Richtet nicht!

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4. Sonntag nach Trinitatis 19.06.2016, Römer 14, 10-13

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Stilles Gebet:

Ist bei Ihnen zu Hause zurzeit auch abends die Expertenrunde versammelt? Ganz Deutschland scheint zurzeit aus Fußballexperten zu bestehen. Vom kleinen Max, der das Wort „Fußballeuropameisterschaft“ noch nicht schreiben kann, über Oma, die noch nie ein Spielfeld betreten hat, und Mama, die immer schimpft, wenn sie die Fußballhosen des Sprösslings zu waschen hat, versammeln sie sich alle vor dem Bildschirm und gucken EM.

Und dann geht’s los: Foul, das war Foul! Der Schiri ist doch blind! – Abseits? Nie im Leben war das Abseits. Der Linienrichter hat doch keine Ahnung! – Papa in seinem Sessel, mit gequälten Gesichtsausdruck, stöhnt nur. Schließlich ist er der einzige, so meint er, der wirklich was von der Sache versteht.

Wir wissen alle, wo die Fehler lagen und wie man das 0:0 am Donnerstag hätte in einen Sieg verwandeln können. Fast alle reden mit. Nur einige wenige hoffen, dass das bald vorbei ist und man wieder über anderes spricht. – Auch in einer Predigt.

Aber worüber wird dann gesprochen? Geht dann nicht trotzdem das Kritisieren und Besserwissen weiter? Wird nicht im fußballfreien Alltag genauso das Verhalten der anderen um uns herum kommentiert und kritisiert? – Man steht oder sitzt zusammen und regt sich darüber auf, was andere falsch machen. Man schüttelt den Kopf über die verrückte Welt, die Zustände bei anderen oder man denkt sich seinen Teil. Immer in dem „Expertenbewusstsein“: Ich würde das ganz anders machen. Mir könnte das nicht passieren! Es scheint so, als sei ans dem Volk der Dichter und Denker ein Volk der Richter und Henker geworden. – Ganz unabhängig vom Fußball warnt der Apostel Paulus in unserem heutigen Predigttext vor solcher überheblicher Besserwisserei und vor dem Urteilen über andere. Im 14. Kapitel des Römerbriefs schreibt er:

Du aber, was richtest du deine Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.

Denn es steht geschrieben: So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen. So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben, Darum lasst uns nicht mehr einer den anderen richten sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

Beim Fußball ist das noch eine Art Gesellschaftsspiel. Beim Privat- oder Publik-Viewing dürfen alle mitspielen. Vom Sessel oder Biertisch aus darf sich jeder aufregen oder mtjubeln oder so tun als ob er das Ding reingehauen hätte.

Aber im übrigen Leben ist das Kommentieren und Schiedsrichtern viel böser. Da baut es Mauern auf und vertieft Gräben zwischen Menschen. Wenn da einer auf meine gelbe Karte nicht reagiert, dann zeig ich ihm eben die rote und er spielt in meinem Leben nicht mehr mit. Das Richten, Urteilen und Beurteilen, das Verurteilen und Verachten ist das unbarmherzige „Gesellschaftsspiel“, das jeden Tag auf allen Ebenen gespielt wird. Eine alte Geschichte erzählt:

Der Teufel hielt einmal Musterung unter seinen bösen Geistern. Dem Geist der ihm am besten und erfolgreichsten diente wollte er eine Krone geben, gewissermaßen als Förderung des betriebsinternen Wettbewerbs.

Alle bösen Geister traten in langer Reihe vor ihm auf Der bittere Hass, die Unversöhnlichkeit, die Unreinheit, der Geiz, die Geldgier die Falschheit und wie sie noch alle heißen. Alle lobten sich und ihre Erfolge bei den Menschen. Aber der Teufel hielt die Krone noch zurück.

Da tritt zuletzt aus dem Dunkel noch ein unscheinbarer Geist hervor. Ruhig und selbstsicher steht er vor dem Herrscher der Finsternis und spricht: „Die Krone steht mir zu, denn ich habe meine Wohnung bei jedem Menschen. Schon die Kinder dienen mir und auch die ganz Alten dienen mir. Die Gottlosen sind meine Freunde genauso wie die Frommen, ja bei denen bin ich gerade sehr häufig anzutreffen. Oft merken sie es gar nicht, dass ich da bin.

