Wer bin ich vor Gott?
Zur PDFPredigt am 03.11.2024 (Reformationstag) in der Kreuzkirche Bayreuth: Röm. 3, 21-28
Liebe Gemeinde, der Augustinermönch Martin Luther war eine der zentralen Gestalten der Reformation und damit unserer evangelischen Kirche. Ohne ihn würden wir heute wohl kaum ein Fest feiern. Allerdings war sich Luther bewusst, dass nicht jeder das so spannend findet wie er, wenn es um die Rechtfertigung des Menschen vor Gott geht. Luther sagte in einer seiner Tischreden: »[W]enn man vom Artikel der Rechtfertigung predigt, so schläft das Volk und hustet.« Ich hoffe, dass Sie nicht einschlafen und husten, wenn wir gleich unseren Predigttext hören, denn dieser ist für Luther »das Hauptstück und die Mitte dieser und der ganzen (Heiligen) Schrift« Ich lese den Predigttext für den heutigen Reformationstag: Röm. 3, 21-28 (Gute Nachricht):
(21) Jetzt aber ist die Gerechtigkeit Gottes, nämlich seine rettende Treue, offenbar geworden: Er hat einen Weg zum Leben eröffnet, der nicht über das Gesetz führt und doch in Übereinstimmung steht mit dem, was das Gesetz und die Propheten bezeugen. (22) Dieser Weg besteht im Glauben, das heißt im Vertrauen auf das, was Gott durch Jesus Christus getan hat. Alle erfahren Gottes rettende Treue, die in diesem Glauben stehen. Es gibt hier keinen Unterschied: (23) Alle sind schuldig geworden und haben die Herrlichkeit verloren, in der Gott den Menschen ursprünglich geschaffen hatte. (24) Ganz unverdient aus reiner Gnade, lässt Gott sie vor seinem Urteil als gerecht bestehen – aufgrund der Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist. (25) ihn hat Gott als Sühnezeichen aufgerichtet vor aller Welt. Sein Blut, das am Kreuz vergossen wurde, hat die Schuld getilgt -und das wird wirksam für alle, die es im Glauben annehmen. Damit hat Gott seine Gerechtigkeit unter Beweis gestellt, nach dem er früher die Verfehlungen der Menschheit ungestraft hingehen ließ in der Zeit seiner Geduld. (26) Ja, jetzt in unserer Zeit erweist Gott seine Gerechtigkeit als Treue zu sich selbst und zu seinen Menschen: er verschafft seinen Rechtsanspruch zur Geltung und schafft selber die von den Menschen schuldig gebliebene Gerechtigkeit, und das für alle, die einzig und allein auf das vertrauen, was er durch Jesus getan hat. (27) Gibt es da noch irgendeinen Grund, sich mit etwas zu rühmen? Nein, alles Rühmen ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Etwa durch das Gesetz der Werke, das vom Menschen Leistung fordert? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens, das den Menschen zum Vertrauen einlädt. (28) Denn für mich steht fest: Allein aufgrund des Glaubens nimmt Gott Menschen an und lässt sie vor seinem Urteil als gerecht bestehen. Er fragt dabei nicht nach Leistungen, wie das Gesetz sie fordert.
Liebe Gemeinde,
ich weiß nicht, was sie sich jetzt von diesem Bibeltext merken konnten. Er ist so ganz anders als eine biblische Geschichte. Er wimmelt gewissermaßen von hochtheologischen Begriffen, die alle recht abstrakt und wenig griffig daherkommen: Gerechtigkeit, Gesetz, Erlösung, Sühnezeichen, Glauben…und viele andere Begriffe. Vielleicht denken Sie: ist ja typisch für den Reformationstag! Da geht es um theologische Fachwörter und Spitzfindigkeiten. In dieses Karussell will ich nicht mit Ihnen einsteigen, auch wenn ich sehr gerne Theologie betreibe. Ich habe ein anderes Ziel für diesen Gottesdienst: es ist das Ziel, dass wir merken: die Reformation und die damit verbunden theologischen Entdeckungen sind keine Wortklaubereien oder Elfenbeinturm – Spinnereien, sondern sie betreffen mich als einzelnen Christen unmittelbar. Mich als Person, heute im Jahr 2024 mit meinen Fragen, mit meiner Rolle, mit meinem Glauben und mit meinen Zweifeln.
