Was bedeutet Gottesdienst?
Zur PDFEstomihi 11.02.2018, Amos 5, 21-24
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes bitten: …
In diesen Tagen steigen viele verkleidet in die Bütt und halten launige Reden, in denen sie zwischen derben Scherzen und lockeren Sprüchen so manche Kritik an Politikern und Prominenz aus Kirche und Gesellschaft anbringen. Den so Gescholtenen bleibt meistens gar nichts anderes übrig, als die unverschämten Äußerungen mit Applaus und Gelächter zu quittieren. Im Fasching werden härtere Worte hingenommen.
Auch auf so mancher Kanzel wird versucht, mit launigen Sprüchen, oft in gereimter Rede, eine solche Botschaft an den Mann oder die Frau zu bringen. Sehen Sie mir bitte nach, dass ich aufs Reimen verzichtet, mich nur, wie sonst auch, mit meinem Talar verkleidet habe und nicht wie der designierte bayerische Ministerpräsident als Prinzregent Luitpold – oder mit dem Lutherrock und einem Doktorhut – in Erinnerung an den Reformator – vor Ihnen stehe. Das wäre anmaßend und mit der Maskerade und den Reimen ich hab’s nicht so.
Die in diesen Tagen viel geäußerte derbe Kritik kann ich Ihnen aber nicht ersparen. Sie kommt allerdings nicht aus meiner Feder, sondern aus der Bibel. Genauer gesagt von dem alttestamentlichen Propheten Amos. Und der hat sie sich auch nicht selbst ausgedacht, sondern sie ist ihm von Gott höchstpersönlich aufgetragen. Sie ist ähnlich wie manche Büttenrede ein Rundumschlag, der durch alle Bereiche des Lebens geht. Bei Amos geht es um Politik und um Wirtschaft, um Religion und Kultur, um soziale Gerechtigkeit, Vetternwirtschaft und Verschwendungssucht.
Gott sucht sich als Boten für seine derben Worte auch keinen feinen Herrn, sondern einen ungehobelten Schafhirten und Viehzüchter. Der Abschnitt, den die Väter unserer Predigttextordnung für den „Faschingssonntag“ vorgesehen haben, betrifft das Thema Gottesdienst und lässt zwischen den provokanten Angriffen ahnen, worum es Gott wirklich geht und was für ihn ein glaubwürdiger Gottesdienst ist.
Das Schriftwort für die Predigt an diesem Sonntag Estomihi geht mir als Pfarrer an die Substanz und es ist bestimmt auch für Sie als Gemeinde schockierend, aber wenn wir uns drauf einlassen auch heilsam und segensreich. Ich lese die Worte des heutigen Predigttextes im 5. Kapitel des Propheten Amos, die Verse 21-24:
So spricht der Herr: Ich bin euern Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer bringt, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
So vernichtend kann Gottes Urteil über Gottesdienste ausfallen, die Gemeinde feiert. Was war da los in Juda und Israel?
Die Jahre vor dem Auftritt des Amos waren eine Zeit relativer Ruhe und wachsenden Wohlstands für die Bevölkerung von Judäa und Israel gewesen. Der Handel blühte, es gab immer mehr Reiche und gleichzeitig aber auch große Armut und viel Elend unter der einfachen Landbevölkerung. Die Tagelöhner und Kleinbauern wurden ausgebeutet und eingeschüchtert. Das Recht wurde mit Füßen getreten. Die Schere zwischen arm und reich ging weit auseinander. Bei vielen war das auch noch fromm kaschiert. Man machte Wallfahrten, dankte Gott für den Erfolg und brachte stattliche Opfer.
Auf dem Heimweg hat man sich dann Gedanken gemacht, wie man seinen Gewinn noch maximieren könnte, ohne zu merken, dass das doch alles nicht zusammenpasst: Das Leben und der Umgang miteinander und die demonstrierte Frömmigkeit. Gier und Geiz der Gläubigen stehen gegen die Glaubwürdigkeit ihres Gottesdienstes.
In diese schöne Stimmung platzt Amos mit seinen harschen Beschimpfungen. – Nein, nicht Amos, sondern Gott, der sagt: Ich pfeife auf eure schönen Gottesdienste und Liturgien, auf das fromme Getue und eure milden Gaben, wenn ihr weiter so schlecht und ungerecht miteinander umgeht. Ihr denkt in Wahrheit nur an euch selbst, nutzt andere aus und liebt die Lüge. Hauptsache ihr habt einen Vorteil für euch dabei.
