Werde ich dabei sein?
Zur PDFBuß- und Bettag, 20.11.2013, Lukas 13, 22-30
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten…
Das Schriftwort für die Predigt heute steht im Evangelium des Lukas, Kapitel 13, die Verse 22 – 30
Jesus zog predigend durch das Land, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf. Auf dem Weg nach Jerusalem sprach ihn ein Mann an: „Herr, stimmt es wirklich, dass nur wenige Menschen gerettet werden?“ Jesus antwortete ihm: „Die Tür zum Himmel ist schmal! Ihr müsst schon alles dransetzen, wenn ihr durch diese Tür hinein kommen wollt. Viele versuchen es, aber nur wenigen wird es gelingen.
Hat der Hausherr erst einmal die Tür verschlossen, werdet ihr draußen stehen. So viel ihr dann auch klopft und bettelt: ‘Herr, mach uns doch auf!’ – es ist umsonst! ‘Was wollt ihr von mir, ich kenne euch nicht!’ wird er euch antworten.
„Aber wir haben doch zusammen gegessen und getrunken! Du hast bei uns gepredigt!“ Doch der Herr wird ihnen erwidern: „Ich habe euch schon einmal gesagt, dass ich euch nicht kenne. Menschen wie ihr haben hier nichts verloren. Geht endlich weg!“
Wenn ihr dann draußen seid und seht, dass Isaak, Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, dann werdet ihr verzweifelt heulen und schreien.
Aus der ganzen Welt, aus Ost und West, aus Nord und Süd werden die Menschen in Gottes Reich, zu Gottes Fest kommen.
Vergesst nicht: Viele, die hier nichts gelten, werden dort hoch geehrt, aber viele, die hier einen großen Namen haben, sind dort unbekannt.
Ich staune immer wieder, wie die Menschen zurzeit von Jesus sich mit wichtigen geistlichen Themen befasst haben. Die Evangelisten berichten mehrfach von solchen Gesprächen: Ein vermögender junger Mann, der Jesus anspricht: „Meister, was muss ich tun das Ewige Leben zu bekommen?“ (Mt 19, 16-26) Ein andermal war es ein Schriftgelehrter, der dieselbe Frage stellt (Lk 10,25-28).
Zwei der Jünger bitten Jesus, einmal im Reich Gottes neben ihm sitzen zu dürfen und der Verbrecher, der neben Jesus gekreuzigt ist hat offensichtlich auch keinen Zweifel daran, dass Jesus ein Reich hat, in dem er Macht hat und etwas für einen armen Sünder tun kann.
Und bei uns? Wo ist das bei uns Thema? Es gibt so viele Talk-Shows zu allen möglichen Themen: Was die Bürger von den Ausspähaktionen der NSA halten, zu politischen oder gesundheitlichen Themen, über Bücher, Filme, Sportereignisse, über Mode, Musik und Medienverhalten. Aber haben sie schon mal eine Diskussionsrunde darüber gesehen, wie man in den Himmel kommt? Oder was man tun muss um das Ewige Leben zu bekommen? Da wird noch nicht einmal darüber gestritten, ob es das überhaupt gibt. Der Himmel und das ewige Leben scheinen keine Themen zu sein für unsere Gesellschaft.
Hier trifft Jesus einen Mann, der ganz direkt danach fragt: „Herr, stimmt es wirklich, dass nur wenige Menschen gerettet werden?“ Offensichtlich hatte er das gehört oder aus der Heiligen Schrift entnommen. Er macht sich nicht einen Kopf darüber, wohin er in den Urlaub fahren könnte oder welchen Braten er sich für das Weihnachtfest bestellt oder wen er an Silvester einladen wird. Er macht sich auch nicht Gedanken, wie er an Festspielkarten für die nächste Saison kommt oder an Karten für ein Champions league Finale. Es beschäftigt ihn, wie man in den Himmel kommt. Das ist sein brennendstes Anliegen. Und er hat offensichtlich gehört, vielleicht von Jesus, dass das nur wenige sein werden.
Jesus spricht ja in der Bergpredigt vom breiten und vom schmalen Weg und sagt auch da, dass es viele sind, die den breiten Weg gehen, der in die Verdammnis führt und wenige, die den schmalen Weg gehen, der zum Leben führt. Das beschäftigt diesen Mann. Daraus ergibt sich für ihn gleich die nächste Frage: Wie ist das mit mir? Werde ich bei den Wenigen dabei sein?
Bei meinen Besuchen zu hohen Geburtstagen frage ich die Jubilare manchmal, was sie sich den wünschen für die Zukunft. Noch nie habe ich die Antwort bekommen: Ich möchte mal im Reich Gottes dabei sein. Oder: Ich will das Ziel erreichen. Die Wünsche sind meist sehr bescheiden: Dass es noch ein bisschen so weiter geht. Dass ich niemandem zur Last falle. Dass es schnell geht am Ende.
Jesus lässt hier und an anderen Stellen der Evangelien keinen Zweifel daran aufkommen, dass man den Himmel auch verpassen kann. Zu den frommen Pharisäern, die meinen ans Ziel zu kommen, weil sie Nachkommen Abrahams sind, meint er: Das nützt euch gar nichts. Die Abstammung, die gläubigen Vorfahren, der Stammbaum. Darauf legt Gott keinen Wert. Auch für uns ist es kein Himmelsschlüssel, wenn die Oma eine gläubige Frau war.
Oft ist es die Taufe, die von Manchen für das Ticket in den Himmel gehalten wird oder der Konfirmationsschein. Aber auch da winkt Jesus ab. Die Zukunft bei Gott kann man nicht mit unterschriebenen Scheinen sicherstellen, auch nicht mit von der Notenbank gedruckten Scheinen kaufen, sondern, die gibt es nur über Beziehungen.
Man braucht beste Beziehungen zu Jesus. Der muss dich kennen, sonst macht er dir nicht auf. Das müsste doch eigentlich einleuchten. Da klopft einer mitten in der Nacht, mitten in der Todesnacht an einer Tür und sagt: Lass mich rein! Dem wird doch niemand aufmachen, wenn er ihn nicht kennt.
Neulich hat eine bitterlich weinende Frau im Pfarramt angerufen. Sie sei mit ihrer Familie in Rumänien im Urlaub. Ihr Mann und ihre Tochter seien tödlich verunglückt und sie sei mit Gips gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ihr Sohn wäre auch verletzt. Sie müssten jetzt heim fliegen, aber hätten kein Geld mehr. Der nette Vermieter, bei dem sie untergekommen seien, hätte schon viel für sie getan, aber das Geld für den Flug könne er ihnen nicht geben. Ich solle das Geld (400 €) per Post Blitzüberweisung an den Vermieter schicken, das ginge ganz schnell und Morgen käme sie ins Pfarramt um mir das Geld zurück zu geben.
Aber ich kenne Sie doch gar nicht, sagte ich und weiß nicht ob Ihre Geschichte stimmt. Doch, widersprach sie, Sie kennen mich von der Kirche. Noch ein paar Fragen von mir und dann war klar, die Frau kennt mich nicht. Sie ist eine Betrügerin. Natürlich hab ich ihr nichts überwiesen. Wir haben die Polizei verständigt und erhielten die Auskunft, dass es richtig war, der Frau nicht zu glauben und ihr nichts zu geben. Das sei, so die Auskunft der Kriminalbeamten, wieder eine neue Masche von Betrügern. Wenn schon ein Pfarrer nicht so leicht zu täuschen ist, wie viel weniger werden wir dem etwas vormachen können, der uns durch und durch kennt!
Unsere Motive, unsere Gedanken, unsere Worte kennt Gott, wie niemand sonst. Er kennt die Wege, die wir gehen, Er weiß um die Zeit, die wir sinnlos vertun. Vor ihm liegen die neidischen Blicke und Gedanken offen, die überheblichen, die richtenden, die hasserfüllten. Unsere Undankbarkeit und Lieblosigkeit sind bei ihm festgehalten, wenn sie nicht vergeben sind.
Was der Herr diesem Mann hier antwortet klingt wie eine leidenschaftliche letzte Warnung: Ihr müsst schon alles dransetzen oder wie es Martin Luther übersetzt: „Ringt darum, …“ Luther hat darum gerungen, nicht verloren zu gehen. Nachdem ihm dreimal der Tod sehr nahe kam, hat er sein Studium geschmissen. Die aussichtsreiche Karriere als Jurist und ein gut bezahlter Job haben ihn weniger interessiert als diese Frage: Was kann ich tun, damit ich im Himmel einmal dabei bin?
Er hat’s zunächst mit dem Kloster probiert. Allem entsagen. Fasten, frieren, sich Schmerzen zufügen, Tag und Nacht beten, täglich mehrmals beichten, nicht reden, nicht lachen. – Doch er hat bald gespürt, das nützt alles nichts. Das ist es nicht, was Gott von mir erwartet. Statt Gott mehr zu lieben, ist sein Herz dabei immer rebellischer geworden. Er hat für sich festgestellt, der Weg in den Himmel, der Weg zu Gott ist mit gutem Willen und frommen Werken allein nicht zu schaffen.
In den Himmel komme ich nur durch die Tat eines anderen. Nur wenn Jesus mich kennt, schließt er mir auf. Er wartet darauf, dass ich mich mit allen meinen Anliegen an ihn wende. Jesus ist mein Zugang zu Gott. Er ist meine Gerechtigkeit. Er ist mein befreites Gewissen. Jesus ist meine Zukunft. Jesus ist meine „Lebensversicherung“ für die Ewigkeit. Er erwartet nicht von mir, dass ich perfekt bin. Er hält es aus, wenn ich schwach werde, wenn ich versage, wenn ich Fehler mache. Er möchte, dass ich zu ihm komme, ehrlich mit ihm rede und bei ihm alle Schuld ablade. Er will, dass ich Vertrauen in ihn setze, dass seine Liebe stärker ist als meine Schuld. Er geht ans Kreuz für uns!
Ich treffe auf viele Menschen, die immer noch mit eigenen Kräften in den Himmel kommen wollen. „Herr Pfarrer, “ so sagen sie zu mir, „ich hab mir nie was zuschulden kom-men lassen.“ Und sie meinen, der liebe Gott müsste sie einmal an der Himmelspforte dafür mit Komplimenten und Handkuss empfangen, – falls es ihn tatsächlich gibt.
Wer so denkt, hat keine Ahnung von der Heiligen Schrift. Und je weniger Ahnung jemand von der Bibel hat und je seltener ein Mensch einen Gottesdienst besucht, umso mehr hält er sich für vor Gott in Ordnung. Man lebt jahrelang, jahrzehntelang ohne Gott in den Tag hinein und hat doch dabei die Überzeugung, ein guter Christ zu sein. Jesus sagt aber: ‘Was wollt ihr von mir, ich kenne euch nicht!’
Ein hartes Wort. Aber die klare Aussage der Heiligen Schrift, von unserer Kirche am Buß- und Bettag als Predigttext vorgesehen. Warum? Weil es um alles geht.
Die Lage ist ernst und die Zeit ist knapp. Die Einschätzung einer Situation kann ja von verschiedenen Personen sehr unterschiedlich sein. „Aber wir haben doch…“ sagen die vor der Tür. Gott sagt, „Ich kenne euch nicht!“
Wer kennt im Land der Reformation noch die Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden durch Jesus Christus. Was machen wir mit Martin Luther in der Luther Dekade, in den 10 Jahren vor dem 500. Jahrestag des Thesenanschlags 1517? Viele Feiern, Festschriften, Festreden. Wir verbinden mit Martin Luther zahlreiche Themen, aber wir vergessen dabei sein wichtigstes und größtes Thema, das ihm die Rettung gebracht hat und das auch uns allein retten kann: Die Rechtfertigungslehre. Die echte Buße. Antwort auf die Frage: Wie findet der Sünder einen gnädigen Gott?
Luthers 1.These lautet: Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße, will er, dass das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine stete Buße sei.
Was meint er damit? Dass wir uns immer wieder von Gott und seinen Geboten kritisch hinterfragen lassen, dass wir ehrlich uns selber und Gott gegenüber sind und dass wir täglich neu mit der Bitte um Vergebung zu ihm kommen.
Dazu gehört auch, dass wir dann die Vergebung im Glauben ergreifen und Jesus zutrauen, dass er uns verwandelt und erneuert.
Ohne diesen Kern der Lehre sind alle anderen „Luther Jubiläums-Aktionen“ nur nutzloser Aktionismus. In seinem kleinen Katechismus spricht Martin Luther vom „Schlüssel“ des Himmels. Beichte und Vergebung nennt er den Schlüssel des Himmelreiches. Wörtlich sagt er dort:
Die Beichte begreift zwei Stücke in sich: eins, dass man die Sünde bekenne, das andere, dass man die Absolution oder Vergebung empfange als von Gott selbst und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel.
Lesen Sie den letzten Teil des kleinen Katechismus mal wieder durch (EG 905,6). Das schafft Klarheit. Das ist ein wichtiger und hilfreicher Beitrag zum Buß- und Bettag.
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz
und gib mir einen neuen beständigen Geist.
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht
und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.
Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe
Und mit einem willigen Geist rüste mich aus. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168