Weihnachtstrilogie Teil III: Annehmen und Bewegen

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Christmette 2019

Weihnachtstrilogie Teil III – Annehmen und Bewegen –

Annehmen

„Freue dich und sei fröhlich, denn siehe, ich will bei dir wohnen.“ (Sacharja 2, 14) Vor ein paar Tagen haben uns Eltern mit ihrem dritten Kind besucht. Es ist erst ein paar Monate alt und nicht ihr leibliches Kind. Sie haben es – wie ihre beiden älteren Kinder – adoptiert. Das Besondere an diesem 3. Adoptivkind: Es hat einen Gendefekt und wir wohl nie so sein wie andere Kinder. Die leiblichen Eltern wollten es wegen dieses Gendefekts nicht haben, deshalb wurde es von ihnen gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben.

Eine traurige und eine schöne Geschichte zugleich. Die einen lehnen ab und entziehen sich ihrer Aufgabe und Verantwortung als Eltern – die anderen stellen sich dieser, sicher nicht immer leichten, Aufgabe und übernehmen aus freien Stücken Verantwortung. Dieses Menschenkind darf trotz seines Handicaps leben und in einer liebevollen schönen Umgebung aufwachsen. Die Adoptiveltern hätten das nicht tun müssen, aber sie haben sich dazu entschlossen. Nach Gebet und dem Hören auf Gottes Antwort konnten sie mit ganzem Herzen ja zu diesem Kind und der großen Aufgabe sagen. – Gott helfe Ihnen dabei! – Das Kind ist angenommen.

Warum erzähle ich Ihnen das? – Weil mich Gottes Handeln an Weihnachten an diese mutige Tat der Adoptiveltern erinnert. Er tut etwas, was er nicht hätte tun müssen. Er hätte sich und seinem Sohn Jesus Christus eine Menge Mühe und Schwierigkeiten erspart, wenn er darauf verzichtet hätte uns anzunehmen. 

Unsere Defekte und Handicaps wiegen schwer. Wir sind meist eingeschränkt auf unser Ich. Wir lehnen einander ab. Wir stellen uns oft genug unserer Verantwortung nicht, sondern entziehen uns Aufgaben, die unsere Möglichkeiten einschränken. Und noch viel mehr Gründe sprächen dagegen, dass uns jemand freiwillig annimmt.

Trotzdem hat Gott sich darauf eingelassen und will mit uns eine WG gründen. Würden Sie mit jemanden, dessen zahlreiche Marotten sie kennen, der unzuverlässig, unehrlich, treulos, lieblos und schmutzig ist in eine Wohngemeinschaft ziehen? – Ich nicht. – Sie auch nicht. – Aber Gott schon.

Er mutet sich und seinem Liebsten zu bei uns zu wohnen. Er nimmt uns an, so wie wir sind. Er bringt eine Menge Liebe und Geduld auf, uns nach seinen guten Vorstellungen zu verändern, obwohl das nach menschlichem Ermessen kaum geht. – Aber seine göttlichen Vorstellungen gehen über unseren Horizont hinaus. Er sieht weiter. Er sieht nicht das, was ist, sondern das, was er aus uns machen will und was werden soll.

Von Michelangelo erzählt man, er habe eine seiner wunderbaren Skulpturen, den David, aus einem Marmorblock geschaffen, an dem sich bereits drei andere Bildhauer versucht und ihn beschädigt zurückgelassen hatten. Der kolossale Block lag irgendwo abseits im Steinbruch und niemand hat sich mehr dafür interessiert. Bis ihn Michelangelo fand, genauer betrachtete und sich seiner annahm. – Der geniale Künstler sah nicht den beschädigten unbrauchbaren Klotz, sondern sah vor seinem inneren Auge, was daraus werden sollte. – Über zweieinhalb Jahre hat er sich Zeit genommen und die einmalig schöne Figur des David daraus geformt. Makellos und anmutig. Der Meister hat geschafft, was andere für unmöglich hielten.

