Sünder sind nur die anderen …

Zur PDF

Buß- und Bettag, 16.11.2016 Römer 2, 1-11

Im 2. Kapitel des Römerbriefs die Verse 1-11sind das Wort, das unsere Ordnung der Predigttexte für heute vorsieht:

Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.
Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht über die ergeht, die solches tun. Denkst du aber, o Mensch, der du richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst?
Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Geduld zur Umkehr leitet.
Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der einem jeden geben wird nach seinen Werken: Ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit. Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die das böse tun, zuerst der Juden und auch der Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden aber allen denen, die Gutes tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Eigentlich müsste man, bevor man diese Verse des 2.Kapitels des Römerbriefes liest die letzten Verse des 1.Kapitels lesen, um zu verstehen, was der Apostel meint und wie er vorgeht. 

Im Abschnitt vorher spricht er von der zunehmenden Gottlosigkeit der Menschen, die nicht mehr den Schöpfer verehrt haben, sondern Gegenstände der Schöpfung. Sie haben sich Götzenbilder aufgestellt und Lebewesen vergöttert. Sie haben nicht mehr auf die Worte des lebendigen Gottes gehört und sind damit immer verdorbener geworden.

Und dann zählt der Apostel Paulus eine ganze Reihe von Sünden auf (1, 28ff): „…sie tun, was nicht recht ist, voll von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht, Ohrenbläser, Verleumder, Gottesverächter, Frevler; hochmütig prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam…“

Paulus hört gar nicht mehr auf. Und seine Zuhörer, die, denen der Brief vorgelesen wird, sitzen da und nicken mit dem Kopf: Ja, genau, so sind sie, die Gottlosen und die Jugend von heute und die, die sich einschmeicheln bei den Vorgesetzten und die hinten herum reden über andere. Die nur auf ihren Profit aus sind und denen jedes Mittel recht ist und die sich immer als die Tollsten hinstellen.

Und dann, als die Zustimmung der Hörer den Höhepunkt erreicht hat, bricht der Apostel seine Rede abrupt ab und wechselt den Blick: – Und du, Mensch? – Du stimmst zu, wenn es um die Schuld der anderen geht. Du bist einverstanden, dass Gottes Zorn über alle diese Sünder hereinbricht und dass sie seinem Gericht anheimfallen.

Aber wie steht es denn mit dir? Ja, stimmt schon,sie sind Sünder. Aber bist du keiner? „… worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. … Denkst du aber, o Mensch, der du richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst?“

Paulus will mit seiner ernsten Mahnung davor bewahren, dass man zum Richter über andere wird und von der eigenen Schuld ablenkt. Das ist ja ein uraltes Verhaltensmuster: Die Fehler anderer zu beleuchten, und die eigenen zu verharmlosen und zu verschweigen. Man schüttelt den Kopf über Politiker, die Vorteile genossen und Privilegien genutzt haben. Sie sind umsonst in den Urlaub geflogen, haben einen zinslosen Kredit genommen oder einen, von einem Unternehmer finanzierten Hotelaufenthalt akzeptiert. Das ist doch unmöglich, das geht gar nicht!

Dabei lässt man sich selber gern großzügige Rabatte einräumen und bevorzugt behandeln und erwartet ein üppiges Werbegeschenk. Man verachtet den großen Steuersünder, der Millionen am Fiskus vorbei verdient hat und nimmt es mit der eigenen Steuererklärung nicht so genau. Man schimpft über die Lügen der Politiker und ist selber nicht ehrlich. – Das schlimmste dabei: Man merkt es gar nicht, dass man einen stattlichen Balken im Auge hat, regt sich aber über den Splitter im Auge des anderen auf.

Mensch, du kannst dich nicht entschuldigen, wenn du dich so verhältst. Das will Paulus klar machen. Gott geht es um dich und Gott geht es um mich. Er hat noch Geduld mit uns. Er möchte, dass wir begreifen, dass wir nicht besser sind, als andere, deren Schuld wir so deutlich sehen. Er will uns mit seiner Geduld und Güte zur Umkehr leiten.