Wir könnten es uns jetzt leicht machen und sagen: Das war damals im Volk Israel, vor mehr als 2700 Jahren. Das geht uns doch heute nichts mehr an. Die verantwortlichen Leute unserer Kirche, die einst die Lesungen und Predigttexte für die Sonntage des Kirchenjahres ausgesucht haben und die, die sie jüngst überarbeitet haben, waren anderer Meinung. Sie hielten es für dringend notwendig, dass Christen immer wieder selbstkritisch über ihren Gottesdienst nachdenken.
Das fängt schon beim Verständnis von „Gottesdienst“ an. Was bedeutet Gottesdienst? Wer dient wem? Dient Gott uns oder dienen wir ihm? Zuerst dient Gott wohl uns. Er gibt uns das Leben mit allem, was dazu gehört. Er schenkt uns eine Schöpfung, die reich ausgestattet, wunderschön und erhaltenswert ist. Er schenkt uns Zeit. Tage und Monate, Jahre und Jahrzehnte. Wir dürfen diese Zeit verwenden, gestalten, füllen. Er schenkt Freude, gibt Phantasie, Vernunft und mehr.
Und er dient uns noch in ganz besonderer Weise mit seinem Wort und mit seiner Nähe. Gott hat sich nicht in seinen Himmel zurückgezogen und überlässt die Welt und die Menschheit ihrem Schicksal. Nein, er bleibt nah. Er redet mit uns. Er hat uns seine Vorstellung vom Leben und dem Miteinander schriftlich gegeben. Er hat uns in seinen Testamenten bedacht. Er will dass wir ihn beerben. Er vermacht uns Schätze.
Damit das alle erkennen, ist er selber Mensch geworden in Jesus. Und der sagt klar: Ich bin nicht gekommen, dass ich mir dienen lasse, sondern um zu dienen, dass ich mein Leben gebe zu einer Erlösung für viele. Durch Jesus dient Gott uns mit Leib und Blut (Abendmahl). Das ist der wichtigste und größte Dienst, den es gibt. Ein Dienst aus Liebe, mit ganzer Hingabe. Gottes Dienst an uns, an mir und an dir.
Gott ist also gewaltig in Vorleistung gegangen. Paul Gerhard hat das in einem seiner Lieder so ausgedrückt (EG 37,2):„Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt‘, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ Ist das nicht schön ausgedrückt? Lange bevor es mich gab und bevor ich entscheiden konnte, hat Gott sich schon Gedanken darüber gemacht, wie er mich dazu bringen kann, dass ich ihn als meinen GOTT anerkenne, liebe und ihm gern diene.
Da kommt jetzt wieder der Begriff Gottesdienst ins Spiel. Nicht nur die Veranstaltung, zu der die Glocken einladen und die Orgel oder Posaunen erklingen. Recht verstanden ist Gottesdienst nicht nur das, was wir hier miteinander machen.
Nach biblischem und reformatorischem Verständnis findet Gottesdienst 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche statt. „Unser ganzes Leben sei ein Gottesdienst“, sagt Luther. Wenn es das nicht ist, wenn Gott die Woche über nicht vorkommt, will er auch Sonntags nichts mit uns zu tun haben.
Im Neuen Testament drückt es Jakobus mit seinen Worten aus (Jak 1,22): Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein. Was wir hier hören, singen, beten, feiern und erleben, das muss Auswirkungen haben auf unseren Alltag außerhalb des Gotteshauses. Das soll unser Denken und Reden, unser Streben und unseren Umgang mit anderen prägen, sonst wird unser Gottesdienst als sonntägliche Veranstaltungen unglaubwürdig.
Der Jünger Johannes schreibt davon in seinem 1.Brief (1.Joh 4,20): Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht? Jesus macht das ganz besonders deutlich im Gleichnis vom Weltgericht (Matth 25), wenn er sagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Gott liebt das Schwache und die Schwachen. Sonst könnte er mich nicht lieben und dich wohl auch nicht. Er will, dass auch wir uns um die Schwachen kümmern.
