Wenn die Hirten sich selbst weiden

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Miserikordias Domini 08.05.2011, Hesekiel 34, 1-16. 31

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für die Predigt bitten: …
Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören.
Das Schriftwort für die Predigt heute am Hirtensonntag steht bei Hesekiel im 34. Kapitel. Der Prophet schreibt, was Gott ihm als Hirtenwort an sein Volk aufgetragen hat:

Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen:
So spricht Gott, der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herden weiden?
So spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
Denn, so spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren, zurzeit, als es trüb und finster war.
(Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.
Ich will sie auf die beste Weide führen und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.)
Ich selbst will meine Schafe weiden und will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr.
Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. Was fett und stark ist, will ich vertilgen und will es weiden, mit Gericht.

Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Diese Worte sind beides: Eine Abrechnung Gottes mit Verantwortungsträgern, die ihre Aufgabe vernachlässigen weil sie nur ihre eigenen Interessen im Sinn haben. Und sie sind zugleich ein wunderbar tröstlicher Zuspruch für alle, die ausgenützt und vernachlässigt, verletzt oder betrogen wurden.

Mit den einen wird Gott ins Gericht gehen, sie zur Rechenschaft ziehen, für die anderen will er selber sorgen und sie entschädigen. Die einen müssen sich vor dem Zorn Gottes fürchten, die anderen dürfen sich auf seine Fürsorge und liebende Zuwendung freuen. Die Starken will er in ihre Grenzen weisen und für die Schwachen tritt er selbst ein.

Das Bild vom Hirten und von der Herde ist ja eigentlich ein Urbild der Menschheit. Da ist einer, der führt, schützt und leitet und auf der anderen Seite sind die, die sich führen lassen, die Schutz brauchen die geleitet werden. Es gibt eine tiefe menschliche Sehnsucht von Kindertagen an, nach Geborgenheit, nach Sicherheit und nach einer starken Kraft, die für mich da ist und die mich hält.

Im Reich Gottes und in der göttlichen Weltordnung herrscht nicht der Grundsatz der Gleichmacherei oder der Macht des Stärkeren, sondern der Grundsatz der Fürsorge und Verantwortung. Der Starke ist für den Schwachen verantwortlich. Er soll den Schwachen nicht ausnützen, sondern ihn schützen und sein Leben sichern helfen.

Der Starke kämpft für den Schwachen, vertritt seine Interessen, setzt sich vor Gott und vor den Menschen für ihn ein. Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen das beispielhaft gezeigt wird oder auch schonungslos auf gedeckt wird, wie es nicht sein soll.

Mose etwa hat als „Hirte“ seine Verantwortung in rechter Art wahrgenommen und hat sich für seine „Herde“, als Verantwortlicher für sein Volk, schonungslos eingesetzt. Vor dem Pharao, vor Feinden und sogar vor Gott. Auch viele andere Propheten, wie Jesaja und Jeremia, Daniel und auch Hesekiel, der diese Botschaft von Gott weitergegeben hat.

Aber immer wieder haben Menschen, die von ihrer Abstammung, ihrem Auftrag und ihrer Ausbildung her zu Hirten bestimmt waren auch versagt. Sie haben nur an sich selbst gedacht, an ihr eigenes Wohlergehen, ihren Gewinn und ihre Sicherheit. Auch unsere Zeitgeschichte ist ja voll von solchen Beispielen des Egoismus von Verantwortlichen, die sich selbst bereichern auf Kosten anderer. Zu alttestamentlicher Zeit waren es oft die Priester, die sich an Opfern der einfachen Menschen bereichert haben und die den Mächtigen geschmeichelt haben anstatt sich um die Rechte der Armen zu kümmern.

Der Herr Jesus wirft das zu seiner Zeit den Priestern und Schriftgelehrten vor, dass sie sich nur um sich selber kümmern, dass sie schlechte Hirten sind. Und später, im Mittelalter, nach der Zeit der Missionierung Europas sind die Vertreter der Kirche auch oft nur an der Wahrung von Macht interessiert gewesen, an Besitztümern und nicht an den Nöten der Menschen. Ja, man hat im Mittelalter die einfachen Kirchenmitglieder, die ohnehin schon unterdrückt und ausgebeutet waren, noch ausgenommen, ihnen Angst gemacht, sie unter Druck gesetzt, um ihnen Ablässe zu verkaufen und das Wenige, was sie noch hatten, aus der Tasche zu ziehen.

