Vergebt euch untereinander!

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Kantate 24.04.2016 Kolosser 3, 12-17

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich um Heiligen Geist zum Reden und Hören. Amen.

Treffen sich zwei Schriftsteller. „Ich hab Ihren letzten Roman gelesen. Interessant. Wer hat ihn für Sie geschrieben?“ „Freut mich, dass er Ihnen gefallen hat. Wer hat Ihnen denn den Roman vorgelesen?“ – Zugegeben, ein Witz. Aber, wie viele Witze überspitzt er menschliche Arroganz und Empfindlichkeiten. Den anderen nicht anerkennen, Spitzen austeilen, sich selbst herausstellen und den anderen heruntermachen. Solange es die Menschen gibt, tun sie sich schwer miteinander, obwohl sie ohneeinander nicht können.

„Das schöne schwere Miteinander.“ So der Titel eines 1979 erschienenen Buches: „Das schöne schwere Miteinander“. Die Autorin Hildegund Fischle-Carl widmet sich dem Thema das zu allen Zeiten in allen Kulturen und Geschlechtern aktuell war und bis heute ist. Unser Miteinander. Allein können und wollen wir nicht und miteinander können und wollen wir auch oft nicht.

Wie oft denken wir von anderen oder sagen es: Du regst mich auf! Wie oft ärgern wir uns aneinander, beschweren uns übereinander, geraten aneinander oder streiten miteinander. – Und dann geht es dem einen nicht gut und dem anderen auch nicht.

Kantate, das heißt: Singt! Aber, oft singen wir, nicht ein dankbares Loblied, sondern leider ein Klagelied über unsere Nächsten. – Über die Frau oder den Mann, das Kind, das so schwierig ist oder die Eltern, die so rückständig und manchmal peinlich sind. Über den Chef, der so ungerecht ist und immer mehr verlangt, über die Lehrer, die Ärzte, die Politiker, über den Nachbarn, den Kollegen…

Unser Schriftwort für die Predigt heute aus dem Brief an die Kolosser im dritten Kapitel ist eine wertvolle Hilfe zum schönen schweren Miteinander. Der Apostel Paulus schreibt:

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den anderen.
Und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den anderen; Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen; lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit: Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten und Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott dem Vater durch ihn.

Paulus beginnt damit, dass er uns die hohe Wertschätzung in Erinnerung ruft, die wir bei Gott haben: Vergesst es nicht: Ihr seid Heilige, Geliebte, Auserwählte Gottes. Was Paulus hier an die Kolosser schreibt gilt ja auch uns. Ja, wir sind wirklich Auserwählte Gottes.

Wer sich mit anderen schwer tut, fühlt sich oft von ihnen nicht verstanden, nicht geachtet und angenommen, nicht respektiert. Paulus setzt dem entgegen: Du bist doch von Gott angenommen, geliebt und erwählt. Das ist die höchste Wertschätzung, die man erfahren kann.

Woran merk ich das denn? – Durch das Hören auf das Wort Gottes, vom Kreuz und von der Liebe Jesu. „Denk dran!“, so Paulus hier, „dass Christus dir vergeben hat.“ – Jesus hält uns nicht jeden Tag unsere alten Sünden vor. Er reitet nicht auf unseren Fehlern herum, spricht uns nicht andauernd auf unsere Lieblosigkeit, Unehrlichkeit oder unseren Kleinglauben an. Er behandelt uns nicht mit verachtender Ironie, bedient sich nicht bissiger Satire. Er breitet die Arme aus, ruft uns zu sich, bietet Vergebung an und nimmt uns an seinem Kreuz alle Lasten ab.

Er sagt: Du bist von mir geliebt, ich mach dich heil an Leib und Seele. Du bist mein ausgewählter Liebling, den ich für immer bei mir haben will. Er gibt sich ganz für uns. – Kann es sein, dass jemand das für sich annimmt und dann einen Groll im Herzen festhält gegen einen Mitmenschen? Kann es sein, dass jemand sich über diesen Vorschuss an Liebe und den Überschuss an Vergebung freut und nichts davon weiterzugeben bereit ist? – Paulus meint, das kann nicht sein. Darum erinnert er uns daran, das Jesus das Verhältnis zwischen Gott und uns in Ordnung gebracht hat und dass er nun will, dass sich das auf die Menschen auswirkt, mit denen wir zusammenleben, zusammenarbeiten oder zusammenwohnen.

