Was die Liebe vermag
Zur PDFEstomihi, 14.Februar 2016,
1.Korinther 13, 1-13
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich, …
In unserem Schriftwort für die Predigt heute führt der Apostel Paulus uns ganz nahe an den innersten Kern der Bibel. : Was ist das Wichtigste im Leben und im Glauben eines Menschen? Seine Antwort steht im 13. Kapitel des 1.Korintherbriefes.
Es ist eines der wichtigsten Kapitel des Neuen Testaments, das man gar nicht oft genug lesen und bedenken kann. „Das Hohe Lied der Liebe“. Für Paulus ist die Liebe das Wichtigste im Leben und auch im Glauben. Er stellt fest:
Ohne Liebe bin ich nichts, selbst wenn ich in allen Sprachen der Welt, ja mit Engelszungen reden könnte, aber ich hätte keine Liebe, so wären alle meine Worte hohl und leer, ohne jeden Klang, wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag.
Könnte ich aus göttlicher Eingebung reden, wüsste alle Geheimnisse Gottes, könnte seine Gedanken erkennen und hätte einen Glauben, der Berge versetzt, aber mir würde die Liebe fehlen, so wäre das alles nichts.
Selbst wenn ich all meinen Besitz an die Armen verschenken und für meinen Glauben das Leben opfern würde, hätte aber keine Liebe, dann wäre alles umsonst.
Die Liebe ist geduldig und freundlich. Sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht, sie prahlt nicht und ist nicht überheblich.
Die Liebe ist weder verletzend, noch auf sich selbst bedacht, weder reizbar, noch nachtragend.
Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Die Liebe erträgt alles, sie hofft alles und hält allem stand.
Einmal werden keine Propheten mehr zu uns sprechen, das Beten in anderen Sprachen wird aufhören, die Erkenntnis der Absichten Gottes mit uns wird nicht mehr nötig sein. Nur eins wird bleiben: Die Liebe.
Denn unsere Erkenntnis ist bruchstückhaft, ebenso wie unser prophetisches Reden.
Wenn aber das Vollkommene – Gottes Reich – da ist, wird alles Vorläufige vergangen sein.
Als Kind redete, dachte und urteilte ich wie ein Kind. Jetzt bin ich ein Mann und habe das kindliche Wesen abgelegt.
Noch ist uns bei aller prophetischen Schau vieles unklar und rätselhaft. Einmal aber werden wir Gott sehen, wie er ist.
Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt. Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe aber ist das Größte.
Wunderbare Worte über die Liebe. Ja, solche Liebe würden wir uns wünschen im Umgang miteinander. Aber sie begegnet einem nur selten und ich muss zugeben, mir fehlt sie auch oft. – Und jetzt soll ich eine Predigt darüber halten. – Theoretisch über die Liebe reden? Das ist irgendwie blöd. Philosophisch von der Liebe schwärmen? Das ist vielleicht auch nicht so toll. Die Liebe zum Gesetz erheben? – geht gar nicht.
Die Liebe ist doch praktisch und nah am Menschen. Dann kann man aber auch nur praktisch und aus dem Leben von der Liebe reden. Ich will‘s versuchen. Mit vier kleinen Geschichten, die ich dazu gefunden habe. (Aus A. Kühner, Voller Freude und Gelassenheit, Seiten 336, 256, 36, 338)
Die erste trägt die Überschrift: „Was ein Lächeln vermag“.
In den ersten Jahren seiner Londoner Amtstätigkeit kam der bekannte englische Prediger Spurgeon auf dem Weg zu seiner Kirche immer an einem Häuschen vorbei, dessen grün umrankte Fenster seine Blicke anzogen. Aus einem der Fenster lachte ihn jedes Mal ein süßes Babygesicht an. Von den Mutter- oder Schwesterhänden gehalten, tanzte das Kindchen lustig auf dem Fensterbrett hinter Scheibe herum und lachte.
Spurgeon, der sehr kinderlieb war, erwiderte mit seiner gewinnenden Art jedes Mal das Lachen. So ging das an vielen Sonntagen, wenn er zum Gottesdienst ging. Manchmal hielt auch der Vater das Kind oder der Bruder. Die ganze Familie freute sich und wartete sonntags schon darauf, dass wieder der freundliche Herr vorbeikäme.
Sie hätten gern gewusst, wer er denn wäre und so ging eines Sonntags der ältere Bruder hinter Spurgeon her, und erfuhr, wer er war und wo er predigte. Bis dahin hatte die Familie ohne Verbindung zur Kirche gelebt. Unter einem Geistlichen stellten sie sich einen weltfremden Menschen vor. Aber diesen freundlichen Herrn wollten sie dann doch mal hören.