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Gott will Gerechtigkeit. Dazu gehören für ihn Wahrheit, Ehrlichkeit, die Bereitschaft zu teilen und Notleidenden zu helfen. Er schreitet ein, wenn er sieht, dass Schwache ausgenutzt werden, dass Mächtige ihr Geld und ihre Stellung missbrauchen, um noch mächtiger und reicher zu werden. Die Forderung nach Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit lässt Gott sich auch nicht abkaufen. Er toleriert Unrecht nicht, sondern fordert Recht. Ignorieren Menschen, Völker, Herrschende seine Forderung, dann droht Gott mit Gericht. Bleibt seine Drohung ungehört, ändert sich das Verhalten der Ungerechten nicht, dann vollzieht Gott Gericht.
Er belässt es nicht bei Anspielungen und launigen Büttenreden, sondern greift ein. Dann liegt auf einem Leben kein Segen mehr, dann gibt Gott Einzelne oder Völker dahin. Gibt sie dem Verderben preis. Das kann vielerlei Gestalt haben: Wirtschaftskrisen, Wetterkatastrophen und andere gewaltige Naturereignisse. Menschen sprechen dann von „höherer Gewalt“. Wenn sie es nur erkennen würden, was das heißt: Es gibt eine höhere Macht, eine höhere Gerechtigkeit, eine höchste Instanz. Höher, größer, gewaltiger gerechter als jede menschliche Obrigkeit und Möglichkeit.
Die Alten sagten: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber fein. Es dauert manchmal Jahre und Jahrzehnte, bis Gott Gericht hält. Immer wieder erinnert er, ruft er zur Besinnung, zur Umkehr, zur Rückkehr zu seinen Werten. Ja es stimmt was David in seinem 103. Psalm so sagt: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. – Wenn aber seine Barmherzigkeit als Schwäche ausgelegt wird, seine Gnade als Schleuderware betrachtet wird, seine Geduld überstrapaziert wird uns seine große Güte dazu führt, dass seine Gebote ignoriert werden, dann vollzieht er Gericht.
Jeder Gottesdienst ist so eine Chance zur Besinnung und zur Umkehr. Durch Jesus und sein Kreuz auch die Möglichkeit, Schuld loszuwerden, indem man sie erkennt, bekennt und um Vergebung bittet. Jedes Wort Gottes zeigt, was Gott wichtig ist und wie er sich unser Miteinander und unser Verhältnis zu ihm vorstellt. Wer Gott sucht, findet ihn. Wer bei ihm anklopft, dem öffnet sich seine Tür. Wer ihn bittet, empfängt.
Die beginnende Passionszeit ist wieder Gelegenheit dazu. Die dringende, ernste Aufforderung Gottes, ihm mit dem ganzen Leben zu dienen: Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen deinen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst.
Es ist Gottesdienst wenn jemand einem Kind aus der Kinderbibel vorliest, eine biblische Geschichte erzählt oder ein geistliches Lied singt. Wenn Eltern mit ihren Kindern beten und sie zum Beten anleiten.
Es ist Gottesdienst, wenn einer den anderen um Verzeihung bittet, wenn vergeben wird und Menschen sich versöhnen. Es ist Gottesdienst, Kranke oder einsame besucht werden, wenn jemand bei der Tafel mitarbeitet, in einer Suppenküche für Bedürftige oder Einsame besucht.
Es ist auch Gottesdienst, wenn jemand einem anderen hilft, dass er sein Recht bekommt, wenn sich Menschen dafür einsetzen, dass Arbeit gerecht bezahlt wird und Unterdrückung bekämpft wird.
Es ist Gottesdienst, wenn man die Schönheit der Natur sieht und den Schöpfer preist und auf der Bank am Meer oder am Gipfelkreuz in seinem Herzen Gott lobt und preist. Es kann auch Gottesdienst sein, wenn man sich für Tierschutz, Naturschutz oder artgerechte Tierhaltung einsetzt.
Es wären noch viele Gottesdienste im Alltag aufzuzählen aus Dank, Ehrfurcht und Liebe zu dem Gott, der uns zuerst dient. Der Gottesdienst im Leben soll nicht den Gottesdienst am Feiertag in der Kirche ersetzen, sondern er soll daraus hervorgehen, seine Kraft und Motivation aus ihm schöpfen. Und, das ist das Anliegen das hinter den scharfen Worten des Amos steckt, wenn aus dem Feiertagsgottesdienst kein Dienst für Gott folgt, dann wird Gottesdienst nicht zum Segen, sondern zur scheinheiligen Lüge, die unter Gottes Urteil fällt. Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun. Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr, heute und morgen zu handeln. Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168