Warum ist die Heilige Nacht heilig?

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Christvesper Matthias-Claudius-Kapelle, 24.12.2016

Vor uns liegt die „Heilige Nacht“. Was ist das für eine Nacht und warum ist sie heilig? Sie geht zurück auf die eine Nacht vor mehr als 2000 Jahren. Was war das damals für eine Nacht? – Es war zunächst eine Nacht wie jede andere. Dunkel war sie und kalt. Es waren auch keine guten Zeiten. Fremde Machthaber beherrschten das Land. Die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Großen verstanden es, wenig Abgaben zu leisten und die Kleinen mussten das Letzte geben. 

Man hatte Angst vor dem Terror der Besatzer, vor Armut, Hunger und Krankheit. Eigentlich war zunächst gar nichts heilig. Die Männer, die in jener Nacht vor Bethlehem auf den Weiden bei ihren Schafen weilten, zogen ihre Hüte weit ins Gesicht, ihre Mäntel enger um den Leib und richteten sich – wie so oft – auf eine lange dunkle und kalte Nacht ein. Vielleicht auch auf den Überfall eines hungrigen Raubtiers. Sie mussten auf der Hut sein, denn jedes geraubte Schaf würde ihren ohnehin schon dürftigen Lohn noch mehr schmälern.

Es ging schon auf Mitternacht zu, das Feuer war heruntergebrannt und einige von den Hirten waren eingeschlafen, als es auf dem Hügel vor ihnen plötzlich taghell wurde. Was für ein Licht! Mitten in der Nacht! Und wie aus dem Nichts war da einer, mitten in dem Licht und trat auf sie zu. Majestätisch, völlig furchtlos. Den Hirten verschlägt es die Sprache – Das Herz klopfte ihnen bis zum Hals. Noch nie hatten sie so was erlebt! Als Angst sie packen wollte, fing er an zu sprechen, mit mächtiger Stimme, die keiner überhören konnte. Die gerade Erwachten rissen ungläubig die Augen auf, wollten auf und davonlaufen. Da hörten sie die Worte: Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Und dann sahen sie, dass der Eine, der geredet hatte, ja gar nicht allein war. Da, und dort und überall waren diese lichten Gestalten. Der ganze Hügel war voll von ihnen. Hunderte, ach was, Tausende. Sie fingen an zu singen in wunderbarem vielstimmigem Chor. Eine Harmonie, eine Fülle, ein nie dagewesenes Klangerlebnis.

Was sangen sie? Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. – Die Hirten brachten den Mund nicht mehr zu, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus und waren total überwältigt. Jedes Zeitgefühl war ihnen abhandengekommen. Die einen, die gelegen waren hatten sich aufgesetzt, die anderen waren auf die Knie gesunken. Ja, Ehre sei Gott! Und was für ein Frieden hatte sie ergriffen. Die Angst war wie weggeblasen und es war ihnen warm ums Herz geworden. Sie wünschten nur, dass der Augenblick nie vergehen würde. Das die Stimmen nicht verstummen sollten, dass das Licht und der Glanz bleiben und die Wärme, die sie spürten nie vergehen sollte. Das war die Herrlichkeit des Himmels.

Doch dann erlosch das Licht und die Töne verhallten in der Dunkelheit. – Minuten der Stille, dann warf einer ein Holzscheit in die Glut und die Funken sprühten. Als sich nach einer Weile ihre Augen wieder an die Finsternis gewöhnt hatten und sie einander, um das Feuer stehend wieder erkennen konnten, fanden sie auch die Sprache wieder: Was war das? Habt ihr das auch gesehen? Hast du das auch gehört? – Was noch nie ein Auge gesehen, was noch nie ein Ohr gehört hat? Oder war das ein Traum? Einbildung? Eine Sinnestäuschung?

Sie wollten es wissen. Aber wie können wir feststellen, ob das Wirklichkeit ist? Wie können wir prüfen, ob es war ist, was der Eine gesagt hat? – Ja wie? – Einer spricht es aus, ganz nüchtern und unromantisch: Lasst uns gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist. – Hatte die Lichtgestalt nicht ausdrücklich gesagt: Ihr werdet finden das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen? – Wenn da unten in Bethlehem irgendwo ein Kind in einer Futterkrippe liegt, dann finden wir das auch.

Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind, dazu das Kind in der Krippe liegen. – Sie fanden die Worte des Engels tatsächlich bestätigt. – Das ist das Geheimnis bis heute: Wer von Jesus, dem Retter hört und ihn sucht, der findet ihn auch. Dem geht ein Licht auf, das ihn die Welt und sein eigenes Leben in einem völlig neuen Licht sehen lässt. Die Angst weicht und das Herz wird mit tiefem Frieden und einer starken Freude erfüllt.

Da kann das Leben vorher noch so kalt und dunkel gewesen sein, wer zu Jesus kommt, wer ihn anbetet, wer ihm vertraut, für den geht das Licht nie mehr ganz aus. Und wer auf die Stimme der Boten Gottes hört, der hört immer wieder ein liebevolles und tröstendes: Fürchte dich nicht! Und dem wird eine Freude nicht nur verkündet sondern geschenkt. Eine Freude, mit der man auch kalte und dunkle Nächte ertragen kann und die einem hilft mit Enttäuschungen und Nöten fertig zu werden. Die tiefe innere Gewissheit: Es gibt Rettung, auch für mich. Für meine Traurigkeit und für meine Einsamkeit, Rettung für meine Probleme und für meine Ängste. „Christ, der Retter ist da!“

Darum geht es in der Heiligen Nacht. Darum ist sie heilig diese Nacht, weil es da das erste Mal geschehen ist, dass Menschen in Jesus ihren Retter erkannt haben. Dass Menschen im Dunkeln das Licht gesehen haben und den Frieden gespürt, mitten in der friedlosen Welt, in der Angst herrscht und Macht missbraucht wird und Terror, Tod, Leid und Schrecken bringt.