Die Geschichte der Kirche beinhaltet nicht nur die Zeugnisse von Heiligen, Märtyrern und selbstlosen Helfern, sondern leider auch die Schandtaten von Gierigen und genusssüchtigen Egoisten. Martin Luther hat manchmal gestöhnt über die geistlosen Geistlichen, die sich nur um ihr eigenes Wohlergehen gesorgt haben.

Wenn der Hirte nichts taugt, steht es schlecht um die Herde. Dann verläuft sie sich und die Schafe gehen in die Irre. Auf der Suche nach Futter geraten sie an Abgründe oder in die Fänge von Feinden. Ja eigentlich muss man sich wundern, dass es die Kirche überhaupt noch gibt. Bei all dem, was ihre Vertreter, Bischöfe und Pastoren, das heißt ja eigentlich wörtlich Aufseher und Hirten, schon versäumt oder angerichtet haben.

Wie viel Missbrauch ist da getrieben worden. Ich meine nicht nur die Missbrauchsskandale der jüngeren Vergangenheit auf sexuellem oder pädagogischem Gebiet. Auch Missbrauch und Vernachlässigung der Lehrverantwortung, wenn nicht mehr die Gebote und Ordnungen Gottes klar angesprochen werden, wenn Kirche sich anpasst an den Zeitgeist. Wenn Mission nicht mehr das Evangelium von Jesus Christus zu den Menschen bringt, sondern nur noch Wasserpumpen und Nähmaschinen.

Wenn Diakonie sich nicht mehr um die Seele, sondern nur noch um den Körper und um betriebswirtschaftliche Ergebnisse kümmert. Wenn im Konfirmandenunterricht nichts mehr gelernt und nicht mehr zu Jesus geführt wird und der Religionsunterricht nur noch Wissen über Religionen vermittelt und das Zeugnis des Glaubens verschweigt. Wenn Paten nicht mehr für ihre Patenkinder beten und Eltern nicht mehr biblische Geschichten erzählen und die Kirche mit ihnen besuchen

Wenn Predigten zu politischen Kommentaren verkommen, die Meinung des Predigers in den Mittelpunkt stellen und nicht das Wort Gottes, dann bleiben sie den Gemeinden das Wichtigste schuldig und müssen sich nicht wundern, wenn immer weniger Menschen den Gottesdienst besuchen. Martin Luther schrieb vor fast 500 Jahren zu den Worten Hesekiels:

„Es ist kein Wunder, wenn das Volk in die Irre wallt, zu anderen Kirchen. Du predigst nicht das Evangelium wie du wohl solltest. < > Darum schweift das Volk um mit Leib und Seele und sündigt so viel weniger als du, weil sie so viel lieber das Evangelium hören würden, wenn du es ihnen predigen würdest. < > Darum bist du selbst Ursache, dass deine Kirche verlassen wird. Du willst die Schafe in den Stall treiben und gibst ihnen doch kein Futter.“ (Christlicher Wegweiser v. 26.08.)

Klare, kritische, selbstkritische Worte. Ein Wunder, dass es nach all den Versäumnissen der Amtskirche und ihrer „Hirten“ diese Kirche immer noch gibt. Es kann nur damit erklärt werden, dass Gott selber und sein guter Hirte, Jesus Christus, sich um die Herde kümmern. So wie es hier verheißen wird:

Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren, zurzeit, als es trüb und finster war. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Immer wenn die Amtskirche träge und kraftlos geworden ist, sich nur noch selbst verwaltet hat, in Traditionen aufgegangen ist oder sich angepasst hat, hat Gott sich andere Boten berufen und sie mit seinem Geist ausgestattet und gesegnet. Von der Urgemeinde angefangen, gab es beides nebeneinander, die schlechten Hirten, die nur an sich selbst und ihrem Vorteil interessiert waren und die echten Hirten, die um des Evangeliums willen viel erlitten und auf manches verzichtet haben, um der Menschen willen, die ihnen anvertraut waren.

Wie hat man etwa die Prediger der Erweckungsbewegung geschmäht und verfolgt, ausgelacht und oft vertrieben. Früher hat man sie Pietisten geschimpft, heute nennt man sie oft verächtlich Fundamentalisten, weil sie sich auf das eine Fundament Jesus Christus und die Worte der Heiligen Schrift berufen und nicht versuchen klare Aussagen der Bibel so hinzubiegen, dass sie das für gut heißen, was sie tun.

