Weihnachtstrilogie Teil I: Warten und Suchen

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4. Advent 19, 22.12.19, – Warten und suchen – 2. Kor 1, 20

Weihnachtstrilogie Teil I „Warten und Suchen“

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt: …Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

„Denn auf alle Gottesverheißungen ist in Jesus Christus das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen. Gott zum Lob.“

Erinnern Sie sich an die Sendung: „Wir warten aufs Christkind.“ Erstmals wurde ein Programm mit diesem Titel am 24. Dezember 1960 ausgestrahlt. Mit abwechslungsreichen Inhalten und beliebten Figuren aus Kindersendungen sollte Kindern die Wartezeit bis zur Bescherung verkürzt werden. Ich kann mich noch gut an den Titel erinnern. In dem Jahr war ich in die Schule gekommen und die Eltern hatten den ersten Fernseher gekauft – Schwarz-weiß natürlich, und der Bildschirm war nur unwesentlich größer, als der, eines Smartphones heute. – Und es gab natürlich nur ein Programm.

35 Jahre lang, bis 1995, wurde die Sendung im Ersten dann jedes Jahr am Nachmittag des 24. Dezember ausgestrahlt. Danach nur noch in einigen Regionalprogrammen. – Fernsehen war Mitte der Neunziger Jahre längst farbig geworden und man konnte von einem Sender zum anderen wechseln. Aufs Christkind warteten immer weniger Menschen. Eher auf die Bescherung oder auf das festliche Essen.

Worauf haben Sie in den letzten Wochen gewartet? – Haben Sie auf etwas gewartet? Vielleicht tauschen Sie sich mal kurz aus in den Bänken – wenn Sie mögen.

(Kurze Umfrage unter den Gottesdienstbesuchern)

Worauf warten Menschen in den bald beginnenden 20ger Jahren des 21. Jahrhunderts? – Auf Vieles muss man nicht mehr warten. Wenn es eine gute oder schlechte Nachricht gibt, wird sie sofort über die sozialen Netzwerke weitergegeben. Man muss nicht mehr warten, bis man daheim angekommen ist oder bis der Brief den Empfänger erreicht. Nein, warten gehört nicht zu den Stärken des modernen Menschen.

Man kauft gleich und zahlt später. Junge Paare warten meist nicht mehr bis zur Hochzeit. Oft nicht einmal bis sie sich wirklich kennen. Nicht selten erleben sie dadurch bleibende Verletzungen und tiefe Enttäuschungen. Warten ist nicht nur lästige und ärgerliche Zeitverschwendung. Warten ist auch ein wichtiger Prozess, bei dem man viel lernen kann. Wer nie warten gelernt hat, macht es sich und anderen schwer. Warten, bis es so weit ist. – Bis die Zeit reif oder sogar erfüllt ist.

Warten hat etwas mit Vorbereitung zu tun. Mit Einstimmung auf eine neue Situation. Wartezeit gibt der Seele, manchmal auch der des Menschen, den man liebt, die Chance bereit zu werden. Wenn Eltern ein Kind erwarten, z. B. Es ist direkt ein Glück, dass man eine Schwangerschaft noch nicht beschleunigen kann. Turbo- Schwangerschaft. Im Crash-Kurs zum ersten Schrei. Wenn das ginge… Nicht auszudenken!

Es ist da – Gott sei Dank – noch wie vor 2000 Jahren. Nachdem der Engel Gabriel Maria wieder verlassen hatte, blieb ihr ein dreiviertel Jahr Zeit sich auf das einzustellen, was sie erwartete. Wichtige Zeit. Wer wartet, spielt Situationen in Gedanken durch. Wie das sein wird, wenn es so weit ist.

Auf etwas Gutes oder Schönes warten ist doch immer auch mit Freude verbunden. Und Vorfreude ist eine besondere Form der Freude. Freude die einen innerlich vorbereitet und die einem ermöglicht, dann bereit zu sein, wenn die Zeit erfüllt ist. Wer Wartezeit nützt, erlebt endlich die Freude der Erfüllung ganz anders und viel intensiver.

Schauen Sie sich mal ein Kind an, das auf etwas Ersehntes wartet. Unsere Enkelin ist vor drei Monaten in die Schule gekommen und hat sich wartend in den Monaten vorher damit beschäftigt und immer mehr darauf gefreut. Als dann der erste Schultag kam, hat sie gestrahlt und war glücklich. Und die Motivation, die dieses Glück freisetzt, hält noch an.