Verachtetes wertschätzen, Unmögliches ermöglichen. Dieser Aufgabe stellt sich Gott und hat damit an Weihnachten begonnen. Er kommt zur Welt, mit ihren unzähligen Defekten und zu uns Menschen, mit unseren Fehlern, Schwächen, Tücken und Macken. Seine Werkzeuge sind Liebe und Geduld, seine Hilfsmittel lebendiges Wasser, Schuld zudeckendes Blut und wirkmächtige Worte, die Felsen brechen und Herzen erweichen.

Gott sagt: Ich will! Ich will bei dir wohnen. Ich will mit dir leben. Ich will dich ertragen. Ich will dir helfen. Ich will dir dein Leid tragen helfen. Ich will mich mit ewiger Gnade deiner erbarmen. – Gott will. Willst du auch? Wollen Sie auch? Ja, dann sag ihm das! Der Liederdichter Gerhard Tersteegen hat es für sich vor knapp 300 Jahren einmal so ausgedrückt (EG165,8):

Herr, komm in mir wohnen, lass mein‘ Geist auf Erden
dir ein Heiligtum noch werden;
komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre,
dass ich dich stets lieb und ehre.
Wo ich geh, wo ich steh,
lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.

Tersteegen meint die innere Haltung der Demut, mit der sich jemand ehrfürchtig vor dem beugt und unter den stellt, dem er unendlich viel zu verdanken hat. – Vielleicht wie ein angenommenes Kind, das irgendwann einmal dankbar erkennt, welche Liebe die Eltern, die gar nicht die leiblichen waren, aufgebracht haben, um es anzunehmen, ganz als Eigenes, unwiderruflich.

Wer so ganz angenommen ist, wird auch zum Erben. Total gleichgestellt dem eigenen Kind. So stellt uns Gott seinem Sohn gleich. Miterben Jesu sind wir, der heiß uns geliebt. Martin Gotthard Schneider fordert in seinem erst ein halbes Jahrhundert alten Weihnachtslied auf: Kommt, lasst uns auch zu der Krippe gehen. Dann wird die Weihnacht an uns geschehn.

Wir singen seine Strophen

Lied 547, 1-3.9 „Ein Kindlein liegt in dem armen Stall“

Bewegen

Ganz am Ende seiner Weihnachtsgeschichte stellt der Evangelist fest: Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. (Lukas 2,18)

Gute Worte behalten und bewegen. Das fällt vielen heute schwer bei der Inflation von Worten, die täglich geschrieben, gesprochen, gesungen über uns hereinbrechen. Aber auch bei den Worten, die uns gesagt werden, ist Nachhaltigkeit und Achtsamkeit geboten. Schon bei Menschenworten. Noch viel mehr bei Gottesworten. Es sind starke und wirkungsvolle Worte.

Woran mag Maria gedacht haben nach der Geburt ihres Kindes? An die Worte, die ihr der Engel Gabriel bei der Ankündigung der Geburt von diesem Kind sagte: „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden… und sein reich wird kein Ende haben.“ Oder hat Maria die Worte des Engels an die Hirten nicht mehr vergessen können: „Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus.“

Maria sieht ihr Kind in der Krippe an. Was für ein Wunder! – So wie jedes Kind, das geboren wird ein Wunder ist. Das geben selbst Eltern zu, die sonst nicht an Wunder glauben. In Verbindung mit dem Wort Gottes ist dieses Kind aber noch auf ganz andere Weise ein Wunder. Ganz Mensch, klein, schwach, hilflos, zart, liebenswert, schutzbedürftig.

Und es ist, so weiß Maria, auch ganz Gott. Dieser Jesus wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Heiland der Welt. Nicht zum Fürchten, aber zum Anbeten in Ehrfurcht. Gott, der uns Menschen zum Bruder geworden ist. Messias, Christus, Retter, Heiland, der uns nahe sein will.

