Um welchen Glauben geht es denn? Was ist (der richtige) Glaube?
Zur PDFPalmsonntag 28.03.21 Kreuzkirche, Hebräer 11,1.2, 39.40. 12,1-3
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Ein Mann erzählt: Mein Hund fährt am liebsten im Fußraum des Beifahrers mit. Kürzlich parkte ich meinen Wagen an einer steil abfallenden Straße und sagte beim Aussteigen zu ihm: „Schön dableiben!“ – Ein älterer Mann, der gerade vorbeiging schüttelte den Kopf und meinte: „Versuchen Sie es lieber mit der Handbremse!“ – Der hat doch tatsächlich geglaubt, mit den Worten: Schön dableiben! Hätte der Autobesitzer seinen Wagen angesprochen. Irrtum! Falsch geglaubt!
Kirche, Gottesdienst, Predigt, da geht es um den Glauben. Zweifellos! – Aber um welchen Glauben? Und was ist Glaube? Da gehen die Meinungen schon auseinander. Die einen sagen: Glauben heißt nicht wissen. Andere sehen das auch so und meinen es geht um Vermutungen. Manchen ist das zu dubios und die sagen dann: „Herr Pfarrer, ich hob‘s ned so mid‘m Glaam.“ (Ich habe es nicht so mit dem Glauben.)
Wieder andere behaupten: Glaube ist Privatsache, das geht doch wirklich keinen was an, was ich glaube. Oder noch eine Variante: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. – Und: Egal, was ich glaube, Hauptsache ich glaube irgendwas. Irgendeinen Glauben braucht der Mensch.
Das scheint wirklich so zu sein, denn auch die, denen der Glaube an den dreieinigen Gott nichts bedeutet, sind keineswegs ohne Glauben. Sie glauben, dass die Sterne oder Mond Einfluss auf uns hätten und richten ihre Entscheidungen nach ihrem Horoskop aus. Und die behaupten, gar nichts zu glauben, glauben manchmal den größten Blödsinn. An Verschwörungstheorien, Außerirdische, die unseren Planeten heimsuchen oder innere Zusammenhänge, die unser Leben und Wohlbefinden bestimmen. Sie glauben an bestimmte Zahlen, Daten, an die Kraft eines Maskottchens und an das Glück.
Was ist denn nun der richtige Glaube? Was macht ihn aus und was kann er bewirken? In unserem heutigen Predigttext geht es um den Glauben. Die ausgewählten Verse sind kein direkt zusammenhängendes Stück aus einem Evangelium oder einer Lebensgeschichte der Erzväter im Alten Testament. Es sind wenige Verse aus einem Brief, von dem wir nicht einmal wissen, wer ihn geschrieben hat und an wen er ursprünglich gerichtet war. Der Kirchenvater Origenes hat bereits zu Beginn des dritten Jahrhunderts festgestellt: Gott allein weiß, wer den Hebräerbrief geschrieben hat.
Aus dem Inhalt des Briefes kann man vermuten, dass er an eine judenchristliche Gemeinde geschrieben worden sein muss, denn es werden ganz viele Begriffe und Personen aus dem Alten Testament als bekannt vorausgesetzt. Trotz dieser Unklarheiten enthält der Hebräerbrief sehr viele ganz wichtige Aussagen über Gott, Jesus und den Glauben. Zum Beispiel darüber, was Glaube überhaupt ist und worum es gerade im christlichen Glauben geht.
Ich lese die Verse aus dem 11. u. 12. Kapitel des Hebräerbriefs: Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen.
Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht erlangt, was verheißen war, weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden.
Darum auch wir, weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.
I. Es wird zunächst eine Behauptung aufgestellt, die den Glauben definiert: Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Das ist ja schon eine klare Ansage, was Glaube ist: Eine feste Zuversicht. – Also nicht eine unsichere Vermutung. Solche feste Zuversicht hatte das Kind, das nach einer langen Dürreperiode bei wolkenlosem Himmel den Regenschirm mit in die Kirche nahm zum Bittgottesdienst um Regen. Es zweifelte nicht, dass es regnen würde, auch wenn weit und breit noch keine Regenwolke zu sehen war. Es hatte feste Zuversicht und kindlichen Glauben. Jesus sagt im Zusammenhang mit seiner Auferstehung zu dem Jünger Thomas: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Also glauben, obwohl von Hilfe nichts zu sehen ist.
