von den Ersten und den Letzten und der Falle des Vergleichens
Zur PDFSeptuagesimae, 01.02.2015, Matthäus 20, 1-16a
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. – Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt: …Herr, wir bitten dich um Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
I. Die Geschichte Rockys
Liebe Gemeinde, bevor wir den Predigttext hören, eine Lebensgeschichte:
Alle nannten ihn Rocky und er war in der Rock- und Rockerszene überall bekannt. Wer ihn einmal gesehen hatte, vergaß ihn nicht mehr. Von Kopf bis Fuß tätowiert, mit Irokesenhaarschnitt, in schwarzer Lederkluft, mit Ketten behängt und zahlreichen Ringen in Nase, Ohren und anderen Gesichtspartien. Rocky, mit bürgerlichem Namen Gerhard Bauer war nach einer schwierigen Kindheit und Jugend in Kriegs- und Nachkriegszeit als Fluchthelfer in der DDR geschnappt worden und jahrelang im berüchtigten Gefängnis in Bautzen inhaftiert.
Nach seiner Entlassung war die Mutter gestorben und seine ehemalige Freundin mit einem anderen Mann zusammen. In eine bürgerliche Existenz fand Rocky nicht, aber in der gewalttätigen Rockerszene wurde er akzeptiert. Bei den Außenseitern der Gesellschaft in Hamburg St. Pauli war er angesehen. Er lebte als Gottloser und Gesetzloser unter Gottlosen und Gesetzlosen. – Bis er eines Tages, er war 58 Jahre alt, auf der Reeperbahn auf eine Gruppe junger Christen stößt. Sie waren von „Jugend mit einer Mission“, und wiesen mit einer Pantomime auf „das Lamm“, auf Jesus Christus hin.
Rocky war gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo man Krebs bei ihm festgestellt hatte. Er sah ein wenig zu, wollte weitergehen, wurde aber von den jungen Christen angesprochen. In den folgenden Tagen gab es mehrere Begegnungen und Gespräche zwischen dem Exoten aus der Drogenszene, mit okkulter und krimineller Vergangenheit und diesen mutigen jungen Christen. Das unglaubliche geschieht: Rocky kommt zum Glauben, legt seine Ketten und Ringe ab und alle Zeichen Satans, kniet nieder und übergibt sein Leben Jesus Christus.
Eine Hamburger Baptistengemeinde nimmt ihn auf. Altgediente Diakonissen, der emeritierte Prediger, Kindergottesdienstkinder lassen ihn spüren, dass sie ihn trotz seines Äußeren mögen. Rocky erfährt durch sie, dass die Liebe Jesu mehr ist als fromme Worte. Er wird in den nächsten eineinhalb Jahren selber zum Zeugen für Jesus Christus. Dann stirbt er an seiner Krankheit. Nein, das ist zu wenig gesagt, denn seine neuen Freunde, die ihn in dieser Zeit begleitet haben, bezeugen, dass Gerhard Bauer in Frieden heimgegangen ist. Er wusste sich angenommen. In seinem letzten Gebet sagte der einst gewalttätige Rockerkommandant: „Vater, ich gehe jetzt zu dir.“ Am nächsten Morgen wacht er nicht mehr auf.
Die Beerdigung wird keine Trauerfeier, sondern eine Siegesfeier des Herrn Jesus Christus. Neben den ungefähr 200 Christen aus der Gemeinde waren auch etwa 100 Atheisten anwesend. Auch viele alte Bekannte aus der Show-, Rocker und Schwulenszene waren dabei. Der Pastor konnte davon sprechen, dass da ein Sünder Gnade gefunden hatte.
Über 58 Jahre gottlos gelebt, dann 20 Monate als Christ geglaubt und bekannt. Ist der wirklich angenommen und von Gott aufgenommen wie ein Heiliger? Ist das gerecht? – Nein! Das ist Gnade. Aber solche Gnade gibt es. Es gibt sie für Menschen, die nicht davonlaufen, wenn Gott sie ruft, vielleicht auch spät ruft. Vielleicht heute ruft.
Wenn ich Ihnen jetzt unseren Predigttext vorlese aus Matthäus 20, dann hören Sie ihn doch auch auf dem Hintergrund dieser Lebensgeschichte von Rocky:
II. Predigttext
Jesus sprach:“ Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere arbeitslos auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin.
