Seht, da ist euer Gott!
Zur PDFPredigt am 2. Advent 2024, Kreuzkirche Bayreuth: Jes. 35, 3-10
Wir hören auf den Predigttext für den 2. Advent. Er steht im Buch des Propheten Jesaja im 35. Kapitel, die Verse 3-10:
Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.« Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.
Liebe Gemeinde,
Die Worte der Bibel, die uns bei Jesaja zugesprochen werden, stammen aus Jahrtausende lang vergangenen Tagen. Das Volk Israel lebt im Exil. Die Männer schuften sich ab für fremde Herren. Die Kinder werden von fremden Menschen erzogen. Die Frauen werden von den Einheimischen unterdrückt. Die Last ist für das Volk Israel so schwer! Es droht schier zusammenzubrechen. Die Knie wanken, die Hände sind schwach. Befreie uns endlich, Gott, aus der schrecklichen Hand unserer Bedränger, so rufen sie zu Gott. Gott ist so fern, so ist ihr Eindruck. Wirklich?
Ein Tourist kommt ins Berner Oberland, wo ihm die Sicht auf die tolle Bergwelt versprochen wird. Als er dort ankommt, ist dickster Nebel. Von den hohen Bergen ist nichts zu sehen und er fragt sich: Gibt es diese Berge überhaupt? Ein Einheimischer spricht ihn an und erklärt ihm, dass es diese Berge selbstverständlich gibt. Er habe sie selbst schon bestiegen und erzählt von seinen Bergtouren auf die Viertausender dieser Gegend. Diese Berge begleiten ihn seit seiner Kindheit. Er weiß, dass sie da sind, auch wenn sie oft von Wolken und Nebel verstellt sind. Und er verspricht dem Touristen, dass er dann, wenn der Nebel weg ist, auch die Berge sehen wird.
Die Berge stehen da, auch wenn man sie nicht sieht. So ist das mit Gott: Er ist eben nicht fern. Er ist da, auch wenn er verborgen ist und ich ihn nicht spüre. In der Theologie spricht man vom deus absconditus, vom verborgenen Gott. Das ist ein großes Thema in der Theologie, weil es in der Bibel und im Glaubensleben eines jeden Christen immer wieder Thema ist: der verborgene Gott. Ja, den gibt es, den erfahren wir. Das gehört zum wahrhaftigen Christsein dazu, dass wir das nicht schön reden. Aber das ist nur die eine Seite.
Die andere Seite des lebendigen Gottes lautet: der offenbar gewordene Gott: „Seht, da ist euer Gott!“ ruft Gottes Bote. Ja, schaut! Erkennt ihn doch endlich, auch wenn er so ganz anders kommt, als ihr es vielleicht erwartet. Wendet euren Blick jetzt weg von allem anderen. Öffnet Herzen und Sinne für Ihn. Er wirkt die Wende. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Nicht ihr müsst die heile Welt schaffen, oder mal kurz die Welt retten. Gott selbst schafft die heile Welt. Und Gott selbst schafft das heilige Leben. Nicht Du. Da brauchen wir uns gar nicht so abmühen. Gott macht alles neu, auch bei Dir und mir. Die Bibel bezeugt doch die großen und machtvollen Taten Gottes. Und Du glaubst im Ernst, er sollte mit deinem Leben, mit Deinen Sorgen, mit Deinen Problemen und Deinem Charakter nicht fertig werden? Wie klein machen wir oft Gott! Da wird er wieder der vermeintlich kleine Westentaschengott, der ein bisschen Macht hat in unserem Leben, aber nicht alle. Welcher Platz kommt Gott in meinem Leben zu? Rechnen wir mit Gott wie mit einem Taschenwärmer, der uns ein bisschen Wärme und Wohlbefinden spendet, aber mehr auch nicht? Oder trauen wir ihm wirklich alles zu?
Von einer totalen Veränderung ist in unserem Bibeltext die Rede. Da ist nichts mehr von schmerzlichem Mühen. Nichts mehr von ausgebrannt sein in Ohnmacht und ausweglos gefangen sein in Zwängen. Dürre wird verwandelt werden. Mensch und Natur sollen strotzen von Saft und Kraft. Überfließend strömen Gnade und Leben. Weil Gott das Heil will. Und weil Gott Heil will, will er auch Heilung.
