Wachsam im Lichte Jesu leben
Zur PDFDrittletzter Sonntag des Kirchenjahres (08.11.2020) – 1. Thess. 5,1-11
Liebe Gemeinde,
Die Wiederkunft Christi und Gottes neue Welt ist nicht so häufig auf unserer Tagesordnung. Tagesordnung meine ich echt wörtlich. Wie oft denken wir am Tag daran? Ich manchmal gar nicht, weil mein Tag so mit Alltäglichen gefüllt ist. Ja, auch im Pfarramt und als Pfarrer ist manches sehr profan und weltlich und geht manchmal leider der Blick aufs Wesentliche verloren, Gott sei es geklagt.
Es ist doch so: In der Regel haben wir uns hier gut eingerichtet. Wir haben es uns gemütlich gemacht in unseren Häusern. Ein Bekannter von mir besitzt ein eigenes Möbelhaus. Auch er hatte erst im Frühjahr einen Schrecken, als er sein Möbelhaus sechs Wochen schließen musste. Und inzwischen weiß er, dass er 2020 mit einem sehr guten Ergebnis abschließen wird, weil viele Leute ihr nicht verbrauchtes Urlaubsgeld in die Wohnungseinrichtung investiert haben. Wir haben es uns gut eingerichtet. Das gilt nicht nur für unsere Wohnungen und Häuser. Das gilt auch für unser Leben und unsere Welt so gut es irgend geht. Wir leben und arbeiten, ohne dass das Kommen Jesu eine große Rolle spielt. Wir pflegen unsere Hoffnungen und Pläne, die wir für die Zukunft gemacht haben. Klar, wir haben dieses Jahr schon gemerkt, wie verletzlich wir alle sind. Ein Virus, winzigklein, stellt die ganze Welt auf den Kopf. 2020 haben wir innerlich abgehakt, aber auf 2021 ruhen viele Pläne und Erwartungen, als könne es so weitergehen wie bisher.
Manfred Siebald, der christliche Liedermacher, bringt unsere Lebenseinstellung in einem seiner Lieder von der Erwartung des Wiederkommens Christi folgendermaßen auf den Punkt: »Wir haben es uns gut hier eingerichtet, der Tisch, das Bett, die Stühle steh’n; der Schrank mit guten Dingen vollgeschichtet: wir sitzen, alles zu besehen. Dann legen wir uns ruhig nieder und löschen müd’ vom Tag das Licht und beten laut: Herr, komm doch wieder! und denken leise: jetzt noch nicht! – und beten laut: Herr, komm doch wieder! und denken leise: jetzt noch nicht« (1)! Dass Jesus Christus wiederkommt, ist nicht wirklich auf unserer Tagesordnung. Weder in unserem persönlichen Leben, noch in der Gemeinde, noch bei den Großen dieser Welt!
Bei den Christen in Thessalonich war das anders. Die Erwartung, dass Christus wiederkommt, war noch lebendig. Sie haben noch damit gerechnet, dass Christus während ihres Lebens wiederkommt. Aber dann gab es die ersten Sterbefälle. Sie fragten: Was wird aus denen, die das Kommen ihres Herrn nicht mehr erlebten? Paulus antwortet ihnen und tröstet sie. Es kommt nicht darauf an, so sagt er einige Verse vor unserem Abschnitt, ob wir zur Ankunft des Herrn leben oder bereits gestorben sind. Christus wird sowohl die Lebendigen als auch die Toten auferwecken. Der Zeitpunkt seines Kommens ist unberechenbar. Nur das Eine ist gewiss – nämlich: dass der Tag des Herrn kommen wird:
Davon redet unser Predigttext für heute: 1. Thess 5,1-11:
Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen: „Friede und Sicherheit“, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. 4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.
1.Wann wird das sein, dieser Tag des Herrn? Das ist der erste Punkt, den ich an diesem Text bedenken will. In der Geschichte der Christenheit gab es viele Versuche, den Tag und die Stunde seines Kommens zu berechnen. Auch ganz fromme Glaubensmänner und Glaubensfrauen, durchaus wichtige Glaubenszeugen aus den früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten, haben sich gefragt: Muss man den Zeitpunkt nicht kennen, um sich recht vorzubereiten? Und dann wurde gerätselt und vermutet und gerechnet, wie weit die Weltenuhr wohl schon fortgeschritten ist.
Paulus schreibt der Gemeinde in Thessalonich: Eigentlich muss ich euch darüber ja nicht belehren. Ihr wisst doch, dass der Herr selbst gesagt hat, dieser Tag lasse sich nicht berechnen, er käme wie ein Dieb in der Nacht, und nicht einmal er selbst kenne ihn. Das finde ich persönlich sehr wichtig und Jesus sagt es in den Evangelien selbst auch mehrfach: nicht mal er selbst als Sohn Gottes weiß den Zeitpunkt der Wiederkunft. Wenn es nicht mal Jesus selbst weiß, dann verbietet sich doch eigentlich jede Berechnung und theologische Spekulation darüber.
