Tun, was dem Frieden dient

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18. Sonntag nach Trinitatis, 25.09.2016, Römer 14, 17-19

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten:

… Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen. 

Die drei Verse unserer heutigen Epistel aus dem 14. Kapitel des Römerbriefes sind eine kurze und klare Aussage des Apostels Paulus dazu, wie Christen miteinander umgehen sollen. Was er seinen Schwestern und Brüdern in Rom schreibt, kann auch uns zu einem besseren Umgang miteinander helfen. Paulus schreibt (Röm. 14. 17-19):

Das Reich Gottes ist doch nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.

Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Der Apostel erinnert die Gemeinde in Rom und auch uns an das Wesentliche. Worauf kommt es an im Reich Gottes? Zusammengefasst: Lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander. Hm! Klingt gut. – Aber wie geht das? Welche Bücher muss man da lesen und wie viele Seminare belegen, um das hinzukriegen? Es passiert doch so schnell, dass man sich aufregt und aus der Haut fährt, dass man sauer ist, sich ärgert oder beleidigt ist. Im Ehealltag. Also mich ärgert es immer, wenn meine Frau… Aber das gehört jetzt nicht hierher. – Oft gibt es auch einen Anlass in der Familie mit den Kindern. Oder am Arbeitsplatz mit der Kollegin. Oder mit dem komischen Nachbarn… – Und immer ist man doch sicher, dass man natürlich zu recht zürnt und dass der andere sich unmöglich verhält und den Ärger verursacht.

Ein Mann und seine Frau waren seit über 50 Jahren verheiratet. Sie haben alles miteinander geteilt, außer einer einzigen Sache. Die Frau hatte einen alten Schuhkarton ganz oben im Kleiderschrank, den ihr Mann nicht berühren durfte. – Der Mann hat sich nichts dabei gedacht und nie nach dem Inhalt gefragt. Irgendwann hatte er die Kiste schon komplett vergessen. Bis zu dem Tag, an dem seine Frau ins Krankenhaus musste. Weil sie dachte, es könnte mit ihr zu Ende gehen, erlaubte sie ihrem Mann zum allerersten Mal, in den Karton zu schauen. Er stieg auf die Leiter, nahm den Karton aus dem Schrank und schaute hinein. Als er den Inhalt sah, ist er fast von der Leiter gefallen: Darin waren zwei gehäkelte Puppen – und 95.000 Euro!

Fassungslos fuhr er ins Krankenhaus und bat seine Frau um eine Erklärung. Sie sagte: Kurz vor unserer Hochzeit sagte meine Großmutter zu mir, dass das Geheimnis einer erfolgreichen Ehe wäre, niemals zu streiten. Falls ich jemals sauer auf dich wäre, sollte ich ruhig bleiben und eine Puppe häkeln.“

Der Mann war sichtlich gerührt. Es lagen nur zwei Püppchen in der Kiste. Also war sie in all den Jahrzehnten nur zweimal sauer auf ihn. Überwältigt gab er seiner Frau einen Kuss. Dann fragte er, woher das ganze Geld käme. „Oh“, sagte sie, „das ist das Geld, das ich mit dem Verkauf der Puppen verdient habe.“

Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis man so eine Puppe gehäkelt hat. Mit viel Übung schafft man es vielleicht in 1-2 Stunden. Manchmal genügen sicher 2 Stunden, um den Ärger zu überwinden und den Zorn verrauchen zu lassen, um vergeben zu können und um den Willen zum Frieden wieder zu finden. Ich kann mir auch vorstellen, wenn man da so am Häkeln ist, kann man gut nachdenken und sich besinnen, vielleicht sogar beten: Herr hilf mir, dass ich nicht zornig sein, nicht übelnehmen muss, dass ich nicht beleidigt sein muss. Und dann fallen einem vielleicht sogar Begebenheiten ein, wo man selber nicht nett zu dem anderen war oder nicht ganz ehrlich. Und es kommt einem in den Sinn, was der Ehepartner oder Mitmensch für Unarten von mir ertragen muss. Und wenn das Püppchen halb fertig ist findet man vielleicht, dass die ganze Sache ja eigentlich überhaupt nicht so schlimm war und es gar nicht wert ist, dass man so eine große Affäre daraus macht. Und bei den letzten Maschen könnte einem langsam dämmern, dass ich selbst ja auch davon lebe, dass der Herr mir vergibt. – Und dann ist das Püppchen vielleicht fertig und kann verkauft werden. Z. B. auf dem Adventsbazar zugunsten der Tagespflege oder des KidsTreffs verkauft werden.

