Traurigkeit und Freude
Zur PDFJubilate, 15.05.2011, Johannes 16,16.20-23
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Der für heute vorgeschriebene Predigttext ist ein Stück aus den Abschiedsreden, mit denen Jesus, wenige Tage vor seinem Tod, seinen Jüngern andeutete, was bald geschehen sollte. Er wollte sie damit auf die Ereignisse vorbereiten. Er sagte:
Ich werde nur noch kurze Zeit bei euch sein. Bald nach meinem Weggehen aber werdet ihr mich wiedersehen.
Es wird tatsächlich so kommen, wie ich es jetzt zu euch sage: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen. Ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll sich in Freude verwandeln.
Das ist genauso wie bei einer Frau, die ein Kind bekommt. Sobald ihr Kind geboren ist, hat sie die Angst und Schmerzen der Geburt vergessen. Sie ist nur noch glücklich darüber, dass ihr Kind zur Welt gekommen ist. Auch ihr seid jetzt sehr traurig, aber ich werde euch wiedersehen. Dann werdet ihr froh und glücklich sein, und diese Freude kann euch niemand mehr nehmen. Am Tag unseres Wiedersehens werden alle euere Fragen beantwortet sein.
In diesen Worten geht es um Traurigkeit und Freude. Traurigkeit einer Trennung und Freude über Nähe. Traurigkeit und Freude, haben wir alle schon oft erlebt. Wir sehnen uns alle nach Freude, aber wir machen die Erfahrung, dass die Freude immer wieder vergeht. Meistens viel zu schnell. Freude über ein Geschenk. Urlaubsfreude, Ferienfreude, Freude über einen Erfolg – vielleicht eine gute Note. Freude über eine gute Begegnung und Wehmut, wenn man auseinandergeht.
Wir möchten die Freude gerne festhalten, aber das gelingt oft nicht. Viel schneller als uns lieb ist, kommt wieder eine Traurigkeit und zerstört die Freude.
Die Freude am neuen Auto ist durch den hässlichen Kratzer im Lack dahin. Die Freude am neuen Fußball durch den Sprung in der Fensterscheibe getrübt.
Die Freude an der Zwei in Mathe wird von der Fünf in Englisch getrübt. Die Freude am eigenen Haus durch die Rechnungen und die drückende Zinslast, zunichte gemacht.
Die Freude am Leben , die gerade noch da war, ist durch die Nachricht vom Tod eines jungen Menschen, einer Freundin oder eines lieben Verwandten wie weggeblasen.
Uns „überfällt“ Traurigkeit. So sagen wir doch gelegentlich. Vielleicht wissen wir gar nicht warum. Und es kann sogar passieren, dass sich andere an unserer Traurigkeit oder unserem Unglück noch freuen. Schadenfreude, so behaupten manche, sei die schönste Freude. Aber wenn ich es bin, der den Schaden hat, dann tut die Freude der anderen weh?
Es scheint so, als sei die Traurigkeit die stärkere Macht in dieser Welt. Als sei Traurigkeit die Macht, die am Ende immer siegt? Vielleicht ist sie gerade heute in Ihrem/Deinem Leben ganz besonders spürbar. Es ist trostlos und hoffnungslos. Manchmal denkt man, es kann gar nie mehr anders werden. Auf so eine Situation bereitet der Herr Jesus hier seine Jünger vor. Und als sie dann wenig später fassungslos unter seinem Kreuz standen, an jenem unvergesslichen Freitag und ihren Freund und Herrn so furchtbar leiden und so elend sterben sahen, da waren sie untröstlich, Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es jemals wieder gut werden könnte.
Der Eindruck dessen, was sie auf Golgatha sahen, war so entsetzlich, dass sie keine Hoffnung mehr hatten. Warum? Weil sie nicht mehr an das dachten, was Jesus ihnen gesagt hatte. Sie hatten seine Abschiedsworte vergessen. Sie sahen ihn sterben und glaubten: Jetzt ist es aus und vorbei. Und alles, was da vorher an Hoffnung und Erlebnissen war, schien damit zerstört. Wie soll das wieder gut werden? Unmöglich!
