Vertrauen auf Gott rettet
Zur PDFJudika, 18.03. 2018 4.Mose 21, 4-9
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vatter und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Beim ersten Hören scheint die Auswahl des Schriftwortes, das für heute bestimmt ist, vorletzter Sonntag der Passionszeit, eine Themaverfehlung zu sein. Um es zu lesen, müssen wir von den letzten Kapiteln der Evangelien, in denen Jesu Passion berichtet wird, ganz weit zurückblättern, nicht bloß an den Anfang des Neuen, sogar bis an den Anfang des Alten Testaments.
Eine aufregende Geschichte aus dem 21. Kapitel des 4. Mose Buches soll uns hinweisen auf das, was fast eineinhalbtausend Jahre später auf Golgatha geschehen ist:
Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.
Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme.
Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.
Was hat diese Episode aus der Geschichte des Volkes Israel mit der Passion zu tun? – Nach jahrelanger entbehrungsreicher Wüstenwanderung stand das Volk unter der Führung des Mose kurz vor dem verheißenen Land. – Es hätte nur noch durch das Gebiet der Edomiter ziehen müssen, um sein Ziel zu erreichen. Aber die Edomiter verweigern ihm den Durchzug durch ihr Land. Die Israeliten müssen umkehren und einen Riesenumweg machen, auf dem Weg in das von Gott versprochene Land.
Das ist hart. So kurz vor dem Ziel umkehren und zurückgehen müssen. Das bedeutet weitere Jahre Wüste, nichts als Wüste, Entbehrungen, Heimatlosigkeit, Gefahren, Hunger und Durst. Dabei haben sie es so satt! Es gibt Widerstand, Protest, Aufruhr: – Jetzt langt‘ s! – Wir haben keine Lust mehr! Was ist das für ein grausiges Spiel, das dieser Mose und sein Gott da mit uns spielen? Am Ende wird überhaupt niemand von uns diese irre Wüstenwanderung überleben.
Es erheben sich, wieder einmal, wie schon so oft, die alten Klagen gegen Mose und Klagen gegen Gott: „Es wird unser Ende sein, dass wir auf sie gehört haben.“ – Vergessen sind die vielen Wunder, die sie in den vergangenen Jahren erlebt haben. Der Durchzug durch das Schilfmeer, der Untergang der verfolgenden Ägypter, die Rettung vor dem Verdursten und vor dem Verhungern. Das Manna, durch das Gott sie vor dem Verhungern bewahrt hat, können sie nicht mehr riechen. Sie haben es satt!
Aber auch Gott scheint es satt zu haben, das ewige Murren seines Volkes. Er reagiert diesmal nicht mit Hilfe und Rettung, sondern zunächst mit furchtbarem Gericht. – Tödliche Schlangen versetzen alle im Lager in Panik. Nicht nur vereinzelt treten sie auf, sondern in Massen. Überall sterben Gebissene am tödlichen Gift. – Blitzartig kommt vielen die Erkenntnis: Das ist Gottes Strafe für unsere Unzufriedenheit und unser Murren.
Der eben noch verfluchte Mose soll in höchster Not zu dem vor kurzem noch beschimpften Gott um Rettung beten. Und – er tut es sofort. Und ebenso schnell erfährt er die Antwort Gottes: „Mache dir eine bronzene Schlange, richte sie an einem Stab hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.“ So geschieht es auch nach dem Bericht.
Was soll das? Ist das nicht widersinnig? Anstatt sich vor dem tödlichen Biss in Sicherheit zu bringen, auf ein lebloses Zeichen zu schauen? – Das erfordert blindes Vertrauen auf das Wort Gottes. Es gibt nur die Wahl, auf die Gefahr zu sehen und zu sterben, oder auf das Zeichen Gottes zu sehen und zu leben. – Es ist das einzige Mal, dass Gott sein Volk so drastisch zum Glauben zwingt. – Auch da gibt es noch die Möglichkeit, nicht zu glauben, aber das bedeutet den Tod.