Ich habe mich sehr gefreut, als ich vor ein paar Tagen von der Ernennung des neuen Militärbischofs der Katholischen Kirche, Franz-Josef Overbeck hörte, dass der kürzlich in der Talk-Sendung von Anne Will ganz klar und mutig festgestellt hat, dass gelebte Homosexualität nach den Aussagen der Bibel Sünde ist. Und ich hab mich auch gefreut über das klare Nein unseres Landesbischofs Friedrich zur Präimplantationsdiagnostik und das Ja zum Schutz des ungeborenen Lebens.

Immer wieder werden solche klaren Äußerungen falsch ausgelegt. Man hört gar nicht mehr richtig hin, was einer sagt, lässt ihn nicht ausreden, sondern fällt sofort über ihn her. Es geht nicht darum einzelne Menschen zu verurteilen oder auszugrenzen. Sie sind nicht mehr und nicht weniger Sünder als ich es bin. Und für sie ist Gottes Liebe und Gnade nicht mehr und nicht weniger da als für mich und Sie. Es geht nicht darum einen Sünder zu brandmarken, sondern zu fragen, wie Gott unser Leben haben will und was uns zum Segen dient.

Es ist eben nicht alles, was es gibt, gottgewollt. Es ist auch nicht eine Rechtfertigung, die Gottes Segenspläne über den Haufen wirft, wenn ein Mensch sagt: Ich bin halt so! Darum lebe ich meine Neigung oder Veranlagung aus. In vielen Bereichen ist unsere natürliche Veranlagung nicht göttlichem Willen gemäß. Wenn ich jähzornig bin, soll ich meinen Jähzorn auch nicht ausleben und sagen: Weil ich so bin, muss Gott mich so geschaffen haben und darum ist es auch gut so.

Als Geschöpfe Gottes haben wir auch Triebe und Lüste, die zunächst nicht grundsätzlich schlecht sind, aber sie sollen uns nicht beherrschen, sondern wir sollen sie in Verantwortung vor Gott, seinem Wort und vor Menschen kontrollieren und schöpfungsgemäß leben. Immer wieder höre ich oder es wird in Filmen so dargestellt, dass Menschen die die Ehe brechen, sagen: Da hab ich mich halt verliebt. Das Gefühl ist einfach über mich gekommen. Da kann ich doch nichts dafür. – Wie wenn ein Ziegel, der vom Dach fällt, mich zufällig trifft. Es gibt doch auch Versuchungen, denen wir widerstehen sollen.

Nicht die Sünde soll uns regieren und beherrschen, sondern wir sollen dagegen ankämpfen in Gebet und im Tun. Es war zu allen Zeiten Aufgabe der Hirten, auch solche unbequemen Wahrheiten anzusprechen und im Namen Gottes den Finger auf die Stellen zu legen, die vor Gott nicht recht waren. Ungerechtigkeit, Unreinheit, Unehrlichkeit. Nicht um damit andere zu verdammen, sondern um zurecht zu helfen. Jesus grenzt keinen Sünder aus, sondern er lädt Sünder ein. Er verachtet niemanden, der sündigt, sondern er nimmt Sünder an, nimmt ihnen ihre Sünde ab und trägt sie ans Kreuz. Es ist vor Gott nie recht einen anderen zu verachten oder sich über ihn zu stellen, egal wie er lebt oder was er getan hat.

Der Herr will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. Wir dürfen unsere Verlorenheit erkennen und zugeben. Wir dürfen unsere Irrtümer eingestehen und unsere Verwundungen zeigen, auch unsere Schwächen müssen wir nicht verbergen. Wir dürfen das alles immer wieder zum Guten Hirten bringen und uns von seiner Liebe und heilenden Kraft behandeln lassen. Er kann uns verändern, zu neuen Menschen machen, von Bindungen und Ketten lösen. Er kann Stachel entfernen, die uns tief in der Seele weh tun. Er hört nicht auf, in seiner Fürsorge uns zu rufen und zu suchen und wenn wir es selber nicht mehr schaffen, dann holt er uns aus dem Dickicht in dem wir uns verirrt haben und trägt uns heim.

Keiner, der ein Schäflein des Guten Hirten sein und bleiben will, wird von ihm vergessen oder bösen Mächten überlassen, sondern wird von der starken und guten Macht des Hirten aufgehoben und heimgetragen. Und darf, auch wenn er längst den Kinderschuhen entwachsen ist, noch gerne singen oder beten:

Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich nur immerhin
über meinen guten Hirten der mich wohl weiß zu bewirten,
der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.
(EG593)


Amen.

Dieses Lied wollen wir jetzt miteinander singen 593,1-3

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/4116