von der Freude des Findens
Zur PDFPredigt am 28.07.2024, Kreuzkirche Bayreuth: Mt. 13,44-46
Liebe Gemeinde,
mir wurde erzählt: vor circa 60 Jahren als Günther Jauch noch im Sandkasten spielte, hieß ein beliebtes Fernsehquiz: „Alles oder nichts!“ Es ging damals um sage und schreibe 8000 DM, die durch 30 richtig beantwortete Fragen gewonnen werden konnten. Nach jeder Frage musste der Kandidat, der als Profi auf seinem Gebiet galt, neu entscheiden, ob er aufhört und sein bisheriges Preisgeld nach Hause nimmt, oder ob er weitermacht und sich der nächsten schweren Aufgabe stellt. Allerdings bestand dann anders als bei „wer wird Millionär“ die Gefahr, alles zu verlieren. Es ging also um „Alles oder nichts“, deswegen hieß das Spiel ja auch so. Nur wer alles einsetzte, konnte auch alles gewinnen.
Jesus schildert in zwei kurzen Beispielgeschichten ebenfalls, wie es in unserem Leben und in unserem Glauben um alles oder nichts gehen kann. Im Griechischen ist das eigentlich nur ein ganz langer Satz mit 32 Wörtern. Nur in der deutschen Übersetzung sind das mehrere kurze Sätze, damit wir es besser verstehen. Wir hören auf Mt. 13,44-46:
Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.
45 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte,
46 und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.
Jesus redet wie so oft in Gleichnissen, also in Vergleichen. Da geht es nicht darum, ob sich das Beschriebene genau so zugetragen hat. Da geht es vielmehr darum, dass er mit Beispielen aus dem Lebensalltag Sachverhalte über den Glauben verständlich und einleuchtend machen will. In diesen beiden kurzen Gleichnissen geht es um das Himmelreich. Nur das Matthäusevangelium verwendet diesen Begriff. Die anderen Evangelien reden vom Reich Gottes. Das Himmelreich ist Gabe und Geschenk, man kann es nicht selbst machen oder bauen. Aber man kann es suchen und finden.
Drei Schritte möchte ich mit ihnen mit diesen Gleichnissen gehen:
1. Vom Suchen und Finden
2. Vom Verkaufen und Erwerben und
3. Vom Freuen und Leben
1. Vom Suchen und Finden
Jesus beschreibt, wie da einer mit Pflügen auf dem Acker beschäftigt ist. Plötzlich findet er einen Schatz. So ein unverhoffter Fund war damals gar nichts Außergewöhnliches. Es herrschten unsichere Zeiten mit vielen kleinen lokalen Kriegen. Schnell wurden manchmal Wertgegenstände wie Schmuck und Münzen ein einem Tonkrug ein Meter tief im Acker vergraben, damit sie von den Feinden nicht gefunden wurden. Doch durch Tod und Vertreibung ist so mancher Schatz in Vergessenheit geraten und tauchte irgendwann bei der Feldarbeit wieder auf.
Gesucht hatte der Feldarbeiter keinen Schatz. Er hat ihn zufällig bei der Arbeit gefunden. Und dann hat er ihn ganz schnell wieder versteckt, damit er den Acker auch legal erwerben kann. So gehört dann nämlich auch der Schatz ganz rechtmäßig ihm. Er hätte den Schatz ja auch einfach mitnehmen können. Aber es war ein ehrlicher Mann. Wenn es um das Himmelreich geht, müssen wir ganz ehrlich sein. Vor Menschen, vor uns selbst und vor Gott. Da macht es keinen Sinn, sich und anderen etwas vorzumachen. Weil wir vor Gott sowieso nichts verbergen können.