Ganz wörtlich dürfen wir verstehen, was uns bei Jesaja versprochen wird: Die Augen der Blinden werden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Der Lahme wird springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Das gilt ganz körperlich, aber natürlich auch im geistlichen Sinn: Blind sind Menschen auch dann, wenn sie Gottes Wirken in ihrem Leben und in dieser Welt nicht erkennen. Taub sind Menschen auch dann, wenn sie Gottes Stimme und Gottes Wort gar nicht mehr hören. Lahm sind Menschen auch dann, wenn sich von Gottes Geist nicht mehr bewegen lassen. Stumm sind Menschen auch dann, wenn sie keinen Mut haben, auch in ihren Lebensvollzügen Gott zu bekennen. Gott bringt all das in Ordnung und schenkt Heilung. Und wo du Traurigkeit und Not und Schmerzen leidest, werden auch deine Traurigkeit, deine Not und deine Schmerzen vorüber sein. Ja: Jauchzen und Freude und Wonne werden dich ergreifen.
Wann das sein wird? Spätestens wenn Jesus wiederkommt, wie wir es im Glaubensbekenntnis bekennen. Dort heißt es: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Wenn das soweit ist, dann wird alles recht und gerecht. Aber auch dann, wenn wir hier im Leben schon Gott vertraut haben und dann nach unserem Sterben schauen dürfen, was wir geglaubt haben. Ja, Jauchzen und Freude werden die Kinder Gottes ergreifen, um die wir auch in diesem zurückliegenden Jahr trauern. So manche sind aus unseren Reihen und Familien von uns gegangen, auch aus meiner Familie. Aber auch hier gilt, wenn uns Traurigkeit überfallen will: Seht auf und erhebt eure Häupter!
Und doch merken wir natürlich, wie wir in der Zwischenzeit zwischen Jesu ersten Kommen und seinem zweiten Kommen leben. Noch ist es nicht so weit. Mit dieser Botschaft vom zweiten Advent mutet uns Gott also das Warten zu. Und zwar nicht allein vierundzwanzig Tage und vier Kerzen weit. Sondern über große Zeiträume und zahllose Generationen hinüber. Ertragen wir solches Warten?
Warten gehört ja nicht gerade zu unseren Lieblingsbeschäftigungen! Wir warten beim Arzt und an der Kasse. Wir warten auf unsere Kinder oder den netten Besuch. Wir warten auf Weihnachten und ein paar freie Tage. Wir warten so viel in unserem Leben. Durchschnittlich 374 Tage seines Lebens verbringt der Mensch mit Warten.
Es besteht die Gefahr, wenn man lange wartet, dass man nicht ruhig wird, sondern unruhig. Das gilt auch für das Kommen Jesu. Sind das nicht alles bloß Wunschträume? Sinnloses Sehnen in müden Minuten? Müsste man den Text ändern und lesen: „Stärkt die müden Hände, macht fest die wankenden Knie, beißt die Zähne zusammen und seht, wie ihr selbst weiterkommt? Euren Gott bekommt ihr doch niemals zu Gesicht!“?
Nein, liebe Gemeinde. Lasst euch nicht irremachen. Denn: „Seht, da ist euer Gott!“ In der Bibel tritt er uns entgegen, im gelesenen, gehörten, verkündigten Wort von Christus. Mächtig und tröstlich. Keiner von uns hat es weit bis zum Heil unseres Gottes. Er weilt, schon unsichtbar und noch verborgen, mitten unter uns.
Heile Welt fängt da an, wo wir Jesus Christus als unseren Herrn anrufen und anbeten. Dann trennt uns nichts mehr von Gott.
Jochen Klepper schrieb: „Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott ein Tropfen in der Glut. Ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“ (EG S. 410) Also: wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, dann regen sich meine müden Hände. Meine wankenden Knie werden kräftig. Mein verzagtes Herz richtet sich auf. „Seht, da ist euer Gott!“ Gott ist hier und spricht zu mir! Darum mache ich mich auf den Weg, und wenn die Zeit noch so bedrohlich aussieht: als Pfarrer in der Gemeinde. Als Erwerbstätiger im Betrieb oder als Eltern in der Familie. Als Arbeitslose in der Statistik oder als Ehrenamtlicher in der Gesellschaft. Als Alleinstehender im Hochhaus oder als Oma und Opa in der Enkelschar. In der Kraft Gottes werde ich selbst stark und stärke andere müde Hände, andere wankende Knie, andere verzagte Herzen.
