O welch eine Tiefe des Reichtums!

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Trinitatis 22.05.2016 Römer 11, 33-36

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Römer im 11. Kapitel:

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich sind seine Wege!
Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Schönste Frühlingszeit! Die Winterklamotten sind endgültig weggeräumt, die Schneeschaufel steht wieder ganz hinten, die Gartenhacke, der Spaten, der Rasenmäher und der Rechen kommen zum Einsatz. Mit jedem Jahr genieße ich es mehr, wenn es draußen wieder grün wird, wenn das Blühen beginnt und die Tage länger und wärmer geworden sind.

O welch eine Tiefe des Reichtums… Da kriegt man wieder Lust zu allem Möglichem. In den Urlaub zu fahren, zu wandern, zu grillen, schwimmen zu gehen, wie es jetzt viele tun. Manche packt auch der Eifer Ordnung zu schaffen: Im Keller, in der Garage oder auf dem Dachboden mal richtig auszumisten und alten Krempel zu entsorgen um Platz zu schaffen.

So auch jener Mann, der dabei ein längst vergessenes altes Bild entdeckte, das bei der Wohnungsauflösung der Großmutter in seinen Besitz gelangt war. Seine Frau wollte es nicht in der Wohnung haben und ihm selber lag auch nichts dran. So war es vor Jahrzehnten auf dem Dachboden gelandet. – Jetzt kommt es endgültig weg, beschloss er. Für den Sperrmüll aber schien es irgendwie zu schade. Der Rahmen könnte ja vielleicht für jemanden interessant sein.

Also wickelte er das Bild in eine alte Decke und zog los zu „Bares für Rares“, um es dort schätzen zu lassen und zum Verkauf anzubieten. Vielleicht würde ja ein kleiner Urlaubszuschuss dabei rausspringen oder wenigstens ein schönes Mittagessen. Die Sachverständige dreht und wendet das Bild, tritt zurück und geht mit der Lupe ganz nah ran. – Vielleicht lehnt sie es ja gleich als zu wertlos ab, denkt der Besitzer.

Wertlos? Aber Nein! Ganz im Gegenteil. Der Maler ist bekannt und seine Bilder selten und unter Sammlern begehrt. Der Rahmen original und sehr gut erhalten. Die Expertin schätzt Das Bild auf etwa 10.000 €. Ein Händler zahlt schließlich 8.000 € dafür. – Glücklich und viel reicher tritt der Mann den Heimweg an. – Da liegt der Schinken Jahrzehntelang verachtet auf dem Dachboden zwischen Gerümpel. Und ist doch so wertvoll!

O welch eine Tiefe des Reichtums! Beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! – Wir sind alle viel reicher als wir es ahnen. Wir müssen die Schätze nur entdecken, wahrnehmen und erkennen. Ich meine nicht die im Keller und in der Garage oder auf dem Dachboden, wo sich ja meistens doch eher Müll findet und nur selten Kostbares. Ich denke an die Wunder und Schönheiten, die um uns herum um die Wette wachsen, blühen, grünen, Früchte ansetzen.

Und ich denke an die Wunder, die so häufig und regelmäßig geschehen, dass wir sie gar nicht mehr erfassen. Dass jeden Morgen die Sonne wieder aufgeht, dass wir über Nacht die Kraft bekommen, am Morgen wieder aufzustehen. Obwohl wir am Abend vorher so müde und erschöpft waren. Was passiert denn da in unserem Körper, in den Zellen, Nerven, Muskeln und Gelenken? Haben Sie mal darüber nachgedacht?

Und ich denke an das Wunder, dass in einem alten Buch so unglaublich aktuelle und für heute hilfreiche Sätze stehen.

„O welch eine Tiefe des Reichtums“ tut sich da auf. Viele haben die Bibel in die hinterste Rumpelkammer ihres Denkens verbannt. Sie denken: Brauch ich nicht! Ist alt, langweilig und passt nicht in unsere Zeit! – Was für eine Fehleinschätzung! Sie haben sie nie richtig gelesen. Nie über ihre Aussagen wirklich nachgedacht. Gar nicht gelesen! Oder nur flüchtig und oberflächlich und dann schnell weggelegt.