Er mahnt an uns, mit anderen so umzugehen, wie wir es selber durch Jesus an uns erfahren. – Er nennt drei Stufen:

1. Begegnet einander grundsätzlich mit herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld.

Ein ganz schönes Paket! Freundlichkeit wäre ja gerade noch akzeptabel, aber die anderen Verhaltensweisen sind ja nicht gerade weit verbreitet heute. Demut, Sanftmut, Geduld. Bei Demut wissen vielleicht manche gar nicht mehr, was das ist. Es ist das Gegenteil von Hochmut. Ich stelle mich nicht über den anderen, sondern unter ihn. Achte, respektiere ihn und äußere mich weder mündlich noch schriftlich abwertend. Ähnlich unpopulär wie die Demut ist die Sanftmut. – Sanftmut verliert nicht die Fassung, wird nicht laut, fängt keinen Streit an. Sie lässt sich nicht so leicht abwimmeln und bleibt doch ruhig. Sie versucht beharrlich etwas im Guten zu erreichen und zu ihrem Wesen gehört auch die Geduld.

Geduld, wenn es dauert, in der Schlange an der Kasse, auf dem Amt, am Geldautomaten, im Wartezimmer. Die Geduld, wenn sich unser Gegenüber ungeschickt anstellt oder nur schwer ausdrücken kann. Geduld, wenn jemand immer wieder denselben Fehler macht oder zu langsam vor einem herfährt.

Ungeduld ist nie freundlich, nie demütig, auch nicht sanftmütig. Man sagt immer, Kinder seien ungeduldig. Aber ich stelle oft fest, dass ältere Menschen immer ungeduldiger werden. Alles was sie möchten, soll möglichst gleich geschehen. Wenn die Vorhänge gewaschen werden oder der Rasen gemäht werden müsste, sollen die Kinder gleich alles andere liegen lassen um das zu erledigen. – Das schöne und schwere Miteinander. Es macht uns im Alltag oft sehr zu schaffen.

2. Ertrage einer den anderen!

Das ist der 2. Rat des Paulus. Den anderen so nehmen, wie er ist. In einem alten Ehebüchlein habe ich mal den Satz gelesen: „Ehe, das ist wie wenn zwei Menschen ständig aneinander herumoperieren an den Stellen, wo es am meisten weh tut.“ Wenn man den Partner immer erziehen will, ständig korrigiert, verbessert, kritisiert, dann wird das Miteinander unerträglich. Ertragen, das heißt, akzeptieren, dass der andere anders ist als ich. Dass er ein anderes Verständnis von Ordnung hat oder von Sauberkeit. Von Schönheit oder von Entspannung.

Ich mache gern Sport, meine Frau nicht so. Sie liebt Herz-Schmerz-Filme, ich nicht so. Ich schaue gern von einem hohen Felsen in die Tiefe. Sie lieber nicht. Ich sehe mir gerne mal Sport im Fernsehen an, sie nicht. – Ertragen heißt, es dem anderen zugestehen, dass er anderes liebt oder fürchtet, dass er einfach anders ist als ich. Ertragen bedeutet, das ohne Ärger und spitze Bemerkungen hinnehmen.

Je näher man einander ist, desto schwerer ist das Ertragen manchmal und wenn man nicht mehr erträgt, dann beschwert man sich. Man beklagt sich beim anderen und über ihn: Musst du denn immer… Kannst du nicht mal endlich… Hast du immer noch nicht… Willst du wirklich schon wieder… Und manchmal sind die Klagen noch heftiger und unsachlich und ungerecht oder gar gemein. – Wer kennt das nicht.

Manche sammeln Klagen. Sie haben so einen Klageordner im Kopf, in den alles abgeheftet und von Zeit zu Zeit wieder hervorgeholt wird. Bei einer neuen Klage wird dann gleich eine ganze Klagewelle draus, die den Frieden hindert und das gute Miteinander. Nicht auszudenken, wenn Jesus das mit uns so machen würde. „Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ Paulus erinnert uns an die Vergebung, die wir schon empfangen haben und die wir eigentlich aufs Spiel setzen, wenn wir uns weigern zu vergeben. Darum sein dritter Rat:

3. Vergebt einander wenn ihr Klage gegen den anderen

habt. Vergebung ist so befreiend! Nicht nur die, die man selbst bekommt. Auch die, die man anderen gewährt. Vor einiger Zeit bin ich auf den Satz gestoßen: „Wer vergibt, befreit sich selbst.“ – Befreit sich von einem Druck, von unguten Gedanken, von Bauchschmerzen und von Schlaflosigkeit. Denn wenn ich das nicht vergebe, was mir widerfahren ist, dann hört es nicht auf mich zu quälen. Immer muss ich daran denken. Vergebung hat eine heilende, entlastende, befreiende Wirkung. Und wenn es schwer ist, dann darf man darum beten: Herr, hilf mir doch, dass ich endlich vergeben kann!

