weitsichtig durchs Leben gehen.
Zur PDFPredigt zu Micha 4, 1-5 am 10.11.2024 in der Kreuzkirche Bayreuth
Liebe Gemeinde,
viele von uns sind Autofahrer. Wir sind aber nicht als solche auf die Welt gekommen. In der Regel machen unsere jungen Leute aber gleich mit 17 den Führerschein, weil es je länger man wartet, sowieso immer teurer wird. Wenn man das Autofahren lernt, muss man auch einüben, weitsichtig zu fahren. Wer immer nur bis zur Motorhaube schaut, wird sich schwer tun, manche Kurve zu kriegen. Der verkürzte Blick verhindert eine ruhige und zielorientierte Fahrt. So ist es auch im Leben. Wer nur kurzfristig reagiert, ist zwar ständig und aufgeregt in Bewegung, aber es kommt zu keiner wirklichen Fahrt, auf der man auch ordentlich vorankommt. Wir erleben das immer wieder in der Politik, in der kurzfristig neue Maßnahmen erwogen werden, aber die weitsichtige Perspektive fehlt. Da wissen dann die Leute gar nicht mehr, wohin eigentlich die Fahrt gehen soll. Weitsicht ist nötig, aber wer hat sie und woher soll sie kommen, wenn wir nur reagieren und agieren, aber gar nicht wissen, wohin denn eigentlich die Fahrt gehen soll. Nur unterwegs sein, bringt noch längst nicht voran. Es kommt auf die vorausschauende, zielorientierte Fahrt an. Das gilt auch für die Lebensfahrt. Vorausschauend leben heißt, die gegenwärtige Strecke zu bewältigen und gleichzeitig nach vorne Richtung Ziel zu schauen. Unser Predigttext, der uns heute vorgegeben ist, möchte uns da neue Sichtweisen geben. Er möchte uns Perspektiven eröffnen nach vorne, in die Zukunft. Ich lese aus dem 4. Kapitel beim Propheten Micha:
In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, 2 und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 3 Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 4 Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat’s geredet. 5 Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich!
In diesen Sätzen kommt eine wunderbare Zuversicht zur Sprache. Zuversicht, wie sie uns heute oft abhanden gekommen ist. Wo wir auch hinhören, welchen Fernsehkanal wie auch öffnen, welchen Sender wir auch hören oder Zeitung wir lesen, oft sind es negative Nachrichten, die uns erreichen. Für die Presse und Nachrichtenagenturen sind schlechte Nachrichten gute Nachrichten. Und in dieser Woche politisch turbulenten Woche gab es ja nun wirklich viel zu berichten. Das ist wohl an keinem von uns spurlos vorbeigegangen. Oft frage ich mich, ob nicht eine Rückbesinnung auf den christlichen Glauben in unserer derzeitigen Situation eine wirkliche Hilfe wäre. Da würde uns der Blick geöffnet werden, wie viel Grund zum Danken wir auch heute noch haben, selbst wenn wir weltpolitisch und gesellschaftlich und auch kirchlich vor großen Umbrüchen stehen. Wenn wir uns rückbesinnen auf den christlichen Glauben, dann hätten wir Grund zum Überlegen, wie man die biblischen Maßstäbe in unserer Gesellschaft wieder fester verankern könnte und was sie für uns heute bedeuten.
Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
Ich glaube, diese Einladung aus unserem Predigttext ist heute genauso aktuell wie damals als der Prophet Micha diese Worte gesprochen hat. Schließlich war damals die Situation auch nicht gerade rosig. An allen Ecken und Enden war das Leben damals gefährdet. Mächtige politische Gegner bedrohten das Land Israel und gefährdeten seine Existenz. Andere Götter verlangten den Glauben und der Gott Israels drohte ein Gott unter vielen zu werden. Mitten in die Wirrnisse dieser Zeit spricht Micha diese tröstenden und weitreichenden Worte. Die Zerstrittenheit der Völker, die Kriege und die mit ihnen verbundene Not werden bei Micha angesprochen und ernst genommen. Aber Micha betont im Auftrag Gottes: es wird dabei nicht bleiben. Die Kriege werden aufhören. Friede kehrt ein. Die Menschen werden sich zu Gott bekehren, ja die ganze Welt wird zum Berg Gottes, zum Zion wallfahren und dem wahren Gott dienen.
Vielleicht denken wir: das ist ein zu schöner Traum. Und es stimmt: wir sind davon heute noch weit entfernt. Die Vision des Micha hat sich bis jetzt noch nicht erfüllt. Wenn die Völker sich heute Richtung Israel aufmachen würden, würden sie dort Zeugen des schrecklichen Gazakrieges werden.
Deshalb ist es wichtig, dass wir uns klarmachen, dass die Worte des Jesaja wesentlich ergänzt wurden. Ich denke dabei auch an einen Berg, den Berg Golgatha nämlich. Durch Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen ist das Neue in die Welt gekommen. Wirklicher Friede. Frieden mit Gott. Dieser Gottesfriede ist die Grundlage für alle anderen Arten von Frieden, nach denen wir uns sehnen. Und so kann wirklicher Frieden nur durch das Hören auf das Evangelium entstehen. Jesus hat die Weisung ausgegeben, von der Micha schon vor Jahrhunderten spricht. Es sind die Seligpreisungen der Bergpredigt: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. 4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. 5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen 6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. 7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. 8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. 9 Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. 10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. 11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen. 12 Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.
