Was ist wichtig wenn der Herr wiederkommt?

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1.Advent 01.12.2013, Hebräer 10, 23-25

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. In der Stille beten wir um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Worte der Heiligen Schrift für die Predigt lesen wir heute im 10. Kapitel des Hebräerbriefes: 

Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; und lasst uns aufeinander achthaben zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsere Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.

Dass der Tag sich naht, lässt sich inzwischen nicht mehr übersehen. Der Tag, auf den in diesen Wochen alles zu läuft, – Der Weihnachtstag, in gut drei Wochen. Auf dem Marktplatz steht der große Christbaum mit den vielen hundert Lichtern. Zwischen den Buden des Weihnachtsmarktes duftet es nach Glühwein und Kerzen.

Der Tag naht sich, für die Kinder zu langsam und für die Erwachsenen, die noch so viel vorher zu tun haben, zu schnell. Es geht jetzt in den nächsten Wochen darum, das Wesentliche, das Wichtige zuerst zu tun und sich nicht mit Dingen aufzuhalten, die auch nach Weihnachten noch erledigt werden können – Sonst kommt der Tag und wir sind nicht so weit.

Liebe Gemeinde, wenn hier der Schreiber des Hebräerbriefes den Finger auf die Zeit legt und vom rasch näher kommenden Tag redet, dann denkt er nicht an Weihnachten, schon gar nicht an das, was in unserer Zeit daraus geworden ist. Zu seiner Zeit, also im 1. Jahrhundert, gab es das Weihnachtsfest noch gar nicht, auch nicht in christlichen Gemeinden.

Von welchem Tag ist dann hier die Rede? Der unbekannte Christ und Apostel, der hier im Hebräerbrief schreibt, meint den Tag, an dem der Herr Jesus Christus sichtbar wiederkommt und sein Reich aufrichtet. Darauf wartet er, darauf warten die Christen zu allen Zeiten. Das ist Adventszeit im Ursprünglichen biblischen Sinn: Zeit des Wartens und der Vorbereitung auf das Kommen des Herrn.

Auch da gilt das, was für die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest nötig ist: Dass wir uns auf das Wichtige, auf das Wesentliche besinnen und uns nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten, sonst kommt der Tag des Herrn und wir sind nicht vorbereitet.

Was ist wichtig für den Tag, der nicht wie das Weihnachtsfest lange vorher rot im Kalender steht? Was ist wichtig für den Tag des Herrn, von dem wir auch in unserem Glaubensbekenntnis reden: …“von dort wird er kommen“… Was ist wichtig für den Tag, an dem wir einmal vor Gott stehen und unser Leben verantworten müssen? Ja, was ist da wirklich wichtig?

Hier im Hebräerbrief wird einiges kurz aufgezählt, damit wir in diesen Adventswochen nicht nur ein äußeres Fest vorbereiten, sondern auch innerlich uns bereit machen lassen:

Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; … lasst und nicht die Versammlungen verlassen – wie einige zu tun pflegen…

Ich staune: Kirchenaustritte scheint es also auch schon im ersten Jahrhundert gegeben zu haben. – Vielleicht nicht so bürokratisch, auf dem Standesamt mit einem Formular, aber doch in der Sache. Gemeindeglieder blieben den Versammlungen fern, lösten sich von dem Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Vielleicht war damals die Angst vor Verfolgung oder vor Nachteilen so groß. Möglicherweise gab es auch Ärger über andere in der Gemeinde, über Mitarbeiter oder Gemeindeleitung.

So ist das ja heute bei uns auch, wenn Kirchenaustritte nicht nur wegen der Kirchensteuer geschehen. Man hat sich geärgert über irgendwen oder irgendwas. – Halt! – Rufen uns diese Adventsworte zu. Tu’s nicht! Denk dran, worum es geht. Das Entscheidende ist doch nicht die Institution Kirche, auch nicht die Menschen, die in ihr arbeiten. Das sind, zugegeben, manchmal komische Vögel, schräge Typen, merkwürdige Heilige, – ich schließe mich da nicht aus.

Entscheidend ist doch der Inhalt, die Botschaft und nicht die Verpackung oder der Bote. Es wäre ziemlich blöd, einen kostbaren Ring wegzuwerfen, weil einem die Schachtel, in der er liegt, nicht gefällt. Der kostbare Inhalt, um den es in unseren Versammlungen geht, ist das Bekenntnis der Hoffnung, das Bekenntnis zu Jesus, dem Sieger.