Es sind auch in der Heiligen Nacht 2016 manche unter uns, die Kummer haben, denen das Herz schwer ist, die verletzt sind, deren Gewissen beladen ist. – Das alles kann das Licht nicht auslöschen und die Worte nicht aus der Welt schaffen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Freude nicht nur für die Herrschenden, die Reichen, die Mächtigen, sondern allem Volk. – Damals waren es zuerst die Hirten. –

Gott hat ganz unten in der Gesellschaft begonnen mit seiner Freudenbotschaft und seinem Rettungshandeln. Die Hirten waren doch damals die Letzten, die unterste Schicht. Die am schlechtesten Bezahlten. Leiharbeiter für kurze Zeit, Saisonkräfte, ein zusammengewürfelter Haufen von Leuten, die keine Karriere gemacht hatten und auch keine mehr machen würden. Sie wurden die Ersten, die davon erfuhren. Und weil sie diese unglaubliche Geschichte nicht für sich behielten, haben schon am nächsten Morgen andere davon erfahren: Als sie es aber gesehen hatten (dass die Worte des Engels der Wahrheit entsprachen), breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

Sie haben ihre Erlebnisse mit Gott und ihre Begegnung mit Jesus nicht für sich behalten. Sie haben damit Jesus zum Tagesgespräch gemacht und andere eingeladen ihn auch zu suchen und etwas mit Gott zu erleben. Die Hirten haben von der Herrlichkeit Gottes geschwärmt und mit leuchtenden Augen vom Frieden erzählt, einem Frieden, den nur Gott schaffen und schenken kann.

Der Evangelist Spurgeon hat es einmal so ausgedrückt: „Nichts von außen, noch von innen kann dem Kind Gottes Furcht einflößen. Durch den Glauben kann die Wüste zum Vorort des Himmels werden und der Wald zur Vorhalle der Herrlichkeit.“

Gott zeigt seine Macht nicht durch Waffen, sondern durch Liebe. Er rückt nicht mit schwerbewaffneten Kämpfern an, sondern mit einem Kind. Gott verändert die Welt nicht durch Programme und Gesetze, sondern durch Vergebung und Hingabe.

Warum hat Gott das getan? Er musste doch wissen, dass die Macht des Bösen alles daran setzen würde, dieses Kind, diesen Jesus zu vernichten. Wer liefert sein Kind solchen aus, die ihm Böses wollen?

Gott hat es getan aus Liebe, aus Liebe die stärker ist als der Tod und das Böse. Der Evangelist Johannes schreibt davon im 3. Kapitel: So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.

Gericht vollzieht sich in diesen Tagen überall dort, wo Menschen Weihnachten ohne Jesus feiern. Wo es nur um Essen und Trinken, um Geschenke und Stimmung geht, da bleiben Herzen leer und der Friede bleibt aus.

Gnade wird dagegen überall erlebt, wo Menschen die Worte Gottes hören und ihnen vertrauen. Wo Suchende und Wartende, mit der Kraft Gottes rechnen und sich seiner Liebe öffnen, da wirkt göttliche Gnade und heilt Herzen. Enttäuschte fassen wieder Mut. Traurige finden Trost. Schuldige erfahren Vergebung.

Wir dürfen das „Fürchte dich nicht“ dieser Nacht für unsere Ängste nehmen. Und der Macht der Liebe mehr vertrauen als der Macht des Bösen. Mit Jesus zeigt uns Gott, dass die Liebe stärker ist als der Hass, das Leben stärker als der Tod. Der Heiland ist auch für uns geboren. Für Sie und für mich. Es ist ganz einfach, das zu fassen. Man muss es nur machen wie die Hirten: Sich aufmachen und die Wahrheit der Worte prüfen.

„Ihr werdet finden!“ Hatte der Engel zu ihnen gesagt. Und sie machten sich sofort auf, zu suchen. So ist das mit Gott immer. Er will sofort gesucht werden. Er will, dass wir seinen Worten nachgehen, dass wir sie prüfen. Dass wir mit ihm reden. Er hört jedes Gebet, das laute und das ganz leise. Das unbeholfene, stockende, zweifelnde, fragende, unsichere Gebet. Nur eins soll es sein: Ehrlich! Wir müssen dem Kind in der Krippe nichts vormachen. Wir dürfen so wie wir sind zu ihm kommen. Danken, unsere Lasten bei ihm abladen, Hilfe von ihm erwarten.

Jesus kann mitten in unserer bedrohten Welt Oasen der Geborgenheit schaffen. Er kann in einer einsamen Wohnung Nähe und Wärme schenken. In schwerer Krankheitszeit Zuversicht geben. Bei äußerer Armut innerlich reich machen. Wer erkennt, dass er nur noch wenig Zeit hat, dem schenkt er eine ganze Ewigkeit. Du musst nur zu ihm kommen und zu ihm sagen, was auf manchen alten Feldkreuzen unter dem Bild des Kreuzes geschrieben steht: Mein Jesus, Barmherzigkeit!

Mein Jesus! Wer das im Herzen denkt und mit dem Mund bekennt, der ist Kind Gottes und wird ganz gewiss reich beschenkt mit den wertvollsten Geschenken: Frieden und Freude. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168