O dass ich Tausend Zungen hätte

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Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres 09.11.2014

Liedpredigt zu EG 330 „O dass ich Tausend Zungen“ hätte

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten
… Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen. 

O dass ich 1000 Zungen hätte und einen 1000-fachen Mund – „Müsste ganz schön irre aussehen“, meinte ein Konfirmand, als er das Lied das erste Mal hörte. Recht hat er. Das kriegt auch die blühendste Fantasie nicht zusammen, ein solches Bild. 1000 Zungen, 1000 Münder, an einem Kopf.

Was soll das denn? Was will er denn der Liederdichter mit diesem Wahnsinnsausdruck? Sein zweiter Satz verrät es: „…so stimmt ich damit um die Wette vom allertiefsten Herzensgrund ein Loblied nach dem andern an, von dem was Gott an mir getan.“ Er will danken und ist voller Jubel und Freude. Eine Zunge, ein Mund, eine Kehle, ein Satz Stimmbänder scheint ihm viel zu wenig, um Gott gebührend zu preisen. Was mag er erlebt haben der Liederdichter, Johann Mentzer? Ob er nach schwerer Krankheit wieder gesund geworden ist? Ist er glücklich verliebt? Wurde ihm ein gesundes Kind geboren? Hat er eine Prüfung bestanden, eine Anstellung gefunden? Es ja gibt viele Gründe zum Jubeln und aus voller Kehle zu singen.

„So ein Tag, so wunderschön wie heute“, singen Fußball- oder Basketballfans nach einem wichtigen Sieg ihrer Mannschaft. Mit vielen Tausend Zungen tönt es aus ebenso vielen tausend Mündern in einem ausverkauften Stadion: „We are the Champions!“ Aber hier geht es ja nicht um Menschen. Der Liederdichter bejubelt keine Topmannschaft und keinen Weltmeister, sondern Gott. Und er möchte es noch viel schöner, lauter, vielstimmiger können. Mit jeder Faser seines Körpers und mit jedem Tropfen Blut in seinen Adern: In Strophe 2 fährt er fort:

O dass doch meine Stimme schallte
bis dahin wo die Sonne steht;
o dass mein Blut mit Jauchzen wallte,
so lang es noch im Laufe geht,
ach wär ein jeder Puls ein Dank
und jeder Odem ein Gesang.

O dass ich Tausend Zungen hätte und einen tausendfachen Mund… Jeder Puls ein Dank, jeder Atemzug ein Gesang – ist dieses Lied nicht wie für den 9.November gemacht? Heute vor 25 Jahren ist das Unfassbare geschehen, mit dem damals wirklich niemand gerechnet hätte, dass die Tore der Innerdeutschen Grenze aufgingen und die Todeslinie durch unser Land ihre Bedeutung verloren hat. Saßen wir, die wir uns noch gut erinnern können, nicht alle ungläubig staunend vor den Bildschirmen in jener Nacht und konnten nicht fassen, was wir da sahen?

Müssten an diesem Tag und an jedem 9.November nicht Tausende Zungen und Münder, ja Millionen Deutsche in Ost und West, in den neuen und in den alten Bundesländern ein Loblied nach dem anderen anstimmen, von dem, was Gott an uns getan. Für mich steht außer Frage, dass Gott da seine Hand im Spiel hatte, dass er sich der vielen Beter angenommen hat. Das war kein Zufall. Gott hat die Sinne der DDR-Verantwortlichen so verwirrt oder so gelenkt hat, dass sie taten, was sie gar nicht wollten. Die gesamte Führung der DDR wirkte ja damals wie gelähmt, wie ferngesteuert. Die Volkspolizisten standen irritiert und verunsichert, rat- und hilflos zwischen den jubelnden Menschen, die mit Tränen in den Augen die Grenze von Ost nach West überschritten.

Es ist erschütternd, das feststellen zu müssen, aber wir sind ein Volk, das verlernt und vergessen hat Gott Danklieder zu singen, für die Geschenke, die er uns im Lauf der Geschichte gemacht hat. Das Reformationsfest, das wir vor einer guten Woche begangen haben, ist längst kein Feiertag mehr. Für die meisten Menschen in unserem Land vom Kindergarten bis zum Altenheim ist der 31. Oktober inzwischen zu „Halloween“, einem Unfug mit heidnischen Bräuchen geworden.

Martin Luther würde sich im Grab umdrehen, wenn er sehen würde, was die Kirche, die sich nach ihm lutherisch nennt, heute alles zulässt. Kinderabendmahl, Abendmahlsfeiern ohne vorherige Beichte, Konfirmandenunterricht, in dem kaum noch Katechismus gelernt wird, Segnung homophiler Lebensgemeinschaften. Martin Luther hat mit seiner Frau Katharina von Bora das „Evangelische Pfarrhaus“ begründet, in dem die Eltern und ihre Kinder nach biblisch-christlichem Familienverständnis miteinander leben und glauben sollen. Was meinen Sie, würde er wohl zu homophilen Lebensgemeinschaften im Pfarrhaus sagen?