Es geht im Glauben nicht darum, den Termin der Wiederkunft Christi genau zu kennen. Es geht um viel mehr: es geht darum: Unser ganzes Leben soll eine Vorbereitung auf diesen Tag sein, ganz egal wie nah oder fern dieser Tag noch ist! Und vorbereitet sein heißt: das ganze Leben so zu gestalten, dass dieser Herr kommen kann. Dass er uns bei dem antrifft, was er uns aufgetragen hat. Dass wir uns mit dem, was wir tun, nicht verstecken müssen vor ihm. Merken wir: das ist eine Lebensaufgabe, ganz unabhängig davon, wie weit die Weltenuhr fortgeschritten ist. Das ist die Aufgabe: in unserem Glaubensleben wachsam zu sein.
Da Diebe sich in der Regel nicht vorher anmelden, muss der Hausherr jeden Moment wachsam sein, um nicht von ihnen überrascht zu werden. Ich habe mal drei Jahre Seelsorge im Strafvollzug gemacht und so manche Story gehört. Aber es hat mir nie einer erzählt, dass er seinen Einbruch vorher angemeldet hat!
Allerdings: Der Vergleich hinkt natürlich. Jesus ist ja kein Dieb, der zum Stehlen kommt. Der Vergleichspunkt ist der: wer nicht wachsam ist, der wird überrascht und der hat den Schaden. Wer aber wacht, der bleibt vom Unheil verschont. Er weiß zwar nicht, wann der Dieb kommt. Aber er ist vorbereitet.
Also, das wollen wir uns als Erstes merken: Nicht Rechnen und Kalkulieren gehört zum Glauben – man verrechnet sich leicht. Man wiegt sich schnell in falscher Sicherheit oder in falscher Panikmache. Gott ist nicht berechenbar.
Nicht Rechnen und Kalkulieren gehört zum Glauben. Sondern wachsam sein. Vorbereitet sein. In jedem Augenblick. Was heißt denn das: vorbereitet sein? Wir stehen ja oft in der Gefahr, solche theologischen Begriffe zu benutzen. Das ist schnell gemacht, aber wie sind sie eigentlich gefüllt?
2. Wie lebe ich wachsam und in Vorbereitung auf den Tag des Herrn?
Paulus greift das Bild von Tag und Nacht, von Licht und Finsternis auf. Diebe kommen gerne im Schutz der Dunkelheit. Sie scheuen das Tageslicht, weil sie dann nicht ungehindert einbrechen können. Deshalb sind ja viele Geschäfte, Straßen und Plätze nachts hell beleuchtet. Das dient vor allem dem Schutz und der Sicherheit. In meiner ersten Gemeinde in der Nähe von Schwäbisch Hall gingen um Mitternacht die Straßenlaternen aus, um Energie zu sparen. Ich fand das ganz schön gruselig und habe mich unsicher gefühlt, wenn es wirklich mal vorkam, dass ich so spät heimkam! Dunkelheit hat immer auch etwas Bedrohliches, weil man sich in ihr verstecken kann.
Wer sich im Finstern herumtreibt, muss sich nicht wundern, wenn er von einem Dieb überfallen wird. Deshalb gibt es nur einen guten Rat: bleib weg von den finsteren Ecken und dunklen Wegen. Halt dich dort auf, wo es hell ist. Du bringst dich sonst in Gefahr. Du gefährdest, was du hast, ja sogar dein Leben. Deshalb bleib weg davon! Geh ins Licht!
Genau das wird uns vom Apostel Paulus geraten. Vorbereitet sein auf den Tag des Herrn heißt: Wir sollen keine Dinge tun, die das Tageslicht scheuen müssten. Und damit ist nicht das Licht der Anständigkeit und gängigen Moral gemeint, sondern das Licht unseres Herrn Jesus Christus. Es geht darum, dass unser Denken, Tun und Dichten in seinem Licht bestehen kann. Dass wir uns vor ihm nicht schämen müssen für das, was wir gedacht und geredet und getan haben. Vorbereitet sein heißt: nach dem Willen Jesu zu fragen und danach zu leben.
Wer dunkle Geschäfte betreibt, der wird vom Tag Jesu Christi überrascht werden wie von einem Dieb in der Nacht. Gott hat uns aber nicht dazu bestimmt. Er kommt nicht, um uns auf frischer Tat zu ertappen. Das wäre das Gottesbild eines Polizisten und das sollten wir auf keinen Fall haben. Gott hat keinen Gefallen daran, uns zu bestrafen. Jesus ist zu unserem Heil gekommen. Deshalb sollen wir im Licht leben, nicht in der Nacht.
Zwei typische Handlungen der ›Nacht‹ werden in unserem Bibeltext genannt: schlafen und sich betrinken.
Keine Sorge, natürlich darfst du schlafen! Nicht gerade jetzt … aber sonst. Gemeint ist eher: Verschlafen sein. Also die Lage zu verkennen; zu denken: es wird schon so schlimm nicht sein mit mir und meinem Leben. Wer weiß, ob dieser Tag der Wiederkunft überhaupt kommt. Und wenn: das hat noch lange Zeit, sich Gott zuzuwenden. Verschlafen sein, heißt im geistlichen träge, faul und sich selbst entschuldigend unterwegs zu sein.
Sich betrinken meint: sich dem Genuss hingeben, durchaus auch auf Kosten anderer. Nur an sich selbst und das eigene Wohl denken. »Hütet euch, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und mit Saufen und mit täglichen Sorgen und dieser Tag nicht über euch komme wie ein Fallstrick«, sagt Jesus einmal. Das heißt doch: lasst nicht zu, dass euer ganzes Denken sich nur noch um diese irdischen Dinge dreht. Und macht euch nicht ein schönes Leben auf Kosten anderer!
Das also heißt schlafen und betrunken sein: verschlafen sein in geistlicher Hinsicht und Leben auf Kosten anderer: Hauptsache ich und Hauptsache mir geht es gut!
Das ist nicht Gottes Wille für unser Leben. Deshalb dieser dringende Aufruf: Lasst euch nicht in die Finsternis hineinziehen! Schlaft nicht ein! Bleibt nüchtern und erkennt, was zu tun ist! Lebt eurer Berufung gemäß. Und was ist diese Berufung?
Wir sind ›Kinder des Tages‹, sagt Paulus den Christen in Thessalonich, weil wir im Licht Jesu sind. Also ist unsere Berufung, als Kinder des Lichts zu leben. Im geistlichen Sinn nicht schlafend und betrunken zu sein von den irdischen Dingen dieser Welt. Sich freuen daran, ja! Aber sich nicht daran genügen lassen.
Und nun noch das dritte:
3. Jesus Christus- das Licht unseres Lebens
Wodurch sind wir ›Kinder des Tages‹ geworden?
Nicht dadurch, dass wir uns als helle Lichter von einer dunklen Welt abheben. Wir sind es ›durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist‹, wie es in unserem Text heißt. Die Todesstunde Jesu ist unsere Geburtsstunde. Jesus sinkt in die Finsternis des Todes, damit er mich ans Licht heben kann.
Aber nun soll ich auch so leben, wie es sich am hellen Tag gehört! Ob wir wachen oder schlafen – wir gehören zu ihm. Er ist gestorben, damit wir in jedem Augenblick mit ihm und in seinem Licht leben. Glauben heißt dann: ganz und gar zu diesem Herrn gehören und von ihm auch in den praktischen Lebensfragen bestimmt sein. Es ist kein berechnendes Abschätzen, was man gerade noch zu tun hat, um sich bei seinem Kommen nicht seinen Zorn zuzuziehen. Nein, als Glaubender möchte ich im Licht leben.
Eines aber darf nicht verschwiegen werden: Als Kind des Lichts bin ich in einen Kampf hineingezogen. Die Nacht will mich zurückhaben. Sie zieht mich an und lockt mich. Sie will mich verfinstern. Egoismus und Bequemlichkeit, Hartherzigkeit und Gier werfen auch in der Kirche dunkle Schatten.
Paulus redet von einer Rüstung, die es für diesen Kampf zwischen Licht und Finsternis braucht. Paulus redet vom Panzer des Glaubens und der Liebe und dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Wir sind von Gott gerüstet für diesen Kampf. Er rüstet uns aus, nicht du selbst.
Glaube, Liebe, Hoffnung, das sind die Waffen, die er uns schenkt. Es sind keine Angriffswaffen, sondern Verteidigungswaffen. Das finde ich wichtig! Wir kämpfen nicht, um zu zerstören, sondern um uns zu schützen. Wir kämpfen auch nicht gegen eine gottlose Welt oder gottlose Menschen. Das wäre völlig überheblich und hochmütig. Wir bekämpfen auch keine gottlosen Menschen, weder mit Worten oder mit Taten. Wir haben vielmehr alles zu tun, dass sie auch das Licht Christi erkennen. Dadurch bleiben wir im Licht. Damit vertreiben wir die Schatten, die auf uns fallen.
Wir kämpfen, indem wir auf Gott vertrauen, uns nicht in der Liebe beirren lassen und an der Hoffnung auf den Tag Jesu festhalten.
Wir sind ›Kinder des Lichtes und des Tages‹ durch den Glauben an Jesus Christus. Sein Licht soll durch uns leuchten in einer dunklen Welt. Das ist unser Auftrag. Ein Auftrag, vor dem Du nicht erschrecken musst! Das ist doch wunderbar, dass Gott Dich und mich benutzt, Licht in dieser Welt zu sein. Dazu sollen wir uns auch gegenseitig immer wieder ermutigen. Dann wird uns der Tag des Herrn nicht überraschen, sondern gut vorbereitet antreffen. Dann wird dieser Tag kein Tag des Schreckens und des sich ertappt Fühlens sein. Dann wird es ein Tag der Freude sein. Dann werden wir mit Freude dem Himmel entgegengehen. Amen.
Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: Friedemann.Wenzke@elkb.de