Von der Taufe Gebrauch machen
Zur PDF1. Sonntag nach Epiphanias, 12.01.2020, Mt 3,13-17
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten…
Als vor einigen Monaten die Eltern unseres Täuflings auf mich zukamen, mit der Bitte um die Taufe Ihres Sohnes Matteo und wir dafür den 12. Januar vereinbarten, wussten wir nicht, welcher Bibeltext an diesem Tag für die Predigt laut Predigtordnung unserer Kirche vorgesehen ist. Beim Taufgespräch haben wir dann nachgesehen und stellten fest: Das passt. Das könnte ja besser nicht sein. Aber urteilen Sie selbst:
Das Schriftwort für die Predigt an diesem ersten Sonntag nach Epiphanias steht Matthäus 3, die Verse 13-17:
Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen, denn so gebührt es uns alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s geschehen. Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
Jesus ist ganz Mensch. Mit allen Konsequenzen. Darum wächst er, nach der vom Geist Gottes gewirkten Zeugung, wie jedes andere Kind im Leib seiner Mutter heran. Er durchläuft alle Stadien eines Embryos von der ersten Zellteilung an und wird von der Mutter Maria geboren, wie alle Kinder dieser Welt. Er muss gestillt und gewickelt werden, muss laufen und sprechen lernen, den Eltern gehorchen. Mit jüngeren Geschwistern wächst er auf und musste sicher schon als Kind, gerade als Ältester lernen zu verzichten und zurückstehen.
Jesus hat lesen und schreiben gelernt und wurde als zwölfjähriger Junge in einem feierlichen Akt, bei dem er vor allen in der Synagoge aus den alten Schriftrollen vorlesen musste, in die Gemeinde aufgenommen.
Auch einen Beruf hat er erlernt und als Zimmermann im väterlichen Betrieb gearbeitet und seinen Lebensunterhalt verdient. Am Abend eines langen Arbeitstages war er genauso müde wie seine Kollegen. Sein Alltag zwischen dem 12. Lebensjahr und etwa seinem 30. Geburtstag war so normal und unspektakulär, dass wir nichts davon wissen. Er war ganz Mensch.
Beim Tempelbesuch mit den Eltern als er zwölf Jahre alt war, blitzte kurz etwas auf von der besonderen Nähe, die er zu Gott und seinem Wort hatte. Das besondere Schriftverständnis, das Jesus hatte und seine geisterfüllten Fragen und Antworten ließen die geistliche Elite damals bereits aufhorchen und staunen. Aber davon weiß nur einer der 4 Evangelisten, Lukas, zu berichten. Danach ging er mit seinen Eltern wieder nach Nazareth und war ihnen untertan, so steht es Lukas 2,51. Ganz Mensch. Doch sollte sich später zeigen, dass er ganz Gott ist.
Bei Matthäus erfahren wir zwischen der Rückkehr der Heiligen Familie aus dem ägyptischen Exil und der Taufe von Jesus am Jordan viele Jahre später nichts.
Erst als sich das Auftreten eines Bußpredigers namens Johannes am Jordan im Land herumsprach, verließ der Zimmermann Jesus sein Elternhaus und den Arbeitsplatz im galiläischen Nazareth und machte sich, wie viele andere damals auch, auf an den Jordan. Irgendwo in der Gegend von Jericho traf er auf eine Menschenansammlung, die dem außergewöhnlichen Prediger Johannes, den man auch den Täufer nannte, zuhörte.
Unter vielen anderen steht Jesus am Ufer und hört der sehr direkten und konkreten Predigt des Johannes zu. Er ist ganz Mensch und reiht sich ein in die bunte Schar derer, die unter dem Wort Gottes und der Predigt des Johannes erkennen, dass sie Sünder sind und Vergebung brauchen.
Es heißt einige Verse vor unserem Predigttext: „Da ging zu ihm (Johannes) hinaus die Stadt Jerusalem und ganz Judäa und alle Länder am Jordan und ließen sich taufen von Johannes im Jordan und bekannten ihre Sünden.“
Jesus sieht die vielen Frauen und Männer, Jungen und Mädchen, die vom Wort Gottes getroffen, sich nach Vergebung sehnen. Ihnen ist unter der Predigt des Täufers klar geworden, dass sie auf vielerlei Weise gegen die Gebote Gottes gehandelt haben. Sie merken, dass sie vom ersten bis zum zehnten Gebot schuldig geworden sind. Haben Sie, hast Du, das auch schon mal gemerkt? Da passt so manches nicht in meinem Leben. So, wie ich bin und lebe, kann das Gott nicht gefallen.
Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse im Leben eines Menschen: Ich bin ja nicht so, wie ich sein sollte. Ich bleibe ja hinter den Erwartungen Gottes zurück. Ich bin an Gott und Menschen schuldig geworden und werde es immer wieder. Wer noch nie erkannt hat, dass er ein Sünder, eine Sünderin ist, der wird auch nicht erkennen, dass er Gottes Gnade in Form von Vergebung braucht. Der sucht auch keine Vergebung und keine Gnade. Der steht allenfalls misstrauisch und kritisch daneben, wenn andere erkennen, dass sie Sünder sind.
Solche gab es damals am Jordan auch. Brave und Superfromme. Pharisäer und Schriftgelehrte, die nur aus einem gewissen Interesse heraus, als Neugierige und Schaulustige an den Jordan gekommen waren. Sie wollten hören, was dieser komische Johannes in seinem Kamelhaargewand da predigte. Sie beurteilten seine Rede und meldeten ihre Kritik an. Und sie wollten sehen, wer sich da in die lange Reihe der Täuflinge stellte und damit öffentlich zu erkennen gab: Ich bin ein Sünder und brauche Vergebung. – Selber verzichteten sie auf die Taufe, denn sie hielten sich ja für brave Leute und nicht für Sünder. Unschuldig, gerecht, Gott wohlgefällig.
Jesus wäre wohl der Einzige gewesen, auf den das wirklich zugetroffen hätte, aber der steht nicht urteilend daneben, sondern stellt sich in die lange Schlange der Sünder. Er macht keinen Unterschied zwischen sich und den Lügnern und Lästerern, den Dieben und Ehebrechern, den Fluchern und Geizhälsen, den Neidhammeln und Schmutzfinken. Wie ein Sünder, wie eine Sünderin stellt er sich in der langen Reihe an und wartet bis er dran ist und vor dem Täufer steht.
Da erst sieht ihn Johannes und weicht er erschrocken einen Schritt zurück. Er kennt Jesus als Menschen. Er kennt ihn eigentlich auf doppelte Weise. Einmal als entfernten Verwandten, als einen etwa Gleichaltrigen, mit dem er durch die Verwandtschaft der Eltern sicher als Kind und Jugendlicher öfter Kontakt gehabt hat. Und er erkennt Jesus durch den Geist Gottes in diesem Augenblick als den, von dem er gerade in seiner Predigt gesagt hat: „… nach mir kommt einer, der ist stärker als ich und ich bin nicht wert ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen.“
In dem Augenblick als Jesus dort am Jordan steht, um sich taufen zu lassen, ist dem Johannes klar: Das ist er! Der Stärkere, der mit Heiligem Geist und mit Feuer tauft. Der von Gott Gesandte, der lange verheißene Retter.
Den kann ich doch nicht taufen, durchzuckt es Johannes. Das wäre doch verkehrte Welt. Ich bin doch der Sünder und er ist der Gerechte. „Aber das geht doch nicht!“ Sagt er zu Jesus. „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde und du kommst zu mir? Aber Jesus besteht darauf: Lass es jetzt geschehen, denn so gebührt es uns alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da gibt Johannes seinen Widerstand auf. Er beugt sich dem Willen Jesu.
Zaghaft und mit vielleicht zitternden Knien und Händen tauft er den, der zwar selbst kein Sünder ist, aber sein Leben gibt für alle Sünder dieser Welt. Jesus distanziert sich nicht von Sündern, sondern mischt sich unter sie. Er macht sich den Sündern gleich und wird einer von ihnen. Er zeigt den selbstgerechten und kritischen Schriftgelehrten am Ufer, wie das geht. Sich nicht über andere, sondern sich in Liebe unter sie stellen.
Zunächst haben die anderen dort sicher gar nicht gemerkt, was da gerade passiert. Naja, das ist halt auch so einer, den seine Sünden und sein schlechtes Gewissen drücken. Erst als Jesus gerade am Ufer aus dem Wasser stieg und das Sonnenlicht plötzlich viel heller schien, so dass man sich die Augen zuhalten musste. In gleißenden Licht war es dann, als ob etwas wie eine Taube vom Himmel herabkam und sich auf Jesus setzte. Und es war dann diese gewaltige Stimme zu hören, die sagte: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
Da haben sicher viele gemerkt, dass sie gerade Augen- und Ohrenzeugen eines einzigartigen Geschehens geworden waren. Leider berichtet uns Matthäus nichts von den Reaktionen der Anwesenden. Zuerst waren wohl alle tief bewegt und beeindruckt. Aber wie das leider oft ist: Da hat jemand ein besonderes Erlebnis der Nähe Gottes, aber mit der Zeit vergisst er und nimmt Abstand oder sagt sich irgendwann, dass das wohl alles nur Einbildung war.