Zuerst gingen die Mutter und die Töchter zu Spurgeons Gottesdienst, dann die Brüder und zuletzt fand auch der Vater den Weg in die Kirche. Bald gingen sie jeden Sonntag und sie fingen an in der Bibel zu lesen und über das gelesene und gepredigte Wort Gottes nachzudenken. Alle kamen zum Glauben und die ganze Familie ließ sich taufen.
Sieben Menschen durch liebevolles freundliches Wesen des Einen zu Kindern Gottes geworden. Ja, die Liebe ist langmütig und freundlich. – Wäre das nicht einen Versuch wert, jemanden der einem stets nur ernst und abweisend begegnet, immer besonders freundlich anzusehen, zu grüßen und zu behandeln und das auch über längere Zeit durchzuhalten?
Die zweite ist eine alte jüdische Geschichte und überschrieben: „Ins Gewissen reden“
Sie erzählt von einem Mann, der eines Tages mit seinem Jungen zum Rabbi kommt und ihn um Hilfe bittet: „Mein Junge will nicht folgen und kann nicht lernen. Es ist eine Not mit ihm. Bitte, Rabbi, kannst du ihm mal ermahnen!“
„Lass ihn eine Weile bei mir und hol ihn heute Abend wieder ab, ich will mit ihm reden.“ Der Vater geht und der Rabbi nimmt den Jungen in seine Arme und zeigt ihm alle Arten von Wärme, Zuneigung, Liebe und Vertrauen.
Als am Abend der Vater kommt um seinen Jungen abzuholen, sagt der Rabbi zu ihm: „Ich hoffe, es wird besser mit seinem Folgen und Lernen, ich habe ihm ordentlich ins Gewissen geredet!“
Das „Ins Gewissen Reden“ klingt irgendwie bedrohlich und macht Angst. Oft erreicht es nichts und bewirkt eher das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war, Bockigkeit und Trotz. Wenn Gott mit uns redet, dann geschieht das mit seiner tiefen Liebe. Er verändert uns durch sein Wort der Liebe auch dann, wenn wir es überhaupt nicht verdient haben. So spricht der Herr: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.
Die dritte Geschichte ist auch eine jüdische Legende, überschrieben: „Etwas fehlt“
Dov Ber war ein ungewöhnlich strenger jüdischer Gelehrter. In seiner Nähe zitterten die Menschen vor Ehrfurcht, aber wegen seiner unbeugsamen und unerbittlichen Art zu lehren, war er sehr angesehen. Er fastete und verzichtete auf alle Annehmlichkeiten des Lebens. Und er lachte nie. Schließlich wurde er durch seine ständigen Entbehrungen ernstlich krank. Die Ärzte konnten ihm nicht helfen und so riet man ihm, den berühmten Baal Schem um Hilfe zu bitten.
Doch Baal Schem war für den erkrankten Dov Ber so etwas wie ein Ketzer. Während Dov Ber meinte, das Leben könne nur durch Kummer und Leid, Schmerzen und Entbehrungen sinnvoll werden, versuchte Baal Schem die Schmerzen zu lindern und verkündigte den Menschen, dass die Lebensfreude der Sinn des Daseins sei.
Doch dann ging es Dov Ber so schlecht, dass er trotz seiner Abneigung einwilligte, Baal Schem um Hilfe zu bitten. Der kam in einem wunderbaren Wollmantel und mit einer prächtigen Pelzkappe, gab dem Kranken das Buch der Herrlichkeit (Bibel)und bat ihn, laut daraus vorzulesen.
Schon nach kurzer Zeit unterbrach Baal Schem den Kranken und meinte: „Etwas fehlt euch!“ – „Und was ist das?“ fragte der kranke Mann. „Die Seele“, sagte Baal Schem, „Eurem Glauben fehlt die Seele!“
Was ist denn die Seele des Glaubens? Ist es nicht die Liebe? Die Liebe Jesu, die annimmt, die Not sieht und sich erbarmt? Wir sind oft so hart, mit uns selbst und mit anderen. Wir wollen perfekt sein und wir erwarten, dass die anderen es auch sind. Hat Gott nicht die Freude und das Lachen in unser Leben hineingelegt. Sich zu freuen an den vielen Gaben, zu danken für seine Hilfe und Freundlichkeit. Wir dürfen auf gute Art und Weise im Sinn Gottes das Leben genießen als großes Geschenk. …“Ich danke Gott und freue mich, wie‘s Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin, bin und dich schön menschlich Antlitz habe!“ so kann Matthias Claudius das ausdrücken und schreibt darüber: Täglich zu singen.
