Volkstrauertag
Zur PDFVorletzter So. d. Kirchenj., 14.10.2010, Römer 8, 18-23
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Das Schriftwort für diese Predigt lesen wir im Römerbrief im 8. Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:
Ich bin ganz sicher, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
Darum wartet die ganze Schöpfung sehnsüchtig und voller Hoffnung auf den Tag, an dem Gott seine Kinder in diese Herrlichkeit aufnimmt.
Ohne eigenes Verschulden sind alle Geschöpfe durch die Schuld des Menschen der Vergänglichkeit ausgeliefert. Aber Gott hat ihnen die Hoffnung gegeben, dass sie zusammen mit den Kindern Gottes einmal von Tod und Vergänglichkeit erlöst und zu einem neuen herrlichen Leben befreit werden.
Wir sehen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.
Aber auch wir selbst, denen Gott bereits jetzt seinen Geist gegeben hat, warten voller Sehnsucht darauf, dass Gott uns als seine Kinder zu sich nimmt und auch unseren Leib von aller Vergänglichkeit befreit.
Ein starkes Stück, das uns der Apostel Paulus hier bietet. Ein starkes Stück Hoffnung in einer Welt voller Leiden und Angst; in einer Welt von Vergehen und Tod.
Volkstrauertag wird dieser vorletzte Sonntag des Kirchenjahres auch genannt, weil das Volk, das im Finstern wandelt, immer wieder, immer noch Anlass hat zur Trauer und zum Leidtragen. Und wenn in der vergangenen Woche wieder nicht wenige Narren und Jecken ihre fünfte Jahreszeit eröffnet haben, dann steckt hinter diesem kalendermäßig organisierten Klamauk auch nichts anderes als der Versuch, Leid zu verdrängen und zu vergessen. Blickt man genauer hin und sieht in die Gesichter unter den Narrenkappen, dann entdeckt man, dass das so einfach nicht geht.
Leid kann man nicht wegfeiern, Traurigkeit trinkt sich nicht runter. Die Zeichen der Vergänglichkeit vergehen nicht, sondern verfolgen uns. Der Apostel Paulus versucht es erst gar nicht mit oberflächlicher Heiterkeit oder Ablenkung. Er stellt sich den traurigen Tatsachen und spricht die Leiden dieser Welt an. Und schon damals sieht er nicht nur das Elend der unterdrückten und versklavten Menschen, sondern hat darüber hinaus einen umfassenden Blick für die Schöpfung, die Kreaturen, die Tiere und Pflanzen.
Ja, die Geschichte der Welt, ist wie die Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte der Angst und des Leidens, eine Geschichte des Sterbens und Vergehens. Schon Jahrmillionen alte Fossilien bezeugen das. In die Gesteinsschichten eingeschlossen die fossilen Reste einer vergangenen und immer wieder vergehenden Welt. Man findet, wenn man nur an den richtigen Stellen sucht, die Abdrücke von Fischen und Vögeln, Schnecken und Krebsen, Muscheln und Insekten. In golden schimmerndem Bernstein eingeschlossene Momentaufnahmen vom Leiden dieser Welt.
Die abschmelzenden Gletscher und Polkappen geben immer wieder Leidensgeschichten von Mensch und Tier preis. Zeugen von früheren Klimaveränderungen und Naturkatstrophen, des Sterbens und Aussterbens von Pflanzen und Tierarten. Sie lassen uns das ängstliche Harren der Kreatur und die Leiden dieser Welt durch die Jahrtausende erahnen. Ötzi, die sensationelle umstrittene, jetzt in Bozen ausgestellte Gletscherleiche war ja auch so eine verfolgte, verletzte gejagte Kreatur. Am Ende in Schnee und Eis entkräftet einsam gestorben. Ob die, die in im Museum bestaunen an seine Angst und sein Leiden denken?
Leid anderer wird ja auch bei uns schnell vergessen. Die zahllosen Notizen von Leid, die uns täglich in der Presse, den Medien oder im Netz begegnen werden nur flüchtig zur Kenntnis genommen und sind schnell wieder vergessen. Wie viele Tränen werden heimlich geweint! Wie viele Stunden ängstlichen Wartens werden nicht gezählt. Ehepartner, die auf den Mann oder die Frau warten, – ängstlich und schmerzvoll. Ist er wieder bei der Anderen. Wird sie wieder zu mir zurückkommen? Eltern, die auf ein Zeichen der Kinder warten, einen Anruf, einen Gruß zum Geburtstag. Angestellte, Schüler, Kinder, die auf ein Wort der Anerkennung warten, aber immer nur Kritik hören. Hab ich schon wieder was falsch gemacht?