In dem Jahrzehnt von 2007 bis 2017 feiern wir eine Reformationsdekade mit vielen hochkarätigen Vorträgen und Veranstaltungen, aber Luthers geistliches Anliegen kommt dabei kaum zur Geltung. Die Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden durch den Glauben an Jesus Christus. Ich lese jeden Tag eine Andacht von Martin Luther mit großem Gewinn und kann nur staunen, welche geistliche Tiefe dieser Mann hatte und wie mutig er die Missstände beim Namen nannte.

In der Lutherstadt Wittenberg, wie sie sich stolz nennt und nicht nur dort wird der Reformator heute perfekt vermarktet. Lutherbratwürste, Lutherlebkuchen, Lutherbier, Lutherbrot, und was weiß ich noch alles, wofür sein Name herhalten muss. Aber wer stimmt seine Lieder an? Wer liest in der von ihm so genial übersetzten Bibel? In vielen Schränken steht sie noch. Die alte Traubibel mit vielleicht noch nie aufgeblätterten Seiten. Die Konfirmationsbibel, die nie mehr in die Hand genommen wurde. Die alte Familienbibel von 1890, in der die Urgroßeltern zuletzt gelesen haben.

Bei den meist spärlich besuchten Feiern zum Reformationsjubiläum fühlen sich Redner verpflichtet, sich für Luther zu entschuldigen. Luthers späte Äußerungen über die Juden nannte der jetzt ausscheidende EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider „Entgleisungen“. Oft fehlen dagegen anerkennende Worte über seinen Mut, allein gegen Kaiser und Papst anzutreten und über seine Verdienste, das biblische Evangelium hinter einem Wust an religiösen Verirrungen hervorzuholen und unter die Menschen zu bringen.

O dass ich Tausend Zungen hätte und einen tausendfachen Mund. Ja, manchmal müsste man auch so viele Zungen und Münder haben um den Ruf zur Umkehr laut hinauszuschreien. Ein Volk, das so lange im Frieden lebt, das wiedervereinigt wurde, das so viele schöne Kirchen und Kathedralen hat und trotzdem weitgehend das Danken verlernt und das Interesse am Glauben verloren hat. Vielerorts gehen nur verschwindend wenige zu den Gottesdiensten, um Gott Lob und Dank zu singen. Kirchen- und Posaunenchöre kämpfen ums Überleben, weil kaum vier Kehlen oder Instrumente in einer Stimme zusammenkommen um Gott zu preisen.

Mit dem heutigen Sonntag beginnt wieder die Friedensdekade, die uns in Erinnerung rufen will, was für ein kostbares Gut der Frieden ist und wie nötig es ist, dafür zu danken, dass wir nun seit bald 70 Jahren im Frieden leben dürfen und wie dringend wir angesichts der Weltlage um den Erhalt des Friedens bei uns und den Segen des Friedens in der Welt beten sollten.

Im Augenblick erleben wir, wie der Frieden weltweit vielerorts in Gefahr ist und wie Millionen von Menschen aus dem Krieg in ihrer Heimat fliehen, irgendwohin wo man in Frieden leben zu können hofft. Vor knapp 70 Jahren kamen Deutsche aus den Ostgebieten zu Millionen als Flüchtlinge, die alles verloren hatten. In der älteren Generation gibt es noch viele, auch in unserer Gemeinde, die sich erinnern, wie sie als Kinder, Jugendliche oder junge Frauen unter furchtbaren Umständen im eisigen Winter auf der Flucht waren. Die jungen Männer waren ja alle als Soldaten eingezogen. Wer das alles vergisst, verlernt das Danken und fällt zurück in alte Denkmuster. Danken bewahrt vor fatalen Fehlern.

Der Liederdichter dieses Liedes, Johann Mentzer, 1657 geboren, lebte noch unter dem Eindruck der Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Als an dessen Ende ein Reiter durch ein Dorf ritt und den Überlebenden die Nachricht verkündete: Es ist Frieden, da fragte ein Kind seine Mutter: Mutter, was ist das, Frieden? Müssen wir uns jetzt wieder im Wald verstecken. Es hatte noch nie im Frieden gelebt.