Wer sich so mit mir einlässt, der fällt dann auch in alle möglichen anderen Sünden. Und so bringe ich viele zu Fall. Wo ich bin, da weichen bald alle guten Geister von den Menschen. Zuerst macht sich die Liebe davon, Die kann in meiner Nähe nicht sein.“

Bei diesem Bericht verzog sich die finstere Miene des Satans zu einem hässlichen Grinsen. Das gefiel ihm. „Wie heißt du, treuer Mitarbeiter?“ – „Ach, ich hab viele Namen. Ich bin überall da zu finden, wo man gerne Schlechtes über seine Mitmenschen redet. Dort, wo man interessiert Nachteiliges von anderen hört und es auch schnell weitersagt. Bei all den Menschen, die nicht bereit sind die Fehler der anderen zuzudecken, sondern die sich daran freuen und sie ausnutzen und dann verächtlich auf sie herabschauen. Ich habe nur mit den Besseren zu tun.“

„Mit den Besseren fragt der Teufel stirnrunzelnd dazwischen?“ – „Naja“, verbessert sich der Unterteufel, „mit denen, die sich für besser halten.“ – „Und wie nennt man dich?“ Wollte der Oberste der Unterwelt noch wissen.

„Ich bin der Richtgeist, alias Verleumder, alias Verächter oder Selbstgerechter. Auf der ganzen Erde gibt es keinen, der mir nicht schon gedient hätte. Wenn du auch nur einen findest, will ich die Krone gar nicht haben. Besonders viele dienen mir unter den: Frommen.“

Da gab ihm, so schließt die Geschichte, der Teufel die Krone und die anderen bösen Geister klatschten Beifall.

„Besonders viele dienen ihm unter den Frommen.“ Auch der Apostel Paulus kennt ihn, den Richtgeist. Er kennt ihn aus der Zeit als er, der fromme Jude, die Jesusleute verfolgte und verhaftete. Und er begegnet diesem teuflischen Gesellen fast täglich auf dem frommen Parkett der ersten Gemeinden. Man beobachtet sich und man sieht genau, wo die anderen Fehler machen. Die Strenggläubigen zerrissen sich damals das Maul über die Liberalen, weil sie einfach kultische Vorschriften missachteten. Und die Liberalen regten sich über die Gesetzlichkeit der Frommen auf. Das Ergebnis war Streit und Spaltung. Es war keine Liebe mehr da.

Der Richtgeist. -Ist er nicht heute noch genauso „In“ wie im 1. Jahrhundert? Erbarmungslos macht er den anderen, seine Leistung, sein Verhalten, seine Ziele nieder. In der Politik zwischen Regierung und Opposition, im Betrieb, in der Schule, im Verein, in der Familie. Ja sogar in der Kirche, vielleicht auch in den einzelnen Gruppen in unserer Gemeinde? – „Ach schon wieder die“ … „mit denen wollen wir nichts zu tun haben“ … Wo immer das geschieht, dass man übereinander urteilt, andere verachtet, über sie schlecht redet und denkt, da ist der Geist Jesu verloren gegangen.

Der Herr Jesus wurde einmal aufgefordert sich in einer gravierenden Sache dem Urteil anderer über eine Frau anzuschließen. Er hat sich nicht darauf eingelassen. Seine Antwort an die Ankläger und die Urteilenden lautete: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Der Apostel Paulus erinnert hier an eine Tatsache, die alle richtenden Gedanken und Worte im Keim ersticken sollte: Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“

Was Paulus hier mahnend erinnert, heißt doch: Vergiss nicht, Auch du bist ein Angeklagter. Auch du brauchst Gottes Vergebung und das Kreuz Christi, sonst kannst du vor dem Gericht Gottes nicht bestehen. Auch du hast vielfach Gottes Gebote übertreten. Jedes richtende Wort, jeder verachtende Gedanke ist Sünde genug.

„Einmal“, so Paulus, „werden sich alle Knie beugen.“ Nicht weil Gott zur himmlischen Gymnastik antreten lässt, sondern weil im Angesicht es heiligen Gottes keiner mehr frech stehen bleiben wird und sagen kann: Ich bin ohne Sünde. Knie beugen war für Paulus und seiner Zeit eine Umschreibung dafür, dass jemand um Gnade bittet und sich vor einem Großen und Mächtigen erniedrigt.

Vor Gott genügt es nicht, vom Sofa aus große Worte zu machen. Da müssen wir uns schon selbst auf dem großen Spielfeld des Lebens bewähren, dem Gegner standhalten, fair bleiben und die Regeln beachten, sonst stellt er uns vom Platz.

Aber nein!. – Da stimmt der Vergleich nicht mehr. Gott hat seinem Regelwerk einen entscheidenden Absatz hinzugefügt der stärker ist als alle vorausgehenden Paragraphen, der alle gelben und roten Karten aufhebt, wenn wir uns darauf berufen. Er bietet uns seine Vergebung an. Er ist bereit sein Urteil über uns nicht durchzusetzen, sondern aufzuheben, wenn wir uns auf Jesus Christus und das Kreuz berufen.