II. Im Anschluss an diese grundsätzliche Definition von Glauben werden in den nicht verlesenen Versen fast ein ganzes Kapitel lang Zeugen benannt und Beispiele aufgeführt. Die sind bei der Auswahl der Verse unseres Predigttextes weggelassen worden, weil man Wert auf die gesamte Argumentation legte. Da ist zum Beispiel von Noah die Rede, der weit weg von irgendeinem größeren Gewässer ein gigantisches Schiff baute, weil Gott es ihm aufgetragen hatte. Er zweifelte nicht daran, obwohl nichts davon erkennbar war, dass diese Arche eines Tages gebraucht werden würde. Und sie ist gebraucht worden und hat durch den Glauben und den Gehorsam Noahs viele Leben gerettet.
III. Die Leser/Hörer des Briefes werden eindringlich aufgefordert, abzulegen, was sie am Glauben hindert: „… lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt…, Das ist ja auch eine Erfahrung, die wir immer wieder machen, dass es allerhand gibt, was uns am Glauben hindern will: Dass wir so viele Zweifel haben und dass wir denken, Gott kann ja gar nichts für uns tun, weil wir so oft nicht auf ihn gehört haben und immer wieder gesündigt haben. Was hindert Sie am Glauben? Überlegen Sie mal!
Manchmal sind es auch Stimmen der Vernunft, die auf uns einstürmen: Gott kann doch gar nicht die vielen Gebete der Milliarden Menschen hören. Das ist doch unmöglich! – So redet die menschliche Vernunft, die dem Glauben im Weg steht. Martin Luther hat dazu einmal gesagt: „Wenn die Vernunft schon kann eins zwei drei zählen, auch sehen, was schwarz oder weiß, groß und klein ist, und über andere äußerliche Sachen urteilen, so kann sie doch nicht sehen, was Glaube ist. Da ist sie so starrblind, dass, selbst wenn alle Menschen ihre Klugheit zusammentäten, sie doch keinen einzigen Buchstaben von der göttlichen Weisheit verstehen könnten.“
Und dann heißt es hier im Hebräerbrief gar: Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort gemacht ist, so dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist. – Ist schon das erste schwer vorstellbar, dass die Welt nur durch Gottes Wort gemacht ist. – So wie es in der Schöpfungsgeschichte steht: Gott sprach und es geschah…
Beim zweiten erhebt die Wissenschaft heftig Widerspruch und unsere eigene Vernunft schließt sich ihr an: Alles, was wir sehen aus nichts geworden. Also bitte! Schon der gesunde Menschenverstand sagt uns doch: Von nichts kommt nichts! – Das Wort Gottes aber behauptet: Gott braucht nichts, um aus diesem Nichts etwas, gar Großes zu machen.
Der Glaube muss nichts sehen, um zu glauben und er zweifelt nicht, nur weil er (noch) nichts sieht. Das sind schon steile und gewagte Forderungen. Und doch hat Gott so oft aus Nichts etwas gemacht. – Mose steht mit dem Volk Israel am Ufer des Roten Meeres. Vor ihnen todbringende Wassermassen, hinter ihnen das todbringende ägyptische Heer. – Da ist weit und breit nichts zu sehen, was retten kann…
IV. Zuletzt werden wir als Menschen späterer Zeit aufgefordert, genau solchen Glauben, der sich nachweislich im Leben zahlloser Vorfahren bewährt hat, zu übernehmen und damit eigene gute Erfahrungen zu machen.
Es wird nicht verschwiegen, dass dazu Geduld und Beharrlichkeit nötig sind. Der Glaube wird durch Ereignisse bestätigt, die häufig außerhalb menschlicher Vorstellungskraft liegen. Aber der Glaubende muss oft warten, bis sich sein Glaube durch Erfüllung bestätigt. Manche Erfüllungen dauern erheblich länger als ein Menschenleben. Es dauerte viele Generationen lang, bis die Nachkommen Abrahams das Land tatsächlich bevölkern konnten, das ihrem Vorfahren von Gott versprochen war.
