Verbindung mit Jesus suchen

Zur PDF

Christfest 2012 Johannes 3, 31-36

Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da war, der da ist und der da kommt.

In der Stille wollen wir um den Segen für diese Predigt bitten. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns und gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Es war bei einem Besuch zum 70. Geburtstag in unserer Gemeinde. Das Ehepaar empfing mich freundlich und bat mich hereinzukommen. Im Wohnzimmer begann die Unterhaltung damit, dass die Ehefrau des Jubilars sagte: „Herr Pfarrer, wir gehen immer zu Ihnen in den Gottesdienst.“ Na, so was, dachte ich, die Gesichter kommen Dir aber ziemlich unbekannt vor. Nachdem ich ja schon lange in der Gemeinde bin, kenn ich doch die regelmäßigen Gottesdienstbesucher. Entweder sitzen die immer ganz versteckt hinter einer Säule oder mein Gedächtnis lässt langsam nach. Ich ließ mir meine Verwunderung nicht anmerken, war aber doch neugierig und fragte nach.

„Ja“, sagte die Frau, „an Weihnachten sind wir immer bei Ihnen in der Kirche.“ – Und sie meinte damit die Christvesper um 17 Uhr am Heiligen Abend. Da ist unsere Kirche immer brechend voll und es sind sehr viele Gesichter, auch nach fast zwei Jahrzehnten, die ich nicht mit einem Namen verbinden kann. Regelmäßig ist halt ein relativer Begriff. Am Heiligen Abend könnte unsere Kirche doppelt so groß sein und würde wahrscheinlich trotzdem voll werden.

Heute, am 2.Tag des Christfestes ist das anders. Da gibt’s noch Plätze. Ja, in vielen Gemeinden sind da die Kirchen eher spärlich besetzt. Es ist die Kerngemeinde da. Die, die wirklich regelmäßig in den Gottesdienst kommen. Die, die der Pfarrer nicht nur vom gelegentlichen Sehen kennt, sondern mit Namen. Die, können das Weihnachtsevangelium schon mitsprechen und die Geschichten um die Geburt Jesu sind ihnen vertraut. „Ich muss zugeben“, so sagte dieser Tage ein Mitglied des Kirchenvorstands ganz ehrlich zu mir, „dass ich bei so bekannten Texten manchmal gar nicht mehr richtig zuhören kann.“– Vielleicht geht es Ihnen auch so, wenn Sie das Lukasevangelium mit der Weihnachtsbotschaft hören. Unser Gehirn meldet: Kenn ich schon, weiß ich alles und das Herz ist dann nicht mit dabei. Das ist schade, weil sich auch beim hundertsten Mal Hören etwas Neues entdecken lässt.

Heute, am Kerngemeinde-Weihnachtstag ist die Gefahr des allzu Bekannten beim Predigttext allerdings nicht gegeben. Den Abschnitt aus dem Johannesevangelium, der in der 5. Predigtreihe (sie gilt seit dem ersten Advent) vorgeschrieben ist, kennen die Wenigsten. Da muss man auch als Pfarrer genau hinschauen und hinhören. Da steht nichts von Engeln oder Windeln, von Hirten oder Stroh. Auch kein Stern und keine Volkszählung, kein himmlischer Glanz und kein Gloria. Und doch geht es um das Wunder dass Gott zu uns kommt. Der Evangelist Johannes will uns mit seinen Worten helfen zum richtigen Verständnis und zum rechten Umgang mit dem Wunder der Heiligen Nacht. Er schreibt uns, was Johannes der Täufer über Jesus sagt und das ist genau genommen auch ein Weihnachtsevangelium, aber ganz anderer Art. Hören Sie, was der Evangelist Johannes im 3.Kapitel in den Versen 31-36 schreibt:

Jesus ist vom Himmel gekommen und steht deshalb über allen. Wir aber gehören zur Erde und können nur von irdischen Dingen reden.
Christus kommt vom Himmel und kann bezeugen, was er dort gesehen und gehört hat. Trotzdem glaubt ihm keiner.
Wer aber an ihn glaubt, bestätigt damit, dass alles wahr ist, was Gott sagt. Christus ist von Gott zu uns gesandt. Er redet Gottes Worte, weil Gottes Geist ihn ganz und gar erfüllt.
Der Vater liebt den Sohn und hat ihm alle Macht gegeben.
Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.
Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, wird nie zum Leben gelangen, sondern Gottes Zorn wird über ihm bleiben.

