O Heiland reiß die Himmel auf
Zur PDF2.Advent, 10.12.2017, Jesaja 63, 15-19
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten… Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören.
Ich mag das Lied, das wir gerade gesungen haben sehr (EG 7): O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf… Da steckt so viel Feuer drin! Der Liederdichter, Friedrich von Spee, rechnet mit der Wirklichkeit Gottes in schwerer Zeit. Seit 5 Jahren tobte ein schrecklicher Krieg. Und er sollte noch weitere 25 Jahre wüten. Der Seelsorger, Prediger und Professor redet ganz kindlich glaubend mit seinem Heiland, als würde der hinter dem Vorhang stehen oder hinter einem Mauervorsprung und selbstverständlich jedes Wort hören. – Ja, er hört auch jedes Wort, jeden Gebetsfetzen, jeden Stoßseufzer, den wir zum Himmel schicken.
Es ist nicht mehr als ein Vorhang zwischen ihm und uns. Ein Schleier, der auf unseren Augen liegt, so dass wir ihn nicht sehen können. Ein Nebel, ein Schneegestöber, das unsere Sichtweite begrenzt.
Vor zwei Tagen habe ich meine Frau zu ihrer Anschlussheilbehandlung ins unterfränkische Münnerstadt gefahren. Die Klinik liegt auf dem Michelsberg über dem Städtchen. Von ihrem Zimmer aus kann man hinuntersehen auf die Häuser und den Bahnhof, die alten Stadt- und Kirchtürme. Wunderbare Aussicht, wenn die Luft klar ist. – Aber als ich eine halbe Stunde später wieder hinaussah, war von Münnerstadt nichts mehr zu sehen. Nur Schneegestöber und Nebel, keine Hundert Meter Sicht. Kaum zu glauben, dass da ganz nah Häuser sind und Straßen. Hätte ich es nicht vorher ganz deutlich gesehen, ich hätte es nicht für möglich gehalten.
Ist das nicht im Glauben auch oft so? Wenn die Sonne scheint und alles klar ist, wenn nichts weh tut und unseren Blick trübt, dann fällt es leicht, zu glauben. Aber wie schnell kommt dann wieder eine Wolke, fällt ein Schatten auf die Freude! Wenn uns der kalte Wind feindlicher Gesinnung oder böser Absichten entgegenbläst, sinkt schnell der Mut und unser Glaube schrumpft auf weniger als Senfkorngröße.
Wenn Druck und Ungerechtigkeit zunehmen, möchte man auch aufschreien: Reiß den Himmel auf, Gott. Zieh endlich den Vorhang weg zwischen uns und dir. Wir ahnen dich dahinter. Wir hören deine Stimme. Zeig dich doch! Lass uns doch etwas sehen von deiner Macht! Jeden Tag schrecken uns schlechte Nachrichten: Unruhen und Terror in Israel, weil Amerika Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen will. Ein 17-jähriger hoffnungsvoller Skirennläufer stirbt nach einem schweren Sturz. In der Mitte des Lebens werden Menschen zu Grabe getragen, weil sie unheilbar krank waren.
(EG 7,6) „Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod. Ach komm, führ’ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.“ betet der Liederdichter in der sechsten Strophe. Und Friedrich von Spee betet nicht nur. Er hat auch ganz konkret gehandelt und sich gegen Not und Unrecht eingesetzt. Obwohl er Jesuit war, hat er entschieden gegen die damals weit verbreiteten Hexenprozesse protestiert. Hat für Recht und Leben von hilflosen Angeklagten gekämpft.
Woher nahm er die Kraft? Was gab ihm den Mut? Er hat mit seinem Herrn und Heiland als Realität gerechnet. Er wusste, der Herr ist da, er sieht die Not, er hört mein Schreien! Woher diese Gewissheit? – Aus dem Wort Gottes! Er hat es sich von den Psalmschreibern, den Propheten und den Evangelisten abgeschaut. Das Wort Gottes wurde von ihm nicht nur oberflächlich gelesen, sondern betend und voller Erwartung auf Advent, auf das Kommen des Herrn.
Verse aus dem 63. Kapitel des Jesajas fallen dem Liederdichter ein und er macht sie zum Thema seines Adventsliedes. Diese Verse sind unser heutiger Predigttext (Jes.63,15-19):
Herr, schau doch herab vom Himmel, von deinem heiligen und majestätischen Thron! Warum setzt du dich nicht mehr mit ganzer Kraft für uns ein? Wo sind deine großen Taten? Warum hältst du dich zurück? Schlägt dein Herz nicht mehr für uns? Ist deine Liebe erloschen? Du bist doch unser Vater!