Wenn sie nur richtig zugehört und behalten hätten, was ihnen Jesus da vorher gesagt hat. Euere Traurigkeit wird in Freude verwandelt werden! Jesus sagt das Gegenteil von dem, was wir oft sehen. Er sagt: Traurigkeit, jede Traurigkeit, kann in Freude verwandelt werden. Obwohl ihm die Jünger nicht geglaubt haben, erleben sie doch, dass er recht hat. Es stimmt, was er ihnen angekündigt hat: An Ostern, zwei Tage später, als sie den Auferstandenen sehen, fällt es ihnen wieder ein. Sie sind auch so dumm, wie wir manchmal und können das Gute gar nicht glauben, gar nicht fassen. Es dauert eine Weile, bis sie begreifen: Er lebt ja wirklich. Er hat ja doch Macht. Er kann doch das unvorstellbare Leid in Freude verwandeln.
Unser Herr lebt! Wir verehren mit Jesus nicht einen berühmten Menschen, der leider schon lange nicht mehr lebt. So wie manche Menschen Richard Wagner verehren und andere Michael Jackson oder einen großen Staatsmann. Sie machen dann einen Kult draus und pilgern zu einem Grab oder voll Ehrfurcht durch das Haus, in dem der Mensch gelebt hat.
Nein, unser Herr Jesus ist kein Toter, der vor langer Zeit gelebt und Gutes getan hat. Er ist lebendiger Herr. Durch seine Auferstehung und durch sein Handeln an seiner Gemeinde, auch durch sein Handeln an Ihnen und mir hat er bewiesen, dass er Gott ist. Weil er lebt und Gott ist, kann er auch heute, auch in Ihrem und meinem Leben handeln und helfen. Auch da kann er immer wieder Traurigkeit in Freude verwandeln und in hoffnungslosen Situationen Auswege schaffen.
Wer dem Wort Gottes vertraut, kann immer wieder Wunder und neue Freuden mit Gott erleben. Wer mit dem Herrn Jesus lebt, der wird nicht von Traurigkeiten verschont – seine Jünger ja auch nicht, – aber der darf sich darauf verlassen: Der Gott, der Jesus aus dem Tod herausgeholt hat, holt auch mich aus dem aus dem Dunkel, in dem ich jetzt sitze, heraus.
Auch glaubende Menschen müssen durch Krisen, durch Ängste, durch Schwierigkeiten und Bedrohungen, aber eigentlich ist es so, dass sie schon in der Not voll Erwartung sagen dürfen: Herr Jesus, ich bin gespannt, wie du es diesmal schaffst, meine Traurigkeit in Freude zu verwandeln.
Als ich ziemlich genau vor 30 Jahren am Telefon erfuhr, dass ich mein Examen nicht bestanden hatte, war das kein Spaß. Da war ich nicht mit Freude erfüllt, sondern mit tiefer Traurigkeit. Fünfeinhalb Jahre Studium – und jetzt! Was soll da gut sein? – Was mach ich jetzt? Noch einmal alle Prüfungen? Ich sehe mich noch heute am Telefon in unserer damaligen Wohnung. – So was vergisst man ja nicht. – Ich konnte nur sagen: Herr Jesus, das versteh ich jetzt nicht, aber du weißt, was du tust. Es würde zu weit führen, jetzt die Einzelheiten zu erzählen, aber heute kann ich sagen: Es war gut so. Gottes Zeitplan und sein Weg mit mir war genau richtig. Er hat alles wohl gemacht, sonst stünde ich heute nicht hier.
Jesus hat immer einen Weg. Denn der Herr, der sogar den Tod besiegt hat, dem ist nichts unmöglich. Er kann uns nur dann nicht mehr helfen, wenn wir uns von ihm abwenden. Wir haben einen lebendigen Gott. Einen Gott, der uns kennt und der uns Freude machen will. Und der uns schließlich einmal zur vollkommenen, zur ungetrübten Freude führen will. Das haben nur leider viele Menschen, ja sogar viele Christen noch nicht begriffen. Die denken: Och, Gott, Kirche, Glauben, Bibel lesen und beten, das ist langweilig und das bringt nichts. Irrtum! Das bringt’s voll! Das ist bringt Hoffnung, Lebensmut, Freude. Wir dürfen es ausprobieren.