Johannes hält sich nicht mit putzigen Details auf, sondern stellt Zusammenhänge her. Gott und die Welt! Das sind Welten! Völlig verschiedene Welten. Die für uns sichtbare und eine für uns noch unsichtbare Welt. Die sind so verschieden, dass es keine Gemeinsamkeiten geben kann. Das ist wie Tiefsee und Hochgebirge. Ein Tiefseefisch, der in seiner sonnenlosen Finsternis sein ganzes Leben unter gewaltigem Druck steht, der würde im Hochgebirge keine Sekunde überleben. Der wäre dort im Nu geblendet und geplatzt.

Und der Mensch, in der Finsternis des Todesschattens, der sein Leben lang unter Druck steht, wäre in der Lichtwelt, in der Freiheit Gottes auch nicht lebensfähig. Geblendet und geplatzt, sein Traum vom Paradies. Wenn nicht einer die Lösung gefunden hätte, die Er-Lösung: Jesus, von Gott gesandt. Aus der Ehre der göttlichen Höhe in die Schmach des Kreuzes in der Tiefe.

Der Christus bezeugt uns den Himmel und er allein kann uns verwandeln in eine neue Existenz, die im Licht und in der Freiheit des Himmels lebensfähig ist. Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Neues ist geworden. Einige Verse vorher hat Johannes davon berichtet, wie diese neue Kreatur, das neue Wesen entsteht.

Er erzählt am Anfang des 3.Kapitels von der Begegnung zwischen Jesus und Nikodemus, dem Mitglied des Hohen Rates. Der hat übrigens auch zur Kerngemeinde gehört, sogar zur Kirchenleitung und hatte dennoch Entscheidendes noch nicht begriffen. Dass es eine Verwandlung braucht, ein neues Leben um Gottes Reich zu erkennen und zu erleben.

Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. So sagt Jesus zu ihm und Nikodemus versteht zunächst nichts, obwohl er doch alle Geschichten der Heiligen Schrift kennt. „Soll ich vielleicht noch einmal in den Leib meiner Mutter zurückkehren und wieder geboren werden?“ Obwohl das ja eine etwas blöde Antwort ist, nimmt Jesus die Ratlosigkeit des Nikodemus ernst: „Nein! Die Geburt, die ich meine, geschieht nicht durch Wehen und Pressen, sondern durch Wasser und Geist. Durch Taufe und Heiligen Geist Gottes.

Da muss ein Mensch Gott und seinen Geist an sich handeln und wirken lassen. Er muss erst einmal die wahren Verhältnisse akzeptieren: Ich bin von unten. Gott ist von oben. Ich bin verloren. Nur Gott kann mich retten. In mir herrscht die Finsternis. Nur Gott kann mich hell machen. Ja, er kann und er will! Das ist Evangelium und wahre Weihnachtsbotschaft. Dazu ist Gott in Jesus Mensch geworden, damit das geschehen kann. Dass verlorene Weltmenschen zu geretteten Gotteskindern werden. Dass jemand die Last seiner Sünde erkennt und die Liebe der Vergebung durch Jesus erfährt.

Es ist keine galaktisch Schleuse, die die Verbindung zwischen den Welten herstellt, kein kosmischer Tunnel, sondern ein schlichtes Holzkreuz. Von Menschen zusammengezimmert um zu zerstören, von Gott benutzt um zu retten. So, und auch das ist ein Satz aus demselben Kapitel des Johannesevangeliums, so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das Ewige Leben haben.

Gott hat die Voraussetzung für die neue Geburt und das neue Leben geschaffen. Jetzt hängt es nur noch an unserem Glauben, ob es für uns wirksam wird. Es heißt: alle, die an ihn glauben, werden nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. Alle, die glauben, dass der in der Krippe auch der ist, der am Kreuz für ihre Sünde starb.

Viele kapieren es nicht, dass Krippe und Kreuz aus dem gleichen Holz sind. Es ist ein und derselbe Baum, ein und derselbe Gott, der uns die Krippe hingestellt hat und das Kreuz. Und in beidem spiegelt sich die unendliche Liebe Gottes wieder. Beide tragen den EINEN, der allein uns retten kann, Jesus, den Christus oder zu Deutsch, den Heiland. Beide rufen uns Jahr für Jahr in großer Geduld zu: Fass es doch! Nimm es doch im Glauben an und es gilt Dir! Du bist angenommen und geliebt! Deine Schuld, wie groß sie auch war ist getilgt.

Nur wenn jemand das für sich erlebt und kapiert hat, wird er das Bedürfnis haben regelmäßig und immer wieder unter das Wort Gottes zu kommen. Nicht nur in jährlichem Abstand, sondern so oft es geht, will er mehr von diesem gewaltigen Wort hören, mehr von dem liebenden Gott spüren. Dann will er nicht mehr der Finsternis dienen, sondern dem Licht und der Liebe.

