Was „bringt“ mir der Glaube an Gott?

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Gottesdienst am 15.09.2024 in der Kreuzkirche Bayreuth: Predigt: Ps.16

Liebe Gemeinde,

der für heute vorgegebene Predigttext ist etwas Seltenes als Textgrundlage für eine Predigt. Es ist ein Psalm. Das ist eine Neuerung bei der Ordnung der Predigttexte- eine gute, wie ich persönlich finde. Heute geht es um Psalm 16. Wenn ich ihn jetzt vorlese, werden ihnen einige Passagen gewiss bekannt vorkommen:

Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich.
Ich habe gesagt zu dem HERRN: Du bist ja der Herr! Ich weiß von keinem Gut außer dir.  
An den Heiligen, die auf Erden sind, an den Herrlichen hab ich all mein Gefallen.
Aber jene, die einem andern nachlaufen, werden viel Herzeleid haben. Ich will das Blut ihrer Trankopfer nicht opfern noch ihren Namen in meinem Munde führen.
Der HERR ist mein Gut und mein Teil; du hältst mein Los in deinen Händen!
Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land; mir ist ein schönes Erbteil geworden.
Ich lobe den HERRN, der mich beraten hat; auch mahnt mich mein Herz des Nachts.
Ich habe den HERRN allezeit vor Augen; er steht mir zur Rechten, so wanke ich nicht.
Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher wohnen.
Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe.
Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.

Liebe Gemeinde,
nichts verrät so viel über einen Menschen wie eine Testamentseröffnung. Das wahre Innere tritt nach außen, wenn es ums Erben geht! Daran zerbrechen gerne mal ganze Familien. Da heißt es dann, die Tochter und die Großnichte erben das Vermögen, der Sohn die Briefmarkensammlung. Dabei hasst der Sohn Briefmarken. Und schon bricht ein Krieg aus. Wer bekommt Omas Häuschen? Warum kriege ich gefühlt so viel weniger? Warum kriegt der da überhaupt etwas!

Stellen wir uns also folgende Testamentseröffnung vor: Alle sitzen gespannt da. Es sind 12 Erben. Einer nach dem anderen bekommt ein schönes Stück Land zugesprochen. Prima Lage, großzügig bemessen, fruchtbar. Einer nach dem anderen. Bis zum 12. Als der 12. an der Reihe ist, lautet die Auskunft: Und du, lieber Levi, du erbst – GOTT. Große Augen: Wie bitte? Ja, steht hier: Du erbst – Gott! Das Merkwürdige an dieser besonderen Testamentseröffnung: Der 12. Erbe beschwert sich nicht. Er erklärt seinen Brüdern nicht den jüdischen Erbschaftskrieg. Er jubelt: Ich erbe – Gott! Was er wohl zu Hause erzählt hat, als Frau Levi ungeduldig fragt: Nun sag schon, was haben wir gekriegt? GOTT, sagt er, und strahlt vor Freude!

Diese Szene wird uns tatsächlich in der Bibel erzählt. Es ist die Geschichte der zweiten Landnahme und Landverteilung durch die 12 jüdischen Stämme nach der Befreiung aus Ägypten. Sie bekommen alle Land, nur Levi nicht. Er wird den Dienst am Tempel tun, er wird für den Gottesdienst zuständig sein, das Lob Gottes, das Gebet, die großen Feste. Leben wird er von Spenden und Abgaben. Dafür ist gesorgt, das schon. Und er jubelt: Das Los hat es gut mit mir gemeint: Ich habe es bestens getroffen. Gott selbst ist mein Anteil am Erbe.
Merkt Ihr, wie seltsam das klingt? Und Hand aufs Herz: Was würdest du sagen, wenn es heißt: Du erbst Gott. Nicht das Land, nicht das Haus, nicht das Vermögen, nicht den BMW, nicht die Dauerkarte von FCB, nicht das Ferienhaus in Dänemark. Nur Gott.

Der 16. Psalm nimmt diese uralte Geschichte auf. Da betet einer, der solch ein seltsames Erbe angetreten hat. Und er jubelt: „Gott ist mein Gut und mein Teil. [?] Mir ist ein schönes Erbteil geworden!“ Das, was anfangs nur von Levi und seiner Familie galt, wird hier zur Grundhaltung des Glaubens, zur Herzenseinstellung derer, die Gott lieben. Ich lese nochmal Auszüge des Psalms: „Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich. Ich habe gesagt zu dem HERRN: Du bist ja der Herr! Ich weiß von keinem Gut außer dir. Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land; mir ist ein schönes Erbteil geworden. Ich lobe den HERRN, der mich beraten hat; auch mahnt mich mein Herz des Nachts. Ich habe den HERRN allezeit vor Augen; er steht mir zur Rechten, so wanke ich nicht. Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher wohnen.

