Siehe, dein König kommt zu dir

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Predigt am 1. Advent 2024, Kreuzkirche Bayreuth: Matthäus 21, 1-9

Liebe Gemeinde,

dass ein Esel in der Bibel groß rauskommt (Esel zeigen) — erstaunlich nicht wahr? Er hat heute nicht gerade ein großes Ansehen. Wenn ich heute zu jemanden sage: „DU Esel“, dann droht mir eine Beleidigungsklage. Aber wer im alten Orient etwas auf sich hielt, der ritt auf einem Esel. Und später, wir haben es gehört, ritten Könige auf Eseln. Schon im Alten Testament wird bei dem Propheten Sacharja der Friedenskönig so angekündigt: „Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel.“ Inzwischen waren Jahrhunderte vergangen und Israel wartete immer noch darauf, dass endlich der Retter kommt. Der Messias. Aber wir wissen ja: Hoffen und Harren macht manchen zu Narren…. Doch plötzlich schien der Traum Wirklichkeit zu werden, die Sehnsucht nahm Gestalt an. Wir hören den Predigttext für den heutigen 1. Advent, Mt.21,1-9:

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus
2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.
4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht:
5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«
6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf.
8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
9 Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Jesus zieht in Jerusalem ein. In die Heilige Stadt, in das Zentrum der Macht. Allerdings nicht ganz so wie erwartet. Nicht mit Pomp, Ehrengarde oder rotem Teppich. Stattdessen schlicht, gewöhnlich, aber eben auf einem Esel. Der damaligen Menge war sofort klar: Das kann nur der König sein! Am Esel haben sie ihn erkannt, am königlichen Reittier. Dem Herrschaftssymbol aus der guten alten Zeit. Schon David ritt auf einem königlichen Maultier. Sein Sohn Salomo auch. Der Esel war damals der Mercedes unter den Tieren. „Hosianna, dem Sohn Davids! Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ Das Volk jubelt und wedelt mit Palmzweigen. Kleider werden auf der Straße ausgebreitet vor lauter Begeisterung. Mitreißende Stimmung ist auf der Straße, fast wie wenn die Meisterschaft vor dem Rathaus in München gefeiert wird.
Aber die Fußballstars bleiben ja meistens auf irgendeiner Tribüne und man kann sie kaum erreichen. Höchstens von ferne kann man sie sehen und ihnen zujubeln. Die Menschen damals kamen viel näher an Jesus ran. Und vor allem ist das keine einseitige Bewegung: nicht nur die Menschen suchen die Nähe zu Jesus, sondern Jesus sucht auch die Nähe zu den Menschen. Damals wie heute.