Zugegeben, diese Liebe führt in die Abhängigkeit. Aber das ist keine zerstörende Abhängigkeit, die zum Tod führt, sondern eine Kraft und Leben spendende Abhängigkeit. Ein echter Raucher braucht gleich nach dem Aufstehen seine erste Zigarette und dann den Tag über immer wieder eine. So braucht ein echter Christ gleich am Morgen nach dem Aufwachen die Verbindung zu seinem Herrn und dann den ganzen Tag über immer wieder. So, wie man von der Raucherpause redet, könnte man beim „abhängigen“ Christen von der Beterpause reden. Mal für drei Minuten raus aus der Mühle und aus den Arbeitsgedanken, tief Luft holen und dabei die Verbindung mit Jesus suchen. Dabei rufen wir uns in Erinnerung, dass wir nicht auf uns allein gestellt sind. Wir dürfen zugreifen und die Worte Gottes für uns nehmen und uns glaubend bewusst machen, dass wir einen Heiland haben, dass wir uns nicht fürchten müssen, dass wir geborgen sind.

Wenn wir das im Glauben festhalten, dann bestätigt sich das in unserem Leben immer neu. Wie hat Johannes geschrieben: Wer an ihn glaubt, bestätigt damit, dass alles wahr ist, was Gott sagt. Christus ist von Gott zu uns gesandt. Er redet Gottes Worte, weil Gottes Geist ihn ganz und gar erfüllt.

Der Theologe und Arzt Angelus Silesius (1624-1677) hat geschrieben: “Und wäre Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.”

Drei Geburten sind nötig, damit ein Mensch das Leben hat, das nie aufhört: 1. die Geburt von Bethlehem, die wir heute am Christfest, dem Geburtstag unseres Herrn feiern. 2. unsere eigene Geburt, die wir jedes Jahr an unserem Geburtstag feiern und für die wir hoffentlich auch jeden Tag von Herzen dankbar sind. Unser Leben ein Geschenk Gottes! Und die dritte notwendige Geburt ist die in Johannes 3 beschriebene neue Geburt aus Glauben.

Sie geschieht eben nicht allein und automatisch durch die Taufe eines Kleinkindes, auch nicht durch die Konfirmation oder den Religionsunterricht, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes an einem suchenden ehrlichen Menschen, der dem Wort Gottes glaubt. Wer sich zum Beten zwingen muss, wem Gottesdienst eine lästige Pflicht sind, wer die Bibel ungern aufschlägt, der kann sicher sein, dass an ihm diese dritte Geburt noch nicht geschehen ist. Aber der darf sie erbitten von Gott und sich nach ihr ausstrecken.

Wer durch den Geist Gottes von neuem geboren ist, wird überwältigt von der unendlichen Liebe, die von Jesus ausgeht und der erkennt diese Liebe in der Krippe und im Kreuz. Er sieht sie im eigenen Leben und hört sie aus dem Wort Gottes. Auch aus den Warnungen und Mahnungen der Heiligen Schrift. Ja die Liebe Gottes steht auch hinter allen Geboten. Wer das erkannt hat, der will die Gebote auch halten. Und wenn uns das immer wider nicht gelingt, wenn wir an der Liebe schuldig werden, dann dürfen wir Krippe und Kreuz aufsuchen, um Vergebung bitten und sie im Glauben annehmen.

Als Glorialied haben wir vorhin die in der Reformationszeit entstandene Strophe gesungen (EG 35,3):

Groß ist des Vaters Huld,
der Sohn tilgt unsre Schuld.
Wir warn all verdorben durch Sünd und Eitelkeit,
so hat er uns erworben die ewge Himmelsfreud.
O welch große Gnad,
o welch große Gnad

Nachher singen wir noch Paul Gerhardts Strophe (EG39,3):

Sehet, was hat Gott gegeben,
seinen Sohn zum ewgen Leben.
Dieser kann und will uns heben
aus dem Leid ins Himmels Freud.

Er kann und er will, so hat der Liederdichter es richtig ausgedrückt: Gott kann und will uns aus unserer Tiefe, aus unserem Leid, aus der Trauer, aus dem Schmerz, aus der Schuld, aus der Einsamkeit, aus der Enttäuschung. Aus jeder Tiefe kann und will uns der heben, dessen Geburt wir heute feiern. Und nur wenn wir uns von ihm herausholen lassen, macht diese Feier Sinn.

Mit einem Ausspruch Benjamin Franklins (1706-1790), US-amerikanischer Politiker, Schriftsteller und Naturwissenschaftler möchte ich schließen: Wie viele befolgen Christi Geburtstag! Wie wenige seine Vorschriften! Oh, es ist leichter Festtage als Gebote zu halten. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168