Wer sich zu Jesus stellt, zu dem stellt sich auch Jesus
Zur PDF17. Sonntag nach Trinitatis 22.09.2013, Johannes 9, 35-41
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Stilles Gebet
Dem Predigttext des heutigen Sonntags ist ein Skandal vorausgegangen. Man hatte einen Mann rausgeschmissen aus dem Tempel. Nun sollte man meinen, wenn einer in einem Tempel Hausverbot bekommt, dann muss er sich schon einiges geleistet haben: Den Opferstock aufgebrochen, üble Parolen an die Wand geschmiert oder den Gottesdienst gestört haben. So schnell geht das ja nicht, dass man da rausfliegt.
Wenn man nur heimlich mit seinem Handy spielt oder mit dem Headset Musik hört, wie es Konfirmanden manchmal probieren, fliegt man ja nicht gleich raus. Auch nicht, wenn man dauernd mit der Freundin quatscht und nicht einmal, wenn man, wie letzten Sonntag die Freundin eines Konfirmanden, den Banknachbarn dauernd abknutscht. Ich selber hab’s nicht gesehen, aber es wurde mir von einem Kirchenvorsteher berichtet.
Aber es hätte auch da beinahe einen Skandal gegeben, denn eine Kirchenvorsteherin, die das Geknutsche auch beobachtet hatte, meinte hinterher: Das nächste Mal geh ich hin und dann geb’ ich der ein eine saftige Watsche. Also, liebe Konfirmanden passt auf, dass Euch die Mädchen nicht zu nahe kommen und Ihr, liebe Mädchen, lasst die Finger von den Jungs! Sonst haben wir einen Skandal.
Aber im Ernst: Was war denn damals im Tempel der Anlass des Skandals, der zum Rauswurf eines jungen Mannes führte? Ein Wunder. Ein Blinder wurde geheilt und das am Sabbat. Die Tempelführung bestellte ihn daraufhin ein und verhörte ihn. Er erzählte den Priestern und Pharisäern von seiner Heilung durch Jesus. Aber die glaubten ihm nicht und bezichtigten ihn des Betrugs. Aber ganz unerschrocken hatte dieser ehemals blinde Bettler, der durch Jesus nun sehen konnte den frommen Herren widersprochen. Er hatte Jesus verteidigt und dafür Spott, Ärger und Ausgrenzung erfahren. Raus mit dir!!
Das kann einem ja heute durchaus auch noch passieren, dass man sich zu Jesus bekennt, dass man zu seinem Glauben steht und wird dafür mit Spott bedacht, bekommt Ärger oder wird ausgegrenzt. Und das nicht nur in atheistischen Kreisen. Auch in Theologenkreisen kann man Ablehnung erfahren, wenn man Jesus als den einzigen Weg zum Heil bekennt oder wenn man festhält an Jungfrauengeburt und am Glauben an die leibliche Auferstehung Jesu. Man kann von klugen Geistlichen belächelt werden, wenn man darauf beharrt, dass Jesus auch heute noch Wunder tut. Man wird dann schnell als Pietist abgetan.
Aber wer trotzdem zu Jesus steht, macht die Erfahrung, dass sich Jesus dann auch zu ihm stellt. Das war auch damals so. Als Jesus davon hörte, dass man den Blinden, den er kurz vorher geheilt hatte, aus dem Tempel gejagt hatte, machte er sich sofort auf die Suche nach ihm. Und es war gar nicht schwer ihn zu finden, denn es stand eine ganze Traube Menschen um ihn. Alle wollten ihn sehen und seine Geschichte hören, wie das möglich sei, dass er nun sehen konnte.
Da setzt unser Wort Gottes für die Predigt dieses Sonntags ein. 9. Kapitel des Johannesevangeliums, Verse 35-41:
Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als sie ihn fanden, fragte Jesus ihn: Glaubst du an den Menschensohn?
Er antwortete und sprach: Herr, wer ist’s?, dass ich an ihn glaube.
Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen und der mit dir redet, ist’s.
Er aber sprach: Herr ich glaube und betete ihn an.
Und Jesus sprach zu ihm: Ich bin zum Gericht in die Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden und die sehen, blind werden.
Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren und fragten ihn: Sind wir denn auch blind?
Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.
Das ist ja so eine merkwürdige Sache, man kann, obwohl man sehen kann, ganz Wichtiges übersehen. Da sieht jemand zum Beispiel einen wunderschönen Regenbogen. Letzten Samstag war zum Beispiel einer über der Stadt. Riesengroß und richtig stark. Ganz leuchtend in seinen Farben. Haben Sie ihn gesehen? Wenn ja, haben Sie auch gesehen, was dieser Regenbogen ihnen zeigen sollte?