„Siehe dein König kommt zu dir!“ Gott macht sich auf, um uns zu besuchen. Er kommt zu dir und mir, nicht weil er zufällig in der Gegend ist oder weil er gerade nicht weiß, was er machen soll. Diese Aktion hat er sich gut überlegt. Zu Dir will er kommen. Dich will er besuchen, deinetwegen hat er sich aufgemacht!
„Siehe dein König kommt zu dir!“ Welch eine Ehre! Dass Dir und mir so etwas passiert. Zu uns Ottonormalbürger kommt er, nicht nur zu den oberen Zehntausend!
Eine Frau wurde aufgrund ihres sozialen Engagements zum jährlichen Geburtstagsempfang der englischen Königin eingeladen. Dort sollte ihr eine besondere Ehrung zuteil werden. Tagelang war die Frau auf der Suche nach einer passenden Garderobe. Unzählige Boutiquen wurden durchstöbert, zahllose Schuhläden besucht und der Hutmacher nicht vergessen. Nach langem Einkauf hatte sie endlich ihre passende Garderobe beisammen. Und das alles nur für diesen einen Tag! Für diese einmalige Begegnung!
Ich denke an eine Begebenheit als damals noch junger alleinstehender Pfarrer. Hinter mir lag ein schwerer Autounfall mit einer schweren Rückenverletzung. Als ich endlich wieder zu Hause war, meldete sich bei mir der Prälat, das ist in Bayern die gleiche Funktion wie Regionalbischof. Er wollte seinen jungen verunglückten Pfarrer besuchen, kam mit Fahrer und Dienstwagen vor mein kleines Dorfpfarrhaus. Es war ein geistlich geprägter Besuch und die Fürsorge, die mir da zuteil wurde, werde ich nicht vergessen. Und doch war ich vorher aufgeregt und habe geputzt, aufgeräumt, mich umgezogen und was zum Essen gemacht. Da kam der Prälat, einer der sechs obersten Funktionsträger der württembergischen Landeskirche.
Und nun kommt dein König zu dir und mir. Ist das nicht noch viel mehr?
„Siehe dein König kommt zu dir!“ – keine Sorge, Du brauchst keine Unmengen an Geld für Klamotten ausgeben. Nur die Ruhe, Du brauchst nicht mehr darstellen als du bist. Kleider machen eben keine Leute. Der Mann oder die Frau, die drin steckt, ist immer noch die gleiche.
Und doch: berührt uns das noch, dass da ein König zu uns kommt? Vielleicht haben wir ja schon 20, 40 oder 60 mal Advent gefeiert? Vielleicht schon hundertmal gesungen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit?“ In meiner Gemeindetätigkeit traf ich vor einigen Jahren eine Frau aus den neuen Bundesländern, die dieses Lied noch gar nicht kannte. Erst war ich ein bisschen geschockt und dann dachte ich: Was für eine Chance, die kann noch ganz neu Advent erleben! Ich wünsche uns sehr, dass diese Adventsbotschaft den Panzer unserer Alltäglichkeit durchbricht.

„Siehe dein König kommt zu dir!“ Da steigen ja ganz unterschiedliche Gefühle hoch. Vielleicht sind wir freudig überrascht! So ähnlich wie wenn Julian Nagelsmann bei einem jungen Fußballtalent anruft und ihn in die Nationalmannschaft beruft. Oder wir staunen: Was? Zu uns nach Bayreuth kommt ein König? Und sogar in mein Haus? Oder wir erschrecken: ein König zu mir? Bin ich da überhaupt würdig? Muss ich da nicht erst Ordnung schaffen?

Aber egal, wie unsere Gefühlslage ist, er kommt einfach. Einfach so. Und er will uns Gutes tun. „So kommt der König auch zu Euch, ja Heil und Leben mit zugleich. Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad.“ Er weiß Rat in deinen Lebenssituationen, er hat die Kraft zur Tat und er stellt sich dir gnädig in den Weg. Er hat auch Trost bereit, wenn uns Traurigkeit und Einsamkeit überfällt. Und er kommt nicht als Unbekannter. Er kommt als dein Gott und Herr. Er kommt als der, auf dessen Namen Du und ich getauft bist. Denken wir da eigentlich noch dran, dass Gott uns in der Taufe gewissermaßen seinen Zulassungsstempel draufgedrückt hat, wie beim TÜV? Oder haben wir das längst vergessen und eiern herrenlos und ohne Besitzer über unsere Lebensstraßen, ziellos und planlos? Das könnte mal schief ausgehen, wenn wir so unseren Ursprung vergessen!
Dein Gott kommt zu Dir. Er kommt, um Dich daran zu erinnern, wo Du herkommst und wo Du einmal hingehörst.
„Siehe dein König kommt zu dir!“ Er kommt, um nach Dir zu schauen und sich um Dich zu kümmern. Allerdings kommt er anders, als wir ihn erwarten. Wir sind nicht die Regisseure seiner Ankunft. Wir können ihn sogar übersehen und vertreiben, wenn wir auf unseren Vorstellungen beharren. Er kommt so ganz anders als wir es normalerweise erwarten. So kommt er als demütiger Herrscher. Er will uns nicht knechten, sondern er will selbst unser Knecht sein. Er wird ein Knecht und ich ein Herr, so heißt es in einem Weihnachtslied.“ Wir sind des Herren und darum sind wir Herren“, so hat Luther einmal gesagt. Christen können aufrecht und mit offenem Blick leben und durch die Welt gehen. Durch Gott sind wir jemand und brauchen uns nicht zu verstecken. Weder in der Schule, noch im Beruf, noch im Ort. Brauchst dich doch nicht schämen, wenn Du dich zur Kirche, zum Gottesdienst, zum Jugendkreis oder als Mitarbeiter zur Gemeinde hältst. Sei doch dankbar und sei dir bewusst, was für eine super Sache das ist, dass Gott auch durch dich wirkt und sein Reich baut.

