Was ist Heiligung?
Zur PDF20. Sonntag nach Trinitatis, 09.10.2016 1.Thessalon. 4, 1-8
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich um Heiligen Geist zum Reden und Hören. Amen.
Im 4.Kapitel des 1.Thessalonicherbriefes lesen wir das Schriftwort für die heutige Predigt. Der Apostel Paulus schreibt: Ihr Lieben, weiter bitte und ermahne ich euch in dem Herrn Jesus, da ihr von uns erfahren habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut, dass ihr darin immer vollkommener werdet.
Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.
Niemand soll zu weit gehen und seinen Bruder im Handel übervorteilen, denn der Herr ist ein Richter über alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung.
Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.
Gott hat viel mit uns vor. Es stimmt, er nimmt uns so an wie wir sind, aber er will uns nicht so lassen wie wir sind. Er will, dass sich durch das Hören auf sein Wort und durch das Leben im Glauben unser Leben zum Guten verändert. Wir sollen uns nicht mit dem Ist-Zustand zufrieden geben. Viele tun das ja. Sie sagen: Ich bin halt so! Und sie meinen: So aufbrausend, so unüberlegt, so jähzornig, so sprunghaft, so faul, so launisch. Ich bin halt so! Damit hab ich mich abgefunden und damit sollen sich gefälligst auch die Menschen in meinem Umfeld abfinden.
Gott will durch sein Wirken an uns eine positive Veränderung bewirken und er macht auch deutlich, dass das mit seiner Hilfe möglich ist. Die Bibel hat ein Wort dafür. Gott will unsere Heiligung. In diesem Wort steckt der Begriff „Heil“. Es soll heil werden, was krank ist. Was beschädigt, verletzt oder verletzend ist. Es soll heil werden, was nicht heil ist und was immer wieder Unheil anrichtet.
Es richtet Unheil an, wenn jemand immer seinen Willen durchsetzen will. Wenn jemand nie ganz ehrlich ist und die Dinge immer so hindreht, dass er gut dasteht oder gut wegkommt. Es ist unheilvoll, wenn jemand immer an anderen herumkritisiert und sich selbst für besser hält.
Es zerstört Gemeinschaft, wenn man seine Witze immer auf Kosten anderer macht und es verletzt, wenn man dauernd auf den Fehlern des anderen herumreitet. Gott will nicht, dass der Schaden bleibt und die Zerstörende Kraft weiter wirkt, sondern er will heilen.
Wie soll das gehen? In dem 200 Jahre alten Lied und Kindergebet von Luise Hensel „Müde bin ich geh zur Ruh“ ist das mit ganz einfachen Worten ausgedrückt (EG 484,2):
Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an.
Deine Gnad und Jesu Blut machen allen Schaden gut.
Das ist der Anfang der Heiligung, dass ich mich vor Gott prüfe: Hab ich Unrecht heut getan? Wie war den der Tag? Hab ich zum Frieden beigetragen? War ich ehrlich? Hab ich den Anderen in meiner Nähe Respekt und Achtung entgegengebracht? Hab ich geholfen, wo es möglich war? War ich treu bei meiner Arbeit, in meiner Ehe und Familie, auch in Gedanken?
Hab ich Unrecht heut getan? – Wer nie so fragt, bei dem wird sicher nichts anders und nichts besser. Der lebt halt seinen Stiefel weiter und der merkt irgendwann gar nicht mehr, wie sehr er anderen das Leben schwer macht.
Hab ich Unrecht heut getan? Wenn ich diese Frage nicht nur oberflächlich stelle, werde ich immer Defizite erkennen und der Geist Gottes wird mir zeigen, was nicht gut war. Oft merken wir es ja erst hinterher, dass wir da grad nicht ganz ehrlich waren. Oder wir sehen an der Reaktion des Gegenübers, dass ihn unsere Worte eben doch getroffen haben. Oder es wird einem erst im Nachhinein bewusst, dass jetzt gerade eine gute Gelegenheit gewesen wäre, den Glauben zu bekennen oder zu Jesus einzuladen. – Aber es ist zu spät. Wir haben die Chance nicht genutzt.