Das schönste Erbteil Gott? Was ist das nur, dass Menschen so ergriffen sind, dass ihnen Gott nicht zur schönsten Nebensache der Seele wird, sondern zum Mittelpunkt ihres Lebens? Was ist das nur, dass sie nicht nur etwas von Gott haben wollen, gute Gaben, Schutz vor Unfall, einen gedeckten Tisch, Gesundheit, Frieden in der Welt? Was ist das nur, dass sie nicht nur etwas von Gott haben wollen, sondern ihn selbst? Wie kommt es, dass Menschen Gott tatsächlich nicht nur glauben, fürchten, gehorchen oder anflehen, sondern: Gott lieben? Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit dem ganzen Verstand und von allen Kräften?
Vier mögliche Antworten auf die Frage: Warum „Gott“? bietet uns der Psalm 16: Ich gehe sie mit uns durch, kurz und knapp.

Die erste und wichtigste Antwort auf die Frage, warum Gott? : Er ist die pure Freude. Mein Herz freut sich, meine Seele ist fröhlich, betet der unbekannte Mensch im Psalm. Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.
Wonne ist eines dieser schönen alten deutschen Wörter, Wonne ist mehr als Freude, es ist ein Lebensgefühl, ein tiefes Wohlgefühl. Der Wonnemonat Mai lässt unsere Seelen aufatmen, es wird alles weit und neu und frisch und atmet diesen unverwechselbaren Frühling. Gott ist pure Wonne, nicht verkniffener Gerichtsvollzieher, nicht fernes höchstes Wesen, nicht böse blickender Tyrann. Gott ist pure Wonne. Warum? Weil wir seine Idee sind. Weil er alles in uns investiert. Weil er uns erträgt, uns mehr oder weniger seltsame, in uns verbogene, liebenswerte und immer wieder auch verachtungswürdige Wesen. Gott kennen, das bedeutet zu wissen: Ich bin erkannt, bis ins Letzte und Tiefste, durchschaut. Und ich bin zugleich dauerhafter und viel mehr geliebt und angenommen, als ich mir je hätte träumen lassen. Jesus ist der Grund und der Beweis: Nichts war ihm zu teuer. Ihn gab er für uns und damit alles. Nichts hat er zurückgehalten. Und wenn bei dir alles zerbricht und zerbröselt, Jesus ist immer noch da.

Daran entzündet sich meine Liebe. Wie sollte das Herz da nicht hüpfen! „Wonne, Wonne über Wonne, Jesus ist die Gnadensonne.“ Im Ernst: Was brauchte ich mehr um zu leben und zu sterben: Nichts kann das toppen. Nichts kann das zerstören. Darum: „Der Herr ist mein Gut und mein Teil.“ Die Freude ist die erste Antwort auf die Frage: Warum Gott?

Daran hängt auch die zweite Antwort: Gott ist Halt und Hilfe, wenn unser Leben schwierig wird. Der Beter begann ja mit einer Bitte. „Bewahre mich Gott, denn ich traue auf dich.“
Er betet diesen Psalm als es ihm nicht gut geht. Er fürchtet sich, ist offenbar in Gefahr. Und an wen soll er sich wenden? Welches Fundament trägt?

Der Psalm wird König David zugeschrieben, sicher dem größten unter den Königen Israels. Aber ein König mit vielen biografischen Brüchen: einer, der sich nicht immer im Griff hatte, einer, dessen Beziehung zu fast allen seinen Kindern scheiterte, einer, der den Neid anderer magnetisch anzog, einer, der sein Lebenswerk nicht dankbar genießen und in die Hände guter Nachfolger legen konnte, einer, der wieder und wieder durch schwere Konflikte und böse Attacken hindurch musste. Was trägt in einem solchen Leben? Nur Gott, sagt David. Nur er ist mein Teil. Nur seine Rechte – das ist ein Ausdruck für Stärke und Hilfe – bringt mich da durch. Nur mit ihm behalte ich Hoffnung, dass es noch gut werden kann mit mir und meinem Werk, mit meinen Kindern und meinem Land.
Gott ist mein Halt und meine Hilfe, das ist die zweite Antwort auf die Frage: Warum Gott?

Daran hängt eine dritte Antwort: Nur Gott hat mich nicht enttäuscht. Es gibt ja Alternativen zum lebendigen Gott. Es gibt immer andere höchste Werte, mächtige Ideen, religiöse Angebote. Sie versprechen viel. Und sie halten nichts. In religiöser Sprache sind das Götzen. Die versprechen viel und sie halten nichts. Sie versprechen so viel, aber zuerst fordern sie von uns alles. Wir alle beten an, wir haben nur die Wahl, wen oder was wir anbeten. Wir alle beten an, wir rennen hinter denen her, die uns ein gutes Leben versprechen. Der Beter sagt: Das bringt nur Herzeleid. Noch so ein schönes, altes deutsches Wort:Herzeleid – das ist tiefer Schmerz, Bedauern, Enttäuschung. Nur Gott, sagt der Beter, nur Gott hat mich nicht enttäuscht. Er war da, hat mich gehalten, mir Hoffnung gegeben und Kraft. Er hat mir gezeigt, dass er nicht Opfer verlangt, sondern jedes Opfer bringt. Nur Gott ist mein Gut und mein Teil, bekennt der Psalmbeter. Nur Gott hat mich nicht enttäuscht. Das ist die dritte Antwort auf die Frage: Warum Gott?