Ist das nicht eine großartige Umschreibung unserer Sache: Bekenntnis der Hoffnung! Mitten in einer hoffnungslosen Welt haben wir ein Bekenntnis der Hoffnung. Völker sind hoffnungslos verfeindet, Menschen sind hoffnungslos zerstritten. Frauen und Männer ohne Hoffnung auf anständig bezahlte Arbeit; Kranke ohne Hoffnung auf Heilung; Hungernde ohne Hoffnung auf Nahrung; Familien ohne Hoffnung auf Frieden und gegenseitiges Verstehen. So viele Hoffnungslose in dieser Welt, in unserem Land, in unserer Stadt.

Und wir haben ein Bekenntnis der Hoffnung, ein Bekenntnis, das uns sagt: Niemand muss ohne Hoffnung leben! Niemand ist ein hoffnungsloser Fall! Unser Hoffnungszeichen ist das Kreuz. Unser Hoffnungsträger der, der sich darauf hat festnageln lassen, Jesus. Als alle die Hoffnung schon aufgegeben hatten, hat dieser Hoffnungsträger Jesus Christus seine Macht gezeigt: Stärker als der Tod! Stärker als der Hass! Stärker als Vorurteile und Resignation. Seine Hoffnung ist unzerstörbar.

Bereits die Christen des 1.Jahrhunderts haben dieser Hoffnung Ausdruck verliehen in dem Ruf: Maranatha! Unser Herr kommt! Altbundespräsident Gustav Heinemann, auch ein bekennender Christ, wird der Ausspruch zugeschrieben: Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt! Unserem Herrn gehört die Zukunft! Jesus ist Sieger! – Hoffnungsloseste Zeit und Lagen haben Christen im Festhalten an dieser Hoffnung durchgestanden. Man hat sie ausgelacht, verspottet, verachtet, verfolgt, verleumdet und verflucht, verbannt und verbrannt und sie haben trotzdem an dem Bekenntnis der Hoffnung festgehalten. Dabei haben sie die Erfahrung gemacht: Unsere Hoffnung trägt Jesus Christus. Er ist treu! Auf ihn können wir uns verlassen. Er ist der Weg, der zum Ziel führt, die Wahrheit, die nicht enttäuscht, das Leben, das sich lohnt und das bleibt.

Und wir, am Anfang einer neuen Adventszeit, dürfen das auch wissen und wieder ganz bewusst festhalten: Bekenntnis der Hoffnung! Wir dürfen uns wieder ganz an den hängen, der uns niemals hängen lässt, der für jede und jede Vergebung hat und einen neuen Anfang, egal was war. Und er hat neue Aufgaben, Wege aus der Ausweglosigkeit, Hilfen in unserer Hilflosigkeit. Das ist das Bekenntnis der Hoffnung.

Hören sie den leidenschaftlichen, liebevollen Ruf aus diesen Versen? Der Schreiber schließt sich mit ein, so wie ich mich als Prediger genauso mit einschließen muss: Lasst uns festhalten… Geht doch nicht weg! Lasst doch nicht los! Gebt doch nicht auf! Lasst Euch nicht ablenken von den vielen neuen Angeboten und Stimmen: Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!

„Das brauch ich nicht!“ Sagen manche. „Ich muss mich nicht festhalten an irgendeinem Glauben. Ich schaff es schon alleine.“ Und wenn’s mal schwierig wird, kann ich ja immer noch auf den Glauben zurückgreifen.- Es ist riskant, so zu denken. Wenn ich es nicht gelernt habe, im Glauben zuzugreifen, dann ist es sehr fraglich, ob ich es in der Krise oder in der Krankheit oder im Alter schaffe.

Als 11-jähriger war ich mal in Unterfranken in einem Kinderheim zur Erholung. Wir waren viel draußen im Wald. Über einem Graben lag ein umgestürzter Baum. Etwa 3 Meter darunter floss ein kleiner Bach. Jedes Mal wenn wir vorbeikamen reizte mich der Baum. Da müsste man doch drüber balancieren können. Die Warnungen der anderen hielten mich nicht ab. Ich musste es ausprobieren. Wenn ich das Gleichgewicht verliere, kann ich mich ja immer noch festhalten an dem Stamm, dachte ich. – Schon war ich in der Mitte. Es ging ganz gut, einen Moment zögerte ich. Dann rutschte ich auf dem feuchten Moos am Stamm aus, mit den Händen suchte ich Halt, aber da war kein Halten mehr. Ich fiel und klatschte der Länge nach in den kalten Bach – es war März. – Nass, verschreckt und vor Kälte schlotternd stieg ich aus dem Bach, unverletzt. Ich hatte mich überschätzt und ich hatte mich nicht warnen lassen.

