Über Leid und Tod reden
Zur PDFEstomihi, 10.02.2013, Luk.18, 31-43
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Unser heutiges Schriftwort für die Predigt steht beim Evangelisten Lukas im 18. Kapitel, Vers 31 – 43:
Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich und sagte zu ihnen: „Ihr wisst, dass wir jetzt nach Jerusalem gehen. Dort wird sich alles erfüllen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben. Man wird ihn an die Römer ausliefern, ihn verspotten, misshandeln, anspucken und schließlich auspeitschen und töten. Doch drei Tage später wird er von den Toten auferstehen.“ Aber die Jünger begriffen nichts. Vergeblich zerbrachen sie sich den Kopf: „Was wollte Jesus nur damit sagen?“
Jesus und seine Jünger waren auf dem Weg nach Jericho. In der Nähe der Stadt saß ein Blinder am Straßenrand und bettelte. Er hörte den Lärm der vorbeiziehenden Menge und fragte neugierig: „Was ist da los?“
Einige riefen ihm zu: „Jesus von Nazareth kommt nach Jericho.“ Als er das hörte, schrie er laut: „Jesus, du Sohn Davids, hilf mir!“
Die Leute fuhren ihn an: „Halt den Mund!“ Er aber schrie nur noch lauter: „Du Sohn Davids, hilf mir doch!“
Jesus blieb stehen und ließ den Mann zu sich führen. Dann fragte er ihn: „Was willst du von mir?“
„Herr“, flehte ihn der Blinde an, „ich möchte wieder sehen können!“
„Du sollst wieder sehen!“ sagte Jesus zu ihm. „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Von diesem Augenblick an konnte der Mann wieder sehen. Er ging mit Jesus und lobte Gott. Zusammen mit ihm lobten und dankten alle, die seine Heilung miterlebt hatten.
Die Jünger seufzen: „Warum fängt der Herr denn schon wieder an? Muss das denn sein, dass er immer von Leid und Verfolgung, von Bosheit und Hass und vom Tod redet? Merkt er denn nicht, wie er uns das Herz damit schwer macht?“
Auf dem Weg nach Jerusalem war es schon das dritte Mal, dass er auf sein bevorstehendes Leiden und Sterben hinwies.
„Er redet doch sonst ganz anders, von der Liebe und Fürsorge Gottes, vom Heil und vom zukünftigen Gottesreich, manchmal auch kämpferisch und scharf mit Pharisäern und Schriftgelehrten. Warum macht er uns denn in letzter Zeit immer öfter das Herz schwer, mit düsteren Worten von böser Zeit?“
Es kann und darf in ihren Augen einfach nicht wahr sein, dass der Menschensohn dem Spott und dem Mutwillen der Feinde ausgeliefert wird, dass man ihn schlägt und umbringt. Die Jünger verschließen sich dieser Ankündigung ihres Meisters. Sie wollen es nicht hören und können es nicht verstehen. Hat Jesus denn gar kein Vertrauen in sie. Sie sind doch auch noch da und werden doch alles tun, um ihren Herrn zu schützen.
Schade, dass sie das Thema, das Jesus hier anschneidet, abblocken. Sie bringen sich damit um die Möglichkeit, innerlich vorbereitet zu sein, auf die kommenden Ereignisse und sie lassen Jesus allein mit seiner Angst. Weil sie die Worte von seinem nahen Tod nicht hören wollen, überhören sie auch seine Ankündigung der Auferstehung und des neuen Lebens: „… am dritten Tage wird er auferstehen.“ Weil sie vom Leben danach nichts hören, muss auch der Tod tabu sein.
Ist das nicht heute genauso unter Menschen, die sich nahe stehen? Wenn Kinder nach dem Tod fragen, blocken Eltern ab, oder erzählen phantastische Märchen von der Oma, die jetzt von irgendeinem Stern auf die Erde herunter schaut.
Die Ursache dafür ist die eigene Unsicherheit, die Unkenntnis über biblische Aussagen, vielleicht auch die Angst vor dem eigenen Tod. Weil man nicht an Auferstehung und ewiges Leben glaubt, darf vom Tod nicht geredet werden. Zu schrecklich ist die Vorstellung eines unwiderruflichen Endes.
