von der geistlichen Kunst des Älterwerdens

Zur PDF

Predigt Kreuzkirche Bayreuth am 17.10.2021: Prediger 12,1-7

Liebe Gemeinde,

wir hören auf den Predigttext für den heutigen Sonntag. Es ist wieder einer der neuen Predigttexte und ich bin gespannt, wie es Ihnen beim ersten Hören geht:

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: „Sie gefallen mir nicht“; 2 ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, – 3 zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, 4 wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; 5 wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – 6 ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. 7 Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

Puh, haben Sie die Bilder alle verstanden? Wollen Sie heute mal darüber eine Predigt halten? Ich nicht, dachte ich beim ersten Lesen und wollte fast schon kneifen und den bisherigen Bibeltext für diesen Sonntag nehmen. Aber das wäre doch schon auch irgendwie feige gewesen oder? Also habe ich mir die Basisbibel geholt. Das ist die Bibelübersetzung, die ich gerade mit meinen Konfirmanden lese und siehe da, es wurde schon verständlicher. Den da sind die vielen Bilder am Rand alle erklärt:

aus Basisbibel Text vorlesen

»Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen.« Das ist die Lehre, die Salomo, der Schreiber des Predigerbuches aus allem zieht. Beschäftige dich so früh wie möglich mit Gott, deinem Schöpfer. Schon als Kind, schon als Konfirmand, schon als Jugendlicher. Dein ganzer Lebensweg liegt noch vor dir. Mit Gott, der dich gemacht hat und der weiß, wie es geht und wohin es geht, wirst du deinen Weg finden. Nimm jetzt die Verbindung zu Gott deinem Schöpfer auf und warte nicht, bis es zu spät ist.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass man schon als Kind zum Glauben kommen können und mir ist es ein Anliegen, den Glauben der Kinder und Jugendlichen sehr ernst zu nehmen, auch wenn er im sich Entwickeln ist. Aber sollte er das nicht immer sein? Ein Glaube, der sich nicht weiterentwickelt, der sich auch mal verändert und offen ist für neue Einsichten, der steht in der Gefahr, verknöchert und gesetzlich zu werden. Das sind dann die modernen Pharisäer und von der Gefahr davor ist keiner frei.

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend: Ich habe nach meinem Theologiestudium und vor dem Vikariat ein halbes Jahr lang in der Schweiz mit einem Team zusammen Kinderstunden gehalten, Kinderbibelwochen gestaltet und auf Spielplätzen, Campingplätzen und Schwimmbädern christliches Kinderprogramm durchgeführt. Das ist 20 Jahre her. Wir sind dorthin gegangen, wo die Kinder sowieso waren. Und ich weiß, wie schön es ist, wenn schon Kinder zum lebendigen Glauben an Christus kommen oder der Glaube sich allmählich in ihnen entfaltet. Für Gott sind wir nie zu jung, es ist nie zu früh, um mit ihm anzufangen. Aber es kann einmal zu spät sein.

Unter dieser Einsicht der begrenzten Lebenszeit entfaltet der Prediger Salomo den bunten Fächer des Lebens: geboren werden und sterben, pflanzen und ausreißen, weinen und lachen, klagen und tanzen, lieben und hassen, Streit und Friede. Gott sei Dank hat alles seine Zeit, seine Stunde. In einer guten Reihenfolge. Alles gleichzeitig – das würde uns hoffnungslos überfordern.

Alles hat seine Zeit. Und vergeht eben auch. Was bleibt sind Erinnerungen. In den Beständen alter Familienfotos zu blättern kann spannend sein: der Vater als Baby, die Mutter bei der Einschulung, ein Hochzeitsbild der beiden. Dann Bilder mit den Kindern, die deren Entwicklung vom hilflosen Neugeborenen über die ersten unbeholfenen Schritte und den abwartend stolzen Blick des Schulanfängers bis hin zum Konfirmanden zeigen. Schließlich kommen Enkel, ja vielleicht sogar Urenkel dazu. Veränderungen sind unverkennbar – und das Voranschreiten der Zeit.