Könnte sein, dass jetzt mancher Mann unter uns denkt: Ich weiß nicht, mit dem Häkeln hab ich’s nicht so. Der kann dann ja vielleicht, bevor er einen großen Streit beginnt und seinem Ärger freien Lauf lässt, in den Keller oder in die Garage gehen und dort an einem Stück Holz oder Metall arbeiten bis der Dampf aus dem Kessel ist.

Tun, was dem Frieden dient. – Aufrechnen, vergelten, Rache üben, heimzahlen, das dient alles nicht dem Frieden. Das zeigen die Konflikte dieser Welt und die vielen zerstrittenen Familien. Auch Waffenstillstand, Funkstille und Schweigen führen leider meist nicht zum Frieden.

Jesus hatte eine andere Strategie: Liebt eure Feinde! Tut wohl denen, die euch hassen! Versöhne dich mit deinem Bruder – mit deiner Schwester! Vergeben nicht nur sieben Mal, sondern siebenmal siebzig Mal. – Erst die Versöhnung, dann der Gottesdienst. ER hat das vorgelebt bis zum Ende: Noch am Kreuz unter den furchtbaren Schmerzen zürnt er nicht seinen Peinigern, sondern betet für sie: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das ist der Geist Jesu, auch wenn‘s weh tut. Wer für seine Widersacher betet, kann sie nicht hassen.

Der Geist Gottes will bewirken, dass wir nichts Böses im Herzen haben gegen andere. Wir sollen den dunklen Gedanken, die dem anderen immer böse Absicht und niedere Motive unterstellen, keinen Raum geben. Das ist eine Aufgabe, die oft nicht leicht fällt. Aber, so könnte man denken, wo ein Wille dazu da ist, wo man seine Zunge im Zaum hält, wo man betend um die Kraft der vergebenden Liebe ringt, da muss es doch schließlich gelingen. Da wird man dann doch immer mehr tun, was dem Frieden dient. – Die Erfahrung zeigt, dass das leider nicht so einfach funktioniert.

Es geht einfach nicht allein mit eigener Anstrengung und guten Vorsätzen. Es geht wahrscheinlich auch nicht allein mit Puppen häkeln, Krippen bauen und Eisen schmieden oder Holz hacken. Es braucht dazu den besonderen Geist. Den Geist Gottes, Heiligen Geist. Den Geist, der willig macht, dem Frieden zu dienen. Diesen Geist gibt es weder im Supermarkt, noch bei Amazon zu kaufen oder bei Ebay zu ersteigern. Den Geist, der dem Frieden und der Gerechtigkeit dient, gibt es nur bei Jesus und nur durch das Wort Gottes. Martin Luther sagt: „Das kann mir nun kein Werk, ja keine Kreatur geben, denn allein Christus.“ … „Christus gibt mir den Heiligen Geist ins Herz, der mich lustig und fröhlich macht zu allem Guten.“

Nicht das Puppen häkeln löst das Problem, nicht das Schnitzmesser oder die Bohrmaschine schaffen den Frieden, sondern der Geist, der den Frieden sucht, der Vergebung schenkt und der zur Vergebung bereit macht. Paulus erinnert in seinem Brief an das Wesentliche, was Christen verbindet.

In der Gemeinde in Rom hatte es Streit darüber gegeben, was man als Christ essen darf und was nicht. Die einen hatten kein Problem damit, einen Braten zu essen, der von einem Tier stammte, das zu Ehren einer heidnischen Gottheit geschlachtet und geopfert war. Die anderen waren entsetzt: Das geht gar nicht! Wie könnt ihr nur! Wenn ihr das tut, seid ihr keine Christen. Die einen tranken Wein, die anderen nicht.

Schnell wurde Essen und Trinken im Streit zum Glaubenskriterium erhoben. Kennen wir das nicht auch? Nicht nur beim Essen und Trinken. Auch bei der Kleidung und bei der Musik, bei Fragen der Lebensgestaltung, der Urlaubsplanung oder der Freizeitgestaltung.

Paulus holt die Römer und uns aus dem Konflikt: Das Reich Gottes ist doch nicht Essen und Trinken! Das Reich Gottes ist doch keine Frage der Lebensgestaltung, sondern eine Frage der inneren Haltung und der Lebensbasis. Was verbindet denn Christen? Die Speisekarte, der Kleiderschrank, die Reiseplanung, die Frisur? – Soll doch jeder seine Haare tragen, wie sie ihm gefallen. Lang oder kurz, glatt oder lockig, mit natürlicher oder künstlicher Farbe. – Und wenn er keine Haare auf dem Kopf hat, macht das weder einen Christen aus ihm, noch hindert es ihn daran wirklich als Christ zu leben.