Manchmal sind es alte oder kranke Menschen, die den Versuch wagen. Sie spüren, dass sie dem Tod näher kommen und dass sie nicht mehr viel Zeit haben. Sie suchen Gesprächspartner, die ihnen helfen mit ihrer Angst fertig zu werden. Aber sobald sie das Thema anschneiden, wird abgeblockt: „Oma, daran darfst du gar nicht denken, du wirst sehen, du wirst hundert Jahre alt.“
Auch viele Schwerkranke sind so schon falsch getröstet worden, manchmal gegen besseres Wissen und die schlechte Prognose des Arztes missachtend: „Du darfst doch nicht ans Sterben denken, du wirst schon wieder gesund.“ Und dazu gibt’s noch ein paar aufmunternde Volksweisheiten: „Unkraut vergeht nicht! Der Herr X ist doch auch wieder gesund geworden.“ Und eines Tages kommt die Nachricht, man steht an einem Totenbett, einem Sarg, einem Grab und es ist zu spät über all die wichtigen Fragen zu reden.
Über Tod und Sterben spricht man nicht und vergibt damit eine wichtige und große Chance. Die Chance gut und ehrlich voneinander Abschied zu nehmen. Die Chance noch über das zu sprechen, was jetzt wirklich wichtig wäre. Man vergibt viele letzte Gelegenheiten: Miteinander über das zu reden, was einem am meisten bewegt. Oder zu danken, noch dies und das zu fragen und um Vergebung zu bitten. Man wird dabei an der Liebe schuldig, denn man lässt jemanden, der dem Tod nahe ist auf dem letzten schweren Weg mit seiner Not allein. – In den meisten Fällen wird heute kein Pfarrer mehr geholt, wenn es dem Ende entgegen geht, keine Gelegenheit zur Beichte geschaffen, kein letztes Abendmahl mehr mit der Familie gefeiert. Schade! Nein mehr! Schuld!
Woran liegt es eigentlich, dass es uns so schwer fällt über Leid und Krankheit, Tod und Ewigkeit zu sprechen? Man schweigt, unterhält sich über Belangloses, lenkt sich ab, drückt auf einen Knopf und lässt sich berieseln. Warum?
Es hat wohl denselben Grund wie hier bei den Jüngern, die nichts vom Leiden und Sterben des Herrn Jesus hören wollen. Sie haben keinen Glauben, sie vertrauen nicht auf die Worte Gottes und sie hören gar nicht richtig zu.
Hätten sie Jesus bis zum Ende genau zugehört, dann wäre ihnen der letzte Satz, der entscheidende Satz, nicht entgangen: Am dritten Tage wird der Menschensohn auferstehen. Wenn sie das gehört und geglaubt hätten, wäre es ihnen viel wichtiger und größer gewesen als das kommende Leid, von dem Jesus redete.
Eine werdende Mutter kann sich innerlich gut auf die Mühen der Schwangerschaft und die bevorstehenden Schmerzen bei der Geburt einstellen, weil sie weiß: danach werde ich mein Kind in den Armen halten.
Wer an den Herrn Jesus glaubt, an seine Macht über den Tod, an Auferstehung und ewiges Leben, der kann ganz anders mit dem Leid, den Schmerzen und mit dem Sterben umgehen, das dem vorangeht. Wer glaubt, hat das Ziel vor Augen, hat den Sieg vor Augen und die Herrlichkeit Gottes. Wer daran glaubt, der kann auch über den Tod reden.
Können wir das nicht, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass wir nicht wirklich mit Gottes Möglichkeiten rechnen, sondern vielleicht mehr der menschlichen Vernunft oder den atheistischen Parolen unserer Zeit vertrauen. Jesus tadelt die Jünger hier nicht für ihren Unglauben, aber er lässt sie auf dem Weg nach Jerusalem kurz nach diesem abgebrochenen Gespräch erleben, was der Glaube vermag.