Vergebung bedeutet nicht, dass ich damit das Unrecht rechtfertige. Es bleibt Unrecht vor Gott und vor dem Gesetz. Aber sie nimmt den Hass aus dem Herzen und die Rachegedanken. Der berühmte Maler Peter Paul Rubens wurde 1577 in Siegen in Westfalen geboren, war aber ein Niederländer und hatte ein Atelier in Antwerpen. Das kam so:

Um 1570 saß ein Mann namens Jan Rubens in Antwerpen im Gefängnis und wartete auf den Henker. Er war wegen Ehebruchs zum Tod verurteilt. Das gab es damals. Seine Frau, die er betrogen hatte, war nach Köln gezogen, vielleicht zu ihren Eltern. Jan Rubens schrieb ihr aus dem Gefängnis und bat sie um Verzeihung. Darauf schrieb ihm seine Frau:

„Mein lieber und geliebter Mann! Ich vergebe euch jetzt und immer. Ihr seid in so großem Kampf und Ängsten, daraus ich euch gerne mit meinem Blut erretten würde. Könnte da überhaupt Hass sein, dass ich eine kleine Sünde gegen mich nicht vergeben könnte, verglichen mit so viel großen Sünden, wofür ich alle Tage Vergebung bei meinem himmlischen Vater erflehe? Meine Seele ist so mit Euch verbunden, dass Ihr nicht leiden dürft. Ich leide alles mit Euch. Ich werde mit ganzer Kraft Gott für Euch bitten und mit mir unsere Kinder, die Euch sehr grüßen lassen und so sehr verlangen, Euch zu sehen. Das weiß Gott! Geschrieben zu Köln am ersten April nachts zwischen zwölf und eins.

Nachsatz: Schreib doch nicht mehr… Ich unwürdiger Mann! Es ist Euch doch vergeben! Eure treue Ehefrau Marie Rubens.“

Die Fürsprache der tapferen Frau rührte auch die Richter in Antwerpen. Nach zwei Jahren Haft kam Jan Rubens frei. Das Ehepaar zog nach Siegen und blieb dort. Zu ihren bisherigen Kindern wurde ihnen noch ein Sohn geschenkt. Sie nannten ihn Peter Paul und er wurde der berühmte Maler. Wenn es Vergebung nicht gäbe, hätte es Peter Paul Rubens nicht gegeben.

Diese Frau Vergebung gelebt. Sie hatte es verstanden, die ihr von Gott geschenkte Vergebung anzunehmen und weiterzugeben. Darum konnte sie ihren Mann, der sie doch betrogen hatte immer noch lieben. Ja, sie rettete ihn mit ihrer vergebenden Liebe. Und sie rettete auch ihre Ehe. Vergebung schenkt immer Neuanfang und verbindet noch mehr und noch tiefer.

Unvergebene Schuld dagegen ist wie eine Mauer, die voneinander trennt. Sie wird höher und höher, bis man einander gar nicht sehen kann, nicht mehr hören, nicht mehr riechen kann, nicht mehr berühren mag. Nicht umsonst hat der Herr Jesus seine Vergebungsbitte im Vaterunser so formuliert: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und der Apostel Paulus sagt es hier mit seinen Worten: Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Da werden keine Ausnahmen gemacht. Auch nicht bestimmte Verletzungen und Verfehlungen ausgenommen von diesem Vergebungsgebot. Ja es ist auch ein Gebot!

Von Gott erhalten wir Wertschätzung durch die Liebe des Heilands und durch sein Kreuz. So hat Gott die Welt geliebtWeil du so wert geachtet bist in meinen Augen sollst du auch herrlich sein und ich habe dich lieb, spricht der Herr. Ich habe dich je und je und je geliebt… Wie viele solche Liebeserklärungen Gottes haben wir schon bekommen, haben sie gebraucht und dankbar in uns aufgesogen. Die Bibel ist voll davon.

Paulus erinnert darum in diesem Zusammenhang an die Vergebung von der wir leben: Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Wie vergibt uns denn der Herr, wenn wir ihn bitten? Lässt er uns erst mal schmoren? Ist er erst mal beleidigt? Verlangt er Vorleistungen von uns? Du musst erst mal… Nein! Er vergibt uns vollständig und bedingungslos. Auch heute in diesem Gottesdienst. Er macht Dich neu!

Und daraus ergibt sich: „Der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen und seid dankbar!

Paulus schließt seine Ratschläge hier mit einem Friedenswunsch und einer geistlichen Ermahnung, die auch uns gilt:

Lasst das Wort Christi reichlich wohnen unter euch; lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;
mit Psalmen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut, mit Worten oder Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott dem Vater durch ihn.
Amen.

Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168