Vergebung untereinander

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Invokavit, 26.02.2012, 2. Kor 6, 1-10

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Kennen Sie den Satz? Was nützen die besten Vorsätze? Wem helfen die edelsten Sprüche? Keinem! So sagt das auch das Wort Gottes. An die Gemeinde in Galatien schreibt der Apostel Paulus einmal den Satz: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Gal 6,2)

Das Gesetz Christi, das ist keine sture Paragraphenreiterei. Dabei geht es auch nicht um trockene Bürokratie, sondern um Liebe und Menschlichkeit, um Hilfsbereitschaft und den Willen zum Frieden. 

Die größte Not der Menschen ist nicht Krankheit oder Alter, sondern der Streit. Oft geht es um Kleinigkeiten. Man fühlt sich übersehen, benachteiligt oder ungerecht behandelt. Vielleicht ist es ganz unbeabsichtigt geschehen, aber man unterstellt dem anderen eine böse Absicht.

Manchmal begegnen mir in meinen Gesprächen solche Unversöhnlichkeiten. Geschwister reden nicht mehr miteinander. Eltern und erwachsene Kinder haben keinen Kontakt mehr. Nachbarn grüßen sich nicht. Wenn ich dann nach dem Warum frage, sind es oft Kleinigkeiten, die viele Jahre, manchmal Jahrzehnte zurückliegen. Jeder wartet darauf, dass der andere sich entschuldigt. Aber es geschieht nichts. Und so bleibt es beim Streit. Es herrscht mindestens Funkstille! Keinem geht es wirklich gut dabei, aber es will auch keiner nachgeben.

Eines Tages ist es zu spät. Über dem ganzen Leid ist eines gestorben und hat den Groll mit ins Grab genommen. Die Hand zum Frieden wurde nicht gereicht. Ist das nicht furchtbar?

Dass es mal Streit gibt, wird nicht aus der Welt zu schaffen sein, solange es Menschen gibt. Aber dass es keine Versöhnung gibt und keinen Weg zueinander, das sollte, ja das darf unter Christen eigentlich nicht sein. Der Apostel Paulus hat in seinem Brief an die Epheser den Satz geschrieben (Eph 4, 26): Lasst die Sonne nicht untergehen über euerem Zorn. Das heißt doch: Versöhnt euch noch am selben Tag. Je länger ihr den Streit mit euch herumtragt desto mehr belastet er euch, umso schwerer ist es wieder gut miteinander zu sein.

Paulus wusste wovon er sprach. Er hat Feindschaft und Streit am eigenen Leib miterlebt. Dass seine Gegner ihm schaden wollten, war klar. Nachdem er vom Christenfeind zum Christusverkündiger geworden war, hätten ihn Schriftgelehrte und Pharisäer am liebsten umgebracht. Mehrmals entkam er ihren Anschlägen nur knapp. Dass aber auch andere Christen ihm feindlich gesonnen waren, das hat ihn wirklich belastet.

Mit einigen Leuten in der jungen Gemeinde von Korinth gab es heftige Auseinandersetzungen. Paulus hatte in seiner Autorität als Apostel und Gemeindegründer Kritik geübt: Es sei nicht gut, wenn einzelne meinen, sie seien etwas Besseres und wenn sie andere verachten, hatte er die Korinther in seinem ersten Brief wissen lassen. Er forderte sie auf ihr Fehlverhalten einzusehen und vor Gott und Menschen um Vergebung zu bitten. Aber sie wollten nicht. Sie schrieben einen bösen Brief an den Apostel und erhoben schwere Vorwürfe gegen ihn. Der Brief, der uns nicht erhalten ist, enthielt wohl viel Verletzendes und man hat die Antwort, die Paulus daraufhin nach Korinth schickte, „Tränenbrief“ genannt, weil man ihr abspürt, dass der Apostel sehr traurig darüber war. Doch Paulus hat nicht genauso verletzend zurückgeschrieben, sondern in seiner Antwort versöhnliche Töne angeschlagen. Einige Verse aus diesem 2. Korintherbrief sind unser Predigttext für den ersten Sonntag der Fastenzeit, den Sonntag Invokavit.

2.Kor 6, 1-10: Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch: Seht zu, dass die Gnade, die Gott euch geschenkt hat, in euerem Leben nicht ohne Auswirkung bleibt. Denn Gott hat gesagt: Ich will dein Gebet erhören. Es wird eine Zeit der Gnade für dich geben, einen Tag, an dem du meine Hilfe erfährst.

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

Niemand soll uns persönlich etwas Schlechtes nachsagen können, damit nicht unser Auftrag in Verruf gerät. In allem empfehlen wir uns als Gottes Mitarbeiter: In Bedrängnissen, in Not und Angst bleiben wir standhaft. Auch wenn man uns schlägt und einsperrt, wenn wir aufgehetzten Menschen ausgeliefert sind, bis zur Erschöpfung arbeiten, uns kaum Schlaf gönnen und auf Nahrung verzichten, soll sichtbar werden, dass wir Gott gehören.

Wir beweisen dies durch ein untadeliges Leben und darin, dass wir Gottes Absichten erkennen; durch Geduld und Freundlichkeit, in allem, was Gottes Heiliger Geist durch uns wirkt und in aufrichtiger Liebe zu jedem Menschen wird sichtbar, dass wir Gottes Mitarbeiter sind. Wir verkünden Gottes Wahrheit und leben aus seiner Kraft. Zum Angriff, wie zur Verteidigung gebrauchen wir die Waffen Gottes: Rechtschaffenheit vor Gott und Menschen.

Dabei lassen wir uns nicht beirren: Weder durch Lob, noch Verachtung, weder durch gute Worte, noch böses Gerede. Man nennt uns Lügner und wir sagen doch die Wahrheit. Für die Welt sind wir Unbekannte, aber Gott kennt uns. Wir sind Sterbende und dennoch leben wir. Wir werden geschlagen und kommen doch nicht um. In allen Traurigkeiten bleiben wir fröhlich. Wir sind arm und beschenken doch viele reich. Wir haben nichts und besitzen doch alles.

Der Apostel erinnert die, die ihm Vorwürfe machen und ihn ablehnen an die Gnade Gottes. Gnade Gottes, was ist denn das? Gnade nennt man das, was man Gutes bekommt, ohne es verdient zu haben, oder die Strafe, die man nicht bekommt, obwohl man sie verdient hätte. Paulus fordert auf: Mensch, denk doch mal dran, was Gott dir in deinem Leben schon alles geschenkt hat. Hast du es ihm gedankt? Hast du es verdient? Die Jahrzehnte des Wohlstands und des Friedens, der Gesundheit und Kraft, hast du die nicht viel zu lange als selbstverständlich gedankenlos hingenommen?

Im Vaterunser beten wir- und tun es hoffentlich jeden Tag: – „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, und erwarten, dass Gott diese Bitte erhört. Aber unseren Teil tun wir oft nicht. Manchmal unbewusst, tragen wir im Herzen die Schuld anderer an uns mit uns herum. Wir heben sie tief in unserem Inneren auf. Da gibt es einen Ordner, der sorgsam verwahrt wird. Auf dem steht: Nicht vergessen! Das hat der damals zu mir gesagt. Jenes hätte sie tun sollen und der andere hat nicht getan, was er hätte tun müssen. Der oder die haben vergessen, zu teilen, zurückzugeben, zu danken.

Gnadenlos und unbefristet wird der Inhalt des Ordners aufbewahrt. Damit steht etwas zwischen uns. Bei jeder Begegnung, jedem Kontakt, jedem Gespräch steht es zwischen uns und belastet unser Verhältnis, solange es nicht vergeben ist.

Lasst es doch nicht zwischen uns stehen, bittet Paulus. Denkt daran, mit welcher Gnade und Liebe der Herr uns begegnet und gebt dann diese Gnade und Liebe auch weiter, indem ihr vergebt. Nehmt die Blätter raus aus dem Ordner, verbrennt sie, vernichtet sie, damit ihr nie mehr daran erinnert werdet. Nur so könnt ihr selber frei werden und nur so kann auch wieder Frieden zwischen euch werden.

Dabei ist es gar nicht entscheidend, wer an dem Streit mehr Schuld trägt. Ein alter Pfarrer hat einmal gesagt: Da lernt man dass zwei und zwei Hundert ist. Nach einem Streit, so erklärte er, denkt jeder der Kontrahenten: Zu 98% ist der andere Schuld. Ich hab vielleicht 2% Schuld daran. Wenn aber einer von beiden anfängt sich für seinen Teil der Schuld beim anderen zu entschuldigen, dann lenkt der andere meist auch ein und dann ist die Sache wieder zu 100% in Ordnung. Dann kann man einander wieder begegnen und in die Augen sehen.

Wann ist denn der rechte Zeitpunkt dafür? – Soll der andere nicht erst mal ein bisschen schmoren? Nein! Jetzt und heute, nicht später und morgen. Jetzt ist die Zeit der Gnade, heute ist der Tag des Heils. Das gilt in doppeltem Sinn. Das gilt zwischen mir und Gott. Auch da soll nichts aufgeschoben werden. Nicht mit schlechtem Gewissen Gott ausweichen, das Gebet unterlassen, sondern sofort sich beugen und den gnädigen Gott suchen. Wo kann man den finden? Am Himmel? Auf einer Wallfahrt? In guten Vorsätzen? Nein, viel näher, viel einfacher, im persönlichen Gebet. Es genügt die innere Kontaktaufnahme: Herr, ich weiß, das war nicht recht vor dir, wie ich vorhin gehandelt, gedacht, geredet habe. Vergib mir bitte! Rechne mir diese Sünde nicht zu! Hilf mir, dass ich es das nächste Mal nicht wieder genauso mache. Danke, dass Jesus Christus auch dafür am Kreuz sein Blut vergossen hat.

Jetzt ist Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils. Was für unsere Schuld vor Gott gilt, das gilt genauso für die Schuld des anderen an mir. Gott erwartet von uns, dass wir seine Gnade, die uns von Schuld befreit auch dazu benutzen, anderen zu vergeben. Jetzt und heute. Das befreit. Das bringt dem Herzen Frieden.

Wie oft erlebe ich es, dass Menschen, die nicht vergeben können und oft auch gar nicht vergeben wollen, damit selber todunglücklich sind. Sie können nicht mehr lachen, sie können sich nicht mehr freuen. Wenn das über lange Zeit geht, dann wird man bitter dabei oder zynisch. Das ist wie ein Krebs, der die Seele zerfrisst. Immer wenn ich daran denke gibt es mir wieder einen Stich. Es raubt mir den Schlaf, nimmt mir den inneren Frieden, belastet mein Leben.

Ist es da nicht viel besser, zu vergeben. Das Alte loszulassen. Paulus sagt: Man nennt uns Lügner und doch sagen wir die Wahrheit. Sollen doch die anderen reden, was sie wollen. Wenn sie damit nicht recht haben, belasten sie nicht mich, sondern nur sich selbst vor Gott damit. Es ist nicht unsere Sache, dass wir sie strafen und uns an ihnen rächen oder ihnen Böses wünschen.

Wir sind doch Mitarbeiter Gottes, stellt Paulus fest. Und als Mitarbeiter Gottes können wir doch nur am Frieden arbeiten und die Versöhnung suchen. Jemand der Mitarbeiter Gottes sein möchte, kann niemals sagen: Das zahl ich dir heim! Das vergesse ich dir nie! Jesus fordert in seiner Bergpredigt (Mt 5,43ff) sogar dazu auf, die zu segnen, die uns fluchen und denen wohl zu tun, die uns hassen und für die zu beten, die uns beleidigen und verfolgen. Wer so handelt, ist Gottes Mitarbeiter.

Wie oft sind Paulus und seine Mitarbeiter beschimpft und verleumdet worden. Immer wieder hat man sie eingesperrt, geschlagen, mit Steinen beworfen, angeklagt. Aber er hat nicht zurückgeschimpft, nicht zurückgeworfen, keine Anzeige erstattet, sondern alles geduldig ertragen und seine Arbeit fortgesetzt. Er hat keinen Hass aufkommen lassen in seinem Herzen gegen seine Widersacher. Er war ja ein Mitarbeiter Christi. Und auch Jesus hat nicht Rache geübt, Sondern um Vergebung für seine Peiniger gebetet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Wäre das nicht ein guter Einstieg in die Passionszeit: Reinen Tisch machen. Den ganzen Groll aus dem Herzen schaffen. Mal nachforschen, ob da im Hinterstübchen noch Anklageschriften gegen andere rumliegen und sie dann vernichten. Passionszeit heißt ja Leidenszeit. Die Leidenszeit unseres Herrn Jesus Christus bedenken. Darüber nachdenken, wie er mit denen umgegangen ist, die im Leid zugefügt haben.

Jesus sagt: Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich. Was könnte denn unser Kreuz sein, das wir geduldig und liebevoll tragen sollen. Vielleicht eine Krankheit. Vielleicht auch die Lasten des Alters oder einer Behinderung. Aber ganz bestimmt auch das geduldige Ertragen von Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit anderer, ohne dafür übel zu nehmen. Es könnte auch einmal die unfreundliche Art eines kirchlichen Mitarbeiters sein, dem man dann nicht mit gleicher Unfreundlichkeit begegnet. Besser ist es, gerade zu den Unfreundlichen besonders liebevoll sein. Das wird ganz bestimmt im Lauf der Zeit bewirken, dass sie auch freundlicher werden. So kann jede und jeder zum Mitarbeiter Gottes werden.

(ÜlG 18.08.) Eine alte Chronik erzählt von einem Mönch des Barfüßer Ordens, der um 1370 am Main lebte. Er war von Lepra befallen (aussätzig) und musste darum die Gesellschaft verlassen, war ein Ausgestoßener. Er, der sein Leben Gott geweiht hatte, wurde aus der Gemeinschaft der Lebenden und Gesunden ausgeschlossen. Was für eine Tragik und traurige Sache.

Aber er zog sich nicht verbittert zurück. Er versank nicht in Selbstmitleid über sein schweres Schicksal. Er fing an zu dichten, zu schreiben und Lieder zu machen, die die Menschen erreichten und trösteten. Er dachte nicht an sich, sondern an andere. Während sein eigener Leib an den Gliedern bereits in Verwesung überging, verwesentlichte er das Leben der andern Menschen. Er schenkte ihnen Trost und Freude, half ihnen zur Liebe und zum rechten Glauben mit seinen wunderbaren Liedern. Auch er war, trotz seiner Leiden, ein Mitarbeiter Gottes, ein Brief Christi an die Welt, indem er dem Frieden diente, dem Frieden unter den Menschen und dem Frieden mit Gott. Und so dürfen wir es auch machen. Als Empfänger der Gnade und des Friedens davon weitergeben.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168