Seine dritte Leidensankündigung und der Bericht von der Blindenheilung vor der Stadt Jericho stehen nicht zufällig so unvermittelt nebeneinander. Sie lassen den krassen Gegensatz zwischen der Wirkung des Unglaubens und dem Segen des Glaubens erkennen. Die Jünger wurden durch ihren Unglauben blind für die Wirklichkeit Gottes. Der blinde Bettler wurde durch seinen Glauben sehend. Dabei war der arme Mensch durch seine Blindheit wirklich so elend dran, dass man verstehen könnte, wenn er den Glauben verloren hätte.
Blindheit ist auch heute noch ein schweres Schicksal, das man sich als Sehender kaum wirklich vorstellen kann. Immer im Dunkeln, Tag und Nacht. Orientierung nur durch Hören, Riechen, Tasten. Jeder Schritt verbunden mit der Angst zu fallen, anzustossen, Gefahren nicht rechtzeitig wahrzunehmen. Dazu viele Schwierigkeiten im Alltag. Immer auf Hilfe angewiesen sein: Lesen Sie mir bitte die Speisekarte vor; sagen Sie mir bitte wohin dieser Zug fährt; welches ist der Klingelknopf, den ich suche. Blindenschrift, Handgriffe, die für andere kein Problem sind. Wenige Berufe sind möglich.
Damals, zurzeit Jesu kam überhaupt nur ein Gewerbe in Frage: Betteln. In demütiger Haltung am Stadttor, auf dem Marktplatz oder am Wegrand sitzen und darauf warten und hoffen, dass die Vorbeikommenden die Not sehen und aus Mitleid eine Münze in den Schoß werfen. Der Blinde kann die mitleidigen Blicke und die unangenehm berührten Gesichter nicht sehen, aber er spürt sie doch. Viele Schritte hört er schnell und achtlos an sich vorübergehen, wenn er auf dem staubigen Boden sitzt und die Pilger auf dem Weg nach Jerusalem an ihm vorübereilen. Für jeden, der ihm ein Geldstück hinwirft bleibt ihm nur ein schnelles „Vergelts-Gott!“.
Was ist das für ein Leben? Die Passanten meinen, das ist kein Leben. Das ist peinlich, das ist ein Anblick, den man jedem Gast und Besucher ersparen möchte. Und darum reagieren sie sauer und verärgert als der Mann auch noch anfängt laut hinter Jesus her zu rufen. Er hatte wohl erfragt, wer da mit so vielen Begleitern vorbeizog und er sah seine große Chance: „Jesus, du Sohn Davids, hilf mir!“
Erstaunlich! Dass er nicht bitter und spöttisch lacht:“ Ha, Gott, frommes Gesindel, scheinheiliges Getue! Wenn es einen Gott gäbe, könnte er dann all das Elend auf dieser Welt zulassen? Könnte er dann mein Elend zulassen? Gott? Mich hat er vergessen, meine Gebete hat er nicht erhört!“
Wieviele Menschen reagieren so auf das Leid und die schweren Erfahrungen ihres Lebens. „Uns kann niemand helfen! Gott? Kirche? Pfarrer?“ Als ich kürzlich im Krankenhaus ein Zimmer betrat, in dem eine sichtlich vom Tod gezeichnete Frau auf ihrem Bett saß, stellte ich mich kurz als Pfarrer vor. Sie schüttelte nur den Kopf: Kein Interesse. Ich drehte mich um und ging. Traurig und erschüttert. – Eine Station weiter eine andere Frau, der der Arzt gesagt hatte: Sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Sie war ganz offen und bereit darüber zu reden, sich vorzubereiten. Wir konnten reden, miteinander beten und sie war ganz ruhig und gefasst, obwohl auch sie den Tod vor Augen hatte.
Andere sagen: Mit Gott bin ich fertig, der kann mir auch nicht helfen. Seit damals mein Kind starb, seit mich meine Frau verlassen hat, seit ich meine Arbeit verloren habe … Von Gott will ich nichts wissen. Furchtbar, wenn jemand, der keine Hoffnung auf Heilung oder Hilfe mehr hat auch noch die Hoffnung auf das Heil aufgibt.