Aus manchen alten Adventsliedern und anderen geistlichen Liedern kann man noch so eine freudige Erwartung heraushören und sogar spüren. „Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen. Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen; du kommst uns ja zum Segen.“ (EG 152,1)

Viele Jahrhunderte lang haben Nachkommen Abrahams auf das Kommen des Messias gewartet. Ihr Warten wurde begleitet von Not, politischen Katastrophen, führte zur Sehnsucht nach Hilfe, nach Frieden und Freiheit, nach Gerechtigkeit und Heilung: Wenn dann der kommt, den uns Gott schicken wird, dann brechen mit ihm herrliche Zeiten an. Dann wird alles anders. Dann endet das Elend, in dem wir leben. Diese Erwartung gab Generationen von Gläubigen manchmal in schwersten Zeiten die Kraft durchzuhalten und auszuhalten.

Als Gottes Sohn Mensch wurde, als Jesus zur Welt kam, wurde für einen Augenblick der Weltgeschichte etwas sichtbar von himmlischer Herrlichkeit. Einer der vergibt, statt zu vergelten, der liebt, statt zu hassen, der heilt statt zu verletzen, der aufrichtet, statt niederzudrücken, der dient, statt sich dienen zu lassen. Ja, den braucht die Welt.

Dieser eine Gerechte hat versprochen wiederzukommen. Und er wird am Ende alles gut machen. Darauf dürfen wir warten, uns vorbereiten und aus dieser Hoffnung sollen wir die Kraft und die Motivation nehmen, in seinem Sinn zu handeln und mit der Welt und einander gut umzugehen.

Die Advents- und Vorweihnachtszeit will uns jedes Jahr wieder daran erinnern, das Warten nicht aufzugeben und uns auf sein Kommen vorzubereiten. Philipp Friedrich Hiller drückt es in seiner letzten Strophe so aus – wir haben es vorhin miteinander gesungen: Wir warten dein, du kommst gewiss, die Zeit ist bald vergangen; wir freuen uns schon überdies mit kindlichem Verlangen. Was wird geschehn, wenn wir dich sehn, wenn du uns heim wirst bringen, wenn wir dir ewig singen. (EG 152,4)

Auf Jesus warten ist ein sehr aktives und spannendes Geschehen. Wer auf ihn und seine Zukunft wartet, der rechnet jetzt und hier schon mit seinen Möglichkeiten. Der lebt und schöpft täglich aus seiner Kraft (2. Kor 1,20). „Denn auf alle Gottesverheißungen ist in Jesus Christus das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen. Gott zum Lob.“

So schreibt es der Apostel Paulus an die kleine christliche Gemeinde in der großen weltoffenen Stadt Korinth. Dort waren die an Jesus Christus Glaubenden auch eine Minderheit. In ihrer Umgebung wurde an so vieles andere geglaubt. An Macht und Erfolg, an Schönheit und Besitz. Für alles gab es einen Gott oder eine Göttin und für alle Gottheiten einen Tempel. Einen Ort der Verehrung und der Opfer.

Heute suchen viele Gourmet-Tempel auf, Fitness-Tempel, Schönheits- oder andere Tempel und bringen ihre Opfer. Sie glauben nicht mehr an den einen Gott, aber an den Erfolg, das Glück oder an sich selbst. Sie haben das Warten verlernt und betrachten es als Zeitverschwendung. Aber Warten hat Wert.

Und zum Warten gehört auch das Suchen. Wer auf ein Schiff wartet, das einen geliebten Menschen bringen soll, sucht sehnsüchtig den Horizont ab nach dem Schiff. Am Bahnhof oder am Flugplatz sucht man unter den heranströmenden Massen den oder die eine, die man sehnlichst erwartet.

Wer sucht, möchte finden. Suchen hilft warten. Das Wort Gottes empfiehlt sogar das Suchen und Warten und verspricht den geduldig Wartenden Großes. Man kann nicht nur die Brille suchen, das Handy, den Schlüssel oder den Geldbeutel. – Das tun wir ja alle immer wieder.

Man kann auch Gott suchenund finden. Frieden suchen – und finden. Vergebung suchen – und finden. Versöhnung suchen– und finden. Man kann den Sinn des Lebens suchen – und finden. Jesus fordert direkt dazu auf und verspricht den Erfolg: Suchet, so werdet ihr finden!

Man kann auch den Sinn von Weihnachten suchen – und finden, selbst wenn man ihn vielleicht schon vor langer Zeit verloren hat – Ja, man kann ihn wiederfinden.