Und David drückt es im 139. Psalm so aus (14): Ich danke dir mein Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.
Das darf, das soll die Seele erkennen, dass Gott wunderbar an uns handelt. Vor zwei Tagen haben mir Eltern ihr wenige Tage altes Kind gezeigt. Sie haben es mit Freude und Dankbarkeit angenommen und werden es, so gut sie können, mit Liebe aufwachsen lassen. Und das Kind kann nichts weiter tun, als sich diese Liebe der Eltern und Geschwister gefallen lassen. Es ist gehalten, geschützt, umsorgt, bekommt alles, was es braucht, muss nur schlucken und annehmen.
Macht Gott es nicht mit uns auch so im Glauben? Er umgibt uns mit seiner Liebe, sorgt für uns und wir merken es oft gar nicht. Er trägt uns, hält uns, schützt uns und tröstet uns, wenn wir einen Kummer haben. Wir müssen es nur annehmen, schlucken. Grad beim Abendmahl wird das so deutlich. Nimm und iss, nimm und trink, für dich gegeben, für dich vergossen, aus lauter Liebe, zur Vergebung deiner Sünde, zu deinem Heil, damit Du wachsen kannst in allen Stücken, zu einem Menschen, von dem auch Liebe ausgeht.
Die vierte und letzte Geschichte zum Thema. Überschrift: Wahrheit und Liebe
Die Wahrheit zog traurig durch die Lande. „Die Menschen haben Sehnsucht nach mir, sie suchen die Wahrheit. Aber wenn ich dann komme, haben sie Angst und fürchten die Wahrheit. Ich bin so nackt und die Leute flüchten sich in ihre Häuser, wenn ich durch die Straßen gehe.“
Eines Tages traf die Wahrheit die Liebe. Sie war wie ein buntes, warmes Kleid und die Leute liefen ihr nach und luden sie zu sich in ihre Häuser ein. Die Liebe sah die Wahrheit so traurig und verbittert stehen und sprach sie an: „Sage mir, gute Freundin Wahrheit, warum bist du so bedrückt und betrübt?“
Die Wahrheit antwortete der Liebe: „Ach, es geht mir nicht gut. Ich bin alt und die Leute wollen mich nicht in ihr Leben lassen.“
„Nicht weil du alt bist mögen die Leute dich nicht leiden. Ich bin auch sehr alt und die Menschen lieben mich immer noch. Ich verrate dir ein Geheimnis. Du bist den Menschen unheimlich, weil du so nackt bist. Kleide dich mit meiner Wärme und Farbenpracht. Lege um deinen Schatz der Wahrheit den Mantel der Liebe und die Menschen werden dich willkommen heißen. Die nackte Wahrheit ist für die Menschen ebenso furchtbar wie die unehrliche Liebe. Wir beide brauchen einander. Denn eine aufrichtige Liebe und eine liebevolle Wahrheit sind die Quellen des Lebens und der Freude.“ Die Wahrheit befolgte den Rat der Liebe und legte sich die warmen Kleider der Liebe um. So sind sie beide bei den Menschen willkommen.
„Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit.“
Mit der Wahrheit allein kann man die Welt nicht verändern. Nicht einmal die kleine Welt um uns herum. Dazu braucht es schon ehrliche Liebe. Im rechten Ton und zum richtigen Zeitpunkt, mit Worten, die nicht verletzen und nicht von oben herab. Es ist ja auch die Wahrheit, dass ich selber vieles falsch mache und dass ich nicht perfekt bin.
„Die Fehler der Heiligen trösten uns mehr als ihre Tugenden.“ So hat mal jemand treffend gesagt. Und, so könnte man hinzufügen: Perfektion wirkt lieblos. Tut es uns nicht gut, wenn ein anderer auch was vergisst oder die Geduld verliert oder sich verspricht oder ein Versäumnis eingesteht? Wie gut tut es, wenn einem der, an dem man da etwas versäumt hat, sagt: Ach, das kenn ich, das ist mir auch schon passiert. Das verbindet.
Ich bin immer sehr froh, wenn mir jemand etwas nicht übel nimmt, obwohl er vielleicht Grund dazu hätte. Die Liebe ist weder verletzend, noch auf sich selbst bedacht, weder reizbar, noch nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Die Liebe erträgt alles, sie hofft alles und hält allem stand.
Herr Jesus, wir danken dir für deine unbegreifliche Liebe, die so viel Geduld mit uns hat. Wir bitten dich, schenk uns solche Liebe! Lass uns auch ehrlich sein, aber mit Liebe. Amen>
Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168