Abraham weiß nichts von uns, auch Jakob kennt uns nicht. Du, Herr, du bist unser Vater. „Unser Erlöser“ – so hast du von jeher geheißen. Warum lässt du uns vom richtigen Weg abirren? Warum hast du uns so eigensinnig werden lassen, dass wir keine Ehrfurcht mehr vor dir haben? Bitte, wende dich uns wieder zu! Wir sind doch immer noch deine Diener, das Volk, das dir gehört. Für kurze Zeit haben die Feinde dein heiliges Volk vertrieben und dein Heiligtum zertreten.
Es geht uns so, als hättest du nie über uns geherrscht, als wären wir nie das Volk des Herrn gewesen! Ach Herr, reiß doch den Himmel auf und komm zu uns herab! Lass vor deiner Erscheinung die Berge ins Wanken geraten!
Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.
Was für ein gewaltiges Gebet! Jesaja nimmt Gott bei seinem Wort. Er erinnert ihn an seine Verantwortung: Wer, wenn nicht du, Herr, kann uns noch helfen? – Tut uns der Prophet Jesaja mit seinem gewagten Gebet nicht einen notwendigen Dienst? Er holt uns aus einer sentimentalen Adventsstimmung heraus in die harte Wirklichkeit des Lebens.
Advent, das heißt ja nicht, die Probleme unserer Zeit übersehen und mit Lebkuchen und Plätzchen überspielen. Advent heißt: Die Not sehen und anpacken. Der Adventsfreude geht fast immer eine Adventsnot voraus. Und es ist unsere Aufgabe, das nicht nur jammernd festzustellen, sondern es Gott zu sagen und zu klagen: O Heiland… Mach was! Erbarm dich doch!
Dem Gott, der als Mensch zu uns Menschen kommt und der durch menschliche Schuld und für menschliche Schuld sein Leben lassen musste, dürfen wir alles bringen, was uns belastet, was uns Sorge oder Kummer macht. Gott will, dass wir im Namen seines Sohnes Jesus damit zu ihm kommen und mit seinen Möglichkeiten rechnen.
Martin Luther sagt: „Das ist der Glaube, welcher allein der christliche Glaube ist, wenn du glaubst ohne alles Wanken, Christus sei nicht allein St. Petro und den Heiligen ein solcher Mann, sondern auch dir selbst, ja dir selbst mehr als allen anderen.“
So dürfen wir beten und glauben, auch wenn wir genau wissen, dass wir Gott vieles schuldig geblieben sind. Sünder, die betend vor Gott kommen sind bei ihm angesehener als Heilige, die sich auf sich selbst etwas einbilden. Das hat Jesus im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner klar gemacht. Der Pharisäer lobt in seinem wohlformulierten Gebet eigentlich nur sich selbst und schaut betend auf den Zöllner herab. Der Zöllner traut sich nicht aufzusehen und klopft sich an die Brust mit dem Ausruf: Gott, sei mir Sünder gnädig.
Ja, das geht zusammen: Wissen, dass man Gottes Zorn verdient hat und doch um seine Gnade und seine Hilfe bitten: Gott, mach doch was, damit es anders mit mir wird. Oder wie in unserem Predigttext: Du, Herr, du bist unser Vater. „Unser Erlöser“ – so hast du von jeher geheißen. Warum lässt du uns vom richtigen Weg abirren? Warum hast du uns so eigensinnig werden lassen, dass wir keine Ehrfurcht mehr vor dir haben? Bitte, wende dich uns wieder zu! Hättest du uns doch schon längst gewehrt! Das ist angewandter Glaube. In der Physik gibt es den Begriff: Angewandte Physik. Dabei wird theoretisches Wissen in praktischen Nutzen verwandelt. Und dann wird z. B. aus Formeln ein Brücke, die einen reißenden Strom überspannt.