Noch einmal ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag untätig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
Als es nun Abend wurde sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den Letzten bis zu den Ersten. Da kamen die um die elfte Stunde eingestellt waren und jeder empfing seinen Silbergroschen.
Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; aber auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten heben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben!
Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht, zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Ärgerst du dich, dass ich so großzügig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.
III. Sind wir als Gemeinde einladend?
Gerhard Bauer, alias Rocky, mag so einer gewesen sein, der erst kurz vor Feierabend noch zur Ernte in den Weinberg des Herrn geholt worden ist. Ein Letzter, der dann behandelt wurde wie ein Erster. Und es kann schon sein, dass manche, die ihr Leben lang fromm waren und vielleicht sogar treu in der Gemeinde mitgearbeitet haben, sich schwer damit tun, dass so ein „Last-Minute-Christ“ den vollen Lohn kriegen soll. Und dass der ihnen im Reich Gottes gleichgestellt sein soll. Ja noch mehr, dass er vielleicht sogar vor ihnen steht, denn die Ersten werden ja nach den Worten Jesu möglicherweise einmal die Letzten sein.
Nicht falsch verstehen! Das ist kein Aufruf, mit dem Glauben zu warten, bis man vielleicht todkrank oder steinalt ist. Mit Berechnung klappt das nicht, dass man „fünf vor zwölf“ noch die Kurve kriegt. Das Gleichnis und die Geschichte von Rocky sollen uns davor bewahren überheblich zu sein, uns über andere zu stellen und Menschen abzuschreiben. Gott hat keinen abgeschrieben, solange er noch lebt. Jesus sagt von keinem: Den hab ich aufgegeben.
Wie würden wir wohl so einem Außenseiter begegnen, wenn er eines Sonntags hier zu uns in Bayreuth in unseren Gottesdienst käme? Würde er sich angenommen oder abgewiesen fühlen? Wie begegnen wir Neuen in der Gemeinde? Nur dann freundlich, wenn sie angepasst sind? Jesus hat, so erfahren wir in den Evangelien, die Zöllner und Sünder angenommen und mit überheblichen Frommen ist er hart ins Gericht gegangen.
Sicher haben in der Altonaer Gemeinde viele für Gerhard Bauer gebetet, als er dort auftauchte. Wenn man für einen Menschen betet, dann verschwinden nämlich die Vorurteile die man gegen ihn hat und die Abneigung und Widerstände, die man in sich gegen diesen Menschen fühlt, werden schnell kleiner. Aber wenn man von einem denkt: Was will der denn hier, den möchte ich hier in unserer Gemeinde gar nicht sehen, dann ist das mit Sicherheit gegen Gottes Willen.
Einüben in eine annehmende und freundliche Haltung kann man sich nicht erst, wenn ein tätowierter Irokese vor einem sitzt, dazu genügt schon ein zappeliger Konfirmand, der dauernd mit seinem Nachbarn schwätzt oder eine Konfirmandin, die mit dem Handy spielt oder nicht einmal beim Gebet den Mund halten kann.
Auch wenn die Nachbarin oder der Kollege eine Kirchenbank weiter sitzt, die es einem immer so schwer machen. Dann nicht denken: Du scheinheilige Type, was willst denn du hier!? Denn sonst verhält man sich, wie einer der im Gleichnis viele Stunden länger gearbeitet hat und der mit dem vereibarten Lohn plötzlich nicht mehr einverstanden ist.
IV. Die Falle des Vergleichens
Die Unzufriedenen in dem Gleichnis sind in eine Falle gegangen. In die Vergleichsfalle. Sie bekommen, was ihnen zusteht. Sie erhalten den versprochenen, den vereinbarten Lohn. Alles ist recht so. Aber sie vergleichen: Wenn einer nur drei oder gar nur eine Stunde gearbeitet hat und 100% Lohn bekommt, dann muss ich, der ich 4-mal oder 12-mal so viel gearbeitet habe doch den 4- bzw. 12-fachen Lohn bekommen. Und indem sie so vergleichen, und rechnen, werden sie mit dem, was sie bekommen, immer unzufriedener. Ihre Mienen verfinstern sich, sie zürnen mit dem Herrn und lehnen den anderen ab, der so reich entlohnt wurde.