Es gibt einen Film mit dem Titel: Die Stadt, die Weihnachten vergaß. – Es gibt auch ein gleichlautendes Weihnachtsspiel, das wir schon im Familiengottesdienst hier in der Kirche hatten. – In der Stadt war Weihnachten vergessen worden, und damit die Botschaft von dem Kommen Gottes durch Jesus. 

Zur Weihnachtszeit wurde dort besonders viel Böses getan, aber auch sonst unter dem Jahr. Die Leute in der Stadt gingen gemein und lieblos miteinander um, selbst in der eigenen Familie. An einem Sommertag kommt ein Fremder, Matthias der Zimmermann, in die Stadt. „Wir behalten dich im Auge!“ sagt der Bürgermeister zu ihm. Das war Matthias nur Recht. Denn er war ganz anders als die anderen Bürger. Er half den Leuten. Im Herbst war Matthias immer noch da. Er brachte zunächst den Kindern ein Weihnachtslied bei. Und die Kinder waren offen und interessiert an der Botschaft von Weihnachten.  Und über die Kinder wurde die Botschaft zu den Eltern weiter getragen, die sich dann auch dafür öffneten. Schwieriger war es da schon mit dem Bürgermeister und seinen Anhängern. Sie versuchten, Weihnachten zu verhindern. Aber für Matthias war klar: Lernen die Leute erst mal Jesus kennen, wie er wirklich ist, ändern sie sich auch.

Das ist der Knackpunkt von Weihnachten: Jesus suchen, finden und kennenlernen. Das ändert alles. In Jesus erfüllt sich, was Gott mit der Welt und uns Menschen vorhat. „Denn auf alle Gottesverheißungen ist in Jesus Christus das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen. Gott zum Lob.“ So schreibt es der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth.

Alle Zusagen Gottes erfüllen sich in Jesus Christus. Wenn Gott verspricht: Ich bin bei euch! Dann wird das in Jesus konkret. Der Menschensohn. Gott, der in unsere Haut schlüpft, der enttäuscht wurde, ungerecht behandelt, beneidet, gehasst, misshandelt wurde. Der Schmerzen hatte, der einsam war im Garten Gethsemane und am Kreuz. Der kann jeden verstehen in seiner Not. Auch mich in meiner Bedrängnis und Dich in Deiner Überforderung, Angst oder Enttäuschung.

Deshalb macht es Sinn ihn zu suchen, mit ihm zu reden, auf ihn und seine Hilfe zu warten. Sei ganz sicher! „Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.“ So drückt der Liederdichter P. Gerhard das in einem seiner Adventslieder aus.

Gott hat Lust in dein und mein Leben zu kommen. Mit seiner Liebe! Und es macht ihm Freude alle Angst zu vertreiben und die Not in der du steckst zu lindern. Es ist ja oft so, dass Weihnachten mit einer aktuellen Not verbunden ist. Da geht ein Leben langsam zu Ende vielleicht viel zu früh an einer oder mehreren unheilbaren Krankheiten. Eheleute finden nicht mehr zueinander. Kinder brechen mit den Eltern. Nachbarn prozessieren gegeneinander. Eine schwierige Operation steht bevor oder Schmerzen machen das Leben fast unerträglich.

Weihnachtsnot – Was ist in diesem Jahr Ihre Weihnachtsnot? – Nein, wir machen jetzt nicht noch eine Umfrage. Aber Sie können sicher sein, dass viele unter uns sind, die in die kommenden Festtage mit der Bürde einer Weihnachtsnot gehen.

Doch vergessen wir nicht, wir dürfen, ja wir sollen mit unserer Not zu Jesus kommen und auf sein Eingreifen warten. Den Heiland suchen, ihm alles anvertrauen und ihm zutrauen, dass er mitten in dunkle Stunden ein Licht senden kann. Mit Jesus ist die Zeit erfüllt. Mit ihm geht es weiter, auch wenn wir nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Mit dem Gedanken der „Weihnachtstrilogie“ lag mir dran, deutlich zu machen, dass es weitergeht. Nach dem Warten und Suchen kommt das Hören und Staunen (Thema der Christvesper übermorgen um 17 Uhr). Und nach dem Hören und Staunen das „Annehmen und Bewegen“ um das sich im Nachtgottesdienst am Heiligen Abend, in der Christmette um 22 Uhr, alles drehen wird.

Wenn Gott Mensch wird für uns, dann doch nicht nur für einen Tag im Jahr, sondern für unser ganzes Leben, für alle Tage und Nächte. Er will uns abholen, mitnehmen in seine Zukunft. Danke, Herr, für Verheißung u. Erfüllung. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168