Luther kann sagen: „Nach dem Gesetz bin ich wohl ein armer verdammter Sünder; aber ich appelliere vom Gesetz zum Evangelium. Denn Gott hat über das Gesetz noch ein Wort gegeben, dieses heißt Evangelium und das schenkt mit seiner Gnade Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit und Leben.“
Die Bibel als historisches Zeugnis lesen, als sprachliches Kunstwerk bewundern oder nur mit kritischen Gedanken auf der Suche nach Wiedersprüchen, hilft nicht. In einer Andacht für den 10. Dezember (Christl. Wegweiser) schreibt Martin Luther:
„Ich kann wohl aus dem Lesen und Studieren der Heiligen Schrift ein gelehrter Mann werden und anderen davon predigen, aber es hilft mir doch alles nichts. Denn wenn ich Christus nicht finde noch kenne, so finde ich weder Seligkeit noch Ewiges Leben, ja ich finde den bittern Tod; denn es ist beschlossen bei unserm lieben Gott, dass kein anderer Name den Menschen gegeben sei selig zu werden, als in dem Namen Jesu.“
Entscheidend ist, dass wir das Wort Gottes in unserem Alltag anwenden. Dass wir uns über die Zweifel unserer Vernunft hinwegsetzen und auch dort, wo der Himmel nicht aufreißt und der Heiland nicht gleich sichtbar aus der Erde springt, trotzdem fest darauf vertrauen, dass er auch hinter dem Vorhang den Überblick hat und die Hilfe einleitet.
Gott hat die Macht alles zu ändern. Und dem der glaubt, sind alle Dinge möglich. Wer glaubt, kann die Welt verändern, eine Reformation auslösen, wie Luther; ein Sozialwerk begründen wie August Herrmann Franke in Halle oder Friedrich von Bodelschwingh in Bethel. Beispiele für solchen Glauben, der etwas bewegt und verändert gibt es bis in unsere Tage.
Diospi Suyana ist ein Missionsspital in Peru. Es wurde vom Deutschen Klaus Dieter John und seiner Frau Martina gemeinsam mit einem deutschen Trägerverein gegründet und mit Spendenmitteln finanziert. Dr. John war vor ein paar Wochen in Bindlach und in einer Kulmbacher Schule um davon zu berichten. Diospi Suyana“, Der Name bedeutet in der Quechua Sprache: „Wir vertrauen auf Gott.“ 2007 wurde die Klinik eingeweiht und hat inzwischen mehr als 270.00 Patienten behandelt. Inzwischen wurden noch eine Zahn- eine Augenklinik und eine Schule dazu gebaut. Die Arbeit wird vom Gebet getragen. Ein Unterstützerkreis von mehr als 1000 Personen sorgt für die Finanzierung und betet mit.
Darum geht es im Glauben: Gott etwas zutrauen, großes zutrauen, ihn persönlich und wichtig zu nehmen. Diese Fragen und Bitten Jesajas und auch Friedrich von Spees kommen nicht aus dem Unglauben sondern aus dem Glauben. Sie versuchen Gott bei seiner Ehre, bei seiner Treue und bei seiner Barmherzigkeit zu packen.
So dürfen, so sollen auch wir Gott kommen und ihm zutrauen, dass er aus nichts oder kleinsten Anfängen etwas machen kann. Die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ hat weltweit seit 1993 146 Millionen Kinder in 150 Ländern erreicht. So groß kann das werden. Auch andere Not braucht Hilfe und Gebet.
Die Not, mit Advent nichts mehr anfangen zu können. Oder die Not sich auf Weihnachten nicht mehr freuen zu können. Die Not, in der Sie gerade stecken oder irgendeine persönliche Not unseres Lebens. Was ist ihre Not? Ihr Kind, mit dem Sie immer in Streit geraten? Oder Deine Eltern, die so wenig Verständnis für dich haben? Dein Chef, dem Du nichts recht machen kannst? Dein Studium, das dir über den Kopf wächst? Dein berufliches Projekt, das immer komplizierter wird? Zweifle doch nicht daran, dass Gott auch da helfen kann!
Der Herr, der Himmel und Erde gemacht hat, kann auch eine Satellitensteuerung beeinflussen, kann Prüfungsthemen ahnen und Ängste weichen lassen. Er kann auch härteste Herzen aufbrechen und erweichen. Wenn wir es ihm nur zutrauen, ihm vertrauen und ihm den Zeitpunkt des Eingreifens überlassen. Unser Teil ist leidenschaftliches Gebet und kindlicher Glaube.
„Lasst uns Gott in den Ohren liegen“, sagte Martin Luther einmal. „So wie es Kinder tun, wenn sie etwas Besonderes auf dem Herzen haben. Solche Bitten sind dem Vater im Himmel angenehm und er höret! Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168