Wer ist Jesus?
Zur PDF4. Advent, 23.12. 2012, Johannes 1, 19-28
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Das Schriftwort für die Predigt an diesem 4.Adventssonntag steht beim Evangelisten Johannes, Kapitel 1, Verse 19-28: Das ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden zu ihm sandten Priester und Leviten von Jerusalem, dass sie ihn fragten: „Wer bist du?“ Und er bekannte und leugnete nicht. Und er bekannte: „Ich bin nicht der Christus.“ Und sie fragten ihn: “Was denn? Bist du Elia?“ Er sagte: „ Ich bin es nicht!“ „Bist du der Prophet?“ Und er antwortete: „Nein!“ Da sagten sie zu ihm: „Was bist du denn? Damit wir denen Antwort geben, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst?“
Er sagte: „Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste: „Macht den Weg für den Herrn bereit!“ wie der Prophet Jesaja gesagt hat.“
Und die gesandt worden waren, gehörten zu den Pharisäern. Und sie befragten ihn: „Warum taufst du denn, wenn du weder der Christus bist, noch Elia, noch der Prophet?“
Johannes antwortete ihnen: „Ich taufe mit Wasser; aber er steht mitten unter euch, den ihr nicht kennt.
Der ist es, der nach mir kommt, der vor mir gewesen ist und ich bin nicht wert, seine Schuhriemen zu lösen.“
Dies geschah in Bethanien, jenseits des Jordan, wo Johannes taufte.
Johannes der Täufer, Wüstenprediger im Kamelhaargewand, erregte damals großes Aufsehen. Aus der ganzen Gegend am Jordan strömten die Leute zu ihm, ja sogar bis von Jerusalem kamen sie, um ihn zu hören und zu sehen. Jeder, der ihm zuhörte, musste ehrlich zugeben: der Mann blickt durch. Der sieht, was faul ist bei uns. Der schaut einen an und weiß, was nicht stimmt. Und er hat den Mut, es offen anzusprechen.
Soldaten, Kaufleuten, Handwerkern, Zolleinnehmern, allen sagt er glatt ins Gesicht, wo sie ihren Job unkorrekt ausüben und andere zu ihrem eigenen Vorteil betrügen oder ihre Machtstellung missbrauchen. Auch das fromme Auftreten der Geistlichkeit beeindruckt ihn nicht. Er sieht hinter die Fassade und scheut sich nicht, laut und vor allen öffentlich zu sagen, was an ihnen falsch war.
Nicht einmal vor dem allseits gefürchteten Machthaber Herodes hatte der Sonderling in seinem ungewöhnlichen Gewand und mit den alternativen Essgewohnheiten Respekt. –Heuschrecken soll er verspeist haben und wenn ihn nach süßem gelüstete, beschaffte er sich Honig von wilden Bienen.
Man war fasziniert und irritiert. Und weil er viel von Gott redete, fühlten sich die Priester und Schriftgelehrten zuständig, ihn zu begutachten. Wer ist denn der? Fragten sie. Etwa ein neuer Prophet? Furchtlos wie einst ein Jesaja oder Elia. Soll Elia nicht eines Tages wieder erscheinen? Oder ist er gar selbst der so lange verheißene und nie erschienene Messias?
„Geht hin und fragt ihn! Wir müssen wissen, mit wem wir es zu tun haben.“ So lautete der Auftrag der Hohen Priester in Jerusalem. Zwei Fragen stellten sie ihm: 1. Wer bist du? 2. Was tust du?
Bei der ersten Frage wehrt der Täufer entschieden ab, als er merkt worauf die Fragenden hinaus wollen: „Nein, nein! Ich bin nicht der Messias! Auch nicht Jesaja, Elia oder sonst einer der Propheten!“ Johannes widersteht der Versuchung, mehr zu sein und von den Spekulationen aus dem Volk zu profitieren: „Gar nichts bin ich!“ Nicht er ist wichtig! Wichtig ist nur, was er zu sagen hat, sein Auftrag: „Ich bin die Stimme eines Predigers in der Wüste. Macht den Weg für den Herrn bereit!“ – Macht Platz für Gott in euerem Leben! Er ist schon auf dem Weg zu euch! Ja, er ist schon mitten unter euch! Ihr habt es nur noch nicht gemerkt.
Er ist schon da! Mitten unter uns! Wir haben es nur noch nicht gemerkt! Heute, am Tag vor Weihnachten, hier und jetzt. Während sich die Menschen wieder auf ein frommes Märchen vom Christkindlein oder auf die gottlose Geschichte vom Weihnachtsmann vorbereiten, ist der schon da, der alle Spielchen durchschaut, der hinter die glänzenden Kulissen blickt und den man auch mit noch so langen Lichterketten nicht beeindrucken kann.