Der blinde Bettler hier reagiert anders. Er will unbedingt an Jesus herankommen. Niemand kann ihn davon abhalten hinter dem Mann Gottes her zu rufen. Er lässt sich nicht von den vielen frommen Begleitern abwimmeln: „Jesus, du Sohn Davids, erbarm dich über mich!“ Keine Fragen, keine Zweifel, keine Anklage gegen Gott, nur die Bitte, der Schrei um Erbarmen: „Jesus, du versprochener Retter, du Nachkomme des großen Königs David, erbarm dich über mich!“
An so einem Herzensschrei geht der Heiland nicht einfach vorüber. Er bleibt stehen, er lässt den Mann herführen, er nimmt sich Zeit für ihn, fragt nach seiner Not. Wenn wir etwas Wichtiges vorhaben, lassen wir uns nicht gerne aufhalten. Wenn jemand Gäste erwartet und mitten in den Vorbereitungen steckt, wird er schnell ungeduldig und ärgerlich, wenn ihm am Telefon jemand eine lange Geschichte erzählt.
Wenn der Direktor zu einem wichtigen Termin eilt und unterwegs von einem unwichtigen Mitarbeiter angesprochen wird, dann heißt es: „Lieber Mann, jetzt nicht! Jetzt hab ich wirklich Wichtigeres zu tun!“
Der Herr Jesus ist hier unterwegs zu dem allerwichtigsten Termin, den es je in der Welt gab. Er ist auf der Straße, die ihn schließlich nach Golgatha führt. Auf dem Weg, die Schuld der Welt zu tragen. Er hat Spott, Schmerzen, Folter und Tod vor sich und er weiß es. Seine Freunde verstehen ihn nicht. Trotz der vielen Menschen ist er ganz allein auf dem Weg, Frieden zwischen Gott und Menschen zu stiften. Und da schreit ihm ein blinder Bettler nach und hält ihn auf. Und was tut Jesus? Er bleibt stehen und lässt den Mann zu sich führen. Dann fragt er ihn: „Was willst du von mir?“ „Herr“, fleht ihn der Blinde an, „ich möchte wieder sehen können!“
Jesus speist ihn nicht mit einem Almosen ab, sondern nimmt den Mann und seine Not ernst. „Sehen willst du?“ Ja sieht denn dieser Blinde mit seinen toten Augen nicht schon viel mehr als die vielen Sehenden um Jesus herum? Er sieht, wen er vor sich hat: Den Sohn Gottes, den Herrn aller Herren. So redet er ihn auch an: „Herr, dass ich wieder sehen kann!“ Und als ob es nicht anders sein könnte, antwortet ihm Jesus: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen!“
Der Mann hatte jahrzehntelang nichts gesehen von der Herrlichkeit Gottes, nicht einmal etwas von den herrlichen Spuren Gottes in der Natur. Aber er glaubt. – Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Diese Geschichte auf der Straße vor Jericho ist Ermutigung zum Glauben für uns und für alle, die das Leid der Welt oder das Leid ihres eigenen Lebens erfahren. Ermutigung, trotzdem nicht an Gott zu zweifeln, sondern mitten aus der Not den Schrei um Erbarmen an Jesus zu richten.
Es ist die Zusage der Heiligen Schrift, dass jeder, der nicht aufhört nach dem göttlichen Erbarmen zu schreien, auch Barmherzigkeit und Hilfe erfährt. Jeder, der auch gegen den Augenschein am Glauben festhält, wird eines Tages sehen, was er geglaubt hat.
In einem Lied von Eckart Bücken heißt es:
All eure Sorgen, heute und morgen, bringt vor ihn, bringt vor das Kreuz. Ihr seid geborgen, heute und morgen.
Das ist Geborgenheit des Glaubens. Sie öffnet uns die Augen für Gottes Möglichkeiten. Uns bleiben nur diese beiden Möglichkeiten: Entweder Leid und Tod verdrängen und als Sehende blind auf ein dunkles Ende zugehen. Oder nicht sehen und doch glauben, trotz Leid. Und weiter um Gottes Erbarmen für uns und andere bitten. Gott lässt sich aufhalten von allen, die um sein Erbarmen bitten. Er lässt auch seine Gerichte aufhalten und schenkt Gnadenzeit, wenn nur genug da sind, die ihn bitten und die die Gnadenzeit nutzen. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168