Es geht doch um den Geist, der uns verbindet. Den Geist des Herrn Jesus Christus. Den Geist der Liebe und des Friedens, der Gerechtigkeit und der Freude. Das Reich Gottes beginnt hier und jetzt. Es muss in dieser Welt, in deinem und meinem Leben sichtbar und spürbar werden in Liebe und Wahrheit, in Gerechtigkeit und Frieden. Und es entscheidet sich nicht an Farben, Formen, Geschmäckern, sondern an dem Geist, der in die Buße führt, der Vergebung schenkt, der die Wahrheit liebt und sich in der Niedrigkeit verwirklicht.

Der Geist Gottes ist ein dienender Geist, der sich nicht zu schade ist für eine geringe Tätigkeit. Paulus: Wer Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. Es ist ein Geist, der auch Leid tragen und ertragen kann. Ein Geist, der Unrecht an sich aushalten kann. Ein Geist der nicht an anderen herumkritisiert, sondern, der anderen hilft, sie entschuldigt, sie freundlich behandelt. Es ist ein Geist, der zur Versöhnung und zur Freude führt und nicht zum Streit und zur Verachtung.

Kirchenvater Augustin empfahl: In den notwendigen Dingen Einheit, in den zweifelhaften Freiheit, über allem die Liebe. Und der Pfarrer und Theologieprofessor Hans-Joachim Eckstein spricht von einer Art Relativitätstheorie. Er sagt: „Vom Himmel aus gesehen würde manches Problem gewiss kleiner erscheinen. Im zukünftigen Rückblick werden sich gegenwärtige Ängste vielfach relativieren. Aus der Perspektive des Ewigen Lebens wird wohl alles, was uns in diesem irdischen Leben bestimmt, noch einmal in einem ganz neuen Licht erscheinen. Wäre es nicht himmlisch, wenn wir bereits auf Erden die Perspektive des Ewigen Lebens gewinnen würden und alle gegenwärtigen Sorgen schon im Licht der zukünftigen Herrlichkeit sehen könnten?“

Was hindert uns denn eigentlich daran, unser Leben mehr auf die Zukunft Gottes auszurichten? Der tägliche Kleinkrieg? Das Verlangen nach immer noch mehr Besitz und Genuss und Erlebnis? Zur Stunde findet ja in Berlin wieder der große Marathonlauf statt. Da will wieder einer den Weltrekord verbessern. Wenn so ein Marathonläufer unterwegs die schönen Blumen pflücken und den Schmetterling betrachten will, wenn er der Musikgruppe an der Laufstrecke länger zuhören möchte und dem Duft des Bratwurststandes an der Straßenicht widerstehen kann, dann wird er nicht ankommen. Und wer hier in diesem Leben nichts auslassen will, überall dabei sein muss, alles mitmachen will, der wird auch nicht ankommen. Der wird sich im täglichen Kleinkrieg und Kampf ums Recht haben verlieren und dabei verloren gehen. Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, auch wenn Essen und Trinken gute Gaben Gottes sind.

Das Reich Gottes wird in unserer Gesellschaft immer unwichtiger. Wer davon redet, wird nicht verstanden, der ist ein religiöser Spinner. Aber vom Essen und Trinken wird immer mehr geredet und geschrieben, gesendet und berichtet. Viele haben das Reich Gottes eingetauscht gegen den totalen Lebensgenuss und dabei das Ewige Leben verloren.

Wir alle sind in dieser Gefahr und können nur auf dem Weg zum Ziel bleiben, wenn wir ernsthaft und täglich um den Geist Gottes beten und das Wort Gottes als wahr und verbindlich ansehen. Auch unsere Kirche ist in dieser Gefahr, den Geist Gottes zu verlieren und damit das Ziel des Reiches Gottes aus den Augen zu verlieren.

H 27 (Chor)

Herr, erbarm, erbarm dich wieder über deine Schar.
Lass die Segensströme fließen, mache dein Wort wahr.
Du verleihst dem, der dich bittet, dass du ihn erhörst.
Und so flehn wir voller Sehnsucht, dass du der Sünde in uns wehrst. Amen.
(Text und Melodie U. Hofmann)

Dieses Lied, das zugleich Gebet ist, singt uns jetzt der Chor.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168