Jesus schaut sich nicht die Kleider, sondern die Leute an, nicht die geschönte Präsentation, sondern das Herz, die Motive des Handelns und die Gesinnung, die dahinter steht. Er ist schon da! Mitten unter uns. In der Bahn und im Bus. Neben uns im Auto, wenn wir die Geduld verlieren mit den anderen Idioten, die den Führerschein offensichtlich in der Losbude gewonnen haben. Er ist schon da, neben dem Verzweifelten, der mit seiner Arbeit nicht zurecht kommt. Neben der Kranken, die ihre Schmerzen kaum aushält. Neben dem Verkäufer, der seinen Kunden glatt anlügt. Mitten in der Runde, die sich über den ungeschickten Kollegen lustig macht. Er ist schon da, der nicht an Raum und Zeit gebunden ist, der gleichzeitig an vielen Orten sein kann und der alles durchschaut.
Ihr schaut auf mich sagt Johannes, aber ich bin nicht wichtig. Er ist wichtig! Ihr kennt ihn noch nicht, aber er kennt euch längst! Zu den Abgesandten des Hohen Rates meint er: Geht wieder heim nach Jerusalem zu eueren hohen Herren, die von mir beeindruckt sind und sagt ihnen, dass ich ein Nichts bin im Vergleich zu IHM. Der von dem ich rede und der schon da ist, ist viel größer und ich kann ihm das Wasser nicht reichen. Oder wie man damals in so einem Fall sagte: Ich bin nicht wert ihm die Riemen seiner Sandalen aufzumachen. Sklavenarbeit war das. – Johannes hält sich nicht einmal für würdig, Sklavenarbeit für Jesus zu tun.
Jesus hat später einmal von Johannes gesagt: Er ist mehr als ein Prophet. Johannes selber aber nimmt sich nicht wichtig. Das sollte uns zu denken geben, wenn wir uns oft so wichtig nehmen. Der Wüstenprediger kann jedem, auch Ihnen und mir zur Selbsterkenntnis helfen: Wer bin ich denn wirklich? Ohne die schöne Fassade, die ich mir für die anderen zugelegt habe. Wie sieht es mit mir, in mir aus? Was findet sich in meinem Herzen, in meinem Denken, in den Tiefen meiner Seele? Welche Gedanken? Welche Worte? Welche Bilder? Passen die zu dem kommenden Herrn? Zu dem, der die Wahrheit ist und die Reinheit und die Heiligkeit?
Johannes zeigt mit seinen Worten den Menschen, wer sie sind. Er zeigt uns, wer wir sind. Nicht um uns dann abzulehnen oder auszuschließen, sondern um uns mit dem in Verbindung zu bringen, der Sünder selig macht und der Verlorene rettet. Zwei Verse nach unserem Predigttext betritt Jesus die Szene, dort am Jordan und Johannes zeigt auf ihn und ruft es für alle laut hörbar hinaus: Schaut hin! Der ist es! Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Schaut auf ihn, hört auf ihn. Er ist es, der den Abgrund zwischen Gott und euch überbrückt.
Johannes nimmt sich nicht wichtig, sondern tritt ganz hinter seinen Auftrag zurück. Es ist nicht wichtig, wer ich bin. Es ist entscheidend, dass Ihr erkennt, wer ER ist! Der Lebendige, der immer schon da war und immer da sein wird. Und der auch für uns alles ist und alles entscheidet. Der kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten.
Das Johannesevangelium ist gespickt mit Aussagen über Jesus und das, was er ist und für uns sein soll: Das Licht, die Tür, der Weg, die Wahrheit, das Leben, Brot, lebendiges Wasser, guter Hirte, Auferstehung, Ewigkeit. Merken Sie den himmelweiten Unterschied zwischen ihm und uns? Und trotzdem ist er ganz Mensch, wäscht Füße und Herzen, dient und gibt sich hin, seinen Leib und sein Blut für uns.
Wer anfängt IHN zu erkennen, der kann, wie Johannes auch nur von sich sagen: Ich bin nicht wert! Ich bin nicht wert all der Güte und Gnade, die er für mich bereit hält. Ich bin nicht wert, dass er mich lieb hat. Und der wird auch die Strophe von Paul Gerhardt aus echter Überzeugung mit singen oder beten können:
Ach, ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm;
Der Herr allein ist König, ich eine welke Blum.
Jedoch, weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt,
ist’s billig, dass ich mehre sein Lob vor aller Welt. (EG 302,8)
Was soviel heißt wie: Weil ich durch seine Liebe und Vergebung trotz meiner Unwürdigkeit zu ihm und seinem Volk gehöre, will ich dazu beitragen, dass sein Name gelobt und verkündigt wird, überall in der Welt.
Das ist die Gesinnung, die Einstellung, die wir brauchen für die Begegnung mit dem kommenden Herrn. Die Einstellung des Johannes oder eines Paul Gerhardt, die von sich selber nichts hielten, denen Jesus aber alles war. Vor einiger Zeit hatte ich bei einem Besuch ein Gespräch mit einem Mann, der mir erzählte, dass der Glaube für ihn ganz wertvoll sei und dass er immer in seinem Leben gebetet habe. Gott ist mir ganz wichtig, sagte er, obwohl ich mich nicht erinnern kann, ihn öfter hier im Gottesdienst gesehen zu haben. Und dann fuhr er fort: Aber wissen Sie, mit Jesus kann ich überhaupt nichts anfangen. Der war für mich nur ein besonderer Mensch, wie Mohammed. Ein Mensch mit großer Wirkungsgeschichte, aber nicht Gottes Sohn.
Mir blieb erst mal die Luft weg. Eine selber zurecht geschnitzte Religion, die nicht durch die Worte der Bibel oder durch Predigt korrigiert wird. Getaufter und konfirmierter Christ, der aber Christus nicht als den Sohn Gottes, den Gekreuzigten und Auferstandenen nicht als seinen Heiland und Erlöser anerkennt, aber doch mit der Krippe unter dem Weihnachtsbaum O du fröhliche singt und Stille Nacht vielleicht dazu.
Ist das nicht verrückt? Christ der Retter ist da! Aber ich lasse mich nicht retten. Christ ist erschienen, uns zu versühnen, aber ich trau ihm meine Versöhnung mit Gott gar nicht zu, denn er ist ja nur ein Mensch gewesen, wie Mohammed oder Buddha. Ich fürchte, dieser Mann ist kein Einzelfall. Es sind wohl viele eingetragene Mitglieder unserer Kirche, die weder erkannt haben, wer Jesus ist, noch wer sie selbst sind.
Wenn einer sich selber erkennt, wird er zunächst so denken wie Petrus, der zu Jesus sagt: Geh lieber weg von mir, Jesus, denn ich bin ein sündiger Mensch! Und er wird, wenn er so ehrlich ist, den Jesus finden, der keinen hinausstößt, sondern der mit seinem Heilandsruf alle zu sich ruft, die mühselig und schuldbeladen sind und der sie befreit und löst von aller Sünde. Gottes Lamm, das der Welt Sünde, das meine Sünde, das Ihre Sünde trägt, wenn wir sie ihm geben. Wenn wir sie ihn tragen lassen. Wenn wir erkennen, wie Petrus: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Und der Christus distanziert sich nicht von Sündern, von Verlorenen, sondern er solidarisiert sich mit ihnen.
Dort am Jordan hat sich Jesus in die lange Reihe der Leute gestellt, die unter der Predigt des Täufers erkannt hatten, dass sie Vergebung brauchen. Hättest Du Dich auch zu denen gestellt? Jesus hat darauf bestanden, dass Johannes auch ihn taufte, obwohl der sich erst mit Händen und Füßen wehrte. Er meinte, das sei verkehrte Welt: Ich hab es nötig, dass Du mir meine Schuld abwäscht, nicht umgekehrt. Aber Jesus ist einer von uns geworden. Er stellt sich zu Sündern, er nimmt ihnen die Last ab. Er lässt sich alles geben, was uns belastet und verklagt vor Gott und er bezahlt dafür mit seinem Blut. Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Der Unschuldige, der die Schuld auf sich nimmt.
Die Menschen sind unter Predigt des Johannes nachdenklich geworden und haben zuerst sich, dann ihn gefragt: Was sollen wir tun? – Sag uns, was wir jetzt machen sollen? Johannes machte ihnen klar: Zuerst einmal braucht ihr Vergebung für euere Sünden. Bringt euer Leben in Ordnung! Macht reinen Tisch! Und dann achtet die Gebote! Es geht Gott nicht um den frommen Schein, sondern um echte Frömmigkeit. Nicht um bloße Worte, sondern um konkretes Handeln. So wird der Weg für die Begegnung mit dem Herrn geebnet.
Indem ich mir zeigen lasse, wer ich bin und wer er ist. Ehrliche werden schnell merken: Ich bin nicht wert der großen Liebe und Freundlichkeit, die ich von ihm erfahren habe. Auch nicht wert der vielen Gaben, Güter und Lebensumstände, die er mir schenkt. Ich kann nur danken dafür. Ich kann nur meine leeren Hände von ihm und seiner Liebe füllen lassen.
Ich muss mich nicht verstellen oder verstecken vor ihm. Ich darf ganz ehrlich sein. Und ich darf wissen: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin: Ein Verlorener, der gerettet ist. Ein Liebloser, der geliebt ist. Ein hoffnungsloser Fall, für den es Hoffnung gibt. Warum? Weil das Lamm Gottes meine Sünde trägt.
Der Retter kommt, für uns zur Welt.
Ja, er macht jeden neu, der in sein Licht sich stellt.
Er ist für alle da, für die ganze Welt
Wir hören dieses Lied vom Jugendchor
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168