Paulus behandelt in diesem Briefabschnitt die Frage, wer wir sind und was Gott aus uns macht. Die Frage: „wer bin ich?“ stellt sich vermutlich jeder Mensch irgendwann. Jugendliche fragen oft so in der Suche nach ihrer eigenen Identität. Aber auch Erwachsene stellen sich wohl diese Frage immer wieder. Wer bin ich? Oder in der Rückschau: Wer war ich in den letzten Lebensjahrzehnten, in meinen Berufsjahren, als Ehemann, als Ehefrau? Und wer werde ich noch sein? Was möchte ich, dass einmal bei meiner Beerdigung über mich und meinen Glaubensweg gesagt wird? Wer bin ich und wer war ich? Vielleicht kennen Sie das Gedicht von Dietrich Bonhoeffer unter der Überschrift: „Wer bin ich?“ Es entstand im Sommer 1944 während seiner Haft in Berlin- Tegel. Ich möchte ihnen zunächst den ersten Teil vorlesen:
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? Wer bin ich?
So Dietrich Bonhoeffer in der Zeit des Dritten Reiches. In unserer Zeit fragen wir anders. Und wir stellen uns diese Frage nicht nur selbst, wir werden auch gefragt: Wer bist du? Was kannst du? Was hast du? Abgeschlossene Lehre? – ganz gut! Abitur? – Schon besser! Abgeschlossenes Studium- sehr gut! Wir strengen uns an, auf den Leistungs- und Verdienstsskalen unserer Gesellschaft einen guten Platz zu bekommen. Wir stecken mitten in einem Wettbewerb und stacheln uns gegenseitig an, obwohl er gnadenlos ist, uns überfordert und uns manchmal zur Unwahrheit führt: Da erzählt man, dass die Kinder eine Prüfung bestanden haben, aber dass eines sitzen blieb, verschweigt man eher. Man erzählt von der Beförderung von Ehefrau oder Ehemann, aber wenn einer von beiden den Arbeitsplatz verliert, hüllt man den Mantel des Schweigens drüber. Man gibt nicht zu, dass man oft müde und abgespannt ist, denn wer gut ist, der ist aktiv, frisch und gesund. Immerwährend und zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und ist man nicht hübsch, dann muss man mindestens klug und erfolgreich sein. So sind wir etwas, wollen vor Menschen gut dastehen und etwas darstellen. Vielleicht gehören wir nicht zu den Spitzenreitern, aber ganz unten in der Tabelle sind wir auch nicht.
Und auch vor Gott stehen wir in Gefahr so zu denken: Nun, keine Spitze in Glaubensdingen, wer ist schon ein Heiliger, da hat Paulus schon recht: „Wir alle sind schuldig geworden und sind alle Sünder vor Gott.“ Aber eigentlich gibt es doch da noch ganz andere Kaliber als wir. Andere, die viel mehr auf dem Kerbholz haben als wir. Wir leben doch ganz gut bürgerlich. Außer Verkehrssünden kann das bürgerliche Gesetzbuch uns nicht viel vorwerfen. Wir können Gott mal eine ganz gute Lebensrechnung präsentieren, vielleicht mit ein paar Minusposten, aber insgesamt doch gut im Soll mit schwarzen Zahlen. So meinen wir oftmals.
