vom Umgang mit unserer (Lebens-) Zeit
Zur PDFPredigt: Eph. 5, 15-20 vom 16.10.2022, Kreuzkirche Bayreuth
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Epheserbrief Kapitel 5, die Verse 15-20:
(15) So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise (16) und kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit. (17) Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist. (18) Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist Gottes erfüllen. (19) indem ihr einander ermuntert mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, indem ihr dem Herrn in eurem Herzen singt und spielt. (20) Und indem ihr Gott, dem Vater, Dank sagt, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde,
am Anfang dieser Predigt soll zunächst eine Geschichte stehen:
Ein Esel, eine Eintagsfliege und eine Schildkröte unterhalten sich leidenschaftlich über das Leben.
âJa, wenn ich mehr Zeit hätteâ, sagt die Eintagsfliege, âdann wäre alles einfacher! Oder könnt ihr euch vorstellen, alles in 24 Stunden unterzukriegen? Geboren werden, aufwachsen, glücklich oder unglücklich sein, altwerden und sterben! Und das alles in 24 Stunden!â
âIch gäbe was darumâ, sagt der Esel, âwenn ich nur 24 Stunden zu leben hätte. Ich stelle mir das herrlich vor: kurz aber richtig!â
âIch verstehe euch nichtâ, wirft die Schildkröte ein. âIch bin jetzt 300 Jahre alt. Schon vor 200 Jahren habe ich mir mein Lebensende herbeigesehnt.â
âWenn ich das so höreâ, sagt der Esel, ich gäbe was darum, wenn ich 300 Jahre alt werden könnte. Ich stelle mir das herrlich vor: lange aber intensiv.
Dann schweigen die drei sehr traurig, weil jeder mit seiner Lebenslänge unzufrieden ist. Schließlich gehen sie zur weisen Spinne, um sie um Rat zu fragen.
âSchildkröteâ, sagt sie, âhör auf zu klagen, denn wer hat schon soviel Erfahrung wie du?! Fliege, hör auf zu klagen, wer erlebt schon so viel in kurzer Zeit wie du?
Da meldet sich der Esel und fragt, was sie ihm denn rate. âDir rate ich nichtsâ, erwidert die Spinne, âdenn du wolltest beides! Du bist und du bleibst ein Esel!!!!â
(15) So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise (16) und kauft die Zeit aus [, denn es ist böse Zeit.]
Darauf also kommt es an: Wie wir die uns zugemessene Lebenszeit ausnutzen. Es ist schön und ein Grund zur Dankbarkeit, wenn wir alt werden. Aber es ist nicht die Hauptsache. Der Verfasser des Epheserbriefes lenkt unseren Blick weg von der Lebensdauer hin zur Lebensqualität. Genau wie es die weise Spinne getan hat in der Geschichte von der Schildkröte und der Fliege.
Das âWieâ unseres Lebens ist entscheidender als das âWie langeâ.
âSeht darauf, wie ihr euer Leben führt.â Es lohnt sich also mal, einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Wie lebe ich eigentlich? Lebe ich ständig unzufrieden wie die Tiere in unserer Geschichte?
Oder ist bei mir etwas davon zu spüren, dass ich eine ewige Hoffnung habe? Eine ewige Hoffnung über dieses â zugegeben manchmal schwierige – irdische Leben hinaus? Merkt man mir eigentlich etwas an von der Freude, dass ich von Gott angenommen und unendlich geliebt bin? Und schließlich: Orientiere ich mich an dem, was âman halt so machtâ, oder frage ich nach dem Willen Gottes? Seht darauf, wie ihr euer Leben führt in der euch zugemessenen Lebenszeit.
Gott schenkt uns Zeit zum Leben. Jeden Tag 24 Stunden. Zeit zum Arbeiten, aber auch zum Ruhen. Zeit zum sich Mühen, aber auch zum Entspannen. Zeit, um sich auszutauschen, aber auch Zeit zum Alleinsein. Zeit für uns und Zeit für Gott. Für all das und noch manches andere bekommen wir Zeit. Jeder von uns täglich 24 Stunden. Nicht der eine 36 und der Andere 12 Stunden. Nein, der Tag ist für jeden Menschen gleich lang. Egal ob Bundeskanzler, Landwirt oder Konfirmand.
âKauft die Zeit ausâ- wie geht denn das? Es bedeutet jedenfalls gerade nicht, dass wir uns in blindem Aktionismus von einem Stress zum nächsten stürzen. Oder dass wir immer nur nach dem streben, was wir noch nicht erreicht haben. Dass wir gleichsam unserem Leben immer nur hinterherhecheln wie ein Hund dem davonspringenden Hasen.
Kauft die Zeit aus- das tun wir, wenn wir lernen mit dem zufrieden zu sein, was wir gerade sind und haben. Kauft die Zeit aus, das tun wir, wenn wir das, was wir jetzt gerade erleben, als Teil von Gottes (gutem) Plan für uns ansehen lernen. Kauft die Zeit aus, das tun wir, wenn wir dem Heiligen Geist Raum geben in unserem Leben und uns von ihm leiten lassen.