Heute wissen bei uns auch viele nicht mehr, was Krieg ist und was er mit sich bringt, darum wissen sie das hohe Gut des Friedens nicht mehr zu schätzen. O dass ich 1000 Zungen hätte und einen 1000-fachen Mund…

Wir hätten 1000-fach Anlass Lob und Danklieder zu singen, nicht nur am Sonntag in den Gottesdiensten, sondern täglich, für Gottes Geduld und seine wunderbaren Gaben, für die vielen Wohltaten, Genüsse, Schönheiten und Freuden. Vor einigen Tagen sagte ein Mann zu mir: Ich war jetzt in der fränkischen Schweiz und hab bei dem schönen Wetter die Herbstfarben gesehen wie noch nie. Das ist mir früher gar nicht aufgefallen. – Lassen Sie uns die 4. und 5. Strophe von Mentzers Lied singen: 330, 4+5 Ach, alles, alles, was ein Leben

Bedenkt man was Johann Mentzer an persönlichem Leid erlebt hat, ist es schon erstaunlich, dass er so ein Lied dichten konnte. Seine erste Frau starb nach erst 5 Jahren Ehe und von den 7 Kindern, die er mit seiner zweiten Frau hatte überlebte nur eines. Innerhalb von drei Wochen musste er vier Kinder zu Grabe bringen. 1704, in dem Jahr, in dem er dieses Lied schrieb, war sein Haus abgebrannt und alles was er hatte, dabei vernichtet worden. Er war kein „Glückspilz“, sondern ein leidgeprüfter Mann, der aber dennoch im Glauben und im Danken fröhlich und geborgen blieb und die Wunder der Schöpfung preisen konnte.

Und wir? Stolpern wir nicht alle viel zu oft blind und taub für Gottes Schöpfung durch unser Leben. Wir beklagen Kleinigkeiten, sind mürrisch und unzufrieden, weil wir viel zu selten und zu wenig Danklieder anstimmen.

Der Pulsschlag des Dankes ist schwach geworden in unserer Zeit und in unserem Land, selbst unter denen, die noch wirklich Christen sein wollen. Bei nicht wenigen ist jeder Puls eine Klage, ein Seufzer, ein Jammern oder ein Zweifel. – Ach, wie geht’s mir schlecht! O, wie böse ist die Welt! Aber wie kann man das ändern?

Es gibt den englischen Ausdruck: learning bei doing. Man lernt etwas, indem man es tut. Auch dankbar leben lernt man nicht auf dem Papier, sondern indem man es tut. Angefangen am Morgen: Danke mein Gott, dass ich aufgewacht bin und dass ich aufstehen kann. Dass ich Wohnung habe, Nahrung und Kleidung . Danke, dass ich Menschen um mich habe, eine Familie und Kollegen, Freunde und Helfer.

Wenn man dann seine Tabletten für den Tag aus dem Blister drückt, muss man nicht jammern, dass es so viele sind. Besser danken, dass wir sie in der Apotheke holen können. Dass wir Ärzte und Medizin, Krankenhäuser und Pflegepersonal, Rettungsfahrzeuge und medizinische Hilfsmittel haben, die das Leben in Alter und Krankheit erleichtern. Anderswo gibt es das nicht, da wird einfach nur früher gestorben.

Jeder Atem ein Gesang, jeder Puls ein Dank. Eine schöne Vorstellung. Das häufig gedankenlos gesprochene „Gott sei Dank“ sollte uns wieder bewusst über die Lippen kommen. Meditation, die den Atem spüren lässt und dem den Pulsschlag bewusst erlebt, muss nicht von fernöstlichen Heilsvorstellungen begleitet sein, sondern kann auch in unserem christlichen Glauben gründen: Jesus, ich danke dir, dass mein Herz schlägt, dass meine Lunge den Sauerstoff ins Blut gibt und jeder Pulsschlag diese Lebenskraft bis in die letzte Zelle bringt. Von den alten Psalmschreibern, den Liederdichtern des AT, können wir lernen, wie das geht.

David sagt im 139. Psalm (Vers13-14): Du hast meine Nieren bereitet und mich gebildet im Mutterleib. Mein Gott, ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele wohl. Erkennt Ihre Seele das auch noch? Wenn nicht, dann denken Sie darüber nach und lassen es Ihre Seele wieder spüren durch Dankgebete, alte und neue Glaubenslieder. Unser Gesangbuch ist voll von wertvollen Anregungen.

Lassen wir uns noch einmal anregen und anstecken von Johann Mentzer und singen mit seinen Worten und lassen uns vom Posaunenchor kräftig und fröhlich begleiten, wenn wir jetzt die letzten beiden Strophen singen:

330, 6+7 Ich will von deiner Güte singen, solange sich die Zunge regt; ich will dir Freudenopfer bringen, solange sich mein Herz bewegt; Ja, wenn der Mund wird kraftlos sein, so stimm ich doch mit Seufzen ein. Amen

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168