Wer sich noch nie darauf eingelassen hat, der kann es auch noch nie erlebt haben. Und wenn dann andere davon erzählen, dann wollen sie ihnen nicht glauben. Anstatt es auch zu probieren mit dem Glauben und Beten, zweifeln sie alles an, manche spotten und lästern sogar.
Der bekannte Schriftsteller Berthold Brecht erzählt in einer Weihnachtsgeschichte von Leuten, die sich am Heiligen Abend in einer Kneipe in Chicago über das Fest lustig machten und sich zum Spott „Antigeschenke“ überreichten. (in Axel Kühner, Gute Minute S.272): Dem Wirt schenken sie schmutziges Schneewasser, dem Kellner eine alte Konservendose, dem Küchenmädchen ein unbrauchbares altes Taschenmesser. Einem Gast, der eine unerklärliche Angst vor der Polizei hat, überreichen sie in Zeitungspapier verpackt die herausgerissenen Seiten aus dem Telefonbuch, auf denen die Adressen und Telefonnummern aller Polizeiwachen stehen. Brecht schreibt:
„Und nun geschah etwas Merkwürdiges. Der Mann nestelte eben an der Schnur, mit der das Geschenk verschnürt war, als sein Blick auf das Zeitungsblatt fiel, in das die Adressbuchblätter eingeschlagen waren. Aber da war sein Blick schon nicht mehr anwesend. Sein ganzer dünner Körper krümmte sich sozusagen um das Zeitungsblatt zusammen, er bückte sein Gesicht tief darauf herunter und las. Niemals, weder vorher, noch nachher, habe ich einen Menschen so lesen sehen. Er verschlang das, was er las, einfach. Und dann schaute er auf. Und wieder habe ich niemals, weder vorher noch nachher, einen Mann so strahlend schauen sehen, wie diesen Mann.
Da lese ich eben in der Zeitung, sagte er mit einer verrosteten, mühsam ruhigen Stimme, die in lächerlichem Gegensatz zu seinem strahlenden Gesicht stand, dass die ganze Sache einfach schon lange aufgeklärt ist. Jedermann in Ohio weiß, dass ich mit der ganzen Sache nicht das Geringste zu tun hatte.
Und dann lachte er. Und wir alle, die wir erstaunt dabei standen und etwas ganz anderes erwartet hatten und fast nur begriffen, dass der Mann unter irgendeiner Beschuldigung gestanden, und inzwischen, wie er eben aus dem Zeitungsblatt erfahren hatte, rehabilitiert worden war, fingen plötzlich an aus vollem Halse und fast aus dem Herzen mitzulachen. Und dadurch kam ein großer Schwung in unsere Veranstaltung, die gewisse Bitterkeit war überhaupt vergessen und es wurde ein ausgezeichnetes Weihnachten, das bis zum Morgen dauerte und alle befriedigte. Und bei dieser allgemeinen Befriedigung spielte es natürlich überhaupt keine Rolle mehr, dass dieses Zeitungsblatt nicht wir ausgesucht hatten, sondern Gott“
Der Mann hatte auch gedacht, er könne nie wieder froh werden, nie wieder nach Hause zurück, nie wieder lachen, bis Gott die Gemeinheit der anderen Männer in der Kneipe dazu benutzte seine Traurigkeit in Freude zu verwandeln. Übrigens, die Sache mit der Traurigkeit, die in Freude verwandelt wird, hat besonders mit Weihnachten zu tun. Da sagt doch der Engel wörtlich zu den Hirten: Siehe ich verkündige euch große Freude: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus. Die Gemeinheit der Menschen konnte Gott nicht davon abhalten Freude zu schenken.