Der eine also findet ganz unverhofft einen Schatz. Ganz anders dagegen der Kaufmann und seine Perle. Er ist ein Großhändler, der viel herum kommt. Er sucht gezielt nach Perlen und freut sich, dass er ein besonders kostbares Exemplar gefunden hat. Diese beiden Gleichnisse machen deutlich, wie Menschen zum Glauben kommen können. Der eine ist ein erfolgreicher Sucher. Und der andere ein glücklicher Finder. Manche suchen intensiv und vielleicht über Jahre und finden dann auch den Glauben. Andere suchen gar nicht so sehr und finden dennoch den Zugang zum Glauben. Jesus ist zum Beispiel vielen Menschen begegnet und hat sie in die Nachfolge gerufen, die vorher gar nicht groß nach Gott gefragt haben. Zachäus war so einer. Er war Zöllner und mit allen Tricks gewaschen, wie man Leuten Geld aus der Tasche ziehen kann. Der hat vorher nicht viel nach Gott gefragt in seinem Handeln und ihn wohl auch nicht so gesucht. Und doch wird er von Jesus gefunden. Jesus geht auf ihn zu und holt ihn aus seinem betrügerischen Sumpf heraus. Ganz unvermittelt beginnt Zachäus ein neues Leben. Jesus sagt abschließend an seinem Hausbesuch: „Heute ist diesem Haus Heil wiederfahren!“ Zachäus ist ein glücklicher Finder.
Andere Menschen suchen bereits seit langen nach Gott, so wie der Großhandelskaufmann nach der kostbarsten Perle. Ich denke an Martin Luther, der jahrelang auf der Suche nach dem gnädigen Gott war. Was hat er nicht alles auf sich genommen. Wie hat er sich nicht selbst gequält und schwere Auflagen verordnet. Und nach langer Gottessuche begegnet ihm an einer Stelle des Römerbriefes der lebendige Christus und ihm wird klar: ich bin ja bereits voll und ganz erlöst und befreit. Jesus begegnet ihm als Suchenden und lässt sich finden.
Wie bist Du zum Glauben gekommen? Es ist wichtig, dass Du dir deiner Glaubensbiografie bewusst bist. Und noch wichtiger ist die Dankbarkeit: dass sich Jesus Dir und mir geoffenbart, gezeigt hat. Das ist ein ganz großes Wunder.
Beide Zachäus und Luther bzw. heute der zufällige Finder und konkrete Sucher stehen dann aber vor einer herausfordernden Aufgabe. Und damit bin ich beim zweiten Stichwort:
2. vom Verkaufen und Erwerben:
Der eine Mensch, von dem Jesus im Gleichnis erzählt, scheint ein Tagelöhner zu sein, also einer, der nur von Tag zu Tag angestellt ist und abends seinen Lohn bekommt. Er arbeitet auf einem fremden Acker. Das Feld gehört ihm nicht. Also kratzt er nach dem großartigen Fund alles zusammen, was er hat, um die Kaufsumme für den Acker aufbringen zu können.
Auch der professionelle Perlensucher investiert alles, um an diese eine kostbare Perle zu kommen. Das war ganz schön mutig. All seinen Besitz aufs Spiel zu setzen wegen einem Acker.
Und doch werden beide richtig reich. Aber zu diesem Ziel gelangen sie nur, weil sie bereit waren, alles auf eine Karte zu setzen.
„Alles oder nichts!“- was als Haltung und Meinung im alltäglichen Leben oft undifferenziert und komplexen Sachverhalten nicht gerecht wird: im Blick auf die Entscheidung zu Jesus und seine Nachfolge ist das genau die richtige Haltung: alles oder nichts. Das erkennen wir schon daran, wie Jesus Leute in seine Nachfolge gerufen hat. Zachäus verlässt seinen Zolltisch. Die Fischer Andreas, Petrus, Johannes und Jakobus verlassen das Haus, die Familie, Petrus sogar zeitweise die Ehefrau. Das empfehle ich jetzt wirklich nicht, aber dennoch: Diese Menschen lassen sich die Nachfolge Jesu wirklich was kosten! Ihnen war der Glaube an Gott etwas wert! Der Glaube hat auch ihr Alltagsleben grundlegend verändert.
Ist unser Glaube vielleicht deshalb manchmal so lau, weil wir uns die Sache mit Gott nichts kosten lassen? Verliert die Kirche vielleicht deshalb Einfluss in der Öffentlichkeit, weil sie in ihrer Kernbotschaft zu sehr nach Kompromissen sucht und keine klare Linie mehr fährt?