Wenn man sich überschätzt und Warnungen in den Wind schlägt, dann klappt das auch mit dem Festhalten im letzten Augenblick nicht und die eigenen Kräfte erweisen sich als zu klein. Hätte ich mich warnen lassen oder etwas zum Festhalten gehabt, wäre ich gar nicht gestürzt. Es ist wichtig, den Halt zu suchen, solange noch Zeit ist. Jetzt, heute! Wieder neu zupacken. Das Bekenntnis der Hoffnung, Jesus Christus, im Glauben fassen. Seine Worte annehmen, sein Abendmahl als die Zusage seiner Gnade und Treue empfangen. Seine Worte gelten. Seine Gnade weicht nicht. Seine Verheißungen werden in Treue erfüllt. Halten wir dieses Bekenntnis der Hoffnung fest, dann sind wir gehalten.

Wo diese Hoffnung gelebt und geglaubt wird, verbindet sie Christen zu echter Gemeinschaft. Es wird dann auch das möglich, was zur Vorbereitung auf das Kommen des Herrn gehört:

aufeinander achthaben und
uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und
einander ermahnen in der Liebe.


Sind das nicht lohnende und ganz wichtige Adventsaufgaben? Aufeinander achthaben. – Vielleicht braucht jemand neben uns Beachtung, Anerkennung und Zuwendung viel mehr als das aufwändige teuere Geschenk. Zeit zum Zuhören, Verständnis, Trost, ein Mut machendes Wort. Auch das ist Advent und Warten auf den Herrn, dass wir wieder die Menschen um uns herum sehen, das wir uns in sie hineinversetzen, dass wir vergeben, Altes hinter uns lassen. Fällt Ihnen dazu etwas ein? Steht Ihnen da jemand vor Augen?

Einander anreizen zur Liebe und zu guten Werken. Eine neue Wettkampfdisziplin: Freundlich zueinander sein, liebevoll miteinander umgehen. Vielleicht auch miteinander Phantasie entwickeln, wie man eine gute Sache unterstützen kann. Auf Bitten unseres Fördervereins Tagespflege haben das in den vergangenen Wochen viele getan: Gemeindeglieder daheim in ihren Wohnungen oder Gruppen in unserem Gemeindehaus. Gebacken und gebastelt, gestrickt und gehäkelt, gekocht und geknüpft, geschnippelt, gesägt und geklebt. Sie können es nach dem Gottesdienst an unserem Bazar sehen und bewundern und hoffentlich auch kaufen. Auch das ist ein gutes Werk in der Liebe, das anderen zugute kommt. Es muss beide geben: Die, die etwas herstellen und die die es dann erwerben und gebrauchen. Ein schöner Wettkampf der Liebe, der obendrein noch wirklich hilft.

Das letzte hier: Einander ermahnen in Liebe. Manchmal braucht’s Ermahnung. Wenn jemand zu übermütig wird, wenn jemand vergisst, wer er ist, wo er hingehört, was er tut oder wo er ist. Manchmal war das Ermahnen nötig in den vergangenen Monaten auch bei unseren Konfirmanden. Einige von ihnen haben andere Gottesdienstbesucher gestört, haben vergessen, dass wir beim Gebet mit dem heiligen Gott reden oder dass es in der Predigt um sein Wort geht. Aber nicht immer seid ihr dann in Liebe ermahnt worden.

Doch wir dürfen das hinter uns lassen. Auch das gehört zum Bekenntnis der Hoffnung, dass wir einander vergeben und nicht mehr nachtragen, dass wir nicht mehr beleidigt sind oder uns gegenseitig böse Blicke zuwerfen. Wir dürfen wieder freundlich aufeinander zugehen, liebevoll ermahnen und auch uns ermahnen lassen.

Nicht jemanden aufgeben und abschreiben, sondern geduldig und freundlich einander helfen zum gemeinsamen Bekenntnis der Hoffnung.

Mach du uns bereit, Herr einander anzunehmen, einander zurecht zu helfen, einander zu vergeben. Gib uns den Willen zum Frieden und die Kraft zum ersten Schritt. Schenk uns Freude an guten Werken und lass unser Bekenntnis der Hoffnung lebendig und glaubwürdig werden und Segen wirken.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168