Unser Predigttext gibt uns da ganz konkrete Beispiele, wie das gehen kann mit dem Leiten durch den Heiligen Geist:
Zum Beispiel, indem wir einander ermuntern mit Psalmen und Gesang oder guten Worten. Das ist kostbare Zeit. Wie hilfreich kann es sein, wenn uns jemand in Not einen Bibelvers zuspricht. Oder mit uns betet. Oder einfach nur zuhört und Anteil nimmt an dem, was uns niederdrückt. Wir können und wir sollen uns gegenseitig ermuntern. Das ist lebendige Gemeinde. Dazu braucht man nicht Pfarrer sein. Dazu dient auch unser Singen im Gottesdienst. Wir singen, weil wir uns da gegenseitig- einer dem anderen â Trost und Freude und Dankbarkeit zu singen. Und Gott benutzt solche Lieder. Schon manchmal habe ich es erlebt im Krankenhaus, im Altenheim und an Sterbebetten, dass Menschen, die körperlich nur noch ganz schwach waren, plötzlich mitsprechen bei Liedern wie: âBefiehl du deine Wege und was dein Herze kränktâ oder: âSo nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglichâ.
Aber auch, wenn es uns gut geht, können uns Lieder anspornen, dass wir mit vollem Herzen einstimmen in das Lob Gottes. Gott benutzt auch die Musik, um uns anzusprechen, nicht nur das Bibelwort. Er benutzt Musik in ihrer ganzen Vielfalt. Heute haben wir hier die Kantorei und den Posaunenchor. Und ein andermal spielt hier eine Jugendband und wir singen neuere Lieder als die, die im Gesangbuch stehen. Beides darf seinen Platz haben in der Gemeinde. Das ist ein Reichtum unseres Glaubens und kein Konfliktpunkt. Entscheidend beim Lob Gottes ist nicht der Stil, sondern dass es mit unseren Herzen geschieht.
Unser Text zeigt noch einen weiteren Weg, wie Gottes Geist in uns Raum gewinnt: indem wir Gott danken, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.
Stockt ihnen da beim Zuhören auch der Atem? Allezeit! Für alles! —
Gemeint ist sicher nicht, dass wir Gott auch für Dinge dankbar sein müssen, die ihm, also Gott nicht gefallen. Etwa, was gegen seinen Willen an Krieg, an menschenverschuldeten Elend in dieser Welt geschieht. Dafür brauchen wir nicht dankbar sein. Das haben wir vielmehr Gott zu klagen.
Ich denke, in unserem Vers ist vielmehr eine Lebenshaltung gemeint. Nämlich: Dankbarkeit als Lebenshaltung. Wenn Dankbarkeit unser Leben prägt, dann werden wir uns eben nicht so verhalten, wie es jener Mann im Liegewagen tat, der während einer Bahnfahrt unaufhörlich stöhnte: âDu liebe Zeit, hab ich einen Durst…hab ich einen Durst!â Und nachdem ihm der über ihn liegende Geschäftsmann zwei Flaschen Wasser gereicht hatte und er sie genüsslich getrunken hatte, hätte man ja denken können: Jetzt ist Ruhe! Von wegen! Stattdessen hörte man den Mann dann plötzlich wieder stöhnen: âDu liebe Zeit, hatte ich einen Durst… hatte ich einen Durst…—-
Sie merken es: Bei diesem Mann ist überhaupt nichts von Dankbarkeit zu spüren. Stattdessen ist Jammern und Stöhnen zum guten Ton geworden.
Natürlich gibt es Situationen, wo uns das Lob im Hals stecken bleibt. Hier aber in unserem Text ist gemeint, was unsere grundlegende Lebensmelodie ist. Und da haben wir als Christen Grund genug zur Dankbarkeit: Wir wissen, dass wir Gottes Kinder sind. Wir wissen, dass Gott liebevoll auf uns blickt und uns nie vergisst. Wir wissen, dass Gott für uns sorgt, auch wenn der Lebensstandard in kommender Zeit wohl im Sinken ist.
Wir aber vergessen. Wir vergessen auch so schnell das Gute, das Gott uns auch im Alltag schenkt. Einkommen, vielleicht gesunde heranwachsende Kinder, einen gedeckten Tisch, immer noch geheizte Zimmer und vieles mehr. Unsere Gottesdienste hier haben auch die Aufgabe, uns an das Gute zu erinnern, was Gott uns tut, weil wir es so leicht übersehen. Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Seht darauf, wie ihr euer Leben führt. Kauft die Zeit aus. Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen. Und sagt Gott Dank allezeit für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus.
Nehmen wir das mit aus diesem Gottesdienst. Nicht dass wir am Ende etwa Esel bleiben!
Amen.
Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de