Und noch eine letzte, eine vierte Antwort: Du tust mir kund den Weg zum Leben.
Woher bekommen wir einen inneren Kompass für unser Leben? Wie können wir lernen, uns in dieser komplizierten Welt zu orientieren? Wie entwickelt sich so etwas wie ein GPS des Herzens, das ein gesundes Empfinden hat, was anständig und was lebensfeindlich ist? Der Beter bekennt: Du tust mir kund den Weg zum Leben. Du berätst mich. Und wenn ich grübele und nachdenke, dann ist dein Rat meine Orientierung.
Das ist ein lebendiges Geschehen. Das ist nicht einfach die Empfehlung, ein paar Gebote und Gesetze zu lernen. Vielmehr formt Gott unsere innere Kommandozentrale im Laufe der Zeit, wenn wir ihn darum bitten. Und er nutzt dazu das Zusammenspiel der Bibel mit seinem guten Heiligen Geist und unserem Verstand und unserem Empfinden. All das gehört zusammen. Du wirst nicht immer ein Gotteswort für deine Entscheidungen bekommen. Manchmal schon, aber nicht immer. Du hast keinen Anspruch darauf. Ein Wort in einer besonderen Lebenssituation ist immer ein Geschenk. Und weil das so ist, muss sich im Laufe eines Christenlebens auch so etwas wie ein GPS des Herzens entwickeln, das ein Gespür dafür hat, was Gott möchte und was nicht. Und ich finde, der beste Weg so ein GPS des Herzens zu bekommen, ist die tägliche Bitte über meinem Leben: Dein Wille geschehe! Wenn ich das regelmäßig bitte, dann kann ich auch in einem gewissen Grundvertrauen, dass Gott diese Bitte hört, Entscheidungen fällen.
Du tust mir kund den Weg zum Leben- das ist die vierte Antwort auf die Frage: Warum Gott?

Erinnern wir uns: ich habe die Predigt mit dem Thema Erben eröffnet: Nur Gott ist mein Teil und mein Gut. Das ist dieses Erbe, das uns das Testament eröffnet: Freude, ja Wonne, weil wir von Gott unendlich geliebt sind. Kraft aus Gottes starker rechter Hand. Bewahrung vor Herzeleid, vor denen, die alles versprechen und nichts halten. Ein innerer Kompass, der uns hilft, uns in diesem schwierigen Leben zurechtzufinden. Der Levi jubelte bei jener Testamentsvollstreckung, als er Gott erbte. Nur Gott. Und Du und ich?

Bleibt eine Frage zum Schluss: Was ist denn mit all den anderen schönen Sachen auf dieser Welt?
Steht dieses „Nur Gott“ so in Konkurrenz zu allem, was schön ist auf Erden und in diesem Leben?

Dietrich Bonhoeffer hat das einmal für seinen Freund Eberhard Bethge durchdacht. Und seine Antwort war: Wie könnte Gott so klein sein, dass das gegeneinander ausgespielt wird? Bonhoeffer wählt ein Bild aus der Musik. Er sagt: Unsere Liebe zu Gott ist der Cantus firmus, die Grundmelodie, die unter allem anderen liegt, der feststehende, nie endende Gesang. Und dann kann alles andere Schöne, Wahre und Gute sich entfalten wie ein starker Kontrapunkt, ganz selbstständig und doch immer auf den Cantus firmus, die Grundmelodie bezogen, dass wir Gott lieben und dass Gott uns liebt.
Also, liebe Gemeinde: lasst uns nicht zu klein und auch nicht zu eng von Gott denken. Weder im Blick auf seine Liebe zu uns. Noch im Blick auf seine Gaben für uns. Gott ist kein Spiel- und Spaßverderber. Genieße die schönen Dinge des Lebens. Freue dich an dem, was Du dir leisten kannst. Sei dankbar, wenn Du Urlaub machen kannst. Genieße das Leben, wo Du kannst und laufe nicht als frommer Miesepeter herum. Aber vergiss das Danken über all die schönen Dinge nicht. Denke nicht klein und kleinlich von Gott! Und sei Dir gleichzeitig bewusst, wie wichtig es ist, ganz mit Christus zu leben. Denn: ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn! Amen.

Bei Rückfragen bitte wenden an: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de