Eine bewegende Geschichte. Die mit dem adoptierten Kind und die mit dem Kind, das in einem Stall zur Welt kommt und doch ein göttliches Kind ist. Das Kind, dem alle Engel dienen…

Am Ende wird uns kurz berichtet, wie es der jungen Mutter geht. Sie erlebt diese Zeit sehr intensiv. So wie jede werdende Mutter eine Schwangerschaft sehr intensiv erlebt, wenn sie das Kind annimmt und die Rolle einer Mutter, die damit verbunden ist. Wahrscheinlich gibt es keine einschneidendere Veränderung im Leben einer Frau, als Schwangerschaft, Geburt und Mutter werden.

Es ist schade, dass das in unserer Zeit so gering geschätzt wird. „Nur Mutter“, sagen oder denken manche. Und man hört eine Geringschätzung hinter diesen Worten: „Nur…“ Nicht „nur“! Sondern: Mutter sein, das ist ein besonderer Adel. Das ist von Beginn an die von größter Verantwortung und stärkster Verantwortung gegebene Zusage: Mein Bauch gehört dir! Ich bin bereit, mich für Dich zurückzunehmen, auf so Manches zu verzichten, weil ich dich liebe. Ich nehme Risiken auf mich und lasse eine totale Veränderung meines Lebens zu. Ich weiß auch, dass ich aus dieser Rolle nie wieder rauskomme, aber das bist du mir wert.

Ich werde mit dir lachen und weinen, leben und leiden, mich freuen und mit dir bangen. Ich bleibe Mutter, auch wenn du einmal schon lange kein Kind mehr sein wirst. Ich werde immer für dich da sein. Du bleibst mein Kind, auch wenn du Fehler machst und schuldig wirst, wenn du versagst oder scheiterst. Du bleibst mein Kind und ich bleibe deine Mutter. Nie werde ich dich verstoßen oder vergessen.

So ist das auch wenn Gott uns annimmt, wenn er ja zu uns sagt. Er steht dazu. Er weiß, dass wir ihm noch viel Arbeit machen werden, aber er steht zu seinem Wort. Das alles bewegt Maria in ihrem Herzen.

Es geht hier noch um viel mehr. Maria vergisst nicht, sondern sie beschäftigt sich mit den Worten Gottes. Sie weiß: Was er zusagt, das hält er gewiss. Das gilt nicht nur für Maria und nicht nur weil ihr Kind Jesus heißt. Das gilt auch für die Worte die Gott uns zugesprochen hat. Ein Taufspruch, Konfirmationsspruch, Trauspruch. Ein Satz den wir beim Abendmahl für uns bekommen haben. Ein Bibelwort, eine Zeile aus einem Lied. Wir sollen solche Worte behalten und bewegen. Damit leben, ihnen vertrauen und uns auf Gottes Treue verlassen. Was Gott zusagt, das hält er gewiss.

Liebevoll wacht Jesus über dir, jeden Schritt, jeden Tritt, den du gehst. So wie Mutterliebe dich geleitet, geht er mit dir jeden Schritt, den du gehst.
Ob in Glück oder Schmerz, ob voll Freude dein Herz, ob in Leid, ob in Not, ob in Leben oder Tod.
O wie gut bist du geborgen in der Liebe dieses Herren der Welt. Fürchte nichts, denn Gott thront als Herrscher, der das All und auch dich sicher hält.

(Text und Melodie J. W. Peterson)

Das ist Gottes Plan mit uns. Das gilt es anzunehmen und zu bewegen. Nehmen Sie diese Zusage mit in die Heilige Nacht und in die kommende Zeit. Dann kann etwas wachsen und sich entfalten, aufblühen und Frucht tragen.

Das Wort Gottes annehmen und im Herzen bewegen. Das dürfen wir von Maria lernen. Gottes Worte gelten und stehen lassen, was auch geschieht. Dann werden aus Dornen. Dann wird aus Not Überfluss, aus Schwerem Gutes, aus Traurigkeit Geborgenheit.

Wort Gottes annehmen und bewegen. Das soll nicht ein einmaliges Geschehen bleiben, sondern die Basis für unseren Alltag, für unseren Glauben und unser ganzes Leben. Aus der Kraft des göttlichen Wortes heraus dürfen wir die Aufgaben des Lebens angehen.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168