Die Zeiten ändern sich. Die Zeit verändert uns. Sie hinterlässt deutliche Spuren. Atemberaubend sind die Entwicklungen bei Kindern, unübersehbar die Veränderungen im Jugendalter. Dann kommen Lebensphasen, in denen die Zeit nur wenig verändert. Irgendwann kommt die dritte Lebensphase, wie heute das Alter genannt wird. Dieses wird wieder in drei Phasen aufgeteilt. Die mobilen Alten, die eingeschränkten und die hilfsbedürftigen. In Englisch, kurz und bezeichnend: Go go, slow go, no go. Irgendwann lässt die Leistungsfähigkeit nach. Gesundheitliche Probleme stellen sich ein. Was leicht von der Hand ging, wird zu einem beschwerlichen Kraftakt. Was selbstverständlich war, geht nicht mehr. Wir werden immer hinfälliger. Immer öfter sterben Altersgenossen. Es kommen Tage und Jahre, »die dir nicht gefallen«. Wie nüchtern sieht das der Prediger. Und wie recht hat der Prediger!

Jedes Alter hat sein Maß an Chancen und Herausforderungen. In der Jugendzeit scheinen die Möglichkeiten unbegrenzt. Je weiter die Jahre voranschreiten, umso deutlicher werden die Grenzen – auch die letzte Grenze. Der Prediger stellt in unserem Abschnitt das Alter ungeschönt dar und rät, sich dem Alter zu stellen. Wir tun gut, ihm zu folgen. Verdrängung und Verleugnung helfen uns nicht. Leben heißt, bis zum letzten Atemzug zu wachsen und zu reifen.

Nüchtern wird die Beschwerlichkeit des Alters und die Vergänglichkeit des Lebens angesprochen. Der Prediger rät dringend, sich nicht erst im hohen Alter mit dem Altwerden und dem Lebensende auseinander zu setzen. Wer diese Lebensaufgabe auf die Seite schiebt, wird von ihr allzu leicht überrollt, versäumt eine Wachstumsstufe, einen Reifungsprozess. Ob uns dieses gefällt oder nicht: »Alles vergeht und verweht.« Die Unbeschwertheit des Kindseins, die Schönheit der Jugendzeit, die Kraft des Erwachsenseins, das Leben. Entwaffnend nüchtern schließt der Prediger seine Gedanken. Dazu passt das Gebet des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Und zugleich ist es auffallend, wie der Prediger die Gebrechlichkeit des Alters in poetischen Bildern beschreibt und dies fast schon humorvoll. Nein, er macht sich nicht lustig über das, was uns am Alter nicht gefällt. Er nimmt es nicht leicht, ganz und gar nicht. Aber er nimmt die Beschwerlichkeiten des Alters — mit Humor. Das möchte ich von ihm lernen: Humor. Humor ist eine besondere Gabe. Humor macht Schweres leichter.

Wir alle kennen alte Menschen. Manche sind heiter und dankbar – trotz ihnen auferlegter Beschwerlichkeiten. Ihnen zu begegnen ist schön. Andere aber sind unzufrieden und bitter. Lasten des Lebens und des Alters drücken sie nieder. Ihnen zu begegnen ist anstrengend. Kein Zweifel, die Last eines langen Lebens und des Alters mit seiner Gebrechlichkeit kann nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Aber ein humorvoller Umgang mit diesen hilft, nicht zu verbittern. Der Prediger regt dazu an.

Die Bilder, die der Prediger aufnimmt, berühren. Man muss sie nur verstehen. Die Wächter des Hauses, die zittern, das sind die Arme. Und die starken Männer, die sich krümmen, die Beine. Die Müllerinnen, die die Arbeit einstellen, meinen die Zähne. Und die Frauen, die nur noch dunkle Schatten erkennen, stehen für die Augen. Die beiden Türen, die geschlossen werden, sind die Ohren. Und mit dem leiser Werden der Mühle wird die Veränderung der Stimme beschrieben. Die Kräfte schwinden und jedes Hindernis bereitet Schrecken. Die Haare werden schlohweiß: die Mandelbäume blühen. Schließlich kommt das Sterben als endgültiges reif Werden und der Tod.

