich die Gnadenmacht und Vergebungsmacht Gottes. Man spricht von der Macht des Gebets. Wenn wir uns im Namen des Herrn Jesus an Gott wenden, können wir Kriege verhindern, Krankheiten wehren, Katastrophen abwenden, Krisen bewältigen und mit Leid und Schwerem fertig werden.
Wer Jesus als seinen Bruder, Herrn und Heiland annimmt, dessen Leben wird von seiner wunderbaren helfenden Macht geprägt. Wie kann das geschehen? Auch auf diese Frage gibt Johannes gleich am Anfang seines Evangeliums Antwort: Gottes Kinder sind die, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
Zum Kind Gottes wird man nicht durch eine natürliche Geburt. Dadurch wird man zum Menschenkind. Gezeugt, im Mutterleib herangewachsen und wenn alles gut geht, zu einem Menschenleben geboren. Auch die Taufe macht noch nicht automatisch zum Gotteskind. Damit jemand ein Gotteskind wird, muss er noch einmal geboren werden. Er muss wiedergeboren werden. Nicht im Sinn von Mabindranath Maharaj und dem hinduistischen Rad der Wiedergeburten, sondern im Sinne des Neuen Testaments.
Der Evangelist Johannes hat das genauer im 3. Kapitel seines Evangeliums erklärt, wo er sagt: Nur wer durch den Geist Gottes von neuem geboren ist, kann in das Reich Gottes kommen. Diese Geburt geschieht durch Gott und das Wirken seines Heiligen Geistes. Der schenkt Erkenntnis denen, die auf das Wort Gottes hören. Zweierlei lässt er erkennen: Das eine ist, dass er mir zeigt, wie ich bin: Nämlich ein Mensch, der immerzu an Gottes Geboten schuldig wird. Die andere Erkenntnis die der Geist Gottes bewirkt, ist: Mir geht ein Licht auf, wie Gott ist. Er ist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte. Er straft uns nicht nach unserer Missetat, er will nicht, dass Sünder in ihrer Sünder umkommen, sondern dass sie von ihrer Sünde umkehren.
Wer durch den Geist Gottes beides erkannt hat: Wie verloren in Sünde er ist und wie groß Gottes Liebe und Gnade durch Jesus ist, der ist aus Gott geboren. Der hat ein neues Verhältnis zu Gott, das von Dankbarkeit und Liebe bestimmt ist. Der ist wiedergeboren zu neuem Leben. Geboren zu einem Leben mit Jesus hier und jetzt. Zu einem Leben, in dem der Wiedergeborene immer von neuem die Frage stellt: Herr, was willst du, dass ich tun soll. Zu einem Leben, über dem täglich Bitte steht: Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort. Und der ist geboren für das Ewige Leben.
Erinnern Sie sich noch an die beiden Fragen vom Anfang?
1. Wie kommt Gott in die Welt? 2. Was hat sein Kommen für uns zu bedeuten?
Antwort: Er kommt durch sein Wort, das Jesus uns gesagt hat und sein Kommen bedeutet alles für uns: Hilfe, Freude, Rettung, Zukunft. Oder mit Luthers Lied (EG 23, 6):
Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich.
Amen.
Verfasser: Martin SchöppelÓ , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168