Zorn und Gericht sind Gottes letzte Maßnahme. Lange bevor sie zum Einsatz kommen, begegnen uns seine dezenten Hinweise, seine gut gemeinten Warnungen. So wie man ein Kind mahnt und warnt: Du, treib es nicht zu weit! Wag dich nicht zu nah ans Ufer, du könntest sonst abrutschen und den Halt verlieren. Trenn dich von den falschen Freunden! Lass die Finger vom Alkohol! … So lässt Gott uns auch manche Warnung zukommen und fordert uns auf umzudenken und umzukehren. Mit Geduld und Güte, aus einer tiefen Liebe heraus.

Die Ursache für unsere falschen Wege und Entscheidungen ist auch keine andere, wie bei den Gottlosen. Wenn wir zu nachlässig sind im Gebet, im Lesen der Bibel, wenn wir die Gottesdienste nicht mehr so wichtig nehmen und das Abendmahl nicht wertschätzen, dann fallen wir auch in immer mehr Sünden. – Wir haben also absolut keinen Grund uns über andere zu stellen und seien sie noch so offensichtliche Sünder. Oft genug verhalten wir uns im Verborgenen oder im Kleinen genau wie sie. Wenn wir uns das nicht von Gott sagen lassen, wenn wir ein unbußfertiges Herz haben, dann wird Gott auch uns dahingeben.

Was heißt das? Er lässt uns gewähren. Er zwingt nicht. Wer auf seine Worte nicht hört, der entfernt sich von seinem Segen. Von verstockt sein ist hier die Rede. Wie ein Kind manchmal sich bockig weigert, zu gehorchen oder danke zu sagen oder den gefährlichen Blödsinn zu lassen. Verhalten wir Erwachsenen uns nicht manchmal ähnlich. Wir wissen genau, dass etwas nicht gut ist und tun es doch:

Wir schalten den Fernseher nicht rechtzeitig aus, schenken noch ein Glas ein, lästern mit den anderen mit, flirten weiter, meckern an allem rum, provozieren, kritisieren, sticheln…

Wir spielen mit der Geduld und Güte Gottes.

Drei wichtige Grundaussagen enthalten diese Verse aus dem Anfangsteil des Römerbriefs:

1. Du kannst dich nicht entschuldigen, wer du auch bist.
2. Wenn du andere richtest, richtest du dich selbst
3. Gottes Güte will dich zur Buße leiten.

1. Du kannst dich nicht entschuldigen, wer du auch bist.

Man sagt das zwar so schnell dahin, – wenn überhaupt – manche tun das ja gar nicht mehr. – Ich entschuldige mich. – Aber eigentlich geht das ja gar nicht. Ich kann mich nicht losmachen von einer Schuld. Das kann doch nur ein anderer, an dem ich schuldig geworden bin. Sinn macht eigentlich nur die an jemand gerichtete und ernst gemeinte Bitte: Ich bitte dich um Entschuldigung. Bitte nimm die Schuld von mir, die ich dir gegenüber auf mich geladen habe.

Die meisten unserer Entschuldigungen sind aber Rechtfertigungen und Ausflüchte, mit denen wir begründen wollen, warum wir ja eigentlich gar nicht schuldig sind. „Entschuldige, aber wenn du dich nicht so dumm hingestellt hättest, dann hätte ich dich nicht umgerannt.“ So eine Entschuldigung ist schon Menschen gegenüber erbärmlich.

Gott gegenüber sind solche, andere beschuldigende Entschuldigungen vollends unmöglich. – So wie einst Adam im Paradies als er von der verbotenen Frucht gegessen hatte. Von Gott zur Rede gestellt, antwortet er: „Die Frau, die du mir gegeben hast, gab mir und ich aß.“ Eine Ausrede, die Schuld abwälzen will, ja die Schuld sogar auf Gott zurückwirft. –Wie oft geschieht das!

