Von Leuten, die (be-)rechnen

Zur PDF

Septuagesimae, 27.01.2013, Matth.9,9-13

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Unser heutiges Schriftwort für die Predigt steht beim Evangelisten Matthäus im 9. Kapitel

Als Jesus durch die Stadt ging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm:

Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Später war Jesus mit seinen Jüngern bei Matthäus zu Gast. Es kamen viele Zöllner und Sünder und saßen mit ihnen zu Tisch. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit Zöllnern und Sündern?

Jesus aber hörte das und antwortete: „Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken!“

Und er fügte noch hinzu:“ Begreift doch endlich, was Gott meint, wenn er sagt: ’Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.’ Ich bin gekommen die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“

Eigentlich wollte Leonce Viator mit seinem Neffen am 20. November 1980 nur einen ruhigen Tag auf dem See verbringen und nach Welsen angeln. Die 13 Milliarden Liter Wasser des nur drei Meter tiefen Lake Peigneur lagen ruhig und friedlich unter ihnen, als sie auf dem See ihre Angeln auswarfen. Doch nach einer Weile kam Bewegung in das sonst so stille Gewässer: Ganz langsam begann der Lake Peigneur, sich im Kreis zu drehen. Und wurde immer schneller. Der Wasserspiegel sank. Gerade noch konnten sich die beiden Angler ans nahe Ufer retten. Von dort aus sahen sie fassungslos mit an, wie das Wasser des Sees mit allem, was noch darauf herumschwamm in dem Strudel in die Tiefe gerissen wurde, als ob jemand den Stöpsel aus dem Boden des Sees gezogen hätte.

Was war geschehen? Eine Ölfirma hatte eine Bohrung veranlasst. Der berechnende Ingenieur hatte sich um einige hundert Meter verrechnet und dadurch wurde ein großes Salzbergwerk angebohrt, das das Wasser des Sees wie ein großes Kanalsystem absaugte. Die Ölgesellschaft musste später 45 Millionen Dollar Entschädigung bezahlen. Ein verhängnisvoller, ja für einige Menschen ein tödlicher Rechenfehler.

Rechenfehler können fatale Folgen haben. Eine Firma geht pleite, ein Häuslebauer übernimmt sich. Ein Schiff kommt vom Kurs ab. Weil ein Fehler in der Rechnung war. Weil man mit falschen Zahlen und Fakten gerechnet hat. Überall wird gerechnet und gefragt ob sich das rechnet. Das war schon zurzeit Jesu so. Hier in diesen Versen des Matthäusevangeliums werden uns auch einige Rechner vorgestellt, die irrten.

Zuerst der Matthäus. Er berechnet mit Kopf- und Stückzahlen die Zollgebühren. Wenn er seine Unkosten abgezogen und die Abgaben an die Römer abgeliefert hat, dann bleibt ihm noch ein ganz schönes Sümmchen. Weil er ein guter Rechner ist, hat er es schon zu großem Besitz gebracht. Er dachte, die Rechnung stimmt. Dass er beneidet wurde und kaum Freunde hatte nahm er in Kauf. Als einer, der neben der Fahne des römischen Kaisers sitzt und für die fremden heidnischen Machthaber Geld eintreibt, hat er es nicht nur mit den Steuerpflichtigen, sondern vor allem mit den Pharisäern verscherzt.

Sie wollen mit den gottlosen Römern nichts zu tun haben. Aber auch sie sind irgendwie Rechner. Sie machen mit Gott eine Rechnung auf. Sie haben sich ausgerechnet, dass sie sich Gottes Wohlwollen verdienen können, wenn sie nur versuchen alle Vorschriften und Ordnungen ihres Glaubens peinlich genau zu beachten.

Sie haben sich aufgrund ihrer religiösen Kenntnisse auch genau ausgerechnet, dass Jesus nicht der Bevollmächtigte Gottes sein kann, sonst müsste er doch auch zu ihnen, den Pharisäern, gehören und würde sich nicht mit solchen Leuten, wie diesem Zöllner an einen Tisch setzen. Der will Sohn Gottes sein? Und da beruft er sich so einen wie den Zolleinnehmer Matthäus zum Mitarbeiter. Die Rechnung geht in ihren Augen nicht auf. Das passt nicht in ihr Gottesbild. Für sie kann dieser Jesus von Nazareth niemals der Messias sein. Darum muss mit ihm möglichst bald abgerechnet werden.