Und wenn gerade heute, am Volkstrauertag 2010 wieder an vielen Gedenkstätten und in zahlreichen Reden der Opfer von Krieg, Terror und Gewalt gedacht wird, wird uns bewusst, wie nah das alles ist. Ja gegenwärtig. Leiden dieser Welt – auf den Straßen wird gelitten und gestorben, tausendfach, auch in Friedenszeiten. In Kliniken und Pflegeheimen und wie viel mehr noch in den Kriegs- und Katastrophengebieten unserer Erde. Wer zählt die Millionen, deren Häuser verbrannt, vom Wasser weggespült, von Bomben zerstört, vom Feuer hingerafft wurden. Wer misst die Angst vor Cholera in Haiti oder vor AIDS in Afrika oder vor Krebs bei uns? Die Angst blind zu werden oder den verstand zu verlieren oder die Selbstständigkeit.
Nein, das ängstliche Harren hat noch kein Ende. Das Warten darauf, dass endlich vorbei ist, was Angst in uns aufsteigen und Schmerz spüren lässt. Der Soldat in Afghanistan vor dem Selbstmordattentäter, die Flüchtlinge irgendwo auf dem Meer zwischen Afrika und Europa im verrosteten Boot vor dem Ertrinken, die verfolgten und bedrohten Christen in manchen Ländern vor Gewalt und Zerstörung
Der kürzlich neu gewählte Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider hat anlässlich des heutigen Gebetstages für verfolgte Christen darauf hingewiesen, dass etwa 200 Millionen Christen in meist islamisch fundamentalistisch regierten Ländern Afrikas und Asiens wegen ihres Glaubens diskriminiert und verfolgt werden. Besonders schlimm, so Schneider, sei die Unterdrückung in Nigeria, Nordkorea, im Iran und in Ägypten.
Erst kürzlich erzählten mir die Kinder einer hoch betagt Verstorbenen, dass die Mutter immer wieder von ihren schlimmen Erlebnissen auf der Flucht am Ende des zweiten Weltkriegs gesprochen habe. Sie konnte die Bilder des brennenden Dresdens, der Tieffliegerangriffe auf freiem Feld nicht vergessen und die Ängste, das kleine Kind zu verlieren oder letztes Hab und Gut.
Es ist auch noch nicht ausgestanden. Ängstliches Harren besorgter Angehöriger vor Operationssälen, auf Intensivstationen, an Krankenbetten oder auch am Telefon, auf die erlösende Nachricht, dass das Kind gefunden, die Operation überstanden, der Konkurs abgewendet, der Arbeitsplatz gerettet ist. Ängstliches Harren auf das Ergebnis einer wichtigen Prüfung oder Untersuchung. Die ganze Schöpfung seufzt mit uns.
All den Leiden und Ängsten dieser Welt setzt der Apostel Paulus eine Hoffnung entgegen. Eine Hoffnung, die ihm in allem Schweren seines Lebens zur Gewissheit geworden ist. Hoffnung auf ein Ende allen Leides, Hoffnung auf ein Leben, das frei ist von allen Ängsten. Ein herrliches Leben. Und für ihn ist es mehr als eine Hoffnung. Es ist eine Gewissheit: Ich bin ganz sicher, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
Kinder Gottes sollen wissen, dass alles Leid dieser Welt einmal überstanden sein wird und dass Gott für sie eine Zukunft vorgesehen hat, die unbeschreiblich und in unserer Welt eigentlich auch unvorstellbar ist. Der Apostel benutzt das Wort Herrlichkeit dafür und wenn wir im Vaterunser Gott als Vater anreden, dann klammern auch wir uns an diese Hoffnung auf das Reich Gottes und seine Zukunft und begründen das jedes Mal am Ende mit den Worten – hoffentlich tun wir es bewusst – : Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Wenn Sie diese Hoffnung schon aufgegeben hätten, dann wären Sie doch nicht hier. Es kommen ja wohl auch in unserem Leben immer wieder Ereignisse auf uns zu, die uns daran zweifeln machen wollen, dass das Leid einmal aufhören wird. Stimmen, innere und äußere, Gedanken, Einflüsse, die uns Angst machen oder in der Angst bestärken, dass wir hilflos ausgeliefert sind, dem Leid und dem Vergehen. Aber wenn wir den vielen Stimmen zum Trotz auf die Stimme Gottes hören und ihr vertrauen, dann sind wir gehalten und getröstet auch mitten im Leid, mitten in der Angst.
Kinder Gottes, an denen die Herrlichkeit des Himmels sichtbar werden soll, die Erlösung von aller Vergänglichkeit erfahren dürfen, werden wir nur durch Jesus Christus. Er ist uns Bruder geworden im Leiden und in der Vergänglichkeit. Sein Kreuz steht für alle Leiden der Welt und seine Auferstehung bezeugt die Herrlichkeit, von der der Apostel hier an die kleine bedrohte christliche Gemeinde in Rom schreibt.