Dabei geht es um ganz Wichtiges: Weisheit und Erkenntnis, sagt der Apostel. Weisheit ist etwas anderes als Wissen. Das Wissen der Menschheit wächst ständig. In allen Bereichen explodieren die Erkenntnisse. Durch Experimente, Analysen, Forschungen werden immer neue atemberaubende Entdeckungen gemacht. Es müssen ständig neue Bücher geschrieben, neue Formeln entwickelt, neue Geräte, Rechner und Roboter gebaut werden. Denn das Wissen der Menschheit verdoppelt sich alle 25 Jahre, sagt man. –Mindestens!

Aber die Weisheit? Ich habe den Eindruck, die halbiert sich alle 25 Jahre. In vielen Bereichen noch schneller. Weisheit ist die Umsetzung von Wissen und Erfahrung in Lebenseinstellung und konkretes Handeln. Es kann weise sein, nicht alles, was durch Wissen machbar geworden ist, auch konkret zu machen. Wir könnten zum Mars fliegen, aber ist es weise das zu tun? Man könnte im digitalen Zeitalter ohne Bargeld auskommen, aber es wäre nicht weise, Münzen und Scheine abzuschaffen. – Man kann mit Chemie kurzzeitig die Leistungsfähigkeit einer Milchkuh oder eines Menschen steigern, aber es ist nicht weise, es zu machen.

Es kann dagegen sehr weise sein, auf etwas zu verzichten, um des Friedens willen oder um der nächsten Generationen willen, damit die auch noch eine gute Lebensgrundlage haben. Aber für solche Weisheit braucht es Erkenntnis. Die wichtigste Erkenntnis ist die Gotteserkenntnis. Aus ihr kommt alle andere segensreiche Erkenntnis. Weise wird nur, wer erkennt, dass wir alles, was wir sind und haben Gott verdanken. Wir haben die Welt nicht selbst geschaffen, unsere Lebensgrundlagen nicht uns selbst zur Verfügung gestellt und niemand unter uns hat sich das Leben selbst gegeben.

Am Anfang muss die Erkenntnis stehen: Ich bin geschaffen! Ich bin ein Geschöpf. Wer die Bibel nicht verwirft, erkennt: Ich bin ein Geschöpf Gottes. Er hat mir das Leben geschenkt und er hat einen guten Plan mit mir, den er mir Schritt für Schritt zeigt, wenn ich ihn suche. Einen Weg, den er mich führen will. Und Gott hat dem Leben, auch meinem Leben Regeln gegeben und Grenzen gesetzt. Hinter seinen Regeln stehen nicht seine Machtinteressen sondern seine Liebe.

Auch das ist eine notwendige Erkenntnis, dass ich anfange zu begreifen, dass Gott mit seinen Geboten kein Spielverderber und keine Spaßbremse ist, sondern dass er unser Leben damit schützen und gelingen lassen will. Es geht Gott um Liebe und Fürsorge. Weil sich die Menschen mit Worten und dem Hören oft so schwer tun, darum hat er dieses Liebesangebot lebendig werden lassen. Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, sagt der Evangelist Johannes. Das Gebot wurde Mensch. Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat uns vorgelebt, wie wir miteinander umgehen sollen und welches Verhältnis wir zu Gott haben dürfen. Er zeigt, dass es geht.

Darum steht im Hebräerbrief die Aufforderung: Lasst uns aufsehen auf Jesus! Und der Rat: Werft euer Vertrauen nicht weg! Jesus ist der Weg zu einem erfüllten Leben. Der Weg der Erkenntnis, der zur Weisheit führt. Der Passauer Bischof Stefan Oster schreibt in seinem gerade erschienenen Buch, „Gott ohne Volk – Die Kirche und die Krise des Glaubens“: Die Kirche wächst überall dort, wo Menschen wieder Jesus entdecken und … wieder zum Kern des Evangeliums finden können … Ein weichgespültes Evangelium hat keine Relevanz, am Ende braucht es niemand mehr.“

Zu echter Gotteserkenntnis kann man ohne Jesus nicht gelangen. Er kommt von Gott und ist wieder zu Gott gegangen. Es war sein Auftrag uns zu zeigen, wie Gott ist und was er von uns will. Er hat von Gott alle Macht im Himmel und auf Erden und er ist der Weg zu Gott. Der Weg, den Gott angelegt hat. Da kann auch kein Mensch sagen: Ich such mir einen anderen Weg. Gottes Weg ist mir nicht recht. Ich finde Gott ohne Jesus. Wer das versucht, geht irre und kommt nicht ans Ziel. Der dreht sich im Kreis, um sich selbst.