Die Gemeinheit der Leute, die Jesus kreuzigten, hat Gott dazu benutzt, zu zeigen, dass sein Sohn sogar Macht über den Tod hat. Jesus ist immer stärker. Er sagt: Mir ist gegeben alle Macht… Und jeder Mensch, der ihm sein Leben anvertraut ist damit automatisch auf der Seite des Stärkeren. Seine Kraft ist sogar in Schwachen mächtig. Gibt es was Besseres?
Jesus ist auch stärker als unsere eigene Gemeinheit, mit der wir manchmal anderen das Leben schwer machen. Er kann Schuld vergeben und auslöschen. Er kann uns helfen, nicht mehr zu lügen, nicht mehr zu hassen, nicht mehr nachzutragen, nicht mehr betrügen zu müssen. Er kann bewirken, dass wirkliche Freude in unser Leben kommt. Freude, die dann auch Traurigkeiten aushält. Freude, die tief im Herzen verwurzelt ist und uns hilft, Leid zu tragen, eigenes oder fremdes.
Jesus hilft uns auch zufrieden zu sein und die Lasten in unserem Leben, die wir nicht ändern können, einmal mit anderen Augen anzusehen. So hat es Herr M. erlebt (Kühner, Gute Minute S.239)
„Er wohnte mit seiner Familie am Stadtrand in einer bescheidenen Wohnung. Sein kleines Einkommen und die vielen Ausgaben für die fünf Kinder zwangen ihn zu äußerster Sparsamkeit. Da geht die dringend gebrauchte Waschmaschine kaputt. In der Zeitung findet Herr M. ein günstiges Angebot für eine gebrauchte Waschmaschine.
Nach der Arbeit fährt er sofort zu der Adresse. Ein vornehmes Haus mit schönem Garten. Es sieht nach Reichtum und Wohl-stand aus. Ein freundliches Ehepaar bittet ihn herein. Die Waschmaschine wird besichtigt. Sie ist gut erhalten und preiswert. Erleichtert erzählt M. von seinen Sorgen. Wie viel die fünf Kinder Kleidung und Schulsachen brauchen. „Fast jede Woche bringe ich ein paar Schuhe zum Schuster! Da geht die Frau schnell aus dem Zimmer und kann dabei ihre Tränen nicht verbergen. Erschrocken fragt Herr M., ob er irgendetwas Verletzendes gesagt habe. „Nein“, sagte der Hausherr, „aber wir haben nur ein Kind, ein achtjähriges Mädchen, das seit Geburt gelähmt ist. Ein paar zerrissene Kinderschuhe würden uns zu den glücklichsten Menschen der Welt machen!“ Herr M. ging doppelt beschenkt nach Hause. Mit der günstig erworbenen Waschmaschine und einer ganz neuen Freude an den Kindern, die so viel Zeug brauchen und so viel Kosten verursachen.“
Gott kann auch kaputte Schuhe oder eine defekte Waschmaschine benutzen um uns etwas zu zeigen. – Wenn wir es uns zeigen lassen und es aus der Hand Gottes nehmen, werden wir mit dem Schweren viel leichter fertig. Vielleicht ist auch in Ihrem Leben etwas kaputt gegangen. Glauben Sie, der Herr Jesus Christus kann auch das heilen, kann auch Sie trösten, kann auch Ihre Traurigkeit in Freude verwandeln. Es gibt keinen besseren Freund und Lebensbegleiter als Jesus.
Wir dürfen ihn bitten, dass er uns den ganzen Weg durch unser Leben führt und begleitet, bis an das Ziel. Auch durch die letzten Traurigkeiten. Bis in sein Reich, wo wir ihn sehen werden und wo Gott alle Tränen abwischen wird von unseren Augen und die Freude für immer vollkommen sein wird.
D. Bonhoeffer hat einmal gesagt, es stand am Freitag in den Losungen: Gewiss ist, dass wir immer in der Nähe und unter der Gegenwart Gottes leben dürfen und dass dieses Leben für uns ein ganz neues Leben ist; dass es für uns nichts Unmögliches mehr gibt, weil es für Gott nichts Unmögliches gibt.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/4116