Warum spricht er denn das Thema an? Weil es auch damals aktuell war. Weil er wusste, wie verloren sich die Christen in dieser großen Stadt Rom vorkamen und wie auch sie geplagt waren von Ängsten und Leiden. Er macht ihnen Mut zum Festhalten und zum Durchhalten: Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass wir zusammen mit den anderen Kindern Gottes einmal von Tod und Vergänglichkeit erlöst und zu einem neuen herrlichen Leben befreit werden.
Durch den Glauben an Jesus Christus wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Das ist der Geist Gottes, der diese Veränderung bewirkt. Er befreit vom ängstlichen nur auf das Leid Starren zum weit darüber hinausschauen auf die Herrlichkeit Gottes. In diesem Vertrauen werden die Ängste zu einem Durchgangsstadium wie bei einer schwangeren Frau vor der Geburt ihres Kindes.
Das „Ängsten“, von dem Paulus hier spricht, meint wörtlich „in den Wehen liegen“. Geburtswehen der neuen Schöpfung. Jesus selbst hat gesagt, dass nur durch die Wiedergeburt, nur durch das von neuem geboren Werden durch den Heiligen Geist der Weg zum Ewigen Leben möglich ist. Zu einer neuen Hoffnung geboren. Ohne diese Neugeburt bleiben wir ohne Hoffnung, der Vergänglichkeit ausgeliefert. Aber durch Jesus, seine Vergebung, Erlösung, Erneuerung haben wir Zukunft und Hoffnung trotz aller Vergänglichkeit.
Es lohnt sich, schreibt Paulus den Christen in Rom. Es lohnt sich auf jeden Fall. Egal, was Ihr durchmacht, dass ihr festhaltet an Jesus, dass ihr euch festhalten lasst von ihm. Denn dann werdet ihr durchgebracht, dann werdet ihr befreit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
Nur das ist es wohl auch, was den verfolgten Christen unserer Zeit Kraft gibt und was sie durchhalten lässt. Es lohnt sich! Die Leiden dieser Zeit sind nichts im Vergleich zu der Herrlichkeit, die uns erwartet. Auch die Leiden des Alters oder einer Krankheit oder einer Enttäuschung sind klein gegenüber der zukünftigen Freude. So wie die Wehen und Ängste einer Mutter nach der Geburt schnell vergessen sind, wenn sie ihr Kind in den Armen hält. So erwarten uns die liebenden Arme des Herrn und halten jetzt schon alle fest, die nach ihm rufen.
Wer mit dieser Herrlichkeit Gottes rechnet, wer sich im Glauben an die Siegermacht des Herrn Jesus Christus nicht beirren lässt, der muss dann nicht erst warten auf den Tag X, auf das Jenseits oder das Ende, sondern der spürt die Wirkung dieser lebendigen Hoffnung schon heute. Durch den Glauben wird uns die Kraft gegeben, Leid zu tragen. Eigenes und fremdes. Wer mit der zukünftigen Herrlichkeit Gottes rechnet, erfährt schon gegenwärtig etwas von ihrer Macht und ihrem Trost.
Der sterbende Stephanus hat unter dem Steinhagel seiner wütenden Mörder die Herrlichkeit Gottes gesehen. Er musste sie nicht hassen, sondern konnte für sie beten. Es lohnt sich, das Vertrauen in Gottes Macht nicht wegzuwerfen, denn es hat eine große Belohnung: Geborgenheit mitten in der Angst. Kraft mitten im Leid. Hoffnung dort, wo es menschlich nichts zu hoffen gibt. Vergebung, wo nur Schuld war. Zukunft, wo menschlich nichts mehr zu erwarten ist.
Wer die Herrlichkeit Gottes so erwartet wie der Apostel Paulus, legt nicht die Hände in den Schoß um alles Gott zu überlassen, sondern der tut, was er kann für die geschundene Kreatur und lindert Leid, wo es nur möglich ist und hört nicht auf leidenschaftlich zu beten für die Nöte der Welt und der Menschen. Wer die Herrlichkeit Gottes erwartet, wird das „Dein Reich komme“ nicht nur so dahersagen, sondern mit brennendem Verlangen beten.
Wenn alles vergeht. Er macht alles neu! Auch uns! Jesus schafft den neuen Himmel und die neue Erde und den neuen Menschen. Er vollendet, was er in uns und mit uns begonnen hat.
Herr, wir danken dir, dass du uns Hoffnung gibst für unser Leben und unseren Alltag, für das was uns heute drückt und was morgen auf uns zukommt. Lass uns getrost und kindlich vertrauen auf deine Macht und deinen Sieg. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168