Es ist auffallend an dieser Bibelstelle, dass beide den Acker öffentlich und rechtmäßig erwerben. Da geschieht nichts im Verborgenen. Auch der Tagelöhner macht es ganz legal. Er hätte ja auch heimlich bei Nacht kommen können und den Schatz heben. Aber das tut er nicht.
Jesus sagt uns damit: Christ werden und sein ist eine öffentliche und keine heimliche Sache. Es geht mit rechten Dingen zu, wir haben nichts zu verheimlichen. Deshalb läuten die Glocken und wir laden lautstark zum Gottesdienst ein. Deshalb taufen wir jetzt zunehmend im Hauptgottesdienst hier in der Kreuzkirche und immer weniger in extra Gottesdiensten. Weil Säuglingstaufe davon lebt, dass in die Gemeinde hineingetauft wird und Eltern und Gemeinde geistliche Verantwortung für das getaufte Kind übernehmen. Deshalb werden zum Beispiel auch die Namen der Konfirmanden veröffentlicht. Und wie wertvoll ist es, wenn Menschen in unseren Gemeinden Mut finden, anderen zu berichten, was ihnen der Glaube im Alltag bedeutet. Deshalb haben wir in der Kreuzkirche und in Heinersreuth allein in dieser Woche insgesamt drei Schulgottesdienste, zwei Kindergartengottesdienste und zwei Altenheimgottesdienste und heute auch noch zwei Gottesdienste gefeiert: also sieben an der Zahl: weil unser Christsein eine öffentliche Sache ist, das unter die Leute muss. Aber natürlich nicht nur in Form von Gottesdiensten.
Es geht nicht nur um Glaube am Sonntag, sondern auch am Montag und allen anderen Wochentagen: dass wir unseren Glauben öffentlich leben, nicht besserwisserisch und von oben herab, aber doch mit aufrechter Haltung und mutig. Wir haben uns doch nicht zu verstecken. Wir haben die beste Botschaft der Welt zu sagen und auch zu leben. Überzeugender Glaube ist immer auch nach außen gekehrt, dass andere etwas davon merken können. Christliche Gemeinschaft, die immer nur nach innen gerichtet ist, wird früher oder später muffig und lau. Und außerdem wird die ihren Auftrag nicht gerecht, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.
Ich denke an die große Veranstaltung „unter offenem Himmel“ vor zwei Wochen in den Wilhelminenauen. Viele Besucher und auch wir Mitarbeiter sind noch ganz erfüllt und Gott dankbar, dass alles so gut gegangen ist und der Himmel wirklich nah und offen war. Warum haben wir das gemacht? Es kam dabei gar nicht so sehr darauf an, wer der Veranstalter war. Es kam darauf an, dass wir als Christen ganz unterschiedlichen Alters uns öffentlich zu unserem Glauben bekennen. Auf ganz unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Ausdrucksweisen. Es kam und es kommt immer wieder darauf an, dass die frohe Botschaft von Jesus unter die Leute kommt. Christlicher Glaube drängt automatisch nach außen, sonst ist er tot. Die meisten Gemeinden, die über kurz oder lang von der Bildfläche verschwinden, gehen deshalb ein, weil sie im eigenen, vielleicht noch so frommen Saft erstickt sind. Das muss uns eine Warnung sein.
Seien wir dankbar, dass wir unseren Glauben so öffentlich leben können. Was kostet es denn derzeit, außer etwas Mut und vielleicht ab und an etwas belächelt zu werden? Das ist nichts im Vergleich, was andere Christen erleiden. Wir leben in einer Zeit der größten Christenverfolgung. Schon Paulus musste seinen Glauben am Ende mit dem Leben bezahlen und auch heute werden Christen benachteiligt und verfolgt, z.B. im Sudan, im Tschad, in China und in immer mehr radikal muslimischen Ländern. Und dennoch lassen sich die Christen dort oft nicht einschüchtern, denn sie wissen, dass sie mit dem Glauben an Jesus Christus das Wertvollste für ihr Leben gefunden haben. Das aber erfüllt mit Freude. Und damit bin ich beim dritten Stichwort:
3. Von Freuen und Leben
Es war die Freude des Findens, die den Tagelöhner und den Großhandelskaufmann ermutigt haben, all ihr Erspartes in den einen Schatz oder die eine Perle zu investieren. Sie haben es nicht aus Zwang gemacht. Keiner hat sie gedrängt. Nein, sie waren aus Freude zu Großem fähig. Beide sind erfüllt von großer Freude und Erwartung und das ermöglicht ihnen, loszulassen. Loszulassen, was Ihnen vielleicht bisher so wichtig war.