Gott nicht vertrauen ist immer tödlich. Nicht auf Gott hören vergiftet das Leben. Es geht allerdings nicht immer so schnell, ist nicht immer so offensichtlich wie hier. – Die natürliche menschliche Reaktion wäre es gewesen, sich in dieser Gefahr einen Knüppel zu schnappen und sich, ständig im Kreis drehend, die tödlichen Bestien vom Hals zu halten. Der Befehl Gottes lautet aber: Schau weg von dir und von dem, was dich bedroht. Schau auf mein Zeichen.
Die Israeliten konnten wählen zwischen dem aussichtslosen Versuch, sich selber zu retten und dem menschlich kaum verständlichen Weg, sich durch Gehorsam gegen Gott retten zu lassen. – Mit dieser Alternative sind wir mitten in der Passion Jesu. Gott sagt: Nur der Mann am Kreuz, der da so brutal gequält wird, leidet und stirbt, kann dich retten! Nur durch ihn kannst du meinem Zorn, der deinen Tod fordert, entkommen. – Es bleibt uns also nur die Wahl: Entweder lasse ich mich retten oder ich komme beim Selbstrettungsversuch um!
Nach unserer menschlichen Vernunft ist das ähnlich abwegig wie der Blick auf die eherne Schlange. – Es gibt genug Christen, die sich nach wie vor lieber auf sich selbst verlassen. – Sie schlagen mit den Knüppeln ihrer guten Werke und ihrer Frömmigkeit um sich und versuchen damit, die tödliche Bosheit, die Anfechtung, die Sünde, die überall lauert, sich vom Leib zu halten. – Aber irgendwann wird jeder müde, irgendwo übersieht er eine Gefahr, dann erwischt es einen, dann beißt die Schlange. Dann hat sie dich, die Sünde, die Sorge, der Zweifel. Du gibst nach und sündigst. Das Gift wirkt.
Die Schlange ist in der Heiligen Schrift das Sinnbild für das Böse, für die Sünde. Ein Giftschlangenbiss kann tödlich sein. – Der Biss der Sünde hat nach biblischen Aussagen den ewigen Tod zur Folge. Und das Tragische ist, dass niemand aus eigener Kraft dem Gift der Sünde ausweichen und seiner tödlichen Folge entgehen kann. Am Leben bleiben, – am ewigen Leben teilhaben kann nur, wer dem Wort Gottes gehorcht und auf sein Zeichen sieht, auf das Kreuz. Davon geht Rettung aus. Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren gehen, uns aber ist‘s eine Gotteskraft.
Der Blick zum Kreuz verhindert den Biss der Sünde zwar nicht. – Auch Glaubende werden schuldig, – aber der Blick zum Kreuz heilt. Er ist das rettende Serum, das die Wirkung des Giftes aufhebt. Am Kreuz sehe ich Jesus, den Sohn Gottes, der meine Schuld auf sich genommen hat.
im Johannes-Evangelium nimmt Jesus ausdrücklich die Erzählung von der ehernen Schlange wieder auf und sagt: Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Joh. 3,14)
Der Menschensohn wurde erhöht. Zuerst nur ein Stück, wie zum Spott. Erhöht auf einem Hügel, erhöht am Kreuz. Ein Zeichen Gottes, das uns unsere Sünde zeigt. – Schließlich hat Gott ihn auf seine Weise erhöht, durch Ostern und Himmelfahrt. Er hat ihm alle Macht gegeben über Himmel und Erde, über Tod und Leben.
Judika, der Name dieses Sonntags, heißt übersetzt. „Gott, schaffe mir Recht!“ Und genau diese Bitte hat Gott im Geschehen des Kreuzes erhört. – Er schenkt uns in Jesus Christus seine Gerechtigkeit. Er lässt uns seine bedingungslose Gnade erfahren. Jesus macht uns frei vom tödlichen Gift der Sünde, das immer wieder in unser Leben eindringt: Neid, Hass, Eifersucht, Begehren, Lüge, Unreinheit. Das ist das Befreiende ist: Niemand muss sich selber retten. Niemand ist zu vergiftet. Jesus heilt alle, die auf ihn sehen und hören.