Jesus kommt anders als erwartet. Er kommt auch nicht als der Weihnachtsmann, der unseren Wunschzettel abarbeiten soll: Frieden auf Erden, Gesundheit, Wohlstand für alle und was es da für große Schlagworte gibt. Wir haben edle Wünsche und wir verlangen, dass er sie erfüllen soll. Aber so lässt er sich nicht in unser Schema pressen. Er wird auf jeden Fall so kommen, wie wir es nicht erwarten. Er kommt als schwaches Kind in der Krippe und nicht als der starke Mann, der mal hart durchgreift. Da kann man sich nur wundern. Wir werfen am besten unsere ganzen Vorstellungen von seinem Kommen über den Haufen und sind schlicht gespannt, wie er kommt. Wie er kommt in unser Leben, wie er kommt in unsere ganz persönlichen Anliegen, wie er kommt in all die großen und kleinen Probleme unserer Zeit und Welt. Adventszeit ist eine Zeit des gespannten Wartens.
Von unserem kirchlichen Kalender her dauert es noch dreieinhalb Wochen, bis wir das Fest seiner Ankunft, nämlich Weihnachten feiern. Eigentlich ist dies eine menschliche und äußerliche Festlegung. Dieses Kommen Gottes in unsere Welt und unser Leben soll sich ja nicht nur einmal im Jahr vollziehen. Aber einmal im Jahr machen wir uns das besonders bewusst. Und einmal im Jahr kann diese äußere Festlegung der Adventszeit uns helfen, uns auf sein Kommen vorzubereiten.

Liebe Gemeinde, dazu ist der Advent da: zur Vorbereitung und zum gespannten Warten auf die Ankunft des Königs. „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich Dir?“ Das ist die Leitfrage der Adventszeit. Ich weiß: die Realität sieht meistens anders aus. Eine Weihnachtsfeier jagt die andere. Das Haus muss noch dekoriert werden, die Plätzchen gebacken. Und auch die Kirche ist da nicht immer ein gutes Beispiel. Wie oft habe ich mich schon ertappt bei dem Gedanken: Da predigst Du anderen, dass Sie sich in der Adventszeit auch Zeit für sich selbst und Gott nehmen sollen und jagst selber von Termin zu Termin, vielleicht sogar immer mit frommen Anstrich und gut gemeint, aber wo sorgst Du dich auch mal um deine eigene Seele?

Nein, da sitzen wir in einem Boot und dennoch ergeht die Einladung an uns alle:
Heute stehen wir am Anfang des Advents. An diesem Tag haben wir es noch in der Hand. Jetzt können wir die vor uns liegenden Wochen noch selbst gestalten. Wenn möglich mit der Leitfrage: Dient das, was ich zusage, vorbereite und tue, dem Empfang meines Königs, meines Herrn? Und: Gönne ich mir immer wieder ein paar kurze Auszeiten, um dieses Kommen Gottes in mein Leben zu bedenken? „Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel“ Er kommt auf jeden Fall. Ob er uns auch trifft? Amen.

Bei Rückfragen: Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de