Wenn wir uns so fragen: Hab ich Unrecht heut getan? Werden wir an den meisten Tagen sagen müssen: Ja, Herr, da war so Manches. Dann gilt es bei dieser Erkenntnis nicht resigniert stehen zu bleiben, sondern den nötigen, den befreienden, den heilenden und helfenden nächsten Schritt zu tun: Sieh es lieber Gott nicht an. – Das meint nicht: Schau halt nicht so genau hin, Gott. Drück halt ein Auge zu. – So denken ja manche und wollen gar nichts ändern: Der liebe Gott wird’s schon nicht so genau nehmen.
O doch, er nimmt es genau. Vor ihm kann nichts Unheiliges bestehen. Kein unwahres Wort, kein unrecht erworbener Cent, keine Lieblosigkeit und keine Demütigung. Er ist heiliger Gott! Die Bibel berichtet von einigen Begegnungen von Menschen mit der Heiligkeit Gottes. Jesaja ruft dabei aus (6,5): Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen. – Jesaja spürt, allein meine Gerede den ganzen Tag und das, was ich mir an Geschwätz und Getratsch anhöre, beleidigt Gott auf vielfache Weise.
Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an. Diese Bitte hat einen anderen Grund und der wird im nächsten Satz dieses schlichten Gebets deutlich: Deine Gnad und Jesu Blut machen allen Schaden gut. Gottes Gnade und das am Kreuz vergossene Blut von Jesus Christus haben die Kraft, meine Schuld auszulöschen. Jesus hat doch meine Schuld auf sich genommen. Und es ist Gottes Liebe zu mir, dass er mir die vergebende Gnade schenkt. Nicht nur an einem oder an drei Abenden in meinem Leben, sondern an jedem Abend und an jedem Morgen und in jeder Stunde, in der ich mit dieser Bitte und in dieser Haltung komme.
Das Blut Jesu macht nicht nur kleine Schäden gut, sondern auch große. Nicht nur ein paarmal, sondern immer wieder. Deine Gnad und Jesu Blut machen allen Schaden gut.
Auch den Schaden den Lieblosigkeit und Ehebruch angerichtet haben. Und den Schaden, der durch meine Gier oder meinen Geiz verursacht wurde.
Heiligung geschieht nicht durch unsere gequälten Besserungsversuche, sondern durch Gottes Handeln an dem Menschen, der um sein Heil bittet. Erneuerung geschieht durch das Blut, das Jesus für uns vergoss. Es heißt doch: Das Blut Jesu wäscht uns rein von aller Sünde. Da ist nichts ausgenommen. Da muss niemand verzweifeln und denken: Meine Schuld ist zu groß. Meine Gebundenheit ist zu stark. Was Jesus am Kreuz für uns getan hat ist größer! Das Blut Jesu ist stärker. Im Refrain eines Liedes von Lewis E. Jones heißt es: Es ist Kraft, Kraft, wunderbare Kraft In dem Blut, in dem Blut. Es ist Kraft, Kraft, Überwinder-Kraft In dem Blut des Heilands allein. (Reichslieder 148)
Auch wenn es um unser ganzes Leben geht, spricht der Apostel Paulus hier in seinem Brief an die Thessalonicher zwei Bereiche ganz besonders an: Das Geschlechtsleben und das Erwerbsleben. Tessalonich, heute Thessaloniki ist ja eine Hafenstadt am Nordufer des Ägäischen Meeres. In so einer Hafenstadt ging es auch in der Antike ziemlich zügellos zu. Da blühte die Prostitution. Sexualität in jeder Ausprägung war käuflich. Die Würde der Frau wurde nicht geachtet. Für die meisten Männer war eine Frau in erster Linie ein Lustobjekt. Das galt nicht nur für die rauen Seeleute, sondern hatte auch auf die Bürger der Stadt Einfluss und prägte das Stadtbild.
Und es wurde natürlich in einer Hafenstadt Handel getrieben. Da wurden Geschäfte gemacht, Käufer und Verkäufer versuchten sich gegenseitig zu übervorteilen. Es wurde betrogen und getäuscht, wenn nur der Gewinn stimmte.