Im Hebräerbrief werden wir dazu aufgefordert, auf den Gekreuzigten zu sehen und von ihm die Vollendung unseres Glaubens zu erwarten. Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. (Heb. 12, 2) Gott hat mit jedem von uns einen Anfang gemacht, aber niemand ist im Glauben schon ein fertiger und vollendeter Mensch. Keiner ist fertiger Christ! Wir sind vielmehr das Volk Gottes auf langem Weg, vergleichbar dem Volk Israel in der Wüste.
Manchmal werden wir müde mit unserem Glauben, mutlos, weil nichts vorwärts geht. Unser Gebet wird nicht erhört! Rückschläge lassen uns daran zweifeln, ob wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Auch Christen, die schon lange mit ihrem Herrn unterwegs sind, sind gegen Müdigkeit, Unzufriedenheit und Auflehnung gegen Gott nicht gefeit.
Es ist erschütternd, zu sehen, wie altbewährte Christen ins Stolpern kommen, wenn sie am Ende ihres Glaubenslaufes noch Schweres erleben. Wenn es Rückschläge und Umleitungen gibt und sie sich schon so nahe am Ziel glaubten: Der tragische Tod eines Ehepartners, der bitter und mutlos macht und mit Gott hadern lässt. Kinder, die eigene Wege gehen, die nichts glauben und den Eltern Kummer bereiten. Anklagen werden laut: Ist das, Gott, dein Dank für meine Treue?
Zum Murren gegen Gott auf dem langen Weg kann Vieles führen: Krankheit, Gebrechlichkeit, materielle Not, erfahrenes Unrecht. Auf einmal ist dann eine Abscheu, ein „Ekel“ da vor der „mageren Speise“ des täglichen Christseins. Wie viele junge Menschen empfinden dann Ablehnung.
Ist es nicht eine Zumutung von Gott, wenn er uns mitten in Anfechtung und Leid nur das aufgerichtete Kreuz zeigt? Und sagt: Schau auf dieses Kreuz, auf den Gekreuzigten, der schafft dir Recht. Der hilft dir heraus. Ja, Gott mutet uns solchen Glauben zu. Glauben, der Gott Unmögliches zutraut. Glauben, der Wort Gottes hört und tut, auch wenn einem, menschlich gesehen, nicht danach zumute ist.
Aus der Zumutung der ehernen Schlange wurde für das Volk Israel ein Zeichen der Rettung. Eine weitere Erfahrung mit Gott. Oft genug wird auch für uns aus der Zumutung des Glaubens eine hilfreiche Glaubenserfahrung. Paulus kann aus seinem Leben nur bestätigen: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Alle Dinge! Also auch Umwege, Hindernisse, Nöte und Niederlagen, Enttäuschungen, Krankheiten.
Der zugemutete Glaube macht Paulus gewiss, dass nichts ihn scheiden kann von der Liebe Gottes. Aus der Zumutung Gottes wird dann durch Glaubensgehorsam die Zu-Mutung, also die Mut-Zueignung Gottes.
Hedwig von Redern kotenn dann mit diesem Mut des Glaubens, den Gott ihr zugeeignet hat, sagen:
„Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl,
das macht die Seele still und friedevoll.
lst’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh,
dass ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh.
Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit.
Dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.
Ich preise Dich für Deiner Liebe Macht.
Ich rühm’ die Gnade, die mir Heil gebracht.“
Gottes Plan zur Rettung seines Volkes war fertig. Der Weg ins verheißene Land vorbereitet. Alle, die sich von ihm den Glauben zumuten ließen, kamen dort an. Auch zu unserer Rettung liegt Gottes Plan bereits vor. Jesus Christus hat ihn mit seinem Blut geschrieben. Für dich und für mich!
Der Weg, auf dem wir Gottes Ziel erreichen können, ist in Liebe vorgezeichnet. Durch den Glauben schenkt Gott uns den Mut und die Kraft, ihn zu gehen. Bis zum Ziel. Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4