Die Falle des Vergleichens, schnappt sie nicht auch bei uns oft zu? Sie treibt einen Keil zwischen Gott und den Menschen, zwischen den anderen und mich selbst: Die ist viel schöner als ich, der ist stärker als ich. Die haben das schönere Haus, das größere Einkommen. Warum hat die einen Mann und ich nicht? Warum hat der eine Freundin und ich nicht? Der wird befördert, obwohl ich schon viel länger drauf warte. Die kriegt den Job, obwohl ich ihn viel dringender bräuchte. Die anderen sind alle gesund und ich quäle mich mit meiner Krankheit oder Behinderung herum.
Die wird in den Stadtrat gewählt oder in den Kirchenvorstand, dabei hätte ich viel mehr Fähigkeiten und werde nicht gewählt. Die Vergleichsfalle verfinstert und verfeindet gegen Menschen und Gott. Wenn wir uns in ihr fangen lassen, werden wir auch zu den Letzten gehören, im Himmelreich.
V. Gott gibt was wir brauchen
Hätten sich im Gleichnis nicht alle über den vollen Lohn freuen
und zufrieden sein können? Der Denar war der Betrag, den eine
Familie am Tag zum Leben brauchte. Davon konnte man leben. Und das ist
auch das Motiv des Weinbergbesitzers. Er will jedem das geben, was er zum Leben braucht. So will Gott jedem geben, was er zum Ewigen Leben braucht. Die volle Gnade!
Ohne Gnade, ohne Erlösung und ohne Vergebung wird niemand ins
Reich Gottes kommen. Auch die Anständigsten unter uns und auch die
Frömmsten brauchen Gottes Gnade um ans Ziel zu kommen. – Dass nur
niemand meint, er hätte sich den Himmel verdient. – Wer so denkt,
sollte darum beten, dass Gott ihm die Augen dafür öffnet,
dass auch er zu den Letzten gehört. Und wer das erkennt, wird dann
mit Freuden nach der Gnade greifen.
Wenn wir uns von Gott begnadigt und beschenkt wissen, können wir uns auch neidlos mit anderen freuen, die mehr haben oder sind, die schöner oder stärker, erfolgreicher oder angesehener sind. Wir werden den anderen ihre besseren Noten, schöneren Kleider, größeren Häuser, besseren Jobs, die robustere Gesundheit gönnen, wenn wir dankbar für das sind, was wir haben.
In unserer Gesellschaft wird sehr viel Geld für Schönheitspflege und Wohlfühlartikel ausgegeben. Sogar (wir) Männer, so empfiehlt die Werbung, sollten mit Cremes und Gurkenmasken gegen Fältchen ankämpfen. Dabei gibt es viel kostengünstigere und wirksamere Schönheits- und Wohlfühlmittel. Wer anfängt sein Leben dankbar durchzugehen, wer sich nicht mit solchen vergleicht die über ihm sind, sondern mit solchen, denen es schlechter geht, der wird damit manches Magengeschwür vermeiden und Sorgenfalten werden weniger. Neid macht alt, hässlich und krank. Man sagt: „Ich werde vor Neid ganz krank.“ Dankbarkeit dagegen macht jünger, gesünder und schöner. Wenn jemand sich freut und dankt, weil er hat, was er braucht, strahlt er über das ganze Gesicht.
Sicher sind die „Kurzarbeiter“ in unserem Gleichnis strahlend und fröhlich heimgerannt. Und die murrenden „Langarbeiter“ hatten an diesem Tag keine Freude an ihrem Lohn. Schimpfend und verärgert über solche Ungerechtigkeit kamen sie daheim an und haben in der Nacht wohl schlecht geschlafen.
Am reichsten sind wir dann, wenn wir mit dem zufrieden sind, was wir haben. Bedenken wir: Die zuletzt eingestellten Tagelöhner hatten auch einen harten Tag hinter sich. Sie standen seit dem Morgen am Marktplatz herum. Niemand hatte ihnen Arbeit gegeben. Sie mussten es aushalten, dass ihnen andere vorgezogen wurden und sie hatten mit den Sorgen zu kämpfen, wie sie denn ihre Familie ernähren sollten ohne Verdienst. Aber auch wenn wir solche Phasen erleben, müssen wir nicht verzweifeln, denn unser Herr verspricht uns, zu geben, was wir brauchen.
Unser Wochenspruch ist ein Gebet Daniels: Herr, wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. So dürfen auch wir beten. Oder mit eigenen Worten:
Herr, du sorgst für uns. Lass uns sehen, was wir haben. Mach uns dankbar und zufrieden. Bewahre uns vor Neid und Eifersucht. Du machst uns reich und beschenkst uns. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168