Man kann diese Worte als unrealistisch abtun. Wir können uns von anderen Worten bestimmen lassen. Worte, die andere selig preisen als die, die da geistlich arm sind, andere als die da Leid tragen oder als die Sanftmütigen und Barmherzigen. Wir können auf Gottes Worte hören und unser Leben danach ausrichten, oder wir können auf anderen Worten unser Leben bauen. Tatsache aber ist, dass der Anfang dieses kommenden Friedensreiches schon gemacht ist. Tatsache ist, dass Gottes Friedensreich wie es Micha beschreibt, in Jesus Christus schon angebrochen ist. Ansatzweise zunächst, aber doch im Kommen. Noch sind längst nicht alle Schwerter zu Pflugscharen geworden. Noch sind längst nicht alle Spieße zu Sicheln geworden. Die umgekehrte Bewegung ist im Gange. Aus Pflugscharen werden wieder Schwerter gemacht. Es findet wieder ein vermehrtes Aufrüsten statt. Und doch kann da schon etwas aufstrahlen von Gottes neuer Welt. Einmal wird doch Friede sein. Friede in der Schöpfung, Friede zwischen den Völkern, den Menschen unterschiedlicher Religion, Hautfarbe und Herkunft. Dieser weltumfassende Frieden wird kommen. Von dieser Verheißung sollten wir uns nicht abbringen lassen.
Bis dahin gibt es ein Denken, ein Verhalten, das uns Christen wohl ansteht und das unter der Verheißung steht, einmal dieses Friedensreich erleben zu dürfen. Es ist das Denken, dass wir in allem und mit jedem Frieden suchen, soweit uns dies möglich ist. Und es ist das Handeln, das aus diesem Denken kommt: Tun, was dem Frieden dient, die Hand reichen, das erste Wort sagen, nachdem lange geschwiegen wurde. Noch sehen wir den Frieden nur ansatzweise und solche schrecklichen Kriege wie in Nahost und in der Ukraine lassen ihn uns oft gefährdet erscheinen. Und doch gehört es zum Wesen unseres Glaubens, dass wir glauben, was wir noch nicht sehen. Dass wir uns auf das freuen, was eben noch Gottes Verheißung ist und nicht unmittelbar vor Augen steht. Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
Wenn auch vieles uns den Mut nehmen will. Wenn uns auch manche Leute für verrückt und weltfremd halten. Und wenn auch das Licht des Herrn erst in Gottes neuer Welt ewig und ohne Gefahr brennen wird, so können wir doch heute schon in seinem Schein leben und arbeiten. Können unseren Blick erheben auf dieses umfassende Friedensreich, das uns erwartet. Wir können weitsichtig leben. Wir brauchen für unser Leben hier Gottes weite Perspektiven, so wie wir eben beim Autofahren auch die nötige Weitsicht brauchen, um ans Ziel zu kommen und die Kurve zu kriegen. Ich habe es vor wenigen Wochen in anderem Zusammenhang gesagt und möchte es auch angesichts der aktuellen politischen Lage nach dieser Woche hier wiederholen: Lasst uns christusgewisser und krisen-gelassener werden. Glaubt nur: Jesus Christus kann Krise, er hat die größte Krise der Weltgeschichte durchlebt: seinen Tod am Kreuz. Da war wirklich für eine kurze Zeit alles aus. Keine Hoffnung, Jesus tot, Dunkelheit und Perspektivlosigkeit für eine ganze Welt. Drei Tage lang! Aber diese größte Krise ist überwunden!! Sie ist vorbei!! Jesus lebt, mit ihm auch ich! Mag um dich die Welt brennen wie sie will, mögen sich Krise auf Krise im Großen und im Kleinen häufen. Die Gewissheit deines Lebens hier und in Ewigkeit liegt bei deinem Heiland Jesus Christus! Was uns gerade in diesen Zeiten wegbricht, sind unsere vermeintlichen Sicherheiten um Wohlstand, Frieden, Gesundheit oder anderes. Das war und das ist alles ein Geschenk vom Heiland, aber es war und es ist keine Sicherheit, worauf wir Anspruch haben. Es gibt nur eine Sicherheit und die ist Jesus Christus. Ich bin bei euch alle Tage! Das hat er versprochen. Auch in allen verschiedenen Arten von Tagen, die du erlebst, ist der Heiland bei dir. Der Heiland weicht doch nicht. Den Heiland wird dir keine persönliche und keine weltenpolitische Krise nehmen können! Lasst uns christusgewisser und krisengelassener werden. Jesus Christus ist das Zentrum der Geschichte. Er ist der Anker in der Zeit. Er ist der Ursprung allen Lebens. Und unser Ziel in Ewigkeit. Amen.
Bei Fragen oder Anregungen: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de