Was ist Pfingsten?

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Pfingsten 19./20. 05.2013 Johannes 4, 19 – 26

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten …

Was ist Pfingsten? Pfingsten kann man nicht erklären, Pfingsten muss man erleben. Wenn man Pfingsten erlebt, dann ist das ein dreifaches, Leben veränderndes Geschehen:

1. Mir geht ein Licht auf.
2. Mir fällt eine Last ab.
3. Es kommt eine neue Kraft in mein Leben.

Den verängstigten Jüngern, die sich nach Himmelfahrt eingeschlossen hatten ging das Licht auf, dass sie Kirche nicht alleine bauen mussten. Es fiel die ganze Last der Vergangenheit von ihnen ab. Ihr Versagen in Gethsemane und bei der Kreuzigung, ihre Zweifel an der Auferstehung. Und es kam eine neue Kraft in ihr Leben, die ihnen den Mut gab, unter die Menschen zu gehen und ganz offen über ihren Glauben an Jesus Christus zu reden. Plötzlich war die Angst weg. Sogar vor dem Hohen Rat, dem Gremium, das die Todesstrafe über Jesus verhängt hatte, redeten einige der Apostel ganz ungeniert über ihren Glauben an Jesus, den Auferstandenen.

Bei den Jerusalemer Festpilgern, die die Pfingstpredigt der Apostel hörten passierte dasselbe: Es ging ihnen ein Licht auf, es fielen Lasten von ihnen ab und es kam eine neue verändernde Kraft in ihr Leben.

Es ging ihnen ein Licht über ihr Leben und ihre Vergangenheit auf. Dass Gott nicht äußerliche Frömmigkeit will, Wallfahrten und Opfer, sondern ehrliches, konsequentes Leben nach seinem Willen. Das Licht, das ihnen aufging, zeigte ihnen klar, wo und wie sie gegen Gottes Willen gehandelt hatten. Wie ihr bisheriges Leben eigentlich gegen Gott gerichtet war. Sie spürten, wie belastet sie vor Gott waren.

Alle, sich nach dem Rat der Apostel mit der Bitte um Vergebung an Gott wandten und sich im Namen Jesu taufen ließen, erlebten, wie die Last ihrer Schuld von ihnen abfiel. Weil sie von da an Jesus, den Sohn Gottes, ihren Herrn glaubten.

Danach spürten sie eine ganz neue Kraft. Sie bekamen Mut zu einem Leben mit dem auferstandenen Herrn, Freude über einen so wunderbar gnädigen Gott. Hoffnung, wo nichts zu hoffen war. Schon am ersten Tag hat sich dreitausendfach bestätigt was Pfingsten ist:

1. Mir geht ein Licht auf.
2. Mir fällt eine Last ab.
3. Es kommt eine neue Kraft in mein Leben.

In einem Lied von Armin Juhre heißt es:

„Zu Pfingsten in Jerusalem, da ist etwas geschehn,
die Jünger reden ohne Angst und jeder kann’s verstehn.“

und in der folgenden Strophe behauptet der Liederdichter:

„Zu jeder Zeit in jedem Land kann plötzlich was geschehn.“

Er meint damit: Pfingsten ist kein Museumsstück aus längst vergangenen Zeiten, sondern eine aktuelle und lebendige Sache, die Menschen aller Zeiten, Menschen an jedem Ort der Erde erleben können. Es geschieht jedes Mal, wenn ein jemand von Gottes Geist angerührt wird.

Immer wieder habe ich Gespräche mit Menschen, die durch irgendein Ereignis herausgerissen wurden aus dem Alltagstrott. Auf einmal kommen alte Geschichten in ihnen hoch, die sie fast vergessen hatten. Oder es wird ihnen Schuld bewusst. Das Gewissen meldet sich, man liegt nachts wach, Ängste kommen über einen. Man fürchtet, die alte Schuld, das alte Leben, die alten Geschichten könnten einen einholen, vielleicht zu recht. Manchmal kann es auch ein Gespräch sein, das den Anstoß gibt oder eine Begegnung, die einem ein Licht aufgehen und einen Zusammenhang erkennen lässt.

Von einer solchen Begegnung mit Jesus berichtet unser Predigttext, der heuer für einen der beiden Pfingsttage bestimmt ist. Johannes 4,19-26: Ein paar Vorbemerkungen zum besseren Verständnis:

Vor der Stadt Sychar in Samaria gab es einen alten Brunnen, den schon weit über 1000 Jahre vor Jesus vom Patriarchen Jakob benutzt wurde, darum hieß er Jakobsbrunnen. Dort war Jesus einer Frau begegnet und hatte sie darum gebeten, sie möge ihm ein wenig Wasser schöpfen. Die Frau wunderte sich darüber, denn es war sehr ungewöhnlich, dass sich ein Jude mit Samaritern, noch dazu mit einer Frau befasste.

So waren sie ins Gespräch gekommen und Jesus hatte die Frau auf ihr vergangenes Leben und ihre Beziehung zu Männern angesprochen. Heute würde man sagen: Sie war eine Beziehungschaotin. Fünf gescheiterte Beziehungen lagen hinter ihr. In einer sechsten Beziehung lebte sie, aber die war auch nicht wirklich gut. So war diese Frau aus Sychar trotz ihrer zahlreichen Erfahrungen allein und irgendwie immer noch auf der Suche nach dem Glück.

Sie hätte gut in unsere Zeit gepasst. Wie viele Beziehungschaoten gibt es bei uns! Sie haben irgendwann mit einem Flirt begonnen, wurden in einer aufregenden Nacht fortgesetzt aber sie haben weder Basis noch Bestand. Beziehungen, vorehelich, unehelich, außerehelich, unverbindlich, kurzfristig, von einer in die nächste, getrennt, in Scheidung. Man ist auf der Suche nach Glück und Geborgenheit und ist doch allein.

Die Frau am Brunnen ist betroffen. Der Fremde hat sie an ihrer schwächsten Stelle erwischt und sie auf die große Not ihres Lebens angesprochen. Jesus hat den Finger auf den wunden Punkt gelegt. Es ist, als ob ihr ein Licht aufgeht und sie das ganze Chaos ihres Lebens vor sich sieht. Sie hatte nie Geduld gehabt. Sie hatte nie warten können. Sie hatte nie nein sagen können. Sicher, sie könnte jetzt weglaufen. Sie könnte sich die Einmischung des fremden Juden in ihr Leben verbitten. Aber sie tut es nicht. Sie senkt den Blick und stellt sich Jesus. Sie weiß, er hat recht. Hier setzt unser Predigttext ein:


Die Frau spricht zu Jesus: “Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.
Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.“
Jesus antwortete ihr: „Glaube mir, die Zeit wird kommen, in der es unwichtig ist, ob ihr Gott auf diesem Berg oder in Jerusalem anbetet. Ihr wisst ja nicht einmal wen ihr anbetet. Wir aber wissen, zu wem wir beten. Denn das Heil der Welt kommt von den Juden.
Doch es kommt die Zeit, ja sie ist schon da, in der die Menschen Gott überall anbeten können; wichtig ist allein, dass sie von Gottes Geist und von der Wahrheit erfüllt sind. Von solchen Menschen will Gott angebetet werden. Denn Gott ist Geist. Und wer Gott anbeten will, muss seinen Geist haben und in seiner Wahrheit leben.“
Die Frau entgegnete: “Ja, ich weiß, dass einmal der Messias kommen wird. Der wird uns schon alles erklären.“ Da sagte Jesus: “Du sprichst mit ihm. Ich bin der Messias.“

Haben Sie den Versuch der Frau bemerkt von diesem sehr persönlichen Gespräch abzulenken. Sie hält Jesus für einen Propheten, weil er sie durchschaut. Durch eine allgemeine religiöse Frage über einen Streitpunkt zwischen Juden und Samaritern will sie von sich und ihrem Leben ablenken. Das geschieht oft, wenn es Gespräche über den Glauben persönlich werden. Man weicht aus. Man führt vermeintliche Widersprüche der Bibel oder konfessionelle Unterschiede ins Feld.

Wo nahm Kain seine Frau her? Warum ist der Papst gegen die Pille? Warum lässt Gott so viel Unrecht und Leid in der Welt geschehen? Man stellt Gott in Frage um von sich abzulenken. Das religiöse Gespräch dient dazu, die persönliche Betroffenheit zu vermeiden.

Die Frau hier spricht die Gebetspraxis an. Wo ist besser beten? In Jerusalem oder hier auf diesem Berg nahe Sychar? Heute heißt die Alternative dann: Wo findet man Gott eher? In der Kirche oder allein im Wald? In der Gemeinde, im Gottesdienst oder still und verborgen abends im Bett?

Wo du betest spielt gar keine Rolle“, antwortet Jesus. „Viel wichtiger ist wie du betest: „Vom Geist Gottes geleitet und in der Wahrheit.“ Ehrlich soll es sein unser Gebet. Aus tiefstem Herzen kommen, so wie uns zumute ist. Keine Verstellungen und frommen Sprüche. Kein salbungsvoller Tonfall, keine Tabus. Es wäre zwecklos Gott etwas vorzumachen. Wir dürfen mit Gott über das reden, was uns wirklich bewegt.

Auch die Jünger durften an Pfingsten ihre Angst offen ansprechen und ihr Versagen. Die Leute, die ihre Predigt hörten, durften erschrocken fragen, wie sie ihre Schuld los werden konnten. Jeder darf und soll im Gebet Gott das sagen, was ihm der Geist Gottes aufdeckt. Stimmt, Herr, so bin ich. So träge, so lieblos, so egoistisch, so stolz, so ängstlich, so empfindlich, so feige, so chaotisch, so verdorben. Ich weiß auch alleine keinen Weg heraus. – Wer sich so Gott stellt, dem begegnet der Heiland, der die Last abnimmt.

Die Frau am Jakobsbrunnen hatte wohl irgendwann vom Messias gehört und bei dieser sehr persönlichen Begegnung mit dem fremden Juden muss sie daran denken: „Der wird uns schon alles erklären.“ Das ist ihr zweiter Versuch auszuweichen. Auch ein heute noch weit verbreitetes Verfahren. Aufschub. Irgendwann einmal … Später! Nicht jetzt! – Schieben wir nicht alle gerne vor uns her, was eigentlich schon längst geklärt sein müsste? Wenn’s mir wieder besser geht, wenn ich mal etwas mehr Zeit habe, dann bringe ich auch mein geistliches Leben, meine menschlichen Beziehungen wieder in Ordnung. Morgen vielleicht oder demnächst.

„Jetzt!“ sagt Jesus. Du sprichst mit ihm. Er spricht mit dir. Im Glauben kann es immer nur ein Jetzt geben. Es nützt niemandem etwas, wenn sein Verhältnis zu Gott früher einmal in Ordnung war. Jetzt soll nichts zwischen ihm und uns stehen. Und wenn es doch etwas gibt, dann muss es jetzt vor ihn hingelegt werden. Er, der Messias, spricht mit dir! Sprich du auch mit ihm! Dann fällt deine Last ab. Dann ist die Schuld nicht bei dir, sondern bei ihm.

Die Frau beginnt zu begreifen. Sie stellt ihren Wasserkrug am Brunnenrand ab, so erzählt Johannes weiter, und rennt in ihren Ort zurück. Überall erzählt sie, dass sie den Messias getroffen hat. Sie fordert die Leute auf mit ihr zum Brunnen vor der Stadt zu kommen. Als man ihr nicht glauben will, erzählt sie, wie Jesus ihre Lebensgeschichte kannte, ohne ihr je vorher begegnet zu sein. Auf einmal kann sie reden, sogar über ihre Vergangenheit und über ihre Beziehungen, über das Chaos in ihrem Leben und über ihre Sehnsucht.

Sie macht die anderen so neugierig mit ihrer Geschichte, dass sie mitkommen und Jesus sehen wollen. Zuerst ist es wirklich nur Neugier, aber dann hören sie, was Jesus sagt, dann reden sie mit ihm, hören ihm zu und glauben an ihn. Sie bitten ihn zu bleiben und sie sagen am Ende einer zweitägigen Begegnung mit Jesus sogar: „Jetzt wissen wir: Er ist wirklich der Retter der Welt.“ Glaube kann zur Gewissheit werden.

Als Jesus aus Sychar weiterzieht nach Galiläa, hat sich einiges verändert. Die Frau und auch viele andere haben eine neue Kraft zum Leben. Sie sind nicht mehr nur Samariter, Menschen zweiter Klasse. Die Frau ist nicht mehr nur eine Beziehungschaotin. Die Vergangenheit ist bereinigt. Sie kann ihr Leben neu ordnen. Sie hat eine neue Kraft aus der sie lebt. Sie muss Glück und Geborgenheit nicht in den Versprechungen von Menschen suchen, sondern hat ihr Glück und ihre Geborgenheit in Jesus gefunden.

Da ist in dem Örtchen Sychar in Samarien Pfingsten geschehen. Und wenn Pfingsten zu jeder Zeit an jedem Ort geschehen kann, wo wir der Begegnung mit Jesus und seinem Wort nicht ausweichen, dann kann es auch heute hier in der Kreuzkirche Pfingsten werden. Dass der Geist Gottes an uns wirkt:

1. Mir geht ein Licht auf.
2. Mir fällt eine Last ab.
3. Es kommt eine neue Kraft in mein Leben.

Das gilt für alle unter uns, die meinen, dass sie im Dunkeln tappen, die nicht wissen, wie es in ihrem Leben weitergehen soll. Für alle, die schon lange eine Last mit sich rumschleppen. Vielleicht eine Last, die sich aus vielen kleinen Steinen zusammensetzt oder eine einzige große Last. Das gilt auch für die mit Beziehungsproblemen, bei denen es in der Ehe nicht mehr stimmt oder wo es zwischen Eltern und Kindern dauernd kracht oder für eine Freundschaft, die am Zerbrechen ist.

Durch den Geist Gottes kann ich plötzlich erkennen, woran es liegt. Durch Jesus wird alles klar und hell. Ich sehe wieder einen Weg. Durch das ehrliche Gebet fallen Lasten ab, wird Schuld vergeben. Und dann ist auf einmal wieder neue Kraft zum Leben da. Kraft auszuhalten an dem Platz, an den ich gestellt bin. Kraft die Aufgaben anzupacken, die vor mir liegen. Auch Kraft neu zu lieben, wo vorher alles kalt war.

Durch den Kontakt zu Jesus und durch die Wirkung seines Heiligen Geistes wird die Lebens- und die Glaubensbatterie neu aufgeladen. Sinn und Ziel des Lebens werden neu erkennbar. Wo wir gebraucht werden, was zu tun ist. Was anders werden muss. Ja, auch das kann uns nur der Heilige Geist zeigen. Darum beten wir nicht nur an Pfingsten immer wieder:

Komm, o komm, du Geist des Lebens,
wahrer Gott von Ewigkeit,
deine Kraft sei nicht vergebens,
sie erfüll’ uns jederzeit;
so wird Geist und Licht und Schein
in den dunklen Herzen sein.

(EG 134,1)

Verfasser: Martin Schöppel , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168