Menschen werfen Gott vor, er sei schuld an Auschwitz und anderen Gräueln. An Verbrechen, Verkehrsunfällen, Flugzeugabstürzen, Schiffsuntergängen, Terrorakten, Missbrauch. Sämtlich von Menschen verursacht. Und doch wird immer wieder gefragt: Wie konnte Gott das zulassen. So gelingt Entschuldigung nicht. Sie kann nur da geschehen, wo ein Mensch sich schuldig gibt und um Entschuldigung durch Gott bittet. Und wo es nötig ist, dann auch Menschen.

2. Wenn du andere richtest, richtest du dich selbst. Wer über andere urteilt, legt einen Maßstab an und macht sich zum Richter, ohne dazu eine Berufung zu haben. Paulus warnt und in den Evangelien tut Jesus das auch: Bedenke, Mensch, dass der Maßstab, den du an andere anlegst, von Gott auch bei der angelegt wird: … worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.

Wenn ich also über einen anderen richte, der nicht ehrlich war, setzt das voraus, dass ich immer ehrlich bin. Oder ich richte mich selbst mit meinem Urteil. Jeder verächtliche Satz, jeder hochmütige Blick ist so ein Richten, das auf uns selbst zurückfällt.

Das hören wir nicht gern. Warum konfrontiert uns Paulus mit solchen unangenehmen Tatsachen? Warum wird uns so ein unbequemer Text präsentiert? Will Gott, dass wir bedrückt sind? Will er uns schlecht machen, wie manche es solcher Botschaft vorwerfen: Ihr redet immer von Sünde, macht einem ein schlechtes Gewissen. Das Gegenteil ist der Fall. Gott will uns nicht schlecht, sondern gut machen. Er will uns Schuld abnehmen, unsere Haltung korrigieren und uns auf einen guten Weg bringen, der uns mit ihm und mit Menschen wirklich versöhnt. Die 3. Aussage hier lautet:

3. Gottes Güte will dich zur Buße leiten. Es ist nicht Gottes Zorn, dass er uns unbequeme Wahrheiten sagt, es ist seine Güte. Weil er es gut mit uns meint, macht er uns auf Fehler aufmerksam. So wie ein guter Freund einen zur Seite nimmt und sagt: Du, wenn du weiter mit deinen Arbeitszeiten so locker umgehst, dann bekommst du ein Problem mit dem Chef. Oder der Arzt: Wenn Sie weiter so viel arbeiten, werden Sie ernste gesundheitliche Probleme bekommen. Wenn wir solche Warnungen von Menschen hören, dann sollten wir erstens darauf hören und zweitens dankbar dafür sein. So ist das auch, wenn Gott uns in seiner Güte und Geduld auf Fehler aufmerksam macht und die Chance zur Umkehr einräumt.

Paulus fragt: Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? Wissen wir das alle? Haben wir das schon bedacht, dass wir alle hier, Sie und ich, nur noch leben von der Geduld Gottes, aus nichts anderem. Als die Sonne heute Morgen aufging, da hat sie verkündet: Geduld Gottes, der seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute. Und mit jedem Schlag der Uhr und dem Vorrücken des Minutenzeigers, verkündet die Uhr: Gott hat noch Geduld mit dir! Und in der Nacht, wenn du noch bewahrt bleibst vor Räubern und Mördern, vor Feuer und Wassersnot, wie es unsere Alten in ihren Liedern sangen, dann verkündet das: Geduld Gottes, der dich immer noch schützt.

Wenn wir den Zuspruch der Vergebung erfahren, wenn wir zum Abendmahl kommen dürfen, seine Nähe und Freundlichkeit erfahren, dann ist das nur Geduld und Güte Gottes mit uns. Dafür sollten wir jeden Tag danken.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168