Heute wird uns die Wiederkehr als eine unbändige, überwältigende, jubelnde, gar nicht mehr zum Schweigen zu bringende Freude ausgemalt.
Für die Zeit bis dahin gilt: Wer diese Herrlichkeit vor sich weiß und darauf gefasst ist, dass Gott selbst unverhüllt auf ihn zukommt, für den lohnt sich das Leben – je am eigenen Platz. Auch das Leben durch die Wüste hindurch. Durch die Wüste von Traurigkeit, Schmerz und Einsamkeit.
Es gibt eine Hoffnungsgeschichte von einem älteren Mann aus Frankreich: Seine Frau ist gestorben. Dann auch noch sein einziger Sohn. Wofür will er jetzt noch leben? Er lässt seinen Bauernhof in einer fruchtbaren Ebene zurück. Nur 50 Schafe nimmt er mit. Er zieht in eine trostlose Gegend, fast in eine Wüstenlandschaft. Dort kann er vielleicht vergessen. Weit verstreut liegen fünf Dörfer mit zerfallenen Hütten. Der Mann erkennt: Die Landschaft wird bald absterben, wenn hier keine Bäume mehr wachsen. Er besorgt sich Säcke mit Eicheln. Die kleinen sortiert er aus, die großen legt er ins Wasser, damit sie sich richtig vollsaugen. Dann zieht er los. Auf seiner Wanderung mit seinen Schafen stößt er hier und da seinen Hirtenstab in die Erde und legt eine Eichel hinein. Nach drei Jahren hat er auf diese Weise 100000 Eicheln gesetzt. Er hofft, dass 10000 treiben. Und er hofft, dass Gott ihm noch ein paar Jahre schenkt, dass er weitermachen kann. Als er im Jahr 1947 stirbt, im Alter von 89 Jahren, hat er einen der schönsten Wälder Frankreichs geschaffen. In den Bächen fließt wieder Wasser. Es wachsen Wiesen, Weiden, Blumen. Die Vögel kommen zurück. In den Dörfern werden die Häuser aufgebaut. Alle haben wieder Lust zum Leben. In der Bibel wird Gottes Wort immer wieder mit einem Samen verglichen. Wenn Gottes Wort auf dürre Zeiten trifft, dann wächst neuer Mut, Hoffnung blüht auf. Auch bei uns. Wie viele Menschen haben sich manchmal schon an ein einziges Bibelwort geklammert und wurden getragen. Dieses Wort war der Hoffnungssame in schwerer Zeit.
Advent- Zeit der Erwartung. Am zweiten Advent geht es um den kommenden Erlöser, um den wiederkommenden Christus. Auch unser Lebensweg gleicht manchmal einem Weg durch die Wüste, wie es Jesaja schildert. Aber diese Wüste ist bewässert. Wir sind noch nicht am Ziel, aber das Ziel leuchtet uns schon entgegen. Es wirft nicht seine Schatten voraus, sondern sein Licht. In diesem Licht Gottes dürfen wir auch unseren ganz konkreten Lebensweg sehen.
Ich möchte in diesem Zusammenhang schließen mit einer inzwischen vielbekannten Geschichte, die es wert ist, immer wieder nacherzählt zu werden: „Eines Nachts hatte ich diesen Traum: ich ging mit Gott, meinem Herrn, am Strand entlang. Vor meinen Augen zogen Bilder aus meinem Leben vorüber, und auf jedem Bild entdeckte ich Fußspuren im Sand. Manchmal sah ich die Abdrücke von zwei Paar Fußspuren im Sand, dann wieder nur von einem Paar. Das verwirrte mich, denn ich stellte fest, dass immer dann, wenn ich unter Angst, Sorge oder dem Gefühl des Versagens litt, wenn die heile Welt für mich so fern schien, nur die Abdrücke von einer Fußspur zu sehen waren.
Deshalb wandte ich mich an den Herrn: „Du hast mir versprochen, Herr, Du würdest immer mit mir gehen, wenn ich Dir nur folgen würde. Ich habe aber festgestellt, dass gerade in den Zeiten meiner schwierigsten Lebenslagen nur eine Fußspur im Sand zu sehen war. Wenn ich dich nun am dringendsten brauchte, warum warst Du dann nicht für mich da?“ Da antwortete der Herr: „Immer dann, wenn Du nur eine Fußspur im Sand gesehen hast, mein Kind, immer dann habe ich Dich getragen.“
Amen
Bei Rückfragen und Anregungen: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/ 41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de