Wie können wir das im übertragenen Sinn deuten?
Dazu eine kleine Geschichte: Ein Bauer bestellt im Frühjahr liebevoll seinen Acker. Er bringt das kostbare Saatgut in die Erde. Nun wartet er auf den Regen und die Sonne. Das Korn reift und es wird eine gute Ernte. Der Bauer füllt den Ertrag in die Säcke. Er hat gut geerntet und ist reich beschenkt. So fährt er fröhlich nach Hause.
Da- so erzählt die Legende- begegnet ihm Gott und sagt: „Bauer, du hast reich geerntet, gib mir dein Korn!“ Der Bauer denkt erschrocken: „Mein Korn, meine Habe, Gott geben, das geht zu weit!“ Aber er bindet einen Sack auf, sucht ein winziges Korn heraus und gibt es Gott. Der drückt das Körnlein an sein Herz. Von der Liebe Gottes durchglüht, verwandelt sich das Weizenkorn in reines Gold. So verwandelt gibt Gott es dem Bauern zurück und sagt: „Ich schenk es Dir, mach was draus.“
Der Bauer aber schreit heraus: „Hätte ich doch Gott als mein Korn gegeben, wie reich wäre ich jetzt!“
Es geht in dieser Legende nicht nur um materiellen Reichtum. Das wäre zu kurz gedeutet. Es geht um die Frage an uns: Was sind wir bereit für Gott einzusetzen? Und: Worauf setzen wir denn noch all unsere Energie?
Das kann alles und jedes sein, ich brauche da gar nicht Beispiele geben. Aber es ist wichtig, dass wir uns das mal so fragen: Worauf richtet sich eigentlich die treibende Kraft meines Lebens aus? Und ist das dann wirklich tragfähig? Mancher, den Jesus diese Frage gestellt hat, ist traurig weggegangen, weil er nicht bereit war, sein bisheriges Leben zu hinterfragen. Luther hat mal den treffenden Satz gesagt: „Woran Du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“
In den kurzen Gleichnissen, mit denen wir uns heute beschäftigen, macht Jesus ganz deutlich: der Schatz und die Perle in eurem Leben – das ist die Aussicht auf das Himmelreich, auf die Ewigkeit! Hiernach sollt ihr euch ausrichtet. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen!
Alles oder nichts- ein hoher Anspruch, den Jesus da erhebt. Wie wir das praktisch in unserem Leben umsetzen, bleibt unsere Sache. Da kann man keine Rezepte aussprechen. Manchmal geht es auch vor allem um eine Änderung der inneren Einstellung zu den irdischen Dingen dieser Welt. Ich erlebe es oft bei älteren Menschen, denen im hohen Alter dann oft die Dinge, die ihnen bisher so wichtig waren, zunehmend unwichtig werden. Weil sie merken, dass sie es eben doch zurücklassen müssen: das schöne Haus, die guten Möbel, das zusammengesparte Auto. Alles bleibt zurück. Was Du am Ende brauchst, ist eine tragfähige Beziehung zu deinen Lieben und noch wichtiger: zu Gott. So vieles ist vorläufig, so schön es auch ist. Gott aber ist ewig. Er verheißt uns ewige Freude dort und Lebens- und Glaubensfreude hier, weil wir uns von ihm gehalten wissen dürfen, was auch kommen mag. Er stellt uns hinein in die große Familie der weltweiten Christenheit und eröffnet unserem Leben einen Horizont der Ewigkeit bei ihm. Das ist dann wirklich alles und nicht nichts. Amen.
Bei Rückfragen oder Anregungen bitte wenden an:
Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de