Aber geistgewirkte Erlebnisse sind keine Einbildung, sondern Berührungen Gottes. Kurze Lichtblicke und Einblicke in die Herrlichkeit Gottes. Besondere Zeichen der Nähe und der Liebe Gottes, der sich über uns erbarmt. Ein Wort seiner Gnade (Jeremia 31,3): Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Das ist die Antwort Gottes auf unsere erkannte und bekannte Sünde.
Die Taufe ist Jesus so wichtig, dass es sich selber taufen lässt. Es ist gewissermaßen die Ordination und Bevollmächtigung zu seinem geistlichen Amt. Und sie ist Jesus so wichtig, dass er sie im Missionsbefehl seinen Jüngern und Nachfolgern für alle Zeiten aufträgt: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“
Jesus lässt sich taufen, weil er damit zeigen will, dass er einer von uns ist. Und wer zu ihm gehören will oder nach dem Willen der Eltern gehören soll, der soll auch getauft werden. Mit der Taufe bekennt ein Mensch: Ich bin ein Sünder und brauche Vergebung durch Jesus Christus und die Gnade Gottes, die er schenkt. Und wer ein Kind zur Taufe bringt, der bekennt damit auch: Wir Eltern sind Sünder und darum kann auch unser Kind nur Sünder sein. Aber wir bekennen unsere Sünde und begehren zusammen mit unserem Kind und auch für unser Kind, das noch viel zu klein ist, um zu verstehen, Vergebung und Gnade. Wir wollen zusammen mit unserem Kind und in unserer Familie von Vergebung leben.
So ist die Taufe beides zugleich: Bekenntnis zum Mensch sein und zu aller Verlorenheit, die damit verbunden ist und Zuspruch der Vergebung. Taufe ist auch die lebenslange Berechtigung um Vergebung zu bitten und die Gnade Gottes zu erhalten.
Jeder getaufte Christ soll wissen: Weil ich auf den Namen des Dreieinigen Gottes getauft bin, darf ich immer wieder zu Gott kommen kommen mit meiner Bitte um Vergebung. Und weil Jesus sich nicht von Sündern distanziert hat, sondern sich zu ihnen gestellt hat, gibt es auch für mich immer neu Vergebung. Unabhängig davon, wie groß oder zahlreich meine Sünden sind. Ich bin trotzdem angenommen und geliebt. Das wird bei der Taufe einem Menschenkind persönlich zugesprochen.
Gott um Vergebung bitten heißt also eigentlich: Von der Taufe Gebrauch machen. Die Taufe anwenden. Das ist ein ganz großer Schatz. Kein Zaubertrank, aber ein Lebenselixier, das ich immer bei mir habe und sooft ich es brauche benutzen darf. Wie dumm ist es, das zu haben und nicht zu verwenden! Aber, so unvorstellbar das ist: Viele Christen sind so dumm. Sie haben die Zulassung zur Vergebung, lassen die Vergebung aber nicht zu. Weil sie keine Sündenerkenntnis haben, fehlt ihnen das Verlangen nach Gnade. Sie verzichten auf Gottesdienst und Abendmahl, auf eine persönliche Verbindung zu Gott und Jesus.
Das ist wie ein Patient, der eine tödliche Krankheit in sich hat. Der Arzt mit dem heilenden Medikament steht vor seiner Türe, aber er lässt ihn nicht herein und lässt sich nicht heilen. Er verachtet die Leben spendende Medizin. – Das ist wie ein Rezept, das ausgestellt ist, aber nicht eingelöst wird. Wie eine Medizin, die nur in der Tasche steckt, aber nicht geschluckt wird. Die kann nicht wirken. Die kann nicht heilen und nicht helfen.
Wir sollen unsere Taufe ernst nehmen. Wir dürfen sie anwenden und durch die gelebte und geglaubte Taufe zu fröhlichen freien und mutigen Christen werden. Das vorzuleben, das weiterzugeben sind wir als Eltern unseren Kindern, als Paten unseren Patenkindern schuldig.
Herr, wir danken dir, dass du dich zu uns Sündern stellst und uns durch dein Kreuz befreit hast von aller Schuld. Lass uns im Glauben an den Zusagen unserer Taufe festhalten und nicht vergessen, was Du für uns getan hast und noch tust. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168