Ganz verschiedene Rechner sitzen sich da gegenüber. Sie nehmen es alle sehr genau. Der eine mit Geld und Gewinn, die anderen mit den Fehlern ihrer Mitmenschen. Und beide Rechnungen sind verhängnisvoll falsch.

Der Rechner Matthäus lässt sich von Jesus seine fehlerhafte Rechnung zeigen und von seiner Zollkasse wegholen, die ihm bisher Lebensinhalt und Zukunftssicherheit war. Auch die frommen Rechner macht Jesus auf ihre fehlerhafte Rechnung aufmerksam und sagt ihnen: „Geht hin und lernt, was das heißt: Gott hat Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“ So zitiert er einen Satz aus dem Propheten Hosea. Es kommt Gott auf etwas ganz anderes an, als ihr meint. Er will die Rechner mit den falschen Werten nicht ausgrenzen, sondern hereinholen, zurückholen, zur Umkehr bewegen.

Das ist ja eben das Schlimmste, was passieren kann, dass man mit den falschen Werten rechnet. Da kann die Rechnung am Ende nicht aufgehen. Wer falsche Werte, hat dem nützen die besten Rechenkünste nichts.

Wir können heute zwar viel besser und schneller rechnen als die Menschen damals, aber das garantiert noch nicht, dass am Ende das richtige Ergebnis herauskommt. Wir schieben keine Holzkugeln mehr von links nach rechts, sondern tippen auf Glasflächen oder Tastaturen herum. Rechner beherrschen alles. Sie überbieten sich im halbjährlichen Rhythmus an Schnelligkeit und Speicherkapazität.

Überall wird fieberhaft gerechnet. Mit Arbeitsmarktdaten, mit Rationalisierungseffekten, mit Privatisierungserlösen, mit Aktienkursen und Umsatzrekorden. Der Häuslebauer rechnet und rechnet, wie hoch er sich verschulden kann, der mittelständische Unternehmer rechnet, ob er sich die Investitionen leisten kann. Und mancher klagt: Ich kann rechnen, wie ich will, es reicht nicht. Am Ende des Geldes ist noch zu viel Monat übrig.

Das Rechnen fängt schon früh an. Konfirmandinnen und Konfirmanden rechnen sich aus, was wohl die Konfirmation einbringen wird. Manche sehr gut Verdienende lassen sich vom Steuerberater ausrechnen, was es bringen würde, wenn sie aus der Kirche austreten würden. Mancher rechnet mit einer Erbschaft, aber der Erblasser hat sich’s anders überlegt.

Auch im zwischenmenschlichen Bereich wird gerechnet, aufgerechnet und abgerechnet. In Ehen und Familien werden Rechnungen aufgemacht, was der andere versäumt oder vermasselt hat. Die Krankenkassen haben genau berechnet wie viele und welche Medikamente ein Arzt verschreiben darf. Versicherungen haben auf Mark und Pfennig berechnet, was der Verlust eine Armes oder Auges wert ist oder das Leben eines 39-jährigen Familienvaters.

Alles scheint berechenbar. Die Bevölkerungsentwicklung, die Renten des Jahres 2040, die Bahnen der Sterne und Kometen, die Wählerstimmen und das Unfallrisiko. Doch wo bleibt bei der ganzen Rechnerei der Mensch? Der Mensch, der liebt und leidet, der lacht und weint, der sich sehnt nach Liebe, Freundlichkeit und Zuwendung. – Wo soll der Mensch bleiben, der zwischen all den Zahlen und Rechnungen nicht mehr weiß, wie er leben und auskommen soll.