Treffend und schmunzelnd wird in diesen Bildern beschrieben, was fortschreitendes Alter mit sich bringt: das Nachlassen der Kraft, des Gedächtnisses, der Augen, des Gehörs. Die Kreise werden kleiner. Der Prozess des Alterns verläuft nicht bei allen gleich, auch geschieht nicht alles gleichzeitig. Aber mit höherem Alter kommen Einschränkungen, Beschwerden, Krankheiten, Leiden und Hinfälligkeit – trotz guter medizinischer Versorgung und mancher Erleichterung, die wir den Menschen biblischer Zeit voraushaben. Es ist gut, sich frühzeitig dieses klar zu machen. Es ist gut, sagt der Prediger, schon in der Jugend das Vertrauen auf Gott zu setzen. Das gibt im Alter einen Halt.

Wohl dem und der, die mit Humor ausgestattet sind. Humor ist keine Veranlagungssache. Humor wächst uns im Laufe des Lebens zu, indem wir lernen, mit Schwerem und unseren Begrenzungen positiv umzugehen. Sie als Teil unsers irdischen Lebens zu sehen. Und indem wir dahin kommen, diese Begrenzungen zu bejahen, anzunehmen und so zur Kraft für die Zukunft werden zu lassen. Humor bewahrt vor Bitterkeit und Selbstmitleid. Humor erhält die Dankbarkeit. Humor ist eine Sache der Einstellung zum Leben – und eine Frucht des Gottvertrauens und der Hoffnung.

Nüchtern sein, das Altern mit Humor nehmen und sich selbst auch nicht so ernst nehmen, das sind die ersten zwei ganz praktischen Lebenstipps, die uns der Prediger heute gibt.

Ich möchte auch zu diesem Thema noch ein Gebet vorlesen. Dieses Gebet wurde von der Teresa von Avila vor ca. 500 Jahren verfasst. Im „Gebet des älter werdenden Menschen“ bittet sie ihren besten Freund, Gott, sie davor zu bewahren, schwatzhaft zu werden und bei jeder Gelegenheit und über jedes Thema mitreden zu wollen. Es ist ein Gebet, das sicherlich nicht nur von älteren Menschen beherzigt werden sollte:

„Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde. Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen. Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen. Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch), hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein. Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen. Lehre mich Schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr. Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen. Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann. Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.“

Theresa von Avila (1515- 1582)

Und schließlich kommt beim Prediger in unserem Predigttext noch etwas Drittes dazu: Das Vertrauen, dass wir zu Gott zurückkehren:

»Denk an deinen Gott, der dich geschaffen hat, bevor die silberne Schnur zerreißt und die goldene Schale zerbricht … Dann kehrt der Staub zur Erde zurück, aus dem der Mensch gemacht ist. Und der Lebensatem kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat.«

Einzigartig und kostbar ist unser Leben, aber eben auch begrenzt. Der Lebensodem wird von Gott geschenkt und kehrt zu ihm zurück. Irgendwann verweht der Wind die Spuren, die wir hinterlassen. Der Prediger sagt: »Alles verweht und vergeht.« Aber: Der Lebensatem kehrt zu Gott zurück.

Der Prediger kennt noch nicht die Hoffnung, die uns durch Jesu Christi Auferstehung geschenkt ist. Diese jedoch bekräftigt seine zaghaft ausgedrückte Hoffnung. Für uns, die wir an Jesus Christus glauben, ist der Tod nicht das Letzte. Wir glauben, dass Gott ein Gott der Lebenden und der Toten ist. Wir glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Unsere Hoffnung geht über den Tod hinaus. Das Leben hier ist nicht alles. Unser Leben hat ein Ziel. Jesus Christus wird uns vollenden und ewiges Leben in seinem Reich schenken. Darauf gehen wir zu. In guten Zeiten wollen wir das nicht vergessen.

In schweren Zeiten dürfen wir uns darauf freuen.

Und dort beim Herrn, wird alles Schwere, Belastende, Schwäche, Krankheit, Leid, Not und Tod vorbei sein. Da wird klar sein, dass auch die Beschwerlichkeiten des Alters nichts Anderes waren als die Vorbereitung auf das Leben bei ihm. Dort, wo wir in seiner Herrlichkeit ewig selig sein werden.

Alles hat seine Zeit. Gott schenkt dir Leben und Zeit – und Leben in seiner Ewigkeit. Amen.

Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de