Und mittendrin war eine kleine Schaar von Christen. Sie waren erst vor kurzer Zeit durch Paulus und seine Mitarbeiter zum Glauben an Jesus gekommen. Sie hatten seiner Predigt zugehört, waren vom Wort Gottes getroffen worden, hatten Schuld erkannt und Vergebung erfahren durch das Blut Jesu. Sie hatten sich taufen lassen, weil sie zu Jesus und seiner Gemeinde gehören und gerettet werden wollten. Sie hatten etwas erlebt und waren zum lebendigen Glauben gekommen.
Doch dann war der Missionar Paulus, der Mann Gottes, wieder weitergezogen, aber der Alltag und die gottlose Umgebung waren geblieben. Und es war schwer für die im Glauben jungen Christen sich in dieser Umgebung zu behaupten. – Es ist ja für Christen immer schwer sich in einer gottlosen Umgebung treu zum Glauben zu halten. Da sind so viele, die kümmern sich um kein Gebot, die leben ohne Gott, tun, wozu sie gerade Lust haben und sie scheinen dabei ihr Leben zu genießen. Das kennen wir doch auch, dass uns das manchmal eine Anfechtung ist.
Paulus weiß das auch und seine Worte sind gute seelsorgerliche Ratschläge: Macht da nicht mit! Ihr werft sonst alles weg, was Gott euch geschenkt hat! Meidet die Unzucht! – Das Wort das dafür im griechischen Urtext steht heißt „Porneia“ und seine Bedeutung ist auch heute allen bekannt, die kein Altgriechisch gelernt haben. Pornografie im weitesten Sinn. Das Geschäft mit der Lust. Ein großer Betrug, der Glück und Liebe vortäuscht und sich dann als bittere Enttäuschung entpuppt und sich in quälender Gebundenheit festsetzt.
Dank Internet ist „Porneia“ für jedes Kind und jeden Erwachsenen im Nu verfügbar. Porneia ist wie eine Bestie, die einen unvermittelt anspringt, auch wenn man nicht danach sucht. Heute noch mehr als damals. Niemand muss sich die Mühe machen auf die Reeperbahn oder ins Hafenviertel zu gehen.
Paulus rät: Meidet alles, was damit zu tun hat! Ein jeder von euch suche seine eigene Frau zu gewinnen in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. Da ist die Würde der Frau zu spüren und die Achtung vor der echten Liebe und vor dem kostbaren Gut der von Gott geschaffenen Sexualität. Im Sinn des Schöpfers gebrauchte und gelebte Sexualität auf dem Hintergrund von echter Liebe und dauerhafter Treue ist erfüllend und beglückend und trennt nicht von Gott.
Das gilt auch für das Erwerbsleben. Wenn es in Job und Business nur um Gewinnmaximierung und Erfolg geht, dann führt das auch zur Versklavung. Geld macht nicht frei, sondern nimmt gefangen. Und unrecht Gut, so wussten die Alten, gedeiht nicht gut. Auf Besitz und Vermögen, die durch Betrug entstanden sind, liegt kein Segen. Da wird es einmal heißen: Wie gewonnen, so zerronnen. Nach einem steilen Aufstieg ohne Gott kommt meistens ein tiefer Fall.
Auch wenn es viele oder fast alle machen, wir sollen nicht unehrlich unsere berufliche Tätigkeit ausüben. Wer Steuern hinterzieht, den Zoll umgeht, Versicherungen betrügt, schädigt nicht den Staat und die Allgemeinheit, sondern der schadet sich selbst am allermeisten, weil er um des Geldes Willen seine Ewigkeit hergibt.
Lasst euch davon befreien! Schreibt der Apostel. Ihr wisst doch, dass es gegen Gott ist. Ja Jesus hat Euch von allem unreinen und unehrlichem Begehren befreit. Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.
Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Erneuere mich wieder mit deiner Hilfe und mit einem willigen Geist rüste mich aus. (Psalm 51, 12-14)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168