Wo bleibt der Mensch, dem Zahlen und Rechner sagen: Du bist am Ende: Die Zahlen der Lebensjahre, deine Zeit ist bald abgelaufen; die Zahlen eines Labors, deine Gesundheit ist am Ende; die Zahlen auf dem Kontoauszug, dein Kreditrahmen ist überzogen. Wo bleibt der Mensch? Es zählt nicht, wenn jemand fertig ist. Es rechnet sich nicht, wenn einer am Ende ist. Die Worte Verzweiflung, Angst, Einsamkeit und Schuld lassen sich nicht in Zahlen umwandeln und schönrechnen.

Wie heißt es hier in unserem Schriftwort? Als Jesus durch die Stadt ging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen.

Fällt Ihnen der Unterschied auf zu dem was die Pharisäer dann sagen? Warum isst euer Meister mit Zöllnern und Sündern?

Wer am Zoll sitzt, ist ein Zöllner, wer öffentlich gegen Gottes Gebote handelt ist ein Sünder. Bei solchem Schubladendenken bleiben die Menschen auf der Strecke. Kommt uns das nicht bekannt vor? Machen wir es nicht oft genauso?

Die Ausländer, die Politiker, die Polizisten, die Soldaten, die Beamten, die Jugendlichen, die Lehrer, die Ärzte, die Journalisten, … – Sehen wir noch den Menschen, der uns da gegenübersteht?

Der Herr Jesus sieht zuerst den Menschen. Dass er am Zoll sitzt ist für ihn erst zweitrangig. Er sieht einen Menschen, der sein Leben auf ein äußerst fragwürdiges Fundament gestellt hat. Er sieht einen Menschen, für den Geld, Gewinn und Güter im bisherigen Leben die größte Rolle gespielt haben. Jesus sieht auch, dass dieser Mensch, Matthäus, darin nicht sein Glück gefunden hat. Er sieht einen Suchenden und Zweifelnden, einen, der nach außen ganz anders wirkt, als es ihm innerlich zumute ist. Er sieht den Menschen, der Hilfe braucht, der sich nach Liebe sehnt, der einen neuen Anfang machen möchte. Er sieht in dem Menschen, Matthäus, der bisher in der Stadt Kapernaum als Zöllner gelebt hat, den Menschen, der Gott braucht und den Gott gebrauchen kann.

Jesus sieht seine Aufgabe darin, aus diesem Zöllner wieder einen Menschen zu machen. Das geschieht nicht dadurch, dass er ihn ablehnt, ihn ausgrenzt, ihm Vorhaltungen macht, sondern dadurch, dass er auf ihn zu geht, ihn anspricht: Folge mir! Komm mit mir! Lebe mit mir! Setz dich mit an meinen Tisch! Durch Jesus kann aus jedem wieder ein Mensch werden, weil Jesus in jedem den Menschen sieht, auch wenn er noch so verborgen ist. Er sieht, da ist doch ganz tief drin ein Mensch, der Gottes Liebe, der Rettung und Hilfe braucht.

Jesus sieht auch in Ihnen und mir den Menschen, den schwachen, hilfesuchenden, unsicheren, einsamen Menschen. Folge mir! Sagt er auch zu uns. Und wer Jesus folgt, erfährt von ihm nicht nur echte Menschlichkeit, sondern lernt von ihm auch, wieder Menschen in den anderen zu sehen.

Sogar in den hochmütigen und selbstgerechten Pharisäern sieht er die Menschen, wie sie wirklich sind. Er gibt auch sie nicht auf, sondern sagt ihnen, was ihnen helfen kann:

“Geht hin und lernt, was das heißt: ’Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.’ 

Gott will nicht, dass Köpfe rollen und Urteile gefällt werden. Er will Barmherzigkeit. Der Wortteil „barm“, der darin steckt, hängt sprachgeschichtlich mit dem Wort „warm“ zusammen. Gott will „Warmherzigkeit“. Wer ein warmes Herz hat, kann nicht kaltblütig aburteilen oder eiskalt berechnen.