Wer die Worte Jesu für sich gelten lässt, kommt nicht nur zur Erkenntnis Gottes, sondern der kommt noch zu einer ganz anderen Erkenntnis. Jesus hilft uns auch zur Selbsterkenntnis. Wenn wir uns an seiner Liebe orientieren und seine Wahrheit annehmen, erkennen wie wir, wie sehr uns die Liebe fehlt und wie oft wir hinter der Wahrheit zurückbleiben, weil wir gut dastehen wollen.

Und so führt Gotteserkenntnis immer auch zur Sündenerkenntnis. Wenn ich erkenne, wie genial Gottes Pläne mit der Welt und den Menschen eigentlich sind, dann wird mir auch bewusst, wie ich mit meinem Verhalten daran oft schuldig werde. – Manchmal bewusst, aus Lust zum Bösen, manchmal auch gedankenlos und gleichgültig. Weil ich zu bequem bin etwas zu verändern oder zu stolz Fehler zuzugeben um umzukehren. Martin Luther hatte das erkannt und als ganz elementar für das Leben eines Christen eingestuft, darum stellt er in der ersten seiner 95 Thesen fest: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße! Will er das das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine stete Buße sei.“

Unser Leben also eine andauernde kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Wesen, Denken und Handeln? – Unmöglich protestieren manche, weil sie ahnen, dass das kaum auszuhalten wäre, wenn man andauernd seine Fehler und Unvollkommenheit vor Augen hat. – Es wäre nicht auszuhalten, wenn da nicht Jesus wäre, der alle unsere Sünde auf sich genommen hat. Er hat am Kreuz dafür bezahlt und er spricht uns vor Gott gerecht.

So wird aus dem Menschen, der sich als Sünder erkennt und der auch spürt, dass er aus dieser Rolle aus eigener Kraft nicht rauskommt, ein Gerechter. Er wird ein Erlöster, Begnadigter, Geretteter, Neugeborener, der dankbar leben, fröhlich glauben und mutig handeln kann. Der Glaube an Gott durch Jesus macht nicht verklemmt, sondern befreit.

Ein neues Denken und ein neuer Geist erfüllen ihn immer mehr: Ein Geist der Erkenntnis, der Wahrheit, der Weisheit. Der Geist von Pfingsten. Nicht der Geist der Furcht, sondern der Geist der Kraft der Liebe und der Besonnenheit. Wer den Weg Gottes annimmt, an Jesus glaubt und wie Jesus rät, um diesen Geist bittet, der bekommt ihn auch. Der kann, – nein der wird ein neuer Mensch. Und als neuer Mensch geht es ihm wie dem Paulus. Er kann nur staunen und sich freuen über diesen wunderbaren Gott, der uns als Vater und Schöpfer, als Sohn und Retter und als Geist und Tröster begegnet. Der kann von ganzem Herzen in die Worte des Apostels einstimmen:

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich sind seine Wege!
Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Großer Gott, du hast Himmel und Erde erschaffen;
Deine Herrlichkeit erfüllt das Weltall und die Erde.
Du bist unter uns gewesen in Gestalt eines Menschen,
in deinem Sohn Jesus Christus hast du unser Leben
und unser Sterben geteilt und uns ewige Hoffnung gegeben.
Dein Heiliger Geist lässt dich mitten unter uns anwesend sein und hält deine Gemeinde auf Erden am Leben.
Wir loben und preisen dich und beten dich an.
Dir, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist
sei Lob und Ehre in Ewigkeit. Amen.


Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168