Menschen die ihre Bibel kennen, wissen, dass der Regenbogen ein besonderes Zeichen der Gnade Gottes ist. Seit den Zeiten Noahs ist er verbunden mit einem gewaltigen Versprechen Gottes (1.Mose 8,22): Solange die Erde steht soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Der große Bogen den Gott uns am Himmel vor Augen malt, soll uns daran erinnern, dass Gottes Macht ungebrochen ist, dass seine Treue hält und dass er uns nicht vergessen hat. Wenn wir ihn im Jahr 2013 sehen und das über unserem Haus oder unserer Stadt, dann ist das kein Zeichen für Familie Noah, sondern eine Botschaft an Sie und mich und an alle, die sie annehmen. Gerichtet an Angefochtene, Zweifelnde, Geplagte, Sorgende. An Menschen, die den Trost und Zuspruch Gottes brauchen: Meine Gnade weicht nicht von dir!
Wer dieses Zeichen Gottes sieht, wirklich sieht, der muss doch innehalten mit seiner Arbeit, seine Hände falten und sagen: Ach Herr, ich danke Dir, dass du mich daran erinnerst. Ich vergesse es immer wieder, dass du da bist und dass du für uns sorgst. Das tut er doch. Gott steht zu seinen Zusagen. Der Regenbogen ist Zeichen des Bundes den der Herr aufgerichtet hat zwischen sich und den Nachkommen Noahs, zu denen wir auch gehören.
Wir haben es schon so oft erfahren, auch heuer wieder. Erinnern Sie sich noch wie wir gestöhnt haben über das Wetter im vergangenen Frühjahr? Zuerst über den langen Winter, dann über den endlosen Regen, der nicht aufhören wollte und schließlich über die wochenlange Hitze und Trockenheit. Und trotzdem ist in diesem Jahr doch wieder gut geerntet worden. Es ist keine Hungersnot ausgebrochen. Wir können uns satt essen und trinken, weil Gott zu seinem Wort steht und treu ist. Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht haben noch nicht aufgehört. Alle könnten es sehen –und viele sehen es doch nicht. Als Sehende sind sie blind. Als Beschenkte danken sie nicht.
Umgekehrt kann jemand blind sein und er sieht das doch, weil er ein Glaubender ist. Und andere sehen nichts von der Herrlichkeit Gottes, weil sie nicht glauben. Genauso ist das mit dem Hören. Auch mit dem Hören in so einem Gottesdienst. Da können Menschen nebeneinander sitzen und dieselben Worte und Sätze hören. Einer denkt vielleicht: Hoffentlich kommt bald das Amen. Er hört nur eine Rede, die an ihm vorbeirauscht, seine Gedanken sind ganz woanders, sein Herz ist verschlossen, er bleibt unberührt und geht unbewegt und unverändert wieder fort. Er nimmt den Segen nicht mit.
Und andere spüren, die Nähe Gottes. Sie werden unter eben denselben Worten getröstet, erfahren Hilfe, werden froh, bekommen Mut und Hoffnung für das was vor ihnen liegt. Warum? Weil sie glauben und anbeten. So wie der geheilte Blinde hier in unserem Evangelium. Der ist auf doppelte Weise sehend geworden. Er wurde geheilt. Er konnte all die Gegenstände und Lebewesen nun sehen, von denen er seit seiner Geburt immer nur gehört hatte. Farben und Formen, Bewegungen, Gesten und Mimik.
Es ist ja eine unglaubliche Fülle an Wahrnehmungen, die wir mit unseren Augen machen können. Überlegen Sie mal: Wie viel tausend Bilder haben wir in unserem Gehirn abgespeichert, von dem, was wir schon gesehen haben! Gesichter von geliebten Menschen, Schönheiten der Natur, Anmut von Bewegungen, Bilder von unvergesslichen Augenblicken unseres Lebens: Der erste Blick auf das Kind, das uns geboren wurde; ein Wiedersehen nach langer Zeit; ein letzter Blick beim Abschied oder beim Sterben der Mutter oder des Vaters. Was für ein Geschenk, was für ein Segen, sehen zu können. – Menschen, die dabei sind ihre Sehkraft zu verlieren oder die erblindet sind, merken das und möchten allen Sehenden zurufen: Sei froh!, sei dankbar, dass du sehen kannst!