Vielleicht sehen Sie jetzt in Gedanken jemanden vor sich, in dem Sie noch nie den Menschen entdeckt haben, weil er sich ihnen gegenüber immer so unmenschlich verhalten hat. Kalt, hart, berechnend, ja vielleicht gemein und demütigend. Wenn Jesus sagt: Folge mir!, dann heißt das auch: Sieh doch mal den Menschen in ihm! Warum ist der denn so geworden? So hart, so bitter, so ungerecht, so gleichgültig. Vielleicht wäre ich ja auch so, wenn ich so eine Lebensgeschichte hätte.

Auch wir sollen von Jesus lernen, was das heißt, wenn Gott sagt: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“ Wir lernen es zuerst, wenn wir Gottes Barmherzigkeit an uns selbst erleben. Wenn wir begreifen, was es bedeutet, dass ein anderer hingeht und unsere Sünde ans Kreuz trägt, dass einer zu uns liebevoll und warmherzig sagt: Dir sind deine Sünden vergeben! Wer das an sich erlebt, wird anfangen, an anderen Barmherzigkeit zu üben. Und das ist ein großes Übungsfeld.

Ein Lehrer war an Multipler Sklerose erkrankt. Noch konnte er seinen Unterricht halten, aber manchmal hatte er seine Bewegungen und seinen Körper nicht so unter Kontrolle, wie er wollte. Darum hatte er gleich zu Beginn des Schuljahres mit seinen Schülern darüber geredet. Eigentlich kam ganz gut zurecht mit der Klasse, nur einer, Volker, fiel aus der Reihe. Immer wenn sich der Lehrer zur Tafel drehte, machte er Störgeräusche oder drangsalierte seine Mitschüler. Manchmal hätte der Lehrer ihn am liebsten auf den Mond geschossen.

Eines Morgens, ging es dem Lehrer gerade besonders schlecht und er kam deswegen auch verspätet zum Unterricht. Mühsam betritt er das Klassenzimmer, die Schüler bemerken es und schweigen betroffen. Nur Volker ist mit seiner halblauten Bemerkung zu hören: „Der ist ja ein Krüppel!“

Dem Lehrer geht das wie ein Stich durchs Herz. Er ist geschockt und kann im Moment gar nichts darauf sagen. In der Klasse ist es still geworden. Wie wird der Lehrer jetzt reagieren? Langsam geht er auf Volker zu. Wird er ihn bestrafen? Nein, er nimmt Volker in den Arm und fängt an mit ihm zu reden: „Volker, du hast mir gerade sehr weh getan, aber eigentlich bist du doch gar nicht so böse und gemein. Du tust so etwas doch nur um von deinen Klassenkameraden beachtet zu werden. Sie sollen dich anerkennen und deinen Mut bewundern. Aber dazu musst du nicht so böse sein. Wir haben dich auch so lieb, wie du wirklich bist.“ Noch einmal drückt er Volker an sich und beginnt dann mit dem Unterricht. Von diesem Tag an arbeitete Volker mit und hörte, wenigstens bei diesem Lehrer, mit seinen Störaktionen auf.

Da hat ein Lehrer in einem gemeinen störenden Schüler den Menschen gesehen und vielleicht gerade dadurch wieder einen Menschen aus ihm gemacht.

Wir sitzen alle oft an irgendeinem Rechentisch, rechnen uns aus was wir haben oder brauchen. Wir rechnen schnell ab mit anderen und suchen einen Schuldigen oder wir bringen ein Opfer und bilden uns etwas darauf ein. Aber Gott will nicht das Opfer, sondern Barmherzigkeit.

Jesus ist der Arzt, der von der Rechenkrankheit heilt. Er ist der Mensch gewordene Gott, der sich nicht von Sündern distanziert, sondern der sie sucht und einlädt ihm zu folgen. Wer den Ruf hört, macht es am besten wie Matthäus. Der hat alle alten Rechnungen hinter sich gelassen und für ein Leben mit Jesus eingetauscht. Nur wenn wir mit Jesus und seiner Barmherzigkeit rechnen, rechnen wir mit dem, was wirklich zählt. Halten wir uns an die Worte des Refrains eines Liedes von J. Streng:

Trachtet zuerst nach Gottes Welt, rechnet mit dem, was wirklich zählt! Haltet euch fest an den, der euch hält! Trachtet zuerst nach Gottes Welt! Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth