Vergebung annehmen und glauben

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4. Sonntag nach Trinitatis,  09.07.2017, 1. Mose 50, 15-21

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören.

Unser heutiger Predigttext, 1. Mose 50,15-21 enthält ganz wichtige Hinweise zum Thema Vergebung. Er zeigt, welche befreienden Folgen Vergebung hat und welche verheerenden Auswirkungen unvergebene Schuld hat. Er führt uns auch vor Augen, dass man Vergebung annehmen und glauben muss.

 

Beispielhaft wird das an einer kurzen Passage aus dem letzten Kapitel des 1. Mose Buches. Das macht die Sache allerdings ein bisschen schwierig, denn die Erzählung ist 14 Kapitel lang, spannend und aus einem Guss. Und eigentlich kann man den Schluss nur dann richtig verstehen, wenn man die ganze Geschichte kennt. Nur würde es schon eine komplette Predigtlänge in Anspruch nehmen, sie zu erzählen.

 

Viele von Ihnen kennen diese Josephsgeschichte seit Kindertagen und haben daher eine ungefähre Vorstellung. Wem sie neu ist, den würde ich bitten sie heute Nachmittag mal für sich zu lesen. Das dauert vielleicht eine halbe Stunde: 1.Mose Kapitel 37-50. Jetzt bei der Predigt kann ich nur einige Szenen der Geschichte kurz ansprechen. Es ist, wie wenn man die vorletzte Seite eines Romans aufschlägt und da zwei Absätze liest.

 

Mit entscheidenden Sätzen, ja fast möchte ich sagen mit der Auflösung der Geschichte setzt unser Predigttext ein: Kapitel 50 Vers 15-21: Die Brüder Josefs fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war und sprachen: Josef könnte uns immer noch böse sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tod und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.

Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tag ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

 

Eine Geschichte von Schuld und Vergebung. Eine Geschichte, die zeigt, wie Schuld Kummer verursacht und über viele Jahre, ja manchmal ein halbes oder ganzes Leben belastet, wenn sie nicht vergeben wird – oder, wenn wie hier, Vergebung nicht angenommen und geglaubt wird.

 

Weit über 3000 Jahre ist diese Geschichte alt, aber dennoch ist sie aktuell und ereignet sich immer wieder. Menschen leben in Angst, Unruhe und Straferwartung, weil sie einmal Furchtbares getan haben und von der alten Schuld belastet sind. Sie sehen keinen Weg, wie es wieder gut werden kann. Es ist ein Labyrinth von Lüge und Leid, das sie und andere betrifft.

 

Betroffen sind nicht nur die Täter sondern auch die Opfer.  Trotzdem ist in dieser Geschichte das Opfer, dem mehrmals in seinem Leben ganz übel mitgespielt wurde, das ungerecht behandelt, misshandelt und gedemütigt wurde, mit Gott, sich selbst, seiner Vergangenheit und mit den Tätern im Reinen, weil Josef trotz all des Schweren in seinem Leben gemerkt hat, dass Gott ihn nicht loslässt, ja dass er aus allen bösen Anschlägen auf wunderbare Weise noch Gutes gemacht hat.

 

Ereignet hat sich alles zunächst in einer Familie. Ungeschicktes Verhalten der Eltern und eines Kindes hatten dazu geführt, dass  der verwöhnte Lieblingssohn Josef von seinen 10 älteren Brüdern gemobbt, abgelehnt, geschlagen und schließlich sogar als Sklave ins Ausland verkauft wurde. Dem Vater hatten die Brüder mit einem raffinierten abgesprochenen Vorgehen glauben gemacht, sein Sohn Josef wäre das Opfer eines wilden Tieres geworden. Er wäre tot und sein Leichnam aufgefressen.

 

So lebten die Brüder über Jahrzehnte mit einer Lüge und mit der Angst, es würde eines Tages doch noch herauskommen, was sie getan hatten. Dazu kam das schlechte Gewissen, wegen ihrer Schuld und die Ungewissheit was wohl aus ihrem Bruder geworden war. Ob Josef wohl noch lebte? Oder war er skrupellosen Sklaventreibern und brutalen Menschenhändlern zum Opfer gefallen? Täglich wurden sie an die alte Schuld erinnert, wenn sie den Kummer ihres alten Vater sahen. Jakob kam aus seiner Trauer um Josef nicht heraus, weil er sich bittere Vorwürfe machte, am Tod seines Sohnes schuld zu sein. Er hatte ihn allein losgeschickt und unterwegs war er offenbar umgekommen. Er hätte, so ging es ihm immer wieder durch den Kopf, als Vater wissen müssen, dass so ein Weg auf entfernte Weiden für den jungen Joseph gefährlich sein konnte.

 

So sind sie, die Folgen von Lüge und die Folgen von unvergebener Schuld. Sie lassen einen einfach nicht los. Sie quälen einen in schlaflosen Stunden. Du liegst im Bett und musst wieder daran denken. Du siehst den anderen, den du betrogen hast und der immer noch darunter leidet. Aber du kannst es nicht ändern, sonst käme ja alles raus. Alles ist so miteinander verknüpft, dass es unmöglich scheint aus diesem Dilemma je wieder herauszukommen. Und bei jedem Schmerz, jedem Misserfolg, jeder Krankheit kommen die Gedanken: Das ist jetzt die Rache des Schicksals – das ist jetzt die gerechte Strafe Gottes, die mich einholt, weil ich das getan habe.

 

Wie viele Menschen leben mit solchen Altlasten! Vielleicht auch unter uns. Eine alte Schuld gegenüber der Ehefrau oder dem Ehemann, gegenüber den Kindern oder den Eltern. Ein Betrug am Arbeitsplatz oder gegenüber dem Finanzamt, einer Versicherung, einem Nachbarn.

 

Es muss nicht einmal eine finanziell große Sache sein. Vielleicht waren es nur ein paar Euro aus dem Geldbeutel des Vereinskameraden oder Mitschülers. Am Parkplatz des Supermarkts einen Kratzer am Auto daneben verursacht und einfach weggefahren. Vielleicht wurde ein anderer bestraft für etwas, was man selbst getan hat. Das genügt, um das Gewissen immer wieder zu verklagen. Immer wieder versteht es der Teufel, Anklage zu erheben und unseren Glauben damit anzugreifen. Gott kann dich ja gar nicht lieb haben… Er kann deine Gebete ja gar nicht erhören… Das passiert dir jetzt, weil du damals…

 

Doch diese alte Geschichte aus dem 1. Buch Mose zeigt: Vergebung ist möglich! Es gibt einen Neuanfang, wenn Schuld ausgeräumt ist. Den Brüdern Josefs scheint das schier unvorstellbar. Sie denken nach dem Tod des alten Vaters: Jetzt wird Joseph sich an uns rächen. Jetzt wird er uns heimzahlen, dass wir damals so bodenlos gemein zu ihm waren. Er hat ja jetzt die Macht dazu. Als zweitmächtigster Mann Ägyptens nach dem Pharao genügt ein Wink von ihm und wir werden alle verhaftet, eingesperrt, vielleicht sogar getötet. Die Angst holt sie noch einmal ein. Die alte Schuld steht noch vor ihnen.

 

Aber ihr Bruder Joseph hat ihnen wirklich vergeben. Joseph stellt ohne jede Bitterkeit nach Jahrzehnten fest: „Ihr wolltet es böse mit mir machen, aber Gott hat es gut gemacht.“

Ja, er ist durch eine harte Schule gegangen. Es war damals wirklich ein harter und tiefer Fall vom bevorzugten Muttersöhnchen zum rechtlosen Sklaven. Von der Rolle als Papas Liebling zum gedemütigten Handelsobjekt. Verkauft, ausgeliefert und herumgestoßen. Ausgestellt, vermarktet und der Willkür preisgegeben. Ohne Möglichkeit Recht zu bekommen.

 

Wie hat dieser Josef das alle die Jahre und Jahrzehnte nur ausgehalten? – Josef hat seinen Glauben nicht aufgegeben. Er hat nicht aufgehört mit Gott zu reden, seine Hoffnung auf ihn zu setzen, sein Leid Gott zu klagen. Er hat sein Selbstwertgefühl aus dem Glauben und der Liebe Gottes geschöpft.

 

Obwohl man ihm so großes Unrecht getan hat, hat er auch als Sklave in der Fremde Gottes Willen weiter geachtet. Als ihn die Frau seines Chefs verführen wollte, wehrte er sich, floh und sagte: „Wie sollte ich ein so großes Unrecht tun und gegen Gott sündigen. –  Josef ist seinem Glauben treu geblieben, obwohl er von anderen Kulten und fremden Götzen umgeben war. Und er hat sich nicht an seinem Jammer aufgehalten. Er hat sich jeder neuen Situation gestellt, dem Vergangenen nicht nachgeweint und immer nach vorne geblickt: Was kann ich jetzt und hier tun, um meine Lage zu verbessern. Wenn ich mich als Sklave als ehrlich, treu und zuverlässig erweise…

 

So erhielt er beim königlichen Hofbeamten dem Potiphar bald große Freiheiten. Später als er zu Unrecht im Gefängnis war, bewährte er sich wieder mit Fleiß und Ehrlichkeit. Das brachte ihm Vergünstigungen und so manche Vorteile ein. Er konnte sich innerhalb des Gefängnisses frei bewegen.

 

Und noch etwas: Josef setzte die Gaben ein, die Gott ihm gegeben hatte. Speziell die eine: Träume zu deuten. Die des Mundschenks, die des Bäckers und später die Träume des Pharao. Er hatte es selbst erlebt, dass Gott sich ihm in Träumen offenbarte. Daher wusste er, Träume können in besonderen Fällen auch Botschaften Gottes sein. Und schließlich kam noch sein Mut zum Bekenntnis dazu. Er bekannte sich trotz seiner heidnischen Umwelt zu seinem Glauben, zu seinem Gott. Er ließ es sich nicht gefallen, dass man ihm die Ehre gab, sondern er gab sie weiter und sagte (41, 16): Das ist nicht mein Können. Gott hat mir das gezeigt.

 

Josef hat erkannt, nicht das Böse, das Menschen mir angetan haben ist entscheidend für mein Leben und meine Zukunft, sondern das Gute, das Gott mit mir vorhat. – Bonhoeffer sagt einmal: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ – Wenn wir uns nicht vom Hass leiten lassen, wenn wir nicht das Böse im Herzen gegen andere pflegen, sondern ihn bitten, dass er sich unserer Sache annimmt, dann macht Gott aus Bösem Gutes.

 

Für Josef und seine Familie hieß das, dass sie vor dem Verhungern gerettet wurden. Für das Land Ägypten, dass es vor einer nationalen Hungerkatastrophe bewahrt blieb. – Eine Familie wurde wieder zusammengeführt, ein alter Vater getröstet, Streit und Neid unter Geschwistern beseitigt. – In Ägypten konnte das auserwählte Volk Gottes groß und stark werden.

 

Ich persönlich habe es erlebt, dass Gott aus den großen Niederlagen meines Lebens wunderbare Führungen gemacht hat, für die ich heute sehr dankbar bin. Und so manche unter uns haben das wohl auch erlebt, dass Gott ihnen zwar etwas hat nehmen lassen, aber dass er umso mehr dafür gegeben hat. Darum kann Josef ganz und von Herzen vergeben, weil er das begriffen hat: Gott hat es gut gemacht.

 

Seine Brüder hatten das zunächst noch nicht erkannt. Sie konnten solche totale Vergebung einfach nicht fassen. Sie hatten sich auch noch nicht wirklich ganz schuldig gegeben. Erst nach dem Tod des Vaters hier tun sie das. Sie fallen vor Joseph nieder und bitten ihn: Nun vergib doch diese Missetat uns den Dienern des Gottes deines Vaters! Josef kann es gar nicht fassen, dass seine Brüder immer noch denken, er würde ihnen etwas nachtragen: Josef, so heißt es hier, weinte, als sie solches zu ihm sagten. Vergebung muss auch angenommen und geglaubt werden. Erst dann kann sie ihre befreiende Wirkung entfalten. Noch einmal redet Josef auf seine Brüder ein: So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

 

Martin Luther schreibt in einer Auslegung (Genesis) über das 1. Buch Mose dazu:

„Josef sagt: Es ist wohl wahr, ihr wolltet es mit mir böse machen, aber Gott ist in seinem Rat wunderbar, der eure bösen Gedanken zu unser aller Nutzen und zum Guten gewendet hat. Darum will Josef nicht, dass sie die Sünde und ihre Mordpläne leugnen oder vergessen, sondern sagt: Seht, welch ein wunderbares Werk Gottes das ist, der dies alles zur höchsten Wohltat gewendet hat. So sollte ich vielen Völkern dienen und helfen, die sonst Hungers gestorben wären, Gott nie erkannt und sein Wort auch nicht gehört hätten, wenn ich nicht von euch nach Ägypten verkauft worden wäre. Gott hat aus dem, was so sehr böse war, etwas sehr Gutes gemacht. Darum will ich euch gern verzeihen und vergeben, weil ich sehe, dass Gott durch euren sehr bösen Rat mir und unzähligen anderen Leuten so viel Gutes getan hat.“

 

Wenn schon ein Mensch so ganz und von Herzen vergeben kann, wie viel mehr Gott. „So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab…“ Dafür hat er Jesus zu uns geschickt, damit wir aus der Not alter Schuld herauskommen. Im Blick auf sein Kreuz dürfen wir glauben, dass auch die größte und schwerste Schuld ausgelöscht, bezahlt und vergeben ist.

 

Wer das für sich nimmt, der wird zunächst selber frei von der Last seiner Schuld und mit der Hilfe des Herrn dann auch denen vergeben können, die ihm übel mitgespielt haben. Und der darf dann darauf vertrauen, dass Gott auch aus diesem Bösen und Schweren in seinem Leben, noch etwas wunderbar Gutes machen kann. Er kann erlittenes Unheil einbauen in seinen Heilsplan, uns zum Segen.

 

Gott hat das Böseste überhaupt, den Kreuzestod seines Sohnes eingebaut in  seinen Rettungsplan für uns und die ganze Welt. Es mag paradox klingen, aber es ist eine tiefe Wahrheit, wenn Martin Luther sagt: „Dem Nächsten vergeben macht uns sicher und gewiss, dass uns Gott vergeben hat.“

 

Herr, gib uns die Kraft um Vergebung zu bitten, Vergebung anzunehmen und anderen zu vergeben, auch wenn sie uns sehr Böses getan haben. Hilf uns, dass wir im Vertrauen auf dich vergeben können, auch dort, wo es ein anderer gar nicht von uns erbittet. Mach uns frei von Bitterkeit, Groll und nachtragendem Wesen. Lass uns vertrauen, dass du auch die dunklen Teile unseres Lebens zu einem gelungenen und guten Bild zusammenfügst. Uns und anderen zum Segen.

Amen.

 

 

 

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/4116