Der Blinde den Jesus heilte ruft es freudig aus und jubelt darüber. Aber er darf noch mehr sehen als das, was Augen erfassen können: Er sieht mit dem Herzen, weil er glaubt. Er sieht nicht nur Menschen, Bäume und Häuser, sondern er sieht die Herrlichkeit Gottes. Er sieht Jesus und erkennt in ihm seinen Heiland. Er stellt nicht tausend theologische oder philosophische Fragen, sondern er nimmt an, was Jesus ihm sagt und er kommt darüber zur Anbetung.
Das ist immer so. Wenn ein Mensch annimmt, was Jesus ihm sagt, wenn er das wirklich für sich nimmt und sich darauf verlässt, es glaubt, der kommt darüber zur Anbetung. Der bekommt eine unbeschreibliche Freude ins Herz. Ja, mein Herr Jesus, wenn das wirklich so ist, dass du bei mir bist an allen Tagen und überall auf dieser Welt, dann muss ich ja keine Angst haben. Dann muss ich mir ja keine Sorgen machen, wie das alles werden soll, mit der Prüfung oder mit der Operation; mit meiner Bewerbung oder mit meiner Arbeit; mit meiner Ausbildung oder mit meinem Auskommen.
Wer mit den Augen des Glaubens sieht, erkennt die unendliche Liebe Gottes in dem Heiland Jesus, den er uns gesandt hat. „Glaubensaugen sehen der Verheißung Land“, heißt es in einem Lied von W. Klingenberg. Glaubensaugen sehen im Kreuz die Vergebung für alle Sünde unseres Lebens. Sie sehen hinter den Horizont unserer menschlichen Beschränktheit.
David fordert im 34. Psalm auf: Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist! Und er fügt hinzu: Wohl dem, der auf ihn trauet. Der ist gut dran, der genau hinsieht und der schon hinter den alltäglichen Bildern und Begegnungen die Freundlichkeit Gottes erkennt.
Wer mit den Augen des Glaubens sieht, erkennt auch Gefahren, die andere gar nicht wahrnehmen. Gefahren, die hinter zu viel Freiheit lauern. Freiheit ohne Gott führt in den Abgrund, nimmt gefangen und macht abhängig. Wer seine Freiheit im Internet auslebt, wird schnell merken, wie er ein Gefangener von schlimmen Bildern und unguten Tönen wird
Es ist so wichtig, dass wir uns von Gott wache und sehende Augen schenken lassen, damit wir die Gefahren sehen, die im Netz lauern, damit wir nicht alles ansehen, was möglich wäre. Dass wir nicht nur die lauten Stimmen derer hören, die uns verführen wollen zur Sünde, sondern dass wir die leisen Warnungen des Geistes Gottes hören, die sich hinter seinem Wort vernehmen lassen. Hinter jedem Sendschreiben in der Offenbarung steht der mahnende Satz: Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.
Wer im Glauben auf Jesus sehen und hören lernt, der lernt auch wegsehen und weghören von dem, was ihm schadet, was ihn verführen und abhängig machen will.
Jesus sagt hier zu den richtenden und überheblichen Pharisäern noch ein sehr ernstes Wort: Ich bin zum Gericht in die Welt gekommen. Zum Gericht auch darüber, was und wie wir sehen, was und auf wen wir hören. Es ist nicht egal, wo wir hinsehen und auf wen wir hören. Wir werden beides einmal verantworten müssen vor dem Gericht Gottes. Wenn wir Warnungen überhört haben, vor Hilferufen die Ohren verschlossen haben; Auch die verachtenden und neidischen Blicke können vor Gott nicht bestehen. Die Blicke böser Lust und das Anhören von Lästerungen Gottes, ohne für ihn einzutreten, müssen von Gott vergeben werden, sonst werden sie einmal im Gericht gegen uns sprechen.
Mutig hat der junge Mann in unserer Heilungsgeschichte Jesus verteidigt, den seine Gegner als Betrüger, Gotteslästerer oder okkulten Wunderheiler schmähten. Er hat dafür einen Rausschmiss riskiert und sich beschimpfen lassen. Aber er hat seinen Heiland dabei gefunden. Jesus hat sich zu ihm bekannt, sich ihm als der Sohn Gottes offenbart.
Seine Reaktion zeigt uns die zwei wichtigsten Schritte: Glauben und anbeten. „Er aber sprach: Herr, ich glaube und betete ihn an.“ Etwas Besseres können auch wir nicht tun wenn uns die Augen aufgehen und wir Jesus erkennen: Glauben und anbeten.
Herr, öffne uns die Augen und Ohren für Dich, für uns, für die Welt und für das was um uns her geschieht. Öffne uns die Augen und die Ohren für das Leid und lass uns barmherzig werden mit den Leidenden neben uns und mutig, dass wir uns vor den Menschen zu dir zu bekennen Amen.
Verfasser: Martin Schöppel , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168