Wenn ich allerdings an Martin Luther und sein Leben denke, dann schätzt er sich ganz anders ein. Als Martin Luther die ersten drei Kapitel des Römerbriefes studierte, da sah er plötzlich in seinem Leben nur noch rote Zahlen. Da sieht er nur noch Minusposten. Da erkennt er, wie Paulus in unserem Predigtabschnitt sinngemäß schreibt: „Wie ihr auch immer dasteht vor den Menschen: ob auf der Prestige- oder Lohnskala oben, in der Mitte oder eher unten – vor Gott steht ihr ganz unten. Da gibt es nicht Abstufungen in kleine, mittlere und große Sünder, sondern nur: Sünder. Gottes Heiligkeit und wir mit unserer verkorksten Existenz- das passt nicht zusammen. Gottes Heiligkeit und Sünde stoßen sich gegenseitig ab. Wie zwei Magnete, von denen einer falsch gepolt ist. Selbst bei kleinen Magneten kann man es spüren: da ist ein unsichtbarer Widerstand dazwischen. Und selbst wenn man diesen Widerstand mit aller Gewalt überwindet: sie werden auf Dauer nicht zusammenbleiben. Zwei so ungleiche Partner wie der heilige und gerechte Gott und der unheilige und ungerechte Mensch, das geht nicht zusammen. Wir sind nicht so, wie wir vor Gott sein sollten. Und damit ist das Urteil klar: verurteilt. Gott misst nicht, wiegt nicht ab, sondern stellt fest: Alle haben gesündigt, sich von mir entfernt. „Ich bin der Herr, dein Gott“ – so lautet das erste und zentrale Gebot: Ja, wo in deinem Leben bin ich’s denn? So fragt uns Gott heute.
Jeder Ruhm ist ausgeschlossen, schreibt Paulus und meint damit: Keiner kann sich vor Gott behaupten, auf irgendetwas verweisen. Wir sind Bettler vor Gott, das ist wahr – mit diesen Worten verstarb kein Geringerer als Martin Luther 1546 und das ist keine veraltete Weisheit und Erkenntnis. Wir sind Sünder, ob wir das erkennen oder nicht. Wenn wir es nicht hier auf Erden schon erkennen, wird es uns einmal in der Ewigkeit gezeigt. Wir sind Bettler vor Gott -das ist der erste Teil der Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“
Aber hierbei dürfen wir nicht stehen bleiben. Wenn wir jetzt unsere Ohren auf Durchzug schalten und den zweiten Teil der Botschaft nicht mehr hören, werden wir unseres Lebens nicht mehr froh. Es geht noch einen entscheidenden, zweiten Schritt weiter, und dies entdeckt zu haben, ist das entscheidende Kennzeichen der Reformation. Wir sind Sünder- das ist der eine Teil der Wahrheit, der andere und noch entscheidendere Teil aber ist: Wir sind von Gott geliebte Sünder. Von Gott angenommene Sünder. Die letzten Zeilen von Bonhoeffers Gedicht lauten: „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich, o Gott!“
Dein bin ich, o Gott- Wir sagen nicht zu uns selber „Ja“, sondern völlig unbegreiflich sagt Gott zu uns „Ja“. Er sagt nicht „nein“ und auch nicht: „Naja, so gerade noch eben, weil du es bist“, sondern voll und ganz „Ja“. Das erste Mal sagt er uns das in der Taufe ganz verbindlich zu, und dann im Laufe des Lebens immer wieder: Gott liebt uns mit vollem „Ja“. Manchmal können wir das kaum begreifen, weil es sich so anders anfühlt in unserer Gefühlswelt. Vielleicht auch, weil wir zu uns selbst nicht „Ja“ sagen können, weil wir anders sein möchten und uns abmühen. Oder uns andere einreden, dass wir nichts sind. Es ist doch schon erstaunlich: Ausgerechnet der, der uns völlig durchschaut, der um alles weiß, nämlich Gott, schaut nicht nur unsere Schuld an, sondern vor allem seinen Sohn Jesus Christus und sagt: „Du bist mir recht, du Schwester, du Bruder meines Sohnes Jesus Christus.“ Das ist die Entdeckung der Reformation und das musste damals wie ein Skandal wirken in einer Religiosität, in der man meinte, die Seligkeit aus eigener Kraft schaffen zu können. Und das wirkt auch heute wieder zunehmend skandalös in einer Zeit, in der Barmherzigkeit und Gnade zu Fremdwörtern zu werden drohen.