Und die Messias-Verheißungen der Propheten erfüllten sich auch erst nach mehr als einem halben Jahrtausend in Bethlehem im Jesus-Kind in der Krippe. Das hat so lange gedauert, dass manche Fromme es gar nicht im Glauben annehmen konnten, als es dann schließlich tatsächlich geschah.
Gott sei Dank dauert es meistens nicht so lange, bis Gott seine Zusage für die Glaubenden erfüllt, aber häufig vergeht doch mehr Zeit als wir uns das vorgestellt haben. Darum gilt: Wir brauchen im Glauben Geduld.
Die Geschichte der Olympischen Spiele erzählt von dem tschechischen Langstreckenläufer Emil Zatopek, auch die Lokomotive aus Prag genannt. Er hatte einen unmöglichen Laufstil und wollte eigentlich ursprünglich gar nicht sportlich laufen. Sein Chef nötigte Zatopek, als Vertreter der Schuhfabrik „Bata“ an einer Cross-Laufveranstaltung teilzunehmen. Zatopek versuchte das abzulehnen. Von einem Arzt wollte er sich krankschreiben lassen. Aber der Arzt nannte ihn einen Simulanten und verweigerte das Attest. Ärgerlich ging Zatopek zum Rennen und verkündete am Start trotzig: Wenn ich schon laufen muss, dann will ich jetzt auch gewinnen! Es war der Anfang einer langen und sehr erfolgreichen Läuferkarriere: Vier Olympiasiege, drei Europameistertitel und 18 Weltrekorde. „Rennen ist einfach“, sagte Zatopek einmal. „Hier ist der Start, dort ist das Ziel, dazwischen muss man laufen.“
Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, so fordert der Schreiber des Hebräerbriefs uns auf und vergleicht den Glauben mit einem sportlichen Lauf: Hier ist der Start, dort ist das Ziel und dazwischen muss man laufen, nicht aufhören damit. Oder übertragen: Wir haben einen Anfang gemacht im Glauben und wir wissen vom Ziel. Und zwischen dem Anfang des Glaubens und dem Ankommen am Ziel heißt es glauben. Ohne Glauben ist es unmöglich Gott zu gefallen, heißt es in einem der nicht vorgelesenen Verse unseres Kapitels.
Glauben, auch wenn es Wegstrecken gibt auf denen es schwer fällt weiter zu glauben. Auch beim Laufen geht es auch nicht immer mit Rückenwind bergab. Da gibt es lange Steigungen, an denen es sehr zäh geht, freie Flächen, auf denen einem der Gegenwind zu schaffen macht und schattenlose Passagen in der heißen Sonne. Man möchte aufgeben.
Es heißt aber trotzdem: Weiterlaufen, nicht aufgeben, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Der Hebräerbrief hilft uns da mit dem Hinweis auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Der hätte auch seinen Lauf zum Kreuz abbrechen können, Freude haben, Leben genießen, Ehre und Anerkennung suchen. Aber er hat stattdessen das Kreuz erduldete und die Schande geringgeachtet und sich gesetzt zur Rechten des Thrones Gottes.
Und uns wird hier der Rat gegeben, wenn wir müde im Glauben werden und aufgeben wollen, doch aufzusehen von unseren Hindernissen und Problemen. Aufzusehen auf Jesus, der für uns den Lauf vollendet hat: Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.
Wir können sicher sein: Jesus hat volles Verständnis für müde Läufer. Er steht an der Strecke mit frischem Wasser, mit stärkender Verpflegung, mit Mut machenden Worten. Ja er läuft mit, läuft neben dir und du darfst in seinem Wind-schatten neue Kräfte sammeln. Nur eins darfst du nicht: Aufhören zu laufen, den Kontakt zu ihm abreißen lassen. Er will dich und mich ans Ziel bringen. Dort, am Ziel angekommen, werden wir einmal dankbar und überglücklich zurückschauen auf den langen und manchmal schwierigen Weg, den wir zu gehen hatten und sagen:
Danke Jesus! Ohne dich hätte ich das nie geschafft. Danke für deine Geduld, deine Hilfe und deine Kraft. Danke, dass du mich doch tatsächlich durchgebracht hast an dieses wunderbare Ziel. Amen.
© Martin Schöppel, Pfr. i. R. Martha Maria 5 95488 Eckersdorf, Tel 0921 53048417