Alle Entschuldigungen und guten Werke, alle Rechtfertigungsversuche und Ausreden werden uns vor dem Gericht Gottes nicht helfen. Für uns selbst haben wir ja immer schnell viele mildernde Umstände bereit, die wir den anderen nicht zubilligen. In einem Buch von James Keller mit dem Titel ,,Du kannst die Welt verwandeln“ heißt es:

  • Wenn der andere so handelt, ist er eklig. Wenn du es tust, sind’s die Nerven.
  • Wenn er auf seiner Meinung beharrt, ist er eigensinnig. Wenn du es tust, ist es eben Standhaftigkeit.
  • Wenn er deine Freunde nicht mag, hat er Vorurteile. Wenn du
    seine nicht leiden kannst, beweist du damit nur deine Menschenkenntnis.
  • Wenn er versucht dir entgegenzukommen, will er sich einschmeicheln. – Wenn du es tust, bist du taktvoll.
  • Wenn er Zeit braucht um etwas zu tun, ist er tödlich langsam. Wenn du Ewigkeiten brauchst, bist du nur sorgfältig.

Die Reihe ließe sich beliebig verlängern. Wie oft messen wir mit zweierlei Maß. – Der andere zieht immer den Kürzeren. Uns selbst gestehen wir in gerne mildernde Umstände zu, den anderen nicht. Aber wer andere schlecht macht und sich selber schont, der steht unter dem Gericht Gottes.

Arno Backhaus schildert in seinem Buch mit dem Titel, ,,Lache, und die Welt lacht mit dir“ eine Szene vor dem Gericht Gottes: Da sammeln sich Menschen am Ende der Zeit in einer riesigen Ebene zur Gerichtsversammlung vor dem Thron Gottes. Sie diskutieren heftig miteinander. Immer mehr Menschen kommen dazu. Sie klagen Gott an für alles, was sie in ihrem Leben durchmachen und erleiden mussten. Die einen waren als Juden geboren worden und hatten unendlich gelitten. Die anderen stammten aus ungeklärten, schwierigen Familienverhältnissen und waren dadurch zeitlebens benachteiligt. Sie hatten Wunden und Narben in der Seele.  Gott, so ereifern sie sich vor Beginn der Gerichtsverhandlung, hat es gut. Er wohnt im Himmel. Da gibt es kein Leid und keinen Hass. Kann er sich in seinem Himmel überhaupt vorstellen, was wir Menschen auf der Erde alles erdulden müssen? Schließlich einigen sie sich: Bevor Gott ein Recht hat zu richten, soll er das ertragen, was wir Menschen ertragen müssen. Das Urteil lautet: Gott wird dazu verurteilt als Mensch auf der Erde zu leben. Er soll alles durchmachen“ Er soll als Jude geboren werden.Seine Geburt soll zweifelhaft sein. Niemand soll wissen, wer sein Vater war. Er soll von seinen engsten Freunden enttäuscht und verraten werde. Er soll aufgrund falscher Anschuldigungen verhaftet, von einem voreingenommenen Gericht verhört und von einem ungerechten Richter verurteilt werden. Schließlich soll er selber erfahren, was es heißt, vö1lig allein und von Menschen verlassen zu sein. Als die Menschen so ihr Urteil gesprochen haben, folgt ein langes Schweigen. Alle, die mit Gott so ins Gericht gegangen sind, sehen plötzlich die Bilder vor sich: Jesus in der Nacht, in einem jämmerlichen Stall in Bethlehem. – Judas, wie er ihn verrät, Pilatus, wie er sein Urteil spricht. Jesus am Kreuz. Sie hören den Schrei: ,,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ bevor er stirbt.
Es ist doch längst geschehen. Gott ist Mensch geworden.

Weil Gott nicht mit uns ins Gericht gehen will, ist er mit sich selbst ins Gericht gegangen. Dafür steht das Kreuz auf dem Altar. Es soll uns immer daran erinnern: Gott hat sich nichts geschenkt, weil er uns alles schenken will. Wenn wir uns von Jesus retten lassen, dann werden wir nicht gerichtet.

Wer selbst von Gott begnadigt ist, kann doch nicht das Urteil über andere sprechen.

Der Apostel Paulus fordert uns hier zu einem ganz anderen „Richten“ auf. – Er gebraucht das Wort „richten“ in einem ganz anderen Sinn: Richtet euren Sinn darauf, niemandem einen Anstoß oder ein Ärgernis zu bereiten.

Martin Luther hat es in der Auslegung zum 8. Gebot so formuliert, dass wir anstatt zu richten, Gutes von anderen reden sollen und alles zum Besten wenden.

Das heißt erfahrene Barmherzigkeit Gottes leben. Nicht argwöhnisch lauern, misstrauisch, kritisch hören, sondern solange wie möglich das Gute hinter dem Tun des anderen sehen. Zurechthelfen, nicht übelnehmen.

Jesus zeigt uns, dass er nicht richten, sondern retten will. Von ihm dürfen wir uns erbitten, dass auch wir mit vergebender Liebe an den Menschen um uns herum handeln können. Wer das tut, hat vielleicht hin und wieder einen Nachteil, aber wird dafür von Gott gesegnet und für andere zum Segen. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel©, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168