Wo wir ein schlimmes Urteil zu erwarten haben, werden uns die Fesseln abgenommen und wir werden von Gott in die Freiheit entlassen, in die Freiheit der Kinder Gottes. In die Freiheit, in der man sich nicht mehr abkrampft, um irgendwie das Ziel zu erreichen, sondern in der man lebt, zu sich selbst mit seinen Stärken und Schwächen steht und weiß: Ich bin von Gott angenommen, mit all meinen Grenzen und Möglichkeiten, mit meinem Versagen und meinem Gelingen. Und dies nur wegen diesem einen, der da am Kreuz sein Leben für mich gegeben hat. Weil Jesus mir die Last abnimmt, kann ich aufrecht gehen und frei atmen.
Darauf könnte man sich jetzt ausruhen – bis zum jüngsten Tag, und denken: »Wir können zu unserer Rechtfertigung nichts beisteuern, aber Gott spricht uns ja gerecht.« Paulus aber fragt in unserem Text: »Wie nun? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben?« Mit anderen Worten: Nehmen wir nun Gottes Gebote nicht mehr ernst? Paulus ruft entrüstet: »Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf.«
Liebe Gemeinde, das Einhalten der Gebote macht uns vor Gott nicht gerecht. Wenn wir aber dennoch Gottes Worte wertschätzen, sie ernst nehmen und uns nach seinem Willen richten, dann deshalb, weil wir seine Liebe spüren. Wir trauen unserem guten Vater zu, dass er uns einen guten Weg führt, dass er durch seine Gebote unser Leben gelingen lassen will. Deshalb nehmen wir sie ernst und wollen sie halten. Das ist der dritte Schritt.
Der erste ist, zu erkennen, dass der heilige Gott und ich sündiger Mensch nicht zusammenpassen. Der zweite, dass ich ganz auf Jesus Christus vertraue, der für mich gestorben und auferstanden ist. Und der dritte ist, Gottes Willen zu leben. Aus dem Glauben an Jesus Christus führen wir unser Leben so, wie es Gott gefällt. Wir bilden uns nichts darauf ein und fordern von Gott auch keine Anerkennung. Das neue Leben, das Jesus Christus durch den Glauben in uns lebt, äußert sich so, dass unser Glaube Früchte trägt. Dass ein Birnbaum Birnen trägt, ist zu erwarten, es ist normal. Dass Menschen, die mit Jesus Christus leben, Gottes Willen ernst nehmen, ist zu erwarten, darauf kann sich niemand etwas einbilden. Es ist gute Frucht, die Jesus in uns wirkt. Darauf, dass Gott uns gerecht spricht, können wir uns eben nicht einfach ausruhen bis zum Jüngsten Tag. Der Glaube wirkt sich aus im Leben, der Glaube fragt, was Gott will und lässt sich von ihm gebrauchen.
Und noch eine kurze letzte Bemerkung zum Schluss: Wenn ich selbst von meiner Last befreit worden bin, habe ich auch kein Recht mehr, andere bei ihrer Last zu behaften. Was für mich gilt, gilt für den anderen auch. Wer mir auch begegnet und wie auch immer er mir begegnet. Ich habe ihn nicht auf ein Urteil festzulegen. Er ist begnadigt wie ich. Er ist von Gott angenommen wie ich. Und das letzte Wort steht Gott zu, nicht mir.
Liebe Gemeinde, solche Freiheit uns selbst und anderen gegenüber tut uns not. In unserem eigenen Leben, in unserem Zusammenleben, in unserem Land und auch in unserer Kirche brauchen wir diese Freiheit.
Gott sei Dank hat es eine Reformation gegeben. Aber sie verliert an Wert, wenn wir sie als ein Relikt von vor 500 Jahren betrachten. Reformation, Erneuerung der Kirche tut auch heute immer wieder not. Aber Erneuerung der Kirche fängt immer bei uns an. In unserem Leben. Gott sei Dank dafür, dass wir nicht die oder der Alte bleiben müssen. Amen.
